passage

es wird eine stadt weit im westen werden, an der grenze zu luxemburg, gerade noch großstadt, um die 12.000 studenten. er will sofort ausziehen, am liebsten morgen, hat sein zimmer schon vollkommen in kisten verfrachtet oder verschenkt, und natürlich ist sein zimmer schon vergeben an einen der zwillis, die sich ohne krieg und duell einigen konnten. womöglich sind die  auch schon erwachsen. leselisten, rezepte, ratschläge mimetisch im gespräch versenkt, glaube ich, er sagt: mama! und umarmt mich kurz.

c/o

vielleicht bleibt viel mehr so wie es war, nur der weg an die oberfläche wird länger, jeden tag ein stückchen. die sensorischen wege von der menge an bekannten und unbekannten leuten zu einem gesicht, dass ich sehen kann, sehen-nichtsehen, das war nett, aber es war hauptsächlich nichtsehen. wir alle drumrum ein paar jahrzehnte älter geworden, die brüche sind verarbeitet, die brüchigkeit haben wir im griff, eine müßige differenz. meine ist mir noch im weg. müde und nüchtern nach hause. (parties)

pump, duck and circumstances

kurz die versuchung, meine alte paradigm 722 mit epoxydharz zu kleben und weiter zu benutzen. die insulinpumpe funktioniert noch, und wenn der kolben, der die einheiten in den katheder drückt, ohne hinderung läuft – hmm. die unerklärlichen schwankungen, die ich als letzte möglichkeit auf eventuelle ungenauigkeiten des alten motors geschoben hatte, also komplett andere werte bei gleichen insulin/essensmengen, die habe ich unverändert, und trotz täglich frischen kathedern. das ist mein körper, deswegen loope ich. kann ja die pumpe mal mit 24U/24h laufen lassen, in einen kleinen behälter, dann mit spritze die menge testen – hmm. unbefriedigend. die gesundheit als pfadfindercamp.

die alternative wäre eine dana rs, neues produkt von neuem pumpenhersteller, offen für bluetooth und über eine app bedienbar. da schreckt mich die fehlende erfahrung des herstellers etwas, das plastik wirkt billig, und das gerät benutzt proprietäre batterien, die extra bestellt werden müssen (in den usa werden ev. simple aaa-batterien eingesetzt, ist aber nur gerücht). andrerseits käme die kasse eventuell für einen ersatz nach ein paar jahren auf. oder eine accu-check combo, mit der verliere ich aber die garantie durchs loopen, bei der dana ist das nicht so. ich müsste mit der accu check auch wieder mit teststreifen und fingerstechen messen, um die pumpe voll nutzen zu können, ein wirklich denkwürdiger rückschritt seit libre und anderen cgm-systemen.

klare entscheidung, aber ohne begeisterung.

wie genau funktioniert epoxydharz?

„my approach is pretty whimsical“

noch eine weile weiter musik gehört und gesucht, um zu verstehen, was diese passagen so faszinierend macht für mein gehör. zuerst nach einem dokumentarfilm gesucht, der über julian lage gedreht wurde, als er acht jahre alt war, nur 3 minuten von den 24 online gefunden, schließlich auf der seite des regisseurs mark becker einen weg zum ganzen film gefunden, dann überlegt, wie der arme mann für 12$ die dvd einpacken und damit zur post laufen muss und bei der hunderunde versucht, ihm die notwendigkeit zu erklären.

nach dem kauf eine aufgenommene lehrstunde gefunden, in denen lage ein paar seiner zugänge zur improvisation erklärt, zb werden normale übungsläufe auf allen möglichen bünden gespielt, so erfährt der spieler, was alles möglich ist und lernt noch innerhalb der comfortzone ganz neue melodische zusammenhänge kennen. schön dabei sein satz, er habe es aufgegeben, die melodien vorher zu imaginieren, er spielt also, was das instrument ihm gibt. die kreative begabung liegt darin, aus diesen vielen möglichkeiten, die sich durch das setting ergeben, das wirklich einzigartige zu finden.

der unterschied zu geschriebenen musik ist vielleicht die gleichberechtigung zwischen allen alternativen, das aus dem vollen schöpfen, die wege dahin sind nur bis zu einer grenze erprobt und nachvollziehbar, ab dann beginnt die magie. wobei man ja auch bei bach mit aller analyse immer nur bis kurz vor die schönheit kommt.

