julian lage trio bei empoli jazz 2018

ich komme mit meiner schwester in paar stunden vorher an, es ist ein tag mit 38°c, die stadt ist total verlassen, lauter einstöckige alte häuser, empoli, bekannt hauptsächlich, weil es heißt „e come empoli“ (a wie anna).

es ist ein freiluftkonzert, in einer art hof oder park, auf dem gras hinter einer sehr alten mauer steht eine bühne, daneben so ein partyzelt als künstlerraum, mit ein paar balken abgetrennt. vielleicht 200 stühle, ein stand mit lokalem bier und einem riesigen braten, von einem der sponsoren der veranstaltung. wir sitzen zweite reihe, ich komme mit ein paar anderen ins gespräch, ein junger mann mittdreißiger freut sich: „ich wäre ins ausland gefahren für sie, und jetzt kommen sie nach empoli, ausgerechnet!“, musste ich lachen und bin erleichtert, dass ich nicht die einzige irre hier bin. er hat ihn auch schon ein paar mal gesehen, wir freuen uns beide, dass lage die ochsentour macht und die verschiedenen jazzfestivals absurft. ich bin immer noch bisschen fassunglsos darüber, dass ich meinen fernen zufallsfund im netz heut zum dritten mal live anhören darf, ein großes geschenk. wir reden über bluegrass, chris eldridge, nels cline, den jazz und den sommer, die leute kennen sich aus und sind mitaufgeregt. langsam wird es dunkel und ein bisschen kühler, als die drei um 21:30 auf die bühne kommen aus ihrem zelt. lage hat seinem schlagzeuger vorher mit fist bump glück gewünscht, für mich eine erinerung daran, was so ein konzert für die musiker bedeutet und bisschen neugierde, ob es etwas sehr anderes ist für uns zuhörer. das hier war das letzte konzert der tour, am nächsten tag würden sie zurück in die usa fliegen, hat der veranstalter bei der kurzen einführung gesagt. 5 tage später ist das nächste konzert, da hätten sie auch ferien an einem der wunderschönen strände der feniglia machen können.

mit diesen beiden reist er schon eine weile herum, jorge roeder am bass und eric doob am schlagzeug, die tournee ging dichtgesetzt durch spanien und frankreich. sie fangen an mit packenden und gutgelaunten sachen von der letzten cd (modern lore, 2018 bei mack avenue records), splendor riot ist eventuell dabei, was noch? hatte paar tage kein netz und kriege es nicht mehr zusammen. ich hätte eventuell eine setlist oder sowas besorgen sollen. nach den songs von der cd  kündigt lage ein paar lieblingstücke an, „songs that we like“. das erste ist eine sehr tolle version von „the best thing for you (would be me)“, von irving berlin, und das stimmt ja für diesen abend. es ist fein und elegant und schön auf eine unbekannt freie art. das sehr schöne nocturne war dabei, wie immer bewegt lage sich völlig frei im lied herum, spielt damit, bewegt sich eine weile mit schnodderig entspannten impros voran, findet aber immer wieder nach hause zum ende hin, stellt im letzten moment auf theme um und erschafft dort kleine harmonische enklaven, noch im letzten atemzug der songs. grad nocturne hat schon gefährlich viel schönheit in der melodie, und lage baut noch ein paar runden ein, zieht takte zusammen, überspringt etwas, wiederholt eine auflösung – es ist, wie wenn man jemanden wiedersieht nach einer weile, und er ist ganz anders schön als in der erinnerung – erst hab ich „ist viel schöner“ geschrieben, aber schönheit in musik ist was anderes als im menschen, anders meßbar – so etwas gelingt lage mit seinen melodien, und er scheint dabei andauernd aus dem vollen zu schöpfen. jedes konzert, jede interpretation gerät dabei vollkommen anders, aber das gehört ja so im jazz. ich will diese passagen noch einmal hören, sobald sie vorbei sind, sie wiedererleben, und danach fehlen sie mir. ein grund, immer wieder hinzugehen. noch ein lieblingslied war dabei, hab die melodie noch im kopf, kanns aber grad nicht zuordnen.

beim suchen gefunden, auch schönheit, hat aber mit nix was zu tun: up from the north)

der drummer (eric doob) ist strange, er spielt versunken in hoher konzentration, wie ein junge, scheint perfekte, endlose kompositionen im kopf zu haben, und wenn er sein solo hat, gibt er nur fragmente dieser dinge frei, es klingt wie eine abkürzung, wie steno, karg und zusammengenommen. lage guckt ihn an mit einem lächeln, als könnte er die nicht gespielten passagen hören. vielleicht vermisse ich auch nur tom rainey – wenn man ganz viel sagen möchte und nur ein paar worte herausbekommt, in denen sich dann alles gewicht sammeln muss, so etwa. der bassist hat einen fanclub in der stadt, nach dem konzert wird er von einer gruppe begrüßt, die ihm komplimente machen und über das spielen befragen. er war natürlich saugut, aber mit einem aber; das schnelle navigieren duch die skalen verstehe ich vielleicht einfach nicht so gut, das ist mir zu sehr aerobic, ich brauche erkennbare zäsuren, rhythmen, melodische closure, etwas, um das lineare hören zu durchbrechen, sonst bewundere ich eben die geschwindigkeit, aber das leben ist ja schon schnell genug, bin ich nicht angefasst davon.

