pollesch: aufstieg und fall eines vorhangs

die volksbühne ist wieder offen, ihr neues logo ist eine grobpixelige und knallbunte darstellung des alten logos, das es ja nicht mehr gibt, auf dem platz vorm theater steht jetzt ein zirkuszelt, gestern war es zu, aber es steht als zusätzlicher veranstaltungsort im programm. der zirkus vielleicht auch als sehnsuchtsort, wo die illusionen noch tragen, die wünsche einfach sind, wuttkes kostüm ist eine gute mischung aus zirkusdirektor und theaterpunk mit totenkopf-shirt. und ich sitze mit freundin a. oben im rang, die plätze neben uns sind mit bändern hochgebunden, wenn man nicht aus dem selben haushalt kommt, echt aufwändige vorbereitung. wir machen die bänder auf.

martin wuttke und katrin angerer auf der bühne, sie spielen mit theaterformen, das publikum im raum als ein freies element, von den schauspielern mal dargestellt, mal umworben. in der ersten szene sehen wir angerer und wuttke als regisseur und schauspieler (glaube ich, es war kein klares bild), wie sie einen kartentrick ausführen wollen, miteinander und also mit uns, dann zieht wuttke immer die falschen karten (aus einem programmzetttel: „also kommen sie, ziehen sie eine karte! … nein! das ist mein rezept für dingsda. sie vertun sich aber auch ständig. sie sollen doch eine karte ziehn.“) das ist ziemlich lustig und sehr pollesch. die szene endet mit einer waffe, aber es stirbt keiner. die vier personen auf der bühne (susanne bredehöft und margarita breitkreiz sind die anderen beiden) zeigen uns durch den abend immer wieder die instrumente, die dialoge sind schnell und wechseln mühelos die ebenen, ernst, albern, oder „kubistisch“; wie wuttke einmal ruft, als 3d-figur zusammengesetzt aus meinetwegen rolle, schauspieler und theatertheorie, alle ebenen gleichzeitig. ich weiß es aber nicht genau, wer jetzt gerade als was auftritt, es ist auch nicht entscheidend, alles fließt, wie bei pirandellos 6 figuren, die einen autor suchen, aber das ist halt 21. jh., da steht das ganze theater auf dem spiel, mit im spiel, und es ist nicht mehr klar zu verstehen, was wir voneinander wollen können, publikum und theater, da können sich die theaterleute noch so anstrengen, und dann gibt es doch nur aber immerhin zaubern sie uns ein kaninchen aus dem hut, dargestellt durch einen riesigen echten weißen hasen, der ein paar schritte auf der bühne machen durfte.

viel text, den ich hoffentlich irgendwo nachlesen kann, oder ich geh halt nochmal rein. auf dem programmzettel steht sekundärliteratur, aber da bin ich klassisch orientiert, nach dem stück ist das stück vorbei.

mitten im geschehen der bühnenvorhang, aber als federleichte, leuchtend orangene version seiner selbst, die grenze zwischen uns und dem theater ist beweglich und bei pollesch tanzt sie mit den schauspielern, deckt sie zu, liegt wie ein multidimensionales und bewegliches objekt mal vor, mal hinter, mal auf den menschen auf der bühne. in einer szene zwingt angerer als dompteuse den vorhang in die höhe, um die bühne freizugeben, mit so einer art psychedelischer peitsche aus dem gymnastikkurs, das war mein liebstes bild.

am ende gab es noch einen epilog von wuttke, da hab ich leider nicht mehr richtig aufgepasst, aber es ist keiner gestorben, anders als bei pirandello, wo am ende alle auseinanderlaufen und nichts mehr mit dem theater zu tun haben wollen. großes yeah-gefühl bei der freundin und mir, es geht weiter, es gibt wieder spannendes theater, wir dürfen schauen und denken und bisschen glücklicher nach hause gehen.