lage versucht das nicht mal, er macht den weg frei, so gut es geht. es ist alles ganz einfach, sagt er in der stunde, übt das jeden tag 10 minuten, das wird zu einem zugang zu dem, was ihr nicht erwartet zu hören. er nennt es: kinesthetic curiosity, und wirklich wirkt er beim spielen so, als sei das instrument teil seines körpers. er beschreibt eine reihe von sprüngen vom hohen auf das tiefe e und beschreibt sie als spiralförmig, es sieht mehr nach einem symbol für unendlichkeit aus, oder einem möbiusband. ob das teil des kindlichen, spielerischen herangehens ist? finds erfreulich, weil man von der praxis zum ton kommt, nicht von der theorie, das ist viel machbarer und niedrigschwelliger. also nicht für mich, kann ich aber meinen jungs mal weitergeben, die fangen ja auch grad an zu improvisieren auf git und p.

 

 

julian lage trio bei empoli jazz 2018

ich komme mit meiner schwester in paar stunden vorher an, es ist ein tag mit 38°c, die stadt ist total verlassen, lauter einstöckige alte häuser, empoli, bekannt hauptsächlich, weil es heißt „e come empoli“ (a wie anna).

es ist ein freiluftkonzert, in einer art hof oder park, auf dem gras hinter einer sehr alten mauer steht eine bühne, daneben so ein partyzelt als künstlerraum, mit ein paar balken abgetrennt. vielleicht 200 stühle, ein stand mit lokalem bier und einem riesigen braten, von einem der sponsoren der veranstaltung. wir sitzen zweite reihe, ich komme mit ein paar anderen ins gespräch, ein junger mann mittdreißiger freut sich: „ich wäre ins ausland gefahren für sie, und jetzt kommen sie nach empoli, ausgerechnet!“, musste ich lachen und bin erleichtert, dass ich nicht die einzige irre hier bin. er hat ihn auch schon ein paar mal gesehen, wir freuen uns beide, dass lage die ochsentour macht und die verschiedenen jazzfestivals absurft. ich bin immer noch bisschen fassunglsos darüber, dass ich meinen fernen zufallsfund im netz heut zum dritten mal live anhören darf, ein großes geschenk. wir reden über bluegrass, chris eldridge, nels cline, den jazz und den sommer, die leute kennen sich aus und sind mitaufgeregt. langsam wird es dunkel und ein bisschen kühler, als die drei um 21:30 auf die bühne kommen aus ihrem zelt. lage hat seinem schlagzeuger vorher mit fist bump glück gewünscht, für mich eine erinerung daran, was so ein konzert für die musiker bedeutet und bisschen neugierde, ob es etwas sehr anderes ist für uns zuhörer. das hier war das letzte konzert der tour, am nächsten tag würden sie zurück in die usa fliegen, hat der veranstalter bei der kurzen einführung gesagt. 5 tage später ist das nächste konzert, da hätten sie auch ferien an einem der wunderschönen strände der feniglia machen können.

mit diesen beiden reist er schon eine weile herum, jorge roeder am bass und eric doob am schlagzeug, die tournee ging dichtgesetzt durch spanien und frankreich. sie fangen an mit packenden und gutgelaunten sachen von der letzten cd (modern lore, 2018 bei mack avenue records), splendor riot ist eventuell dabei, was noch? hatte paar tage kein netz und kriege es nicht mehr zusammen. ich hätte eventuell eine setlist oder sowas besorgen sollen. nach den songs von der cd  kündigt lage ein paar lieblingstücke an, „songs that we like“. das erste ist eine sehr tolle version von „the best thing for you (would be me)“, von irving berlin, und das stimmt ja für diesen abend. es ist fein und elegant und schön auf eine unbekannt freie art. das sehr schöne nocturne war dabei, wie immer bewegt lage sich völlig frei im lied herum, spielt damit, bewegt sich eine weile mit schnodderig entspannten impros voran, findet aber immer wieder nach hause zum ende hin, stellt im letzten moment auf theme um und erschafft dort kleine harmonische enklaven, noch im letzten atemzug der songs. grad nocturne hat schon gefährlich viel schönheit in der melodie, und lage baut noch ein paar runden ein, zieht takte zusammen, überspringt etwas, wiederholt eine auflösung – es ist, wie wenn man jemanden wiedersieht nach einer weile, und er ist ganz anders schön als in der erinnerung – erst hab ich „ist viel schöner“ geschrieben, aber schönheit in musik ist was anderes als im menschen, anders meßbar – so etwas gelingt lage mit seinen melodien, und er scheint dabei andauernd aus dem vollen zu schöpfen. jedes konzert, jede interpretation gerät dabei vollkommen anders, aber das gehört ja so im jazz. ich will diese passagen noch einmal hören, sobald sie vorbei sind, sie wiedererleben, und danach fehlen sie mir. ein grund, immer wieder hinzugehen. noch ein lieblingslied war dabei, hab die melodie noch im kopf, kanns aber grad nicht zuordnen.