lages virtuosität hatte ein sommerliches angedeutetsein, eine leichtigkeit, als würden die finger nicht ganz auf die saiten müssen, sondern könnten ein mü vorher unbekümmert weiter zum nächsten ton. hat sonst niemand bemerkt, wie ich aus den gesprächen mit den fans nach dem konzert weiß, wahrscheinlich sind es also einfach also meine nicht mehr so guten ohren, plus tinnitus, der einen ausgegrauten bereich im gehör erzeugt („die graufläche, die mein tinnitus füllt“ hab ich zuerst geschrieben, aber es sind zwei getrennte bereiche, das sirren und die fehlenden höhen). dann diese ganz nebenbei in ein paar takten angespielten melodien, jede mit raum für einen ganzen song, perfekte sekunden glück (hei, es war eine nacht in einem hof aus dem 15. jh., unter den sternen des julimondes, auf dem gras, in nur ein paar metern abstand zu den musikern)(und ich saß neben meiner schwester), also wo lage die stücke auflöst in mich total überraschenden harmonischen einfällen, die wiedererkennbar sind, wie der strich von horst janssen wiedererkennbar ist, auf eine nicht vorhersehbare weise eigen und schön.

das trio scheint andauernd auf tournee, schon im oktober und november wieder in europa, diesmal schweiz und frankreich, sie rocken die finnischen clubs, zb im oktober dieses jahres in singen, aber das ist mir zu weit für einen spontantrip, einmal durch die republik. andrerseits ist es vielleicht eine der letzten möglichkeiten für diese besondere qualität der kleinen clubs, im märz 2019 spielt das trio in einem saal der elbphilarmonie, für dreimal soviel eintritt wie bisher. sie haben ihn wahrgenommen, die großen.

mein (musikalisch ungebildetes) gefühl: er braucht eine herausforderung, also nicht im sinn von elbphilarmonie, sondern von anderen genialen gitarristen, wie nels cline einer ist, mit eigenem stil, eigenen kanten, musikalische reibung und herausforderung, einen dialog, vielleicht mit sich selbst im umweg über einen anderen.

nach dem konzert ist die stadt plötzlich rappelvoll, um mitternacht gibt es kaum freie plätze, familien, kinder, jung und alt sitzen herum und trinken in der nacht. auf der piazza dei leoni findet eine weinprobe statt, mit meiner schwester gönnen wir uns zwei hervoragende rotweine, gucken den kindern zu und gehen dann zurück ins klimatisierte hotel.

bedingt frei

eigentlich schon frei, keine energie, mir für die 5 tage noch einen auftrag zu suchen. ärger über meine lage, aber ein so alter und festgewordener ärger, er stört kaum noch. ich habe mich sogar dran gewöhnt, dass ich nicht mehr richtig schreibe.

die erfahrung, dass es eh nichts nützt, ist ein alter ausgelatschter schuh in meiner psychischen landschaft. futility ist mein anker. ich versuche gelegentlich, mich bei männern oder jobs zu bewerben, richtiger einsatz ist das allerdings nicht, eher so ein immerhin-einsatz, aber die agentur für arbeit wäre unzufrieden. ob es die frühe erfahrung von vergeblichkeit ist, dass schlimme zustände eben bleiben, dass widerstand zwecklos ist? ich war drei, als mein diabetes kam, ich weiß aber kaum noch was davon – das „aber“ in dem satz fühlt sich richtig an, das lasse ich. ein diabetiker muss immer alles wissen.
meine mutter erzählt, wie sie mich auf der waschmaschine festgehalten haben für die spritzen, weil ich so gebrüllt habe, und wie sie dachte, ich könnte dadurch meine wut über die krankheit ausleben, aber es ist nicht meine erinnerung. die angst und überforderung meiner mutter, an der ich schuld war, spüre ich heute noch, die ist fest in unsere beziehung verwoben und beschwert sie noch immer.

heute ist das alles anders, der weg in den alltag wird bei allen beteiligten besser begleitet. dieses primäre und existentielle angstding bei eltern ist wohl nicht vermeidbar, hoffentlich vermitteln die ärzte ihnen einen umgang damit, holen es ans licht, machen es gestaltbar. bei mir war es schwarze pädagogik: wenn du das machst, dann kannst du sterben, autonomie ist lebensgefährlich. all die nicht ausgelebte energie macht mich traurig, manchmal, andrerseits geht mir eigentlich ganz okay. ich hab sie woanders ausgelebt.

(damit hab ich heut wieder die ein oder andere bewerbung prokrastiniert, ist es nicht prima?)

brennstoff selbstgemixt

ich sollte immer zucker in reichweite haben. erfahrungsgemäß unterzuckere ich dann sehr gerne, wenn ich im wald bin oder sonstwie meilenweit vom nächsten kiosk entfernt. oder beim ersten date im guten restaurant mit einem, der vom diabetes noch nix weiß. oder kurz vorm yoga – neulich stand ich auf einem parkdeck und fragte mich, warum die zivilisation so komplexe dinge wie parkhausschranken erfunden hat. also kaufe ich alle paar monate große ladungen traubenzucker als drops oder als glukosetabs, oder haribo in 3kg-packungen. die geschmäcker gehen dabei auseinander, jeder hat so seine erfahrungen mit mengen und marken. bei mir dauern 12g traubenzucker 20 minuten, bis sie im blut ankommen, alles andere dauert noch länger.