der rest ist musik

neulich beim lcb-fest die freude über diese art von berlin verspürt, mit büchern, menschen, zuhören und reden, sehen und gesehen werden. der herbst bleibt hoffentlich weiterhin so offen, der ganze kulturelle alltag hat wahnsinnig gefehlt im viel zu langen letzten jahr, in dem man sich so von spaziergang zu spaziergang schleppt, und am ende nicht mal mehr über kultur redet, also wir nicht, die anderen bestimmt alle, aber wir eher nicht, es gab höchstens mal ein oder zwei empfehlungen, aber alles für sachen aus dem vorletzten jahrhundert.

zur ersten lesung nach corona bin ich ende august mit einer freundin ins pfefferwerk gegangen und habe manfred maurenbrecher und jim rakete zugehört, wie sie sich döntjes aus den achtzigern erzählen und maurenbrechers neues buch „der rest ist mut“ vorstellen, „übers liedermachen in den achtzigern“. die beiden sind sich im studio bei maurenbrechers erster plattenaufnahme über den weg gelaufen, beide in den ersten jahren eines lebens mit, von und für die musik, jeder auf eigenen wegen ins große netzwerk. maurenbrecher hat nach seiner promotion gemerkt, dass er doch eher auf die bühne gehört, hat lieder geschrieben und sich eine band gesucht. ich weiß nicht, ob das früher einfacher oder schwieriger war, es liest sich so, als hätte der wunsch schon fast gereicht, und das einfach machen, dann kennt der den, und die passenden leute finden sich auf parties, bei konzerten, in studios und an den vielen orten, die berlin dafür bietet, zumindest in den achtzigern geboten hat. aber es hilft sicher, so genuin dafür begabt zu sein.

mochte es, wie bei dem ganzen wilden leben mit tourneen und tv-auftritten und wirklich sehr vielen leuten, von denen man manche sogar noch kennt, es ist ja auch erst 40 jahre her, 40 kleine glitzernde perlen in der lebenskette, wir legen sie uns einfach mehrfach um den hals, das war gefühlt gestern – also: wie im buch ganz viel ruhe bleibt, um zb über die liebe zu schreiben, ganz zurückhaltend, und wie sie ihren weg in manche lieder gefunden hat. hab gern über die entstehung einzelner lieder gelesen, herr maurenbrecher hat sie mal allein, mal mit anderen geschrieben, ein geben und nehmen, finde es faszinierend, wie selbstverständlich das bei einem klingt, der eben zuhause ist im liedermachen. und wie es von den einfällen dann weitergeht in die konzentration und sorgfalt beim zuendeschreiben.

das ganze buch liest sich sehr organisch, wie mitgeschrieben, als würde es gerade jetzt geschehen, oder grade erst gestern, jede seite neu, bei jedem konzert ist wieder alles offen, ob es gelingt, ob die leute es mögen und sich freuen, oder ob nur ein paar kommen, und wie sich über serendipity und andauerndes musikmachen und -schreiben ein richtiges lebenswerk entwickelt.

beim lesen ist die freude darüber spürbar, es ist außerdem ein sehr kluges und freundliches buch geworden, auf eine altmodische art freundlich. die achtziger wirken darin wie ein abgeschlossener kosmos, in dem die mauer noch für immer stand, bis zu dem moment, wo sie eben nicht mehr stand, dann hört das buch auch auf, obwohl ich grad so schön drin war in den geschichten übers musikmachen. gern gelesen.