beim suchen gefunden, auch schönheit, hat aber mit nix was zu tun: up from the north)

der drummer (eric doob) ist strange, er spielt versunken in hoher konzentration, wie ein junge, scheint perfekte, endlose kompositionen im kopf zu haben, und wenn er sein solo hat, gibt er nur fragmente dieser dinge frei, es klingt wie eine abkürzung, wie steno, karg und zusammengenommen. lage guckt ihn an mit einem lächeln, als könnte er die nicht gespielten passagen hören. vielleicht vermisse ich auch nur tom rainey – wenn man ganz viel sagen möchte und nur ein paar worte herausbekommt, in denen sich dann alles gewicht sammeln muss, so etwa. der bassist hat einen fanclub in der stadt, nach dem konzert wird er von einer gruppe begrüßt, die ihm komplimente machen und über das spielen befragen. er war natürlich saugut, aber mit einem aber; das schnelle navigieren duch die skalen verstehe ich vielleicht einfach nicht so gut, das ist mir zu sehr aerobic, ich brauche erkennbare zäsuren, rhythmen, melodische closure, etwas, um das lineare hören zu durchbrechen, sonst bewundere ich eben die geschwindigkeit, aber das leben ist ja schon schnell genug, bin ich nicht angefasst davon.

lages virtuosität hatte ein sommerliches angedeutetsein, eine leichtigkeit, als würden die finger nicht ganz auf die saiten müssen, sondern könnten ein mü vorher unbekümmert weiter zum nächsten ton. hat sonst niemand bemerkt, wie ich aus den gesprächen mit den fans nach dem konzert weiß, wahrscheinlich sind es also einfach also meine nicht mehr so guten ohren, plus tinnitus, der einen ausgegrauten bereich im gehör erzeugt („die graufläche, die mein tinnitus füllt“ hab ich zuerst geschrieben, aber es sind zwei getrennte bereiche, das sirren und die fehlenden höhen). dann diese ganz nebenbei in ein paar takten angespielten melodien, jede mit raum für einen ganzen song, perfekte sekunden glück (hei, es war eine nacht in einem hof aus dem 15. jh., unter den sternen des julimondes, auf dem gras, in nur ein paar metern abstand zu den musikern)(und ich saß neben meiner schwester), also wo lage die stücke auflöst in mich total überraschenden harmonischen einfällen, die wiedererkennbar sind, wie der strich von horst janssen wiedererkennbar ist, auf eine nicht vorhersehbare weise eigen und schön.

das trio scheint andauernd auf tournee, schon im oktober und november wieder in europa, diesmal schweiz und frankreich, sie rocken die finnischen clubs, zb im oktober dieses jahres in singen, aber das ist mir zu weit für einen spontantrip, einmal durch die republik. andrerseits ist es vielleicht eine der letzten möglichkeiten für diese besondere qualität der kleinen clubs, im märz 2019 spielt das trio in einem saal der elbphilarmonie, für dreimal soviel eintritt wie bisher. sie haben ihn wahrgenommen, die großen.

mein (musikalisch ungebildetes) gefühl: er braucht eine herausforderung, also nicht im sinn von elbphilarmonie, sondern von anderen genialen gitarristen, wie nels cline einer ist, mit eigenem stil, eigenen kanten, musikalische reibung und herausforderung, einen dialog, vielleicht mit sich selbst im umweg über einen anderen.

nach dem konzert ist die stadt plötzlich rappelvoll, um mitternacht gibt es kaum freie plätze, familien, kinder, jung und alt sitzen herum und trinken in der nacht. auf der piazza dei leoni findet eine weinprobe statt, mit meiner schwester gönnen wir uns zwei hervoragende rotweine, gucken den kindern zu und gehen dann zurück ins klimatisierte hotel.