jeder diabetiker hat da seine vorlieben, ich esse haribo am liebsten, mag es aber zu gern, das ist riskant. es gibt von dextroenergen kleine trinkbeutel mit einer art zuckerlösung, oder so plastikpackungen mit zuckersirup von medizinischen herstellern – alles verhältnismäßig teuer und unbefriedigend, weil die dosierung nie stimmt und man dann die hälfte wegwerfen muss, und wo genau ist die hälfte, wenn dein körper die ganze zeit mehr! mehr! brüllt? caprisonne und kleine saftpackungen sind auch beliebt, aber die passen ja nicht in jede clutch.

jetzt habe ich endlich eine nachhaltige und sehr preiswerte lösung gefunden, auf der informativen italienischen seite deebee. ich habe dafür im netz verschließbare kleine 30ml-röhrchen gekauft,  für diese tabak-parfüms oder für homöopathiekram, aus plastik, alu oder glas, und befülle sie mit simpler selbstgemixter glukoselösung, pro portion mit 15g kohlenhydraten, genau die menge, die mich wieder auf den deich bringt.

so gehts (rezept von deebee): 155ml wasser zum kochen bringen, 150g traubenzucker einrühren,  wenn es trüb bleibt: wieder erhitzen, weiterrühren, bis es klar wird. auf 10 fläschchen aufteilen. hält sich im kühlschrank länger, außerhalb ca. eine woche. kostenpunkt: einmalig die behältnisse kaufen, hier zum beispiel, dextrose gibts ab 4,50€ das kilo. traubenzucker als tabs oder drops kostet aufs kilo gerechnet zwischen 18 und 25€, der verpackungsmüll (einzeln abgpackte tz-tafeln bei dextro energen) kommt noch dazu. jetzt verspüre ich eine gewisse vorfreude auf meine nächste hypo.

trapezkünstlerinnen

[von 2009 wieder hochgeholt] neulich, auf einem konzert im pianosalon christofori in moabit, zufällig einen edlen flyer für eine ausstellung von barbara klemm in rheinsberg gefunden. das war nicht leicht, weil der raum dort ein großes, sehr kunstvolles lager von schätzen ist, von allem, was mit flügeln zusammenhängt, es ist dort all things piano, darum ist schon das bemerken des flyers eine nette begebenheit, bzw. ich brauche gleich eine geschichte drumherum, denn ja, von allen bildern dort kann man sich abzüge machen lassen, für 1500€.

ihre fotos kosten im schnitt um die 1000€, nur ein paar aufnahmen von historisch zentralen momenten haben mehr erzielt, dieses hier ist bei artnet nicht verzeichnet. halte die preise für übertrieben, es sind keine marktpreise, eher wunschpreise. was tun? na, muss ich noch drüber nachdenken. das bild finde ich nach wie vor wunderbar, wenn ich die euros locker über hätte, wäre die entscheidung einfach.

Barbara Klemm, Artistinnen 1974
ⓒ B. Klemm, „Trapezkünstlerinnen, Rostock 1974“

barbara klemm wird heute 70 jahre alt. sie hat eins meiner liebsten fotos geschossen, vor jahrzehnten mal als postkarte in einem laden in kreuzberg gefunden und dann durch die ganzen berliner wohnungen mitgenommen. ich bin über das bild auf sie aufmerksam geworden, in der faz ist sie mir nie so aufgefallen, und die autorennamen in zeitungen merke ich mir ja auch nie, überhaupt sind mir die journalisten als personen, also als autoren mit einem ouevre, erst durch das netz aufgefallen, vorher waren es artikel in einem eher synchronen zusammenhang. bei frau klemm habe ich mich dann bemüht, mir ihren namen zu merken und nach ihren bildern zu suchen, aber die fotografin ist sehr diskret in den bildern. ihre straßenbilder haben eine ziemliche wucht.

als ich mit dem bloggen anfing, wollte ich das trapez- foto in den header einbauen, ich hatte frau klemm sogar angerufen und um erlaubnis gefragt, ich hab ihr auf den ab gesprochen und sie rief zurück, als ich gerade auf dem weg zu oktoberdruck ins treppenhaus ging, bei denen ich einen job hatte – oder nein, halt, das kann nicht sein. vor 5 jahren war oktober schon an die warschauer strasse umgezogen, ins erdgeschoss, und dieses telefongespräch auf einem arbeitsweg, da ging es um eine richtige geburt, die meines sohnes, und es war mein arzt, der mir riet, sofort einleiten zu lassen, am 30.12.1998, 2 wochen vor termin, obwohl ich früher an dem tag noch bei ihm in der klinik gewesen war, er hatte es sich anders überlegt, und ich brauchte vielleicht 6 stufen, um mich überzeugen zu lassen, weil ich dem arzt so sehr vertraute. es war kalt, ich ging schnell. erinnerungen ploppen beim auftauchen, eine in die andere. hab ich den job noch beendet damals? das weiß ich nicht mehr.

telefonate an bestimmten orten, woraus bestehen diese erinnerungen? muss es beim gespräch einen gedanken über den ort gegeben haben, ein kommentar, ein zusätzliches und verankerndes metazeichen, oder gehört das zu den flüssigen dingen, die der kopf umdisponieren kann, wenn die erinnerten ereignisse in kontakt miteinander kommen, also hier die beiden geburtstage? der ort als surplus, als kriterium, dessen erkenntnisgewinn während dem ereignis auch vom zufall abhängt, danach aber von der psyche, das gefällt mir. so muss astrologie entstanden sein.

frau klemm war damals überrascht und sagte, hmm, ist mir nicht so recht, aber machen sie nur, hmm, doch, ja, ist okay. dann habe ich es nicht gemacht. das bild rockt mich aber immernoch, leider auf dem markt nie einen abzug gefunden.