last sommerfest 2021

einen echten höllentrip mit dem auto zum lcb gemacht, mit umweg zu frau engl, die ich abholen wollte. erst paar staus, dann eine demo, dann weitere staus, dann eine weile stillstand. über 2h im auto gesessen für die strecke nach neukölln. helga schubert verpasst, die hätten wir gern gesehen. dann ein autor, der sich wach und wendig in seinem thema bewegt, geschichte europas über drei familiengeschichten, uns war nicht so nach richelieu, aber der vortrag war sehr faktenreich und irgendwie freudvoll, das war nett. es folgten drei autorinnen mit geschichten, bei denen der geist ins wandern kam, über schicksalsschläge, die ich nicht verstanden habe, eine szene mit einer fußpflegerin, die in ihrem beruf nicht glücklich geworden ist, im gespräch mit der hauptfigur, die wohl keine gute mutter war, anders als die fußpflegerin, wir als mütter im publikum wurden vorher aufgerufen, die hand zu heben, wenn wir eine mutter haben oder eine mutter sind. nicht alle haben die hand gehoben, immerhin, immerhin. wiederholt haben die moderatorInnen erzählt, wie berührt sie waren von den büchern, gradezu umgeworfen wurden, niedergestreckt ins mitgefühl, besonders die eine szene, wo ein verstorbener („toter“) vater seinen söhnen einen zettel hinterlässt, auf dem steht: an meine söhne. wir so: hmm? (halt, das letzte war aus dem buch von einem mann, alex schulmann, die überlebenden). das hat sich alles nicht so erschlossen leider, auch die auswahl der vorgelesenen stellen hatte wohl verborgene gründe. ein guter, funktionierender text war dabei, über hoden und helden (zitat von j.-u.), die heldenbilder von baselitz spielten eine rolle. von lukas rietzschel, den werde ich weiterlesen. lustig war auch, wie aus den noch nicht erschienenen büchern die schlüsselszenen nacherzählt wurden, nicht vorgelesen, was die schriftstellerei vom joch der poetik, des stils, und allgemein des literarischen talents befreit, eine echte demokratisierung. oder gibt es da eine schweigepflicht vor veröffentlichung? es war so rätselhaft wie lustig. ist vielleicht auch eine feuerprobe, wenn ein text die nacherzählung aushält, ich hab wohl einiges verpasst in der literarischen szene. den hang hoch und runtergewandert, brezel geteilt mit frau engl, frau gaga und paar freunde getroffen. ins grüne, sehr grüne wasser geschaut, am ende im letzten sonnenlicht gesessen und herrn schulze zugehört, mit diesem befreienden gefühl, wenn der ganze kopf für einen text gebraucht wird, ich mich konzentrieren darf und das gerne tue, weil die stellen eine gewisse schnittige eleganz haben. und bisschen schönheit. zweiter text, den ich gerne ganz lesen möchte.

der mann für sich („Sarah“, BE)

erstes mal wieder im theater, und ich hätte mir die zeit nehmen sollen, das stück vorher zu googeln. es war eine voraufführung, uraufführung heute, dramatisierung eines romans von scott mcclanahen, eventuell bisschen autobiographisch, die hauptfigur heißt genauso. ich sass da und habe mich auf ein ensemble gefreut, und dann kam ein mann auf die bühne und stellte ein mikrofon auf, oh nee, dachte ich, das wird doch wohl nicht … dann begann der mann mit großer geste zu erzählen, wirkt betrunken, verliert fast die fassung, die ganze figur scheint nicht fest verankert in zeit und raum, der text ist gut geschrieben (usa, szene im auto, fahrer wird von polizei angehalten, fürchtet alkohol-kontrolle, steigert sich rein, dabei zeitsprünge, mal redet er, mal spielt er die szene nach, sehr dicht alles) es geht um sarah, seine frau und die mutter seiner kinder. nach 10 minuten text ist die figur eigentlich fertig erzählt, ich hab verstanden, es wird kein ensemble geben, scott bleibt allein auf seiner bühne. hrmpf, und zeigt uns einen vollkommen unaushaltbaren mann, spielt und wütet sich dabei in ein so ein auswegloses selbstmitleid hinein, ach, ich musste anderthalb stunden einem mann auf egotrip zuhören, wäre gern wieder gegangen, aber der große war mit einer freundin dabei, also tief ein- und ausatmen und durchhalten. der schauspieler war natürlich großartig, ein richtiges monster-solo, aber so eine figur hätte ich im internet nach 5 sätzen geblockt. niemand will sich so etwas anderthalb stunden lang anhören, die figurenentwicklung ging auch nur richtung abgrund. gerade die szenen, wo der mann die nerven verliert und sich in jähzorn-attacken fallen lässt, nein, sich hineinwirft mit dieser gewaltlust, in der sich die situation hermetisch schließt, kein zugang mehr möglich wird, auch kein ausweg, nur die erschöpfung irgendwann, wenn das mobiliar zerstört ist und keiner mehr antwortet, die sind unerträglich, wenn man solche situationen selbst schon erlebt hat. brr.