bedingt frei

eigentlich schon frei, keine energie, mir für die 5 tage noch einen auftrag zu suchen. ärger über meine lage, aber ein so alter und festgewordener ärger, er stört kaum noch. ich habe mich sogar dran gewöhnt, dass ich nicht mehr richtig schreibe.

die erfahrung, dass es eh nichts nützt, ist ein alter ausgelatschter schuh in meiner psychischen landschaft. futility ist mein anker. ich versuche gelegentlich, mich bei männern oder jobs zu bewerben, richtiger einsatz ist das allerdings nicht, eher so ein immerhin-einsatz, aber die agentur für arbeit wäre unzufrieden. ob es die frühe erfahrung von vergeblichkeit ist, dass schlimme zustände eben bleiben, dass widerstand zwecklos ist? ich war drei, als mein diabetes kam, ich weiß aber kaum noch was davon – das „aber“ in dem satz fühlt sich richtig an, das lasse ich. ein diabetiker muss immer alles wissen.
meine mutter erzählt, wie sie mich auf der waschmaschine festgehalten haben für die spritzen, weil ich so gebrüllt habe, und wie sie dachte, ich könnte dadurch meine wut über die krankheit ausleben, aber es ist nicht meine erinnerung. die angst und überforderung meiner mutter, an der ich schuld war, spüre ich heute noch, die ist fest in unsere beziehung verwoben und beschwert sie noch immer.

heute ist das alles anders, der weg in den alltag wird bei allen beteiligten besser begleitet. dieses primäre und existentielle angstding bei eltern ist wohl nicht vermeidbar, hoffentlich vermitteln die ärzte ihnen einen umgang damit, holen es ans licht, machen es gestaltbar. bei mir war es schwarze pädagogik: wenn du das machst, dann kannst du sterben, autonomie ist lebensgefährlich. all die nicht ausgelebte energie macht mich traurig, manchmal, andrerseits geht mir eigentlich ganz okay. ich hab sie woanders ausgelebt.

(damit hab ich heut wieder die ein oder andere bewerbung prokrastiniert, ist es nicht prima?)

brennstoff selbstgemixt

ich sollte immer zucker in reichweite haben. erfahrungsgemäß unterzuckere ich dann sehr gerne, wenn ich im wald bin oder sonstwie meilenweit vom nächsten kiosk entfernt. oder beim ersten date im guten restaurant mit einem, der vom diabetes noch nix weiß. oder kurz vorm yoga – neulich stand ich auf einem parkdeck und fragte mich, warum die zivilisation so komplexe dinge wie parkhausschranken erfunden hat. also kaufe ich alle paar monate große ladungen traubenzucker als drops oder als glukosetabs, oder haribo in 3kg-packungen. die geschmäcker gehen dabei auseinander, jeder hat so seine erfahrungen mit mengen und marken. bei mir dauern 12g traubenzucker 20 minuten, bis sie im blut ankommen, alles andere dauert noch länger.

jeder diabetiker hat da seine vorlieben, ich esse haribo am liebsten, mag es aber zu gern, das ist riskant. es gibt von dextroenergen kleine trinkbeutel mit einer art zuckerlösung, oder so plastikpackungen mit zuckersirup von medizinischen herstellern – alles verhältnismäßig teuer und unbefriedigend, weil die dosierung nie stimmt und man dann die hälfte wegwerfen muss, und wo genau ist die hälfte, wenn dein körper die ganze zeit mehr! mehr! brüllt? caprisonne und kleine saftpackungen sind auch beliebt, aber die passen ja nicht in jede clutch.

jetzt habe ich endlich eine nachhaltige und sehr preiswerte lösung gefunden, auf der informativen italienischen seite deebee. ich habe dafür im netz verschließbare kleine 30ml-röhrchen gekauft,  für diese tabak-parfüms oder für homöopathiekram, aus plastik, alu oder glas, und befülle sie mit simpler selbstgemixter glukoselösung, pro portion mit 15g kohlenhydraten, genau die menge, die mich wieder auf den deich bringt.