palle varie

einem zwilling eine entschuldigung mitgegeben für heute. die lehrerin wollte eine extrastunde an den regulären unterricht dranhängen, von 17:10 bis 18:00. grade gehört, dass sie die stunde abgesagt hat. gute schule. mir kamen im supermarkt gestern die auffälligen mengen an bierkästen und chipstüten in den einkaufwägen merkwürdig vor, da hab ich sicherheitshalber nachgefragt, wann denn die wm anfängt, und konnte so selber noch knabberkram an bord nehmen, immerhin einen tag vorher. die zwillis machen eh public viewing, ich bin halbwegs desinteressiert (zwilling „du kannst doch deine freunde anrufen“), der große hat seine hippiephase und will nur die spannenden spiele gucken. junkfood ist schon weg und wurde gerecht aufgeteilt, wie mir mitgeteilt wurde. ich bin nicht doof und habe mir eine portion versteckt. wenn ich sie wiederfinde, kann ich sie ja auch ohne fußballgucken essen.

schön war, als d.-zwilling vor paar jahren regelmäßig mit seinen freunden zu den spielen einer lokalen italienischen mannschaft am stadtrand gefahren ist, mit fahnen und allem, und die jungs dort durch jubelei ein paar tore verursacht haben, wie mir erzählt wurde.

als g.-zwilling in einen tollen berliner verein aufgenommen werden wollte, und dort beim vorspielen dauernd sehr dramatisch auf den knien durch die halle geschliddert ist, obwohl das sonst nicht seine art ist. er wurde nicht genommen.

2006 sind wir ausgerechnet während dem endspiel  mit dem autoreisezug nach italien gefahren,  in der wartehalle am bahnhof wannsee saßen alle über ihren rechnern, bis der zug abfuhr, und wir erst beim aufwachen in verona (oder münchen) gemerkt haben, dass italien gewonnen hatte. oder saßen sie über radios?  vergessen.

2010 war das endspiel an meinem geburtstag, ich bin herumgestromert und habe hier und da mitgeguckt. am ende frau modeste samt freunden getroffen, die in einem cafe saßen, mich dazugesetzt, angestoßen. die kids waren da wohl beim vater.

fanmesser

letzte woche habe ich mein messer bekommen. ein echtes, es schneidet hochgehaltenes papier wie butter, es ist massiv, aber klein genug, um gerade noch so als taschenmesser dabei sein zu können, ich werde damit mein mini-mini-schweizer messerchen ersetzen. ich erzähle das, weil es der zweite fanartikel meines lebens ist, gekauft im impuls, 4 wochen unterwegs, vom zoll abgeholt (=aufwändig), und ich mich darüber genauso freue wie ein teenager, wobei die echten teenager keinerlei interesse an solchen dingen haben, sie empfinden diese wertsteigerung nicht, von der digitalen in die haptische wirklichkeit. oder sind es dann einfach keine fans?

ich bin in meinen vorlieben ganz unhinterfragbar dem dinglichen verpflichtet, mag einzigartiges, signaturen in büchern und echte bilder. sicher auch, um einem mangel an einzigartigkeit meiner persönlichkeit beizukommen, aber wenn es funktioniert, warum nicht?

darren burrows hat es mit der hand graviert und auf etsy verkauft, mit anderen metallarbeiten zusammen. er hat eine meiner liebsten serienfiguren gespielt, vor über 20 fast 30 jahren, jetzt lebt er auf einem hof in missouri, mit frau, kindern und tieren, und tut dies und das, worüber wir gelegentlich auf facebook informiert werden. dort hatte er seine stücke sozusagen inseriert. hätte ich das messer auch so gekauft? vielleicht, aber  aus den USA – nein, eher nicht. ich habe ja schon ein taschenmesser, wenn auch ein sehr kleines.

zusammen mit anderen schauspielern wollte burrows vor ein paar jahren in einem crowdfunding -projekt eine irgendwie geartete wiederaufnahme erreichen, ich weiß nicht, wie weit das gediehen ist. serien haben ja für den zuschauer sowieso ein hinreichendes maß an unsterblichkeit, mein schlechtes gedächtnis trägt dazu bei, dass mich wenn nicht die plots, dann doch die dialoge und das miteinander der figuren immer neu erfreuen können. für schauspieler und filmmacher ist die sehnsucht eine andere, vielleicht auch existenziellere. geschichten dieser art lassen sich glaube ich immer erzählen, vielleicht nicht noch einmal diese geschichte, aber mit neuen figuren geht das bestimmt.  einstweilen würde mich schon darüber freuen, wenn ein streamingdienst sich der serie annähme, zum gelegentlichen gucken ohne aufstehen.

andere serien haben es mit ähnlicher grundidee versucht, dort gab es gelegentlichen charme und ein, zwei einfälle, wie bei men in trees, aber keine spur magie, dort war die skurrilität meist auf kosten einer figur, oder als bestätigung eines clichees, immer mit einem preis, nie so selbstverständlich und unkommentiert und normal wie bei NE, als teil des menschseins. in dieser grundstimmung lassen sich ohne brüche im tonfall auch klaviere werfen oder mammuts essen, es war einfach begnadet schön geschrieben, ich hoffe, gute drehbücher sind zeitlos.

meinen bildungsauftrag habe ich da erfüllt: für den großen ist es die beste serie aller zeiten. er ist damit nicht allein, auf seiner wanderung hat er dauernd neue menschen getroffen, einmal waren zufällig alle in der gruppe (aus canada, australien und den usa) große fans. diese liebe ist also noch sehr lebendig. habe das herrn burrows erzählt auf fb, er hat daraufhin den sohn grüßen lassen, womit ich ihm eine freude machen konnte. es ist einer von den guten, und er hat mir ein messer graviert.

