nach mehreren tagen kontinuierlichen ausgehens und/oder besuch bekommens begegne ich dem tag mit einer mächtigen, ins existentielle greifenden müdigkeit. man wird zwar wacher, wenn man die sonnenbrille im haus abnimmt, aber dann ist das licht zu licht. und wenn der hund bellt, geht mein kopf kaputt, ich höre das feine klirren von irgendwelchen glasteilen, die man wohl im hirn hat überraschenderweise. gestern bin ich, mitten im zweiten hangover, zum friseur gegangen. er hat mir den scheitel auf die andere seite gesetzt, jetzt denke ich immer, ich bin die im spiegel, und übrigens, omg, haben friseure schweigepflicht? ab heute bin ich mit dem alkohol endgültig surch, für immer. durch.

(es lag zumindest gestern auch an dem sehr sweeten barkeeper der nagelneuen endlich bar, gegenüber der gethsemanekirche. der goss uns immer nach, feinen wein in wassergläser, ein vorzüglicher gastgeber.)

die jungs nach einer woche ferien mit der kirche wieder heil angekommen, strahlende gesichter, auch der große, der die fahrt eine halbe stunde vor abfahrt total doof fand. wir kriegen einen feriensegen in der segenskirche, alle eltern mit den heimkehrern, ich hab ein unwiderstehliches bedürfnis, den zwillingen die haare aus dem gesicht zu streichen, das geht aber allen eltern so, wie ich beruhigt feststelle, sogar elias lässt sich kuscheln so nebenbei. beim abschlusslied setzt gregor für die hallelujas seine schmetterstimme ein, laut und sicher, die leute drehen sich um nach ihm und lachen ihn an, er merkt zum ersten mal, dass seine stimme hörbarer ist als die der andren. dann ist das lied zu ende, allgemeine aufstehgeräusche, regenjacken werden gesucht. wir gehen vor. gregor bleibt noch sitzen.

nach ein paar metern höre ich plötzlich seine stimme: einigkeit und recht und freiheit, die komplette erste strophe. (wm. da war er jung und prägbar)

sofi

die sofi damals, im alten benz mit einem kind und mann und freunden spontan nach münchen gefahren, um sie ganz sehen zu können, sich albern vorkommen bis zu dem moment, wo es losgeht und man ehrfürchtig ganz still wird, das irre leuchten, die verbindung zum universum, das winzigsein, während der große schatten über einen hinwegläuft – das war großartig, und ich beneide den freund sehr, der das grade erlebt hat drüben in china.

(foto aus einer mail von einem weltenbummler, er weilt grade in dazu, und beim schnellen rückfragen, ob das bloggen okay sei, da gibts schon so ein rauschen im kopf ob der distanz, die da in sekunden vernichtet wird. wie schön das internet ist, und die welt, natürlich.)

sonntag morgen, vollkommene ruhe, sogar der hund schläft noch. das wird jetzt drei wochen so ruhig sein morgens, und abends auch, die jungs sind in den sommerferien, ein großes ausatmen mit kleiner unruhe, was soll ich denn machen mit so viel zeit. (der anfang jedenfalls war schön, merci.)

habe zu meiner freude ein absolutes luxusproblem: eine (nicht neue) riesige prada-handtasche geschenkt bekommen, mit zu großem logo auf der seite. sie ist wunderschön natürlich, aber ich kann so unmöglich rumlaufen. logo nach innen oder verkaufen und erlös in kinderschuhe investieren? das entspannende an der dekadenz.

och nö. mein guter alter ipod g3 mag nicht mehr. er hat eis, schnee, regen und hitze, liebe und leid überstanden, er war in 3 autos immer dabei (über kassettenadapter), er war immer voll bis auf den letzten kleinen kb, er hat manchmal tagelang denselben song gespielt, er hat jedes pathos überstanden, zuletzt dieses, er ist ein profi, er hat kindergedichte aufgenommen, er hat meinen kalender und alle adressen mit in die ferien genommen für die postkarten und die pläne und die freunde und für die anlage, er war mal in new york, er war am mittelmeer, an ostsee und nordsee, aber dort nie an, er ist nur einmal runtergefallen, das hab ich auch aufgeschrieben, faccendo le corna, er war mit im fitnessstudio, als ich mal ein paar jahre dahin gegangen bin, ich hab mit ihm angegeben, als er neu war und dann wieder, als er sehr alt wurde, und jetzt macht er dauernd festplattenanalysen, dann zeigt er das alles okay ist, dann stürzt itunes ab, dann macht er wieder festplattenanalysen, ich glaube, die verabschieden sich grad voneinander, der rechner und der player, und ich steh vorm glas und höre zu, immer einer „ICH GEH JETZT“, dann neustart, dann der andere „NEE, TU ES NICHT“ dann der andere „ICH GEH JETZT ABER DOCH“, neustart, dann der rechner „MANN, LASS ES MICH VERSUCHEN“, dann der player „PENG STÜRZT DU AB“, dann itunes „NOCH EINMAL, ICH LADE DICH JETZT“ dann der player „NEE, TUST DU NICHT, NIMM DAS“ dann itunes: „ES IST EIN HARMLOSER EINGRIFF, WIR SIND VERPFLICHTET, ALLES MÖGLICHE ZU VERSUCHEN, ABER SIE MÜSSEN ES WOLLEN“, mein ipod: „SEEYA, PENG“. er grummelt dabei bestimmt etwas über den umgang mit veteranen vor sich hin, und darüber, das so ein programm lieber nur das machen sollte, wofür es erfunden wurde, statt mit allen medien rumzumachen.