so gehts (rezept von deebee): 155ml wasser zum kochen bringen, 150g traubenzucker einrühren,  wenn es trüb bleibt: wieder erhitzen, weiterrühren, bis es klar wird. auf 10 fläschchen aufteilen. hält sich im kühlschrank länger, außerhalb ca. eine woche. kostenpunkt: einmalig die behältnisse kaufen, hier zum beispiel, dextrose gibts ab 4,50€ das kilo. traubenzucker als tabs oder drops kostet aufs kilo gerechnet zwischen 18 und 25€, der verpackungsmüll (einzeln abgpackte tz-tafeln bei dextro energen) kommt noch dazu. jetzt verspüre ich eine gewisse vorfreude auf meine nächste hypo.

trapezkünstlerinnen

[von 2009 wieder hochgeholt] neulich, auf einem konzert im pianosalon christofori in moabit, zufällig einen edlen flyer für eine ausstellung von barbara klemm in rheinsberg gefunden. das war nicht leicht, weil der raum dort ein großes, sehr kunstvolles lager von schätzen ist, von allem, was mit flügeln zusammenhängt, es ist dort all things piano, darum ist schon das bemerken des flyers eine nette begebenheit, bzw. ich brauche gleich eine geschichte drumherum, denn ja, von allen bildern dort kann man sich abzüge machen lassen, für 1500€.

ihre fotos kosten im schnitt um die 1000€, nur ein paar aufnahmen von historisch zentralen momenten haben mehr erzielt, dieses hier ist bei artnet nicht verzeichnet. halte die preise für übertrieben, es sind keine marktpreise, eher wunschpreise. was tun? na, muss ich noch drüber nachdenken. das bild finde ich nach wie vor wunderbar, wenn ich die euros locker über hätte, wäre die entscheidung einfach.

Barbara Klemm, Artistinnen 1974
ⓒ B. Klemm, „Trapezkünstlerinnen, Rostock 1974“

barbara klemm wird heute 70 jahre alt. sie hat eins meiner liebsten fotos geschossen, vor jahrzehnten mal als postkarte in einem laden in kreuzberg gefunden und dann durch die ganzen berliner wohnungen mitgenommen. ich bin über das bild auf sie aufmerksam geworden, in der faz ist sie mir nie so aufgefallen, und die autorennamen in zeitungen merke ich mir ja auch nie, überhaupt sind mir die journalisten als personen, also als autoren mit einem ouevre, erst durch das netz aufgefallen, vorher waren es artikel in einem eher synchronen zusammenhang. bei frau klemm habe ich mich dann bemüht, mir ihren namen zu merken und nach ihren bildern zu suchen, aber die fotografin ist sehr diskret in den bildern. ihre straßenbilder haben eine ziemliche wucht.

als ich mit dem bloggen anfing, wollte ich das trapez- foto in den header einbauen, ich hatte frau klemm sogar angerufen und um erlaubnis gefragt, ich hab ihr auf den ab gesprochen und sie rief zurück, als ich gerade auf dem weg zu oktoberdruck ins treppenhaus ging, bei denen ich einen job hatte – oder nein, halt, das kann nicht sein. vor 5 jahren war oktober schon an die warschauer strasse umgezogen, ins erdgeschoss, und dieses telefongespräch auf einem arbeitsweg, da ging es um eine richtige geburt, die meines sohnes, und es war mein arzt, der mir riet, sofort einleiten zu lassen, am 30.12.1998, 2 wochen vor termin, obwohl ich früher an dem tag noch bei ihm in der klinik gewesen war, er hatte es sich anders überlegt, und ich brauchte vielleicht 6 stufen, um mich überzeugen zu lassen, weil ich dem arzt so sehr vertraute. es war kalt, ich ging schnell. erinnerungen ploppen beim auftauchen, eine in die andere. hab ich den job noch beendet damals? das weiß ich nicht mehr.

telefonate an bestimmten orten, woraus bestehen diese erinnerungen? muss es beim gespräch einen gedanken über den ort gegeben haben, ein kommentar, ein zusätzliches und verankerndes metazeichen, oder gehört das zu den flüssigen dingen, die der kopf umdisponieren kann, wenn die erinnerten ereignisse in kontakt miteinander kommen, also hier die beiden geburtstage? der ort als surplus, als kriterium, dessen erkenntnisgewinn während dem ereignis auch vom zufall abhängt, danach aber von der psyche, das gefällt mir. so muss astrologie entstanden sein.