(ich wollt eigentlich nur drei zeilen über das messer schreiben, aber bei NE blubbert es immer noch eine weile)

 

holy grail guitar show 2018

tl;rl: viele, viele gitarren, alle toll, ein paar besonders. mehr frauen sind erwünscht.

die messe wird von den european guitar builders veranstaltet, einer allianz von gitarrenbauern und anverwandtem gewerbe aus ganz europa. dieses jahr haben sie eine besonders schöne idee gehabt: ihnen ist aufgefallen, dass es eher wenig frauen gibt auf solchen veranstaltungen, frauen sind wohl unter den gitarrenliebhabern ein bisschen unterrepräsentiert, das gilt auch für den instrumentenbau,  121 männliche und nur 6 weibliche luthiers waren mit ihren instrumenten auf der messe dabei, wenn ich mich nicht verzählt habe. es gibt wohl auch weniger musikerinnen an der gitarre. sie haben deshalb etwas dagegen unternommen (etwas tun hilft ja am besten), und haben im letzten jahr alle zusammen drei instrumente gebaut, für drei junge europäische musikerinnen, einen bass für julia hofer, eine akustische für jacky bastek und eine e-gitarre für elena todorova, in enger zusammenarbeit miteinander und mit den künstlerinnen. die gitarren und der bass wurden dabei in diversen rohzuständen kreuz und quer durch europa geschickt, bis sie dann in berlin auf der hggs 2018 übergeben werden konnten.

e. todorova, j. hofer, j. bastek mit ihren neuen instrumenten (foto aus der 2. reihe, warum bin ich bloss nicht aufgestanden dafür?)

das hätte ein wirklich tolles reiseblog gegeben, aus der sicht einer gitarre. ich hoffe, die instrumente sind so toll geworden, wie es die idee versprochen hat. am wochenende haben die spielerinnen ihre neuen schätze gleich vor publikum ausprobieren und spielen können.

bei julia hofers interview am ende des vorspiels war ich dabei (bin sitzengeblieben), sie hat unter anderem erzählt, wie ihr die bässe im handel oft einfach zu unhandlich und schwer sind – bei elektrischen bässen kann es eigentlich nicht so schwer sein, am gewicht zu sparen. das geht bestimmt vielen frauen so, man hat da so einen 4-6kg-trumm in den händen (ein paar leute haben ihre bässe gewogen, hier), und so eine unbewusste korrelation von qualität und gewicht hindert vielleicht einige mädchen daran, einfach mal anzufangen, in diesen testrunden in den musikschulen.

so jedenfalls kann man es auch machen.

mir sind ein paar gitarren in die hand gedrückt worden, als ich auf die frage you playin? mit yes geantwortet habe, noch bevor ich but not really good hinterherschieben konnte. vielleicht zeigt sich in all dieser freundlichkeit auch eine zuwendung an die frauen im publikum, die ich als ermutigend wahrgenommen habe, so ein „mach einfach!“.

das hat auch eine der wenigen frauen aus der zunft gesagt, mit sehr edlen spanischen flamencogitarren, als ich ihr meine faszination fürs gitarrenbauen erzählt habe. „holy grail guitar show 2018“ weiterlesen

geburtstag, 17, geld

dem einen zwilling wollte ich zum geburtstag eine neue himitsu bako schenken, nachdem er seine alte zerschmissen hatte. das ist mir allerdings erst am tag davor eingefallen, also habe ich einen zirkusladen in charlottenburg gefunden, der noch eine im regal hatte, ein kleines unauffälliges regal in einem geschäft, das bis in den letzten zentimeter mit bunten, schwer verständlichen sachen gefüllt ist. der eigentümer hat ein paar tische auf die straße davor gestellt, da saß ein mann und hielt eine einzelne pfauenfeder in der hand, mit zwei fingern, als würde der zauber von selbst passieren.

die box hat nur 10 schritte und ist nur 4 sun (12cm) klein, aber ich wusste , dass ihn das freuen und überraschen würde, wo er doch seit monaten immer nur „ich weiß nicht, eigentlich gar nix“ sagt, wenn ich ihn nach wünschen befrage. mit 17 ist der lebensstrom wichtiger, die jahreszahl, nicht mehr so die rituale der eltern, sie haben alles wesentliche, ihr geschmack ist eine klare binäre sache, für grauzonen und kompromisse haben sie noch keine notwendigkeit, ihre bedürfnisse liegen nicht im dinglichen, außer bei kleidung. der andere zwilling wollte einen verstärker haben, ein guter wunsch. david hat also geld bekommen, in einer schönen kiste, ich glaube, es hat ihm gefallen, ich habe dieses kurze kleine strahlen gesehen beim auspacken, für das eltern ja alles tun würden. das mit dem geldgeschenk war auch der vorschlag von ihm, den ich dauernd überhört habe davor. gregor hat seinen schein (von der nonna gab es auch noch was) in einen kinoabend mit seiner freundin investiert, david denkt über ableton nach, hofft aber, dass ihm auch noch eine freundin dazwischenkommt.