ich würde da ewig zuhören, aber ich muss jetzt david zum klavier. any resuscitation calls? oder muss ich ihn gehen lassen?

gruenefrau

wir haben davids grüne frau gefunden – eine episode der kinderserie total genial, immerhin war es kein horrorfilm auf rtl2, was ich ja befürchtet hatte. und sie kommt zufällig in zwei wochen wieder in der endlosen wiederholungsschleife des kinderfernsehens, das ist unglaubliches glück. wir werden eine entängstigungsparty daraus machen, ich muss mich zusammenreissen, sonst übertreibe ich das. aber hey, ein paar eimer popcorn, lautes gebrüll und so gemeinschaftssachen müssen sein, um ein so grünes und altes gespenst zu bannen.

letzten freitag hatte ich kinderfrei und keinen anlass, früh aufzustehen. um kurz nach 8 klingelt es, zu spät für die müllabfuhr, zu früh für die post, vielleicht mein auto im halteverbot? (die polizisten hier kommen klingeln, bevor sie abschleppen lassen, und ich vergesse immer total, wo mein auto steht) – dann sagt jemand etwas sehr nuscheliges, aber ich erkenne einen satz, weil ich ihn schon ein paar mal gehört habe „hawwickverschwitzt“ – der tischler.

seit ein paar monaten habe ich ein loch im boden, auf dem früher ein kachelofen stand, die holzleute wollen alle um die 400 für die parkettierung, weil es ein altes massives eichenparkett ist, das man schneiden muss und nicht kaufen kann, fand ich schließlich okay nach dem ersten schreck, aber keiner will das machen. der erste kam zum gucken preiskonkretisieren in die wohnung, als grade kinderabholung durch den exmann war, der sich sofort beteiligte, warum ich denn nicht seinen vater fragen würde, der könne ganz gut mit holz, und dann sei das viel billiger, worauf sich ein etwas schräger dialog entspann, ich dem ich mich sehr um höflichkeit bemühen musste. wir sind getrennt, versuchte ich dem tischler zu erklären, der stumm daneben stand. er verstand wohl falsch und liess nie wieder von sich hören. die anderen danach wollten entweder das ganze zimmer schleifen und neu machen, oder sie wollten mit anderem holz arbeiten, sie hätten da grad was da, das könnte man ja beizen, oder sie riefen gleich gar nicht zurück. dann wurde mir der alte mann am helmholtzplatz empfohlen, der nur dieses kleine sprechproblem hat, aber der kann intarsienparkett sogar, der hat tolle sachen gemacht. man versteht ihn fast gar nicht am telefon, er redet auch nicht langsamer oder so, es war wohl einfacher, das unverständnis zu akzeptieren, als das reden zu entschleunigen, man wird dann ganz still und großäugig und musikalisch, wenn man zuhören muss. wir besprechen termine, dann und dann bin ich da, okay? sein ja ist immer das eine erkannte wort in einem satz, aber er kommt nicht, ich rufe ihn an, dann sagt er mit einem hörbaren verlegenen kichern och, hawwickverschwitzt, dann komm ich morgen, ja?

ich hatte ihn vergessen in der zwischenzeit, und weitere tischlerABs besprochen, ohne erfolg. das loch im boden beherbergt inzwischen einen kinderroller, diverse steine, ein paar kissen und alte decken.