frau klemm war damals überrascht und sagte, hmm, ist mir nicht so recht, aber machen sie nur, hmm, doch, ja, ist okay. dann habe ich es nicht gemacht. das bild rockt mich aber immernoch, leider auf dem markt nie einen abzug gefunden.

palle varie

einem zwilling eine entschuldigung mitgegeben für heute. die lehrerin wollte eine extrastunde an den regulären unterricht dranhängen, von 17:10 bis 18:00. grade gehört, dass sie die stunde abgesagt hat. gute schule. mir kamen im supermarkt gestern die auffälligen mengen an bierkästen und chipstüten in den einkaufwägen merkwürdig vor, da hab ich sicherheitshalber nachgefragt, wann denn die wm anfängt, und konnte so selber noch knabberkram an bord nehmen, immerhin einen tag vorher. die zwillis machen eh public viewing, ich bin halbwegs desinteressiert (zwilling „du kannst doch deine freunde anrufen“), der große hat seine hippiephase und will nur die spannenden spiele gucken. junkfood ist schon weg und wurde gerecht aufgeteilt, wie mir mitgeteilt wurde. ich bin nicht doof und habe mir eine portion versteckt. wenn ich sie wiederfinde, kann ich sie ja auch ohne fußballgucken essen.

schön war, als d.-zwilling vor paar jahren regelmäßig mit seinen freunden zu den spielen einer lokalen italienischen mannschaft am stadtrand gefahren ist, mit fahnen und allem, und die jungs dort durch jubelei ein paar tore verursacht haben, wie mir erzählt wurde.

als g.-zwilling in einen tollen berliner verein aufgenommen werden wollte, und dort beim vorspielen dauernd sehr dramatisch auf den knien durch die halle geschliddert ist, obwohl das sonst nicht seine art ist. er wurde nicht genommen.

2006 sind wir ausgerechnet während dem endspiel  mit dem autoreisezug nach italien gefahren,  in der wartehalle am bahnhof wannsee saßen alle über ihren rechnern, bis der zug abfuhr, und wir erst beim aufwachen in verona (oder münchen) gemerkt haben, dass italien gewonnen hatte. oder saßen sie über radios?  vergessen.

2010 war das endspiel an meinem geburtstag, ich bin herumgestromert und habe hier und da mitgeguckt. am ende frau modeste samt freunden getroffen, die in einem cafe saßen, mich dazugesetzt, angestoßen. die kids waren da wohl beim vater.

fanmesser

letzte woche habe ich mein messer bekommen. ein echtes, es schneidet hochgehaltenes papier wie butter, es ist massiv, aber klein genug, um gerade noch so als taschenmesser dabei sein zu können, ich werde damit mein mini-mini-schweizer messerchen ersetzen. ich erzähle das, weil es der zweite fanartikel meines lebens ist, gekauft im impuls, 4 wochen unterwegs, vom zoll abgeholt (=aufwändig), und ich mich darüber genauso freue wie ein teenager, wobei die echten teenager keinerlei interesse an solchen dingen haben, sie empfinden diese wertsteigerung nicht, von der digitalen in die haptische wirklichkeit. oder sind es dann einfach keine fans?

ich bin in meinen vorlieben ganz unhinterfragbar dem dinglichen verpflichtet, mag einzigartiges, signaturen in büchern und echte bilder. sicher auch, um einem mangel an einzigartigkeit meiner persönlichkeit beizukommen, aber wenn es funktioniert, warum nicht?

darren burrows hat es mit der hand graviert und auf etsy verkauft, mit anderen metallarbeiten zusammen. er hat eine meiner liebsten serienfiguren gespielt, vor über 20 fast 30 jahren, jetzt lebt er auf einem hof in missouri, mit frau, kindern und tieren, und tut dies und das, worüber wir gelegentlich auf facebook informiert werden. dort hatte er seine stücke sozusagen inseriert. hätte ich das messer auch so gekauft? vielleicht, aber  aus den USA – nein, eher nicht. ich habe ja schon ein taschenmesser, wenn auch ein sehr kleines.