jedenfalls hat mir der verkäufer erzählt, dass die alten meister dieser holzarbeit in japan keine nachfolger finden, es deswegen nachbauten in china gibt, die weniger gut sein sollen, und deutlich billiger, aber woran kann man sparen bei diesem handwerk? am holz vielleicht, und am lohn. man kann die urheberschaft außer am „made in japan“ manchmal an einem hanko erkennen, einer signatur in form eines zeichens oder eines namens, das sind aber keine sicheren verweise, weil auch schüler manchmal stempeln dürfen. ich weiß nicht, wie viele solcher arbeiten eine werkstatt schafft, mein lieblingsladen hat jeden monat so 6-8 neue dinge zum verkauf, nicht alles puzzleboxen, auch andere arbeiten. es muss andere verkäufer geben, der markt scheint relativ groß.

beim rumgucken habe ich ein stück mit einem kleinen koi auf der rückseite gekauft, dazu eher überflüssige behältnisse mit so einem schiebedeckel aus feinen streifen yosegi-holz. die verkauf ich wieder, glaube ich. 10 x 15 x 5cm. für zigaretten zu groß, ich rauche ja auch nur geschnorrte, für den täglichen gebrauch zu empfindlich, vermute ich. aber sehr hübsch.

Nels Cline 4 im Zig Zag Jazz Club

Sobald die Musiker auf der Bühne waren, gingen im Publikum diverse Handies an. Gitarren wurden gegoogelt. Ich mag die Vorstellung, dass Menschen sich ein Instrument kaufen, oder ihr Wissen darüber horten, weil jemand anderes gut drauf spielt. Stehe ja auch anderen Mechanismen der virtuellen und symbolischen Aneignung sehr aufgeschlossen gegenüber.

Cline (der übrigens einen Schlagzeug spielenden Zwillingsbruder hat) hatte das Mikro, hat aber nix gesagt, sondern gleich angefangen, nach einem kurzen Blick in den sehr, sehr vollen Saal. Mir sind dann die Gitarristen nach ein paar Sekunden wieder aus dem Fokus geraten, weil der Schlagzeuger so gut war, viel mehr Raum als nur Rhythmuslinie, ein reicher und durchdachter Raum. Ihr kennt vielleicht dieses kurze Gefühl der Richtigkeit und des Echtwerdens, wenn man auf Google Earth von 2D ins Dreidimensionale wechselt, aus Vierecken werden Häuser, aus Flecken Bäume, oder Berge, jedenfalls Welt. Als wäre es ein Abend mit Tom Rainey und Band. So gehört das also, so hört sich das wirklich an, wenn jemand Schlagzeug spielt.

Ich weiß nicht, ob das heutzutage einfach eh so gemacht wird, aber nach diesem Einstieg war ich wieder wach und aufmerksam.

(Das erste Konzert an dem Abend, waren zwei sehr sehr freie Jazzer, das Kropinski-Heupel-Duo. Einer auf Querflöte und sogar Bassquerflöte, hat aber meist so etwas wie gescrambelte Läufe gespielt, atemlos, ohne Anfang oder Ende oder sonst eine Hommage ans Ohr des Hörers. Ich hör mir das dann an und denke „ah, interessant“ und finde keinen Zugang, weiß aber auch nicht, was mir das bringen würde, wenn ich einen hätte, weiß nicht mal obs da überhaupt um Zugang geht, nicht viel mehr um reine art pour l’art. Andrerseits: Ein Zuhörer hat mir vorm Konzert von seiner Zeit beim Militär in der DDR erzählt, und wie ihm der freie Jazz seine Seele gerettet habe, das ist natürlich ein excellenter Grund. )

Die Musik und die Stücke (als Inhalt und Form) waren meistens von Cline, und da war alles drin, es sind hochkomplexe Systeme, sie haben alle ein Ende (ich mag weder ausklimpern noch das fadeout), sind abgeschlossene Miniwelten.  Swing Ghost ’59  ist wirklich großartig, auch wenn ich nicht begreife, was ich da höre, nur: es stimmt alles darin. Und es ist wunderschön und lustig. Das aufregende Gefühl, wenn sich lauter bisher unbekannte, aber vage vertraut klingende Einzelteile zu einem Kunstwerk zusammenfügen, oder eher ineinander verschränken, wie Magie, als hätte Cline bei irgendwas göttlichem angefangen, hätte es retro-engineert, und das ist dabei rausgekommen. (Tick unterzuckert bin ich)

Julian Lage war diesmal für meinen Geschmack zuwenig zentral, der hat rumgekaspert und viel gespielt, aber es ging um einen Bandabend, einen Konzertabend, bei dem die Songs mehr im Vordergrund stehen als die Helden. Kein Dialog wie damals in Mailand, diese vier herausragenden Musiker waren heute gleichberechtigt zu hören. Der Bassist war Jorge Roeder, ein anderer als der auf der CD. Vielleicht ist diese Tour ja die zweite Seite der Medaille Cline/Lage, erst eine Tournee mit mehr Lage, dann eine Tournee mit mehr Band. Es gab auch ein paar free- oder Avantgarde-Jazz-Soli, sogar vom Schlagzeuger!, aber eben mit Herzblut und dem ganzen Mann dahinter, und mit einer gewissen sexiness. Das Hingerissene beim Solo hat bestimmt, wie das Solo selber, ein bisschen Show dabei, aber die Hauptenergie war das Glück, Musik machen zu können, dauernd, jeden Tag, mit Leuten, die besser sind als du selber, das wirkt jedenfalls sehr anziehend. Mit diesem Drive der Musiker vor Augen kann ich das hören, also nur live im Konzert, sonst ist es für mein Gehör zu verschlossen,  wenn man erkennbare Harmonien oder Melodien als Öffnung begreift.