nachher noch bierchen auf dem hof mit dem großen sohn und einer freundin von ihm, dort bewunderung für die schauspielerische leistung von marc oliver schulze (die szene, wo er die geburt seiner tochter schildert, die ist wirklich sehr toll, hochdramatisch, rabenschwarz, komisch) und ein gewisses rätselraten darüber, warum reese das auf die bühne bringen wollte.

11. august 2021

sind der lichter viele, und der tag wird erinnert werden von der, die ich dann sein werde, aber es wird mir nichts passieren dabei, ein paar spuren zu all den anderen, das ist unfassbar, denn sie weiß nicht, ob es sie dann noch geben wird. seit einer woche weiß sie das. und sie schreit nicht die ganze zeit, sie erzählt eins nach dem anderen und wird dann still, ich habe ein paar minuten lang nur geflucht, alle die hilfreichen und lustvollen und lebendigen italienischen flüche, die mir einfallen, dio cane, eine lebensfeier, wir haben hummus gegessen, der hat geschmeckt, darüber haben wir auch geredet, darum wollte sie da mit mir hin, um es mir zu erzählen, wir waren vor einem jahr schon mal hier.

außerdem zufällig passiert: der g.-zwilling übersteht vollkommen unversehrt einen unfall, als ein wagen auf dem weg nach italien einen stau übersieht und ihnen hinten reindonnert, das unfallauto mit totalschaden, ihres kann weiterfahren. weites herz heute.

ich war seit hundert jahren nicht mehr im theater. zuletzt bei einer merkwürdig zähen inszenierung von dörr an der volksbühne, wo über stunden ein paar kutschen durch kleine arcadia-parzellen geschoben wurden, in denen aufwändig kostümierte leute sex hatten oder über s. redeten. es war dafür erstaunlich langweilig. aber jetzt, aber bald, ein unbekanntes stück, eine voraufführung, keine erwartungen, aber diese unwissenheit, bevor der vorhang sich hebt, wie wird es aussehen, ist es mehr text, mehr bild, oder ist ein ganzes. vielleicht hat sogar endlich jemand die musik ernstgenommen, das fehlt mir seit marthaler, und es wird eine inszenierung, bei der alles stimmt und wir die zeit vergessen können, dafür würde ich sogar video in kauf nehmen, alles egal. theater!

Enrique (steht inmitten seiner schafherde): Look at them. They look peaceful.
Ruth Anne: It sounds to me as if you are in a mid career crisis.
Enrique: Lately, I asked myself, what are people going to say about me, after I am gone? ‚Enrique Lopez, he raised sheep.‘ I gotta try something else before I am too old.
Ruth Anne: What are you gonna do?
Enrique: I don’t know. Cows, maybe.
(Northern Exposure 4/16, Ill Wind)

ich so in meinen beruflichen überlegungen.

sone und solche songs

das lustige gefühl, wenn auf der playlist plötzlich birdland von gespielt von pastorius läuft, mit einer bilderflut von räumen und menschen, und wie ich es immer noch lauter stelle. keine situationen oder stimmungen, nur die menschen, mit denen ich es mal gehört habe, bestimmt noch aus den achtzigern. ich verbinde das lied selber eigentlich mit nichts, mit nix eigentlichem, es ist nichts für den hintergrund, es fügt sich nicht ein, es ist ein rampensau-sound aus einer handvoll guter ideen. letzter raum in den erinnerungen der gemeindesaal, in dem m und m einen abend lang alle ihre freunde zum tanzen eingladen haben, jeder hat seine musik mitgebracht, und über birdland haben sich m und ich richtig gefreut. steht für sich selber, ist in meiner wahrnehmung vollkommen zeitlos. kann aber auch nichts anderes machen dabei, es fängt und hält die aufmerksamkeit.