zusammen mit anderen schauspielern wollte burrows vor ein paar jahren in einem crowdfunding -projekt eine irgendwie geartete wiederaufnahme erreichen, ich weiß nicht, wie weit das gediehen ist. serien haben ja für den zuschauer sowieso ein hinreichendes maß an unsterblichkeit, mein schlechtes gedächtnis trägt dazu bei, dass mich wenn nicht die plots, dann doch die dialoge und das miteinander der figuren immer neu erfreuen können. für schauspieler und filmmacher ist die sehnsucht eine andere, vielleicht auch existenziellere. geschichten dieser art lassen sich glaube ich immer erzählen, vielleicht nicht noch einmal diese geschichte, aber mit neuen figuren geht das bestimmt.  einstweilen würde mich schon darüber freuen, wenn ein streamingdienst sich der serie annähme, zum gelegentlichen gucken ohne aufstehen.

andere serien haben es mit ähnlicher grundidee versucht, dort gab es gelegentlichen charme und ein, zwei einfälle, wie bei men in trees, aber keine spur magie, dort war die skurrilität meist auf kosten einer figur, oder als bestätigung eines clichees, immer mit einem preis, nie so selbstverständlich und unkommentiert und normal wie bei NE, als teil des menschseins. in dieser grundstimmung lassen sich ohne brüche im tonfall auch klaviere werfen oder mammuts essen, es war einfach begnadet schön geschrieben, ich hoffe, gute drehbücher sind zeitlos.

meinen bildungsauftrag habe ich da erfüllt: für den großen ist es die beste serie aller zeiten. er ist damit nicht allein, auf seiner wanderung hat er dauernd neue menschen getroffen, einmal waren zufällig alle in der gruppe (aus canada, australien und den usa) große fans. diese liebe ist also noch sehr lebendig. habe das herrn burrows erzählt auf fb, er hat daraufhin den sohn grüßen lassen, womit ich ihm eine freude machen konnte. es ist einer von den guten, und er hat mir ein messer graviert.

(ich wollt eigentlich nur drei zeilen über das messer schreiben, aber bei NE blubbert es immer noch eine weile)

 

Fasziniert von moderner Chirurgie: Bei Muttern wurde in Lokalanästhesie das eine Auge instand gesetzt, Glaukom und Katarakt, Minuten später guckt sie mit dem andern Auge TV. Mein Tag mit SMS-Geschnatter zwischen Tanten und Freundinnen und mit aus Stress-Mimesis hohem BZ. Der Moment am spätnachmittag, wo ich unterzuckert an der Parkschranke auf dem Rewe-Parkplatz in Auto sitze und nicht verstehe, warum die Schranke nicht aufgeht. Klar und verläßlich strukturierte Serien gucken.

holy grail guitar show 2018

tl;rl: viele, viele gitarren, alle toll, ein paar besonders. mehr frauen sind erwünscht.

die messe wird von den european guitar builders veranstaltet, einer allianz von gitarrenbauern und anverwandtem gewerbe aus ganz europa. dieses jahr haben sie eine besonders schöne idee gehabt: ihnen ist aufgefallen, dass es eher wenig frauen gibt auf solchen veranstaltungen, frauen sind wohl unter den gitarrenliebhabern ein bisschen unterrepräsentiert, das gilt auch für den instrumentenbau,  121 männliche und nur 6 weibliche luthiers waren mit ihren instrumenten auf der messe dabei, wenn ich mich nicht verzählt habe. es gibt wohl auch weniger musikerinnen an der gitarre. sie haben deshalb etwas dagegen unternommen (etwas tun hilft ja am besten), und haben im letzten jahr alle zusammen drei instrumente gebaut, für drei junge europäische musikerinnen, einen bass für julia hofer, eine akustische für jacky bastek und eine e-gitarre für elena todorova, in enger zusammenarbeit miteinander und mit den künstlerinnen. die gitarren und der bass wurden dabei in diversen rohzuständen kreuz und quer durch europa geschickt, bis sie dann in berlin auf der hggs 2018 übergeben werden konnten.

e. todorova, j. hofer, j. bastek mit ihren neuen instrumenten (foto aus der 2. reihe, warum bin ich bloss nicht aufgestanden dafür?)

das hätte ein wirklich tolles reiseblog gegeben, aus der sicht einer gitarre. ich hoffe, die instrumente sind so toll geworden, wie es die idee versprochen hat. am wochenende haben die spielerinnen ihre neuen schätze gleich vor publikum ausprobieren und spielen können.

