21. september 20

mit mutter und g.-zwilling ins brücke-museum gefahren, um vivian suters bilder anzusehen. Sie komm von weither, lebt seit den 80ern in guatemala in einem haus am berg, sie arbeitet gerne unter freiem himmel, man sieht den bildern den engen kontakt mit der natur an.

die arbeiten passen erstaunlich gut ins brückemuseum mit seinen deckenlichtern und den fenstern ins grüne, sie wirken dort wie eine installation, weil sie einfach in die räume gehängt werden, frei von der decke, man muss drumherum gehen.

bei einem hurrikan 2005 sind schlamm und wasser auf ihre arbeiten geraten, sie hat die veränderungen integriert und mit ihnen gearbeitet. es sind große farbflächen mit verlaufenden konturen, manchmal ist einer ihrer hunde darübergelaufen, bei einem meine ich etwas figurales zu erkennen, aber es ist nicht wichtig, sie wirken durch das, was sie sind, farbe und fläche und bisschen licht.

danach noch ein kaffee im kunsthaus nebenan, im ehemaligen und eher massiv-bombastisch gehaltenen atelier von arno breker. auf dem heimweg noch grosseinkauf mit muttern, sie schreibt ihren einkaufszettel entlang der supermarktregale, inzwischen kenne ich mich dort aus wie in meinem.

nachher gibt sie mir noch eine ihrer alten designer-handtaschen mit, ich könnte eventuell auch „nein, danke“ sagen dazu, aber dann liegen sie in ihrem schrank herum, statt in meinem. sie verwendet sie nicht mehr. ich nehme sie auch als notgroschen wahr, und kann ihren albernen und nur extern gerechtfertigten wert nicht ganz verdrängen, nicht einmal, wenn ich sie trage, dabei gehören sie ja eigentlich mit so einer nachlässigkeit getragen, als wäre es eine no-name-20€-tasche, als wäre es selbstverständlich, sie zu besitzen und zu verwenden. obwohl: wenn ich es nonchalance nenne, gefällt es mir wieder, weil es eine, wenn auch erkaufte, souveranität impliziert. die nonchalance des wohlstands. wobei das theater nur für mich gilt und eigentlich auch nur ein blödsinn ist, alle anderen dürfen und sollen natürlich alle taschen kaufen, auf die sie lust haben.

bin ich jetzt ein ideale kundin?

wenn ich gelegentlich mit den taschen umherlaufe, ist es immer auch kleine gelebte regression in die zeit des sorglosen lebens, fühle ich mich angenehm verkleidet, als wärs ein schutzschild, aber wenn ich dabei freunde treffe, sind mir die taschen unangenehm und ich nehme sie aus der sicht.

sag also keiner was gegen zuviele handtaschen.

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als wir abends nach hause kommen, fehlt ein großer, fast vier stockwerk hoher ahorn vom haus. er wurde gefällt, ohne vorwarnung. ich habe das licht durch die blätter geliebt, den schatten und sichtschutz im sommer, er hatte eine lichte und nicht allzu dichte gestalt. seine äste waren einen tick zu lang, in den letzten jahren ist er mehr in die breite als in die höhe gegangen, und einmal hing ein schlauchboot drin. er hat den sommer eigentlich gut überstanden, so dachte ich, er sah gesund aus, blätter grün, kein astbruch, aber ich hab mich auch nicht wirklich gekümmert. die stadt musste dieses jahr viel fällen, wegen dem trockenen sommer, sein nachbar stand mitten vor dem anderen fenster und hat einmal einen sturm nicht überstanden, der war auch plötzlich weg. die stadt hat nichts nachgepflanzt. jetzt sind beide gefällt und ich werde mir doch noch ein paar ventilatoren anschaffen müssen. das grüne licht im sommer, die blätterschatten, das rauschen! er ist laut baumportal wohl um die 100 jahre alt gewesen, das passt, unser haus wurde anfang des letzten jahrhunderts gebaut, bestimmt wurden die bäume damals mit gepflanzt, die anderen ahorne in der straße sind ähnlich breit und hoch. er hat in seiner jugend die kaiserzeit miterlebt, die weimarer republik, die nazis, und er hat die brennholzfällungen in der nachkriegszeit überstanden, denen fast der ganze tiergarten zum opfer gefallen ist – moment, das klingt unwahrscheinlich, die frierenden berliner haben bestimmt auch die strassenbäume verheizt, bis 1948 dann wieder braunkohle geliefert wurde. (es gibt ein buch über die geschichte der bäume in berlin und new york, absolut angemessenes thema.) vielleicht wurde der ahorn also im wiederaufforstungsfieber ende der vierziger gepflanzt und hat dann bloss 70 jahre gelebt, aber die wohl mindestens, er stand dort also während der kompletten ddr vor den bröckeligen und unsanierten hauswänden, von anfang bis ende, und war jedes jahr wieder prachtvoll grün. seine blätter kamen immer eher spät und haben sich dann innerhalb von ein paar tagen aus den knospen gerollt, man hätte zusehen können, wie das grün dann tiefer wurde im april-mai. hat man aber nicht. er hätte noch mindestens doppelt solang bleiben können, wenn-ich-ihn-gegossen-hätte!! d.-zwilling sagt, so ein baum bräuchte mindestens 200l am tag, das hätte ich eh nicht geschafft, aber wer weiß das schon. vielleicht hätten meine 10l einen unterschied gemacht. omg, das wird mich jetzt ewig verfolgen.

3 Gedanken zu „21. september 20“

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