das mag ich am neuen jazz, er findet im leeren raum statt, neue möglichkeiten, keine erwartungen, das glück, wenn sich dann etwas fügt. bestimmt eine altersfrage. oder ich erkenne einfach die ganzen themen/motive nicht.

fällt mir ein, wie ich einmal auf einer meiner geburtstagsparties vergessen habe, die musik zu handeln, und wie die ganze nacht eine ewig umfangreiche blues-playlist lief („Blues: 200 Must Have Classics“), als sei das absicht.

heut schrieb jemand auf twitter, dass er von den 10 topsongs keinen mehr kennt, mir geht das immer so mit den playlists der jungs. auf der sommerfahrt mit vielen kindern, auf die ich mitgefahren bin, hat einer der teamer irgendwas angemacht, etwas eher albernes, und alle kinder haben von einer sekunde auf die andere angefangen zu tanzen, aus dem geplauder und den spielen und dem teller-abwaschen heraus, alle zusammen, richtig mit schrittfolgen, jedes da, wo es grade stand. instantane freude übers rückenmark. sie kannten das von den vorhergehenden fahrten. es kann aber auch sein, dass ich zu lange kein konzert mehr gesehen habe.

18. juli 2021

seit ich wieder zum hinterhof schlafe, höre ich jede nacht ein oder zwei orgasmen, aber keine musik oder gespräche. außerdem gurrende tauben, die sich manchmal im efeu verheddern mit lautem flügelschlag. das schlafzimmer ist immer ein paar grad kühler als der rest der wohnung, es gibt nur morgens eine halbe stunde sonne. bisher träume ich noch zu selten vom meer.

den 5. transformers-film geguckt, erst nix verstanden, weil ich nur den ersten vor jahren mit den kids gesehen habe. wusste nicht immer, wer jetzt warum gut oder böse ist, über referenzen gefreut (das raumschiff der angreifer hat gewisse ähnlichkeiten mit dem schiff vom romulaner nero im star trek 11), die animationen übertrieben detailliert, fast ermüdend, trotzdem erschreckend real, drehbuch ist bestimmt von kitakindern entwickelt, wo ein kind eben roboter ist, das andere ritter, und dann kommen aliens.

danach bisschen in „la mort d’arthure“ gelesen, in der von thomas wright 1865 neu herausgegebenen ausgabe von thomas malorys version (nach der abschrift von william caxton). es riecht leider ein bisschen gammelig, aber der text funktioniert noch immer, wright kommentiert gelegentlich, es ist ganz amüsant, und in vielen schlüsselszenen anders, so zieht der junge arthur das schwert nicht nur einmal aus dem amboss, er tut von neujahr bis pfingsten eigentlich nichts anderes, für jeden anreisenden fürsten aufs neue, bis er alle überzeugt hat.

der sommer ist noch lang. ich gehe jetzt schlafen, ein wind bewegt die gardinen.

11. juli 2021

feld, sommerhimmel, wölkchen

an die zeit gedacht, die vielen jahrhunderte, in denen meine gene auf dem weg zu mir waren. von einer verwandten gibt es ein tagebuch, sie lebte ungefähr 100 jahre vor mir, aber ich vergesse immer, wie wir verwandt sind. auch meine großmutter hat eine art autobiografie geschrieben, die ist aber verloren gegangen, weil die familie zerstritten war. es bleiben namen und daten, aber schon vom lebenslauf meiner urgroßeltern hab ich nichts außer ein paar randdaten und 2 fotos. es geht wenig über die gegenwart.

nach leuten gegoogelt, die an meinem geburtstag geboren wurden, nur 100 jahre vorher. das geht nicht gut, weil es wenig online gibt über die normalbevölkerung, ich habe also gerichtsfälle gefunden, aber auch eine margarete cornelius, geboren am 11. 7.1865, 19 jahre später verheiratet, zwei kinder bekommen, von denen eines 1911 in ragusa bei einem unfall ums leben kommt. margarete adoptiert die beiden töchter ihrer tochter, eine davon wird eine berühmte fliegerin, die ist also halbwegs verewigt mit wikipedia seite etc. sie beendet ihr leben, nachdem sie ihren versuch eines fluges nach australien nach ein paar stunden abbrechen muss, 1933. ich denke an die mutter, die 94 jahre alt wurde, den 2. wk überlebt hat, den unfalltod einer tochter und den selbstmord einer enkeltochter, und den tod ihres mannes. respekt.