bei julia hofers interview am ende des vorspiels war ich dabei (bin sitzengeblieben), sie hat unter anderem erzählt, wie ihr die bässe im handel oft einfach zu unhandlich und schwer sind – bei elektrischen bässen kann es eigentlich nicht so schwer sein, am gewicht zu sparen. das geht bestimmt vielen frauen so, man hat da so einen 4-6kg-trumm in den händen (ein paar leute haben ihre bässe gewogen, hier), und so eine unbewusste korrelation von qualität und gewicht hindert vielleicht einige mädchen daran, einfach mal anzufangen, in diesen testrunden in den musikschulen.

so jedenfalls kann man es auch machen.

mir sind ein paar gitarren in die hand gedrückt worden, als ich auf die frage you playin? mit yes geantwortet habe, noch bevor ich but not really good hinterherschieben konnte. vielleicht zeigt sich in all dieser freundlichkeit auch eine zuwendung an die frauen im publikum, die ich als ermutigend wahrgenommen habe, so ein „mach einfach!“.

das hat auch eine der wenigen frauen aus der zunft gesagt, mit sehr edlen spanischen flamencogitarren, als ich ihr meine faszination fürs gitarrenbauen erzählt habe. „holy grail guitar show 2018“ weiterlesen

geburtstag, 17, geld

dem einen zwilling wollte ich zum geburtstag eine neue himitsu bako schenken, nachdem er seine alte zerschmissen hatte. das ist mir allerdings erst am tag davor eingefallen, also habe ich einen zirkusladen in charlottenburg gefunden, der noch eine im regal hatte, ein kleines unauffälliges regal in einem geschäft, das bis in den letzten zentimeter mit bunten, schwer verständlichen sachen gefüllt ist. der eigentümer hat ein paar tische auf die straße davor gestellt, da saß ein mann und hielt eine einzelne pfauenfeder in der hand, mit zwei fingern, als würde der zauber von selbst passieren.

die box hat nur 10 schritte und ist nur 4 sun (12cm) klein, aber ich wusste , dass ihn das freuen und überraschen würde, wo er doch seit monaten immer nur „ich weiß nicht, eigentlich gar nix“ sagt, wenn ich ihn nach wünschen befrage. mit 17 ist der lebensstrom wichtiger, die jahreszahl, nicht mehr so die rituale der eltern, sie haben alles wesentliche, ihr geschmack ist eine klare binäre sache, für grauzonen und kompromisse haben sie noch keine notwendigkeit, ihre bedürfnisse liegen nicht im dinglichen, außer bei kleidung. der andere zwilling wollte einen verstärker haben, ein guter wunsch. david hat also geld bekommen, in einer schönen kiste, ich glaube, es hat ihm gefallen, ich habe dieses kurze kleine strahlen gesehen beim auspacken, für das eltern ja alles tun würden. das mit dem geldgeschenk war auch der vorschlag von ihm, den ich dauernd überhört habe davor. gregor hat seinen schein (von der nonna gab es auch noch was) in einen kinoabend mit seiner freundin investiert, david denkt über ableton nach, hofft aber, dass ihm auch noch eine freundin dazwischenkommt.

jedenfalls hat mir der verkäufer erzählt, dass die alten meister dieser holzarbeit in japan keine nachfolger finden, es deswegen nachbauten in china gibt, die weniger gut sein sollen, und deutlich billiger, aber woran kann man sparen bei diesem handwerk? am holz vielleicht, und am lohn. man kann die urheberschaft außer am „made in japan“ manchmal an einem hanko erkennen, einer signatur in form eines zeichens oder eines namens, das sind aber keine sicheren verweise, weil auch schüler manchmal stempeln dürfen. ich weiß nicht, wie viele solcher arbeiten eine werkstatt schafft, mein lieblingsladen hat jeden monat so 6-8 neue dinge zum verkauf, nicht alles puzzleboxen, auch andere arbeiten. es muss andere verkäufer geben, der markt scheint relativ groß.

beim rumgucken habe ich ein stück mit einem kleinen koi auf der rückseite gekauft, dazu eher überflüssige behältnisse mit so einem schiebedeckel aus feinen streifen yosegi-holz. die verkauf ich wieder, glaube ich. 10 x 15 x 5cm. für zigaretten zu groß, ich rauche ja auch nur geschnorrte, für den täglichen gebrauch zu empfindlich, vermute ich. aber sehr hübsch.