Der Abend war mir eigentlich zu kurz, 80-90 Minuten, es gab als Zugabe ein ganz ruhiges Stück, Cline hat danke gesagt, sich verbeugt, und „schön dass ihr gekommen seid“.

Der Club ist ein Raum für vielleicht 200 Leute, der Weg zum Bad führt direkt an der Bühne vorbei, ich habe dabei den Blickkontakt gesucht und bekommen, ein Hoch auf kleine Locations. Die Leute mit den Handys sind zur Bühne gegangen, sobald die Musiker runter waren, um Verstärker und Pedale zu fotografieren. Am Ende des Abends war der Saal schon fast wieder leer, Cline und Lage haben auf der Bühne ihren Kabelkram zusammengeräumt, habe ihnen meine CD zum Signieren gebracht. das machen wenige leute, ist das Signieren nur bei Büchern üblich? Ich lasse ja alles signieren, was nicht bei drei auf dem Baum ist, es ändert mein Gefühl und die Nähe zu Kunst und Künstlern, und man bekommt noch ein Lächeln zum Erlebnis. Es ist ein zusätzlicher Anker.

Hatte jedenfalls mein  letztes Bargeld für die CD ausgegeben und wollte nicht allein darauf warten, ob die Musiker sich nochmal blicken lassen. Was mich wirklich interessiert, werden sie eh nicht beantworten können, woher nämlich der Zauber kommt, ob sie etwas opfern mussten dafür, ob alles in ihnen Musik ist, und wie man das Ende eines Stückes findet, eher mit dem Herz oder dem Kopf? Das ist natürlich Quatsch, weil sie ja deswegen so genial sind, nicht nur das Talent ist außergewöhnlich bei dieser Klasse, auch die Intelligenz, die Wahrnehmung, die Offenheit der Seele. Wozu das aufdröseln

Und wann sie wiederkommen. Bitte bald.

julian lage und nels cline in berlin

die beiden gehören zu den besten gitarristen der welt und damit des universums, sie kommen aus verschiedenen ställen und ich vermute, auch ihre leben waren sehr verschieden, was egal ist, wenn man sich in der musik begegnen kann wie diese beiden. vor lage wusste ich nichtmal, wie sehr ich jazzgitarre hören mag, er hat genau den richtigen dreh, nicht nur virtuosität (reine perfektion genügt nicht für wirklich große musik, sie bleibt eher fordernd) sondern auch humor und zwei beine fest im american song, im bluegrass, im folk. cline kenne ich nicht so gut, aber julian lage kann das große andere, viel seltenere, wo beim zuhören alles im kopf musik wird und ineinander aufgehoben scheint, der große strom mal restlos gekapert wird von musik, in schönheit. und er grinst dabei.

ich weiß nicht, was die zu viert miteinander machen werden, vielleicht bleibt es auch beim erwartbaren, aber ich denke, diese beiden können gar nicht anders als etwas wirklich neues zu spielen. es könnte diese magischen momente geben, lage schüttelt sie aus dem handgelenk (irre hohe schule, wenn es so aussieht), als würde er selber nicht wissen, wohin der flow ihn führt, und ihm einfach vertrauen. magic.

edit: es wird wohl doch bisschen wilder bei dieser tour:

in berlin, im zigzag jazz club, am 25. april. geht hin. (ich bin zu einem konzert von lage und cline mal richtig weit angereist, so wild war ich drauf, ihn/sie live zu sehen, und das hat sehr sehr lang niemand mehr geschafft)

… und jeder Ort ist hier.

aus Ursula Ziebarth: Hexenspeise, Verlag Günther Neske Pfullingen 1976

ich kann mein nachdenken über ihre sammlung schlecht fokussieren, auch weil in ihrem zimmer überall etwas steht oder liegt, in reihen über- und hintereinander,  würde gern in reihungen schreiben, komma an komma an komma, damit nichts verloren geht. es ist ein schatz im romantischen sinne, wie die schätze im indiana jones-film, eine unübersehbare menge von einzelnen dingen. sie sind einander ähnlich, weil man ihnen das handwerk noch ansehen kann, die nähte, die perlen und muscheln, (- schon wieder reihungen), die spuren vom schnitzmesser. sie sind farbenfroh und meistens eher nicht so abstrakt.

sie hat sie ihr ganzes leben lang gesammelt, ich habe sie nie gefragt oder gefragt (wahrscheinlich, es ist ja  naheliegend) und die antwort wieder vergessen, womit sie angefangen hat, oder ab wann es eine sammlung wurde. vielleicht eine antwort auf den verlust ihres elternhauses in der bombardierung berlins, oder einfach faszination an schönen dingen, das behaltenwollen mehr als das habenwollen, glaube ich. die schönheiten nicht mehr aus der hand geben müssen. 60 jahre später hat es sich ausgewachsen zu einer welterfahrung, einem wissensberg, der eben nicht metaphorisch erfahren wird, sondern tatsächlich da ist, vorhanden, anfassbar.

auf der beerdigung hat titus georgi (ein beuteenkel, wie ziebarth die kinder und kindeskinder von freunden nannte) das schön beschrieben, er sprach von den vielen verschiedenen wegen, mit denen menschen und kulturen mit denselben gegebenheiten umgehen, er hats viel schöner gesagt, aber in diesem sinne, und die große freude an diesem reichtum.  die verschiedenheit der dinge ist sowas wie ihr ankerpunkt in der sammlung, ein energieknoten, darüber gehen dann die türen auf in die vielen erscheinungsformen von volkskultur.