jetzt ist er tatsächlich da, spontan und anderthalb monate nach der letzten verschwitzten verabredung. ich bin müde und noch ohne kaffee, mein hund begrüßt ihn aufgeregt, wird geherzt, wir reden über hunde, also wir beide abwechselnd, ich antworte irgendwie im fluss, obwohl ich ihn kaum verstehen kann, im morgendlichen tran nuschle ich ganz automatisch mit, kinder, tiere und berlin, dann beginnt er von etwas zu erzählen, was sich zur wendezeit zugetragen hat, erst nach ein paar minuten verstehe ich, dass wir von einem papagei reden, der ihm ’89 zugeflogen sei, und er hat ihn nicht erkannt, weil es diese tiere nicht gab in der ddr, der muss von drüben gekommen sein und lebt jetzt seit 20 jahren mit ihm und seiner familie in der wohnung. der papagei hat es ihm nie verziehen, dass er ihn eingefangen hat, er zeigt dabei die geste des einfangens, bei allen setzt er sich auf die schulter, nicht bei ihm, ich stehe daneben, ohne kaffee, sage hmm und soso und bin dankbar für das bild, das sich nicht aufgedrängt hat sozusagen, dieser mann mit einem so nachtragenden papagei in der wohnung, obwohl ich auch nicht wusste, was man über papageien reden kann. ich hab dann nach den farben gefragt, beim nachdenken formt er den vogel mit den händen nach, in der luft, ob er sich anfassen lässt? nein, nicht von ihm, sagt er, und öffnet seine hände.

ich hab vertrauen in seine arbeit, er hat sich ein stück parkett mitgenommen, wir haben kein wort über den boden verloren, es schien nicht der rede wert, so ein bodeneckchen.

kind, das immer nach der schule den fernseher anmacht, 8 jahre alt, ja, immer nach der schule darf ich fernsehen, einzelkind, gesprächsfähig, sozial aktiv, sport, eltern sehr berufstätig, und ich denk dann immer, ob es die ganzen auseinandersetzungen überhaupt wert ist, das regelsystem, die empörung der jungs, verhandlungen, die ganzen komplizierten systeme, bei denen man als mutter immer immer der ungerechte teil ist (das ist un-ge-recht!!), weil einer gefühlt mehr oder weniger punkte (hier grade so ein punktesystem für tv- und mac-zeiten) hat, als er verdient hätte, oder ob man die kleinen nicht einfach lassen sollte, weil das schiefgehen von kindern vielleicht doch hauptsächlich andere gründe hat, stattdessen der mühsam errungene moment, wenn das kind sagt, es sei gut hier im wald/restaurant/museum/park/spielplatz, meiohmei (grad den morgenkaffee im bett geniessen können, weil die lütten ihre punkte einlösen wollten, um 7:30, und die glotze läuft, draussen sonne und grün, sehr schön alles.)

heute in der wohnung eine 10l-giesskanne verloren. neulich wollte ich mit den kindern mal wieder zum liebnitzsee fahren – den hab ich auch nicht mehr gefunden. dinge und seen auf wanderschaft, und ich bin auch in bewegung, auf der suche nämlich.

neulich jemandem ein schuhkompliment gemacht, ah, natürlich siehst du diese schuhe, meinte sie. bei klarem verstand sehe ich dann allerdings, dass sich die hälfte mindestens meiner schuhe im zustand des fortgeschrittenen alters befindet, was nur bei den selten getragenen highheels nix ausmacht. dies ist ein abschiedstext. ich werde die alle heute noch verabschieden, die alten aigner-sandalen mit leicht fransig und wellig gewordenen lederriemen, die prada-sneaker, deren orange nicht mehr orange ist, die coccinelle-pumps, deren leder beim fahradfahren kaputt gegangen ist, die ganzen alt-aber-gepflegt schuhe, die lederstiefel mit den neuen reissverschlüssen, die der schuster mit einem na gut, wenn sie meinen in empfang genommen hatte, die beige gewordenen weißen halbschuh, keine ahnung, wobei nein, das abgenutzte macht da den charme aus, die wirken gelebt und nicht abgetragen, also die sehen nach altem boot und nicht nach neuem boot aus – mit jeans und einem dichten woll-troyer in blau oder braun (männern in troyern glaube ich erstmal alles, ich glaube sogar mir selber, wenn ich einen trage) und die ollen guccis mit der goldschnalle und dem loch in der sohle, die ganzen kleinen privataltärchen in ihren schachteln, die dem fuss immer noch einen kleinen ruhm mit drunter pappen, dass man höher läuft, gleichzeitig können diese alten modelle ohne eine gewisse selbstvergessenheit nicht integriert werden, das ist das magische daran, ihr wesen als talisman, denn man ablegen müsste, wenn man sich erinnert an ihn, weil er nicht ins pragmatische selbstbild passt, es müssten schöne schuhe sein, die aus einem meer anderer schöner schuhe ausgewählt werden, und die nicht mit alten vom hund angenagten kinderbadelatschen im ikea-schuhhänger gelagert werden, zusammen mit solchen trekkingsandalen, die ich mir mal für eine mallorcareise vor 9 jahren, mit ehemann und einem kleinkind, und die mich seitdem gleichzeitig an schöne einfache zeiten erinnern und daran, wie ich sie schon beim einkauf als fremd und irgendwie not me empfunden hatte, und diese sehnsucht nach der fähigkeit, pragmatische entscheidungen ersatzweise als auch schön hinzunehmen, in so einem leichtherzigen akt der verleugnung.

ich hab gar keinen troyer, fällt mir da ein.