hat sie es geteilt mit ihren lieben? ihre männer hat sie immer geteilt, teilen müssen, die wollte sie nicht ganz, bei ihren dingen war das anders. sie hat uns manchmal schmuck zum anlegen gegeben, die krone bei david, oder ein schweres kollier, das mal kurz um meinen hals lag, aus afrika. sie hat diese sachen damit für einen moment auch wieder ihrem sinn übergeben, einen menschen zu schmücken und zu verwandeln, oder eine situation, und ich glaube, sie hat das mehr der sammlung zuliebe getan, ihr einen kurzurlaub im alltag gegönnt, und nur ein bisschen, um uns eine freude zu machen. schalen sollen gefüllt werden, bücher gelesen, mit löffeln soll gegessen werden.

der wert der dinge liegt auch in ihrer bedeutung im sozialen miteinander, oder in ihren repräsentativen eigenschaften, sie haben ein bein im symbolischen. wie die vielen dinge bei uns zuhause alle irgendwie nur auf uns zeigen, als familie oder status oder beruf oder persönlichkeit, vielleicht sogar die kunst, die ja eigentlich das andere ist, so wird durch die fülle und das disparate in ursel ziebarths sammlung die ganze zeit die tür aufgerissen und woanders hin gezeigt. mexiko!, südamerika! papua neuguinea! alles voller welt.

vollständigkeit ist etwas furchterregendes, oder nicht? könnte man eine sammlung wie die ihre abschließen, dann wäre die welt leer und die menschheit traurig. es gibt überall neues zu entdecken, neue geschichten, neue kunstfertigkeit, neue wunderbare figuren und gegenstände. auch wenn alle länder bereist waren, gab es  im ypsilon in der bayreuther strasse immer noch die chance auf einen glücklichen fund, einen neuen schatz. das sammeln ist eine lebensart, wie das leben geht die sammlung auch immer weiter, ursel ziebarth hat noch in der woche vor ihrem tod etwas neues erstanden. sammeln ist leben.

heute wurde sie beerdigt, es war sehr schön, ihre theaterfamilie hat sie verabschiedet, mit ansprachen und gesang, ihre freunde und alte berufkollegen waren auch dabei. bach und schubert. und eine trompete.

tt18

Ab nächster Woche gibt es Tickets fürs Berliner Theatertreffen.  Beim durchsehen der Trailer will ich zwar schon wieder nirgendwo rein, alles so welterklärende Riesen-Projekte mit wirklich allen Kunstformen drin. Ich will bloss Theater! Nicht auch noch Tanz, Krach, Video, und „rotzige Stand-Up-Einlagen“ und so Kram, das wird doch nichts, sie sollten das, was sie können, gut machen, statt die Fassung zu verlieren im Versuch, der Reizüberflutung mit Reizüberflutung zu begegnen.

Auch die Pressetexte lesen sich wie aus Kunstkatalogen, zum Woyceck aus Basel:

„Es gibt atemberaubende Bühnensituationen, und das Verblüffende ist, dass die spektakuläre Maschine, die immer auch als Maschine sicht- und hörbar ist (…) eine ungeahnte Emotionalität freisetzt, eine Direktheit der Erzählung, der man sich schwer entziehen kann – über eine naheliegende Metaphorik hinaus, die das Maschinenrad und das Im-Kreis-Drehen implizieren und die freilich mit Woyzecks perspektivlosem „Immerzu“ exakt zusammenfällt.“

– Na danke auch, da muss ich ja Skigymnastik machen vorher. „Direktheit der Erzählung“ – ja, da steht einer und spricht, und du hörst zu, gleichzeitig, weil es live ist. Ach, ich bin genervt, dabei ist damit bestimmt bloss gemeint, dass die Erzählung „über die naheliegende Metaphorik hinaus“ weder ironisch noch sonstwie gebrochen ist, und ich mich, ohne auf weitere mitintendierte Ebenen zu achten, mit dem Gesagten begnügen darf, und mich nicht von den Metaphern ablenken lassen muss, auch wenn sie naheliegend sind, nein, weil sie naheliegend sind, und die Nähe zur Direktheit nicht entscheidend vergrößert verhindern (bin durcheinandergekommen).  Ich würde ja für eine gute Metapher jederzeit eher durchs Feuer gehen als für so einen Text.

Thomas Melles „Welt im Rücken“ ist dabei, ein großartiges Buch, aber ich habe mit Panikherz schon etwas ähnliches gesehen, obwohl der Ich-Erzähler bei Stuckrad-Barre kein interessanter Mensch war, der bei Melle schon. Die Wahnmomente sind halt leicht als Freiraum für lustige Einfälle zu mißbrauchen. Lieber die Odysse, oder?

Das einzige Stück ohne Video-Köder ist Mittelreich, in dem Schwarze für die Rolle von oberbayerischen Seewirten eingesetzt werden, „in der Tradition der Appropriation Art“ wird dem Stück eine Dimension hinzugefügt, die nicht vorgesehen war. Könnte interessant sein, oder auch gar nicht, heikler Pfad.

Als ob die Verunsicherung der Medien durch das Internet und des Films durch CGI mit einiger Verspätung auch im Theater angekommen sind. Andrerseits sind das eventuell alles nur Vorurteile, ich bin halt reif genug für spießigen Konservativismus.

Natürlich gehe ich hin.