heute 56 geworden, auch diesmal ohne party, ich hoffe, ich komme da mal wieder aus dem knick, und mal wieder mit einem endspiel. will mit einer freundin gucken. leider hat das erdbeereis gestern nicht geklappt, weil der tiefkühler erst abgetaut werden musste, 3 cm eis brauchen 12h, um zu schmelzen, das ist erstaunlich. eis taut langsam. gleich an den permafrost gedacht, der klimawandel hat jetzt eine feste präsenz im bewusstsein und kann sich seine assoziationen nicht mehr aussuchen. jedenfalls mach ich mir jetzt halt eine erdbeertorte.

im göttinger anzeiger vom 11. 7. 1765 wird die veröffentlichung der „lettres trouvées dans les papiers d’un père de famille“ verkündet (ein anonymer briefroman, „der an ganz natürlichen doch unterhaltenden Begebenheiten sehr reich ist“), die inhaltsangabe ist sehr telenovela:

„Des Grafen von Orsainville ältester Sohn, geht nach vollendeten Exercitien in Kriegsdienste, wird bey einer Landung der Engelländer beschädigt und muss seine übrige Lebenszeit auf seines Vaters Gute zubringen; der Jüngste, von einer unbiegsamen Gemüthsart, erwürgte als Kind einen Papagey aus Muthwillen, verletzte einen Jäger der ihn abhalten sollte in andern Gehege zu jagen und schlug endlich einen Bauer todt. Der Vater bringt ihn auf ein Schiff, das ihn nach den americanischen Colonien führen soll, er entrinnt aber, kömmt nach Engelland, wo er ein Frauenzimmer von gutem Stand heyrathet, und mit ein paar Kindern verlässt, als Schriftsteller und dabey liederlich lebt, die Einladung seiner ganzen Famile verachtet, und endlich, im Wirtshause über einer Nationalstreitigkeit mit einem Stuhle todtgeworfen wird. Die Tochter des Grafen vergisst eine Neigung zum Klosterleben, die ihr eine alte von einem Jesuiten verführte Tante eingeflösst hatte, und heyrathet einen Irrländer der durch Einsichten und Fleiß die Güter seines Schwiegervaters sehr verbessert.“

hat jetzt die tochter das beste leben gehabt, oder ist dem/r autor/in da nur nichts eingefallen? (erzählte) leben jedenfalls, bei denen die zusammenfassung genügt, weil die ereignisse stärker sind als die wege dahin, da lob ich mir, äh, den alltag? die mühen der ebene? egal, erstmal frühstücken.

vielleicht sind ja irgendwann alle archive digitalisiert, und man findet ein starkes band an leuten und geschichten, mit denen nur der zufall einen fest verbindet. das würde mir gefallen.

aber wenn, dann wär es so:

das gepäck ins auto, völlig entspannt, weil ich ja allein mit hund fahre und ebenso gut die ukulele auch noch mitnehmen kann, um sie am see nicht zu spielen, oder ein fahrrad, oder zur sicherheit mein müsli. die ersten meilen in den süden, wie mein berlin noch an mir klebt, freunde, jobs, geschichten. das gedankenversunkene fahren bis in den thüringer wald, die letzten monate, was passiert ist, was nicht passiert ist, ob ich durchgekommen bin mal wieder mit mir, ob es immer noch hält, oder ich nur die brüche anders wahrnehme. der okaye bruch! ein hoch auf ihn. möge er nur im stillen krümeln. die plaste-elaste-schrift vermissen. im harz über die anzahl der kurven wundern, und das grün, und wie lang der weg ist. ab hof beginnt langsam der reisezustand, jeder kilometer mehr richtung süden macht pling und plong auf den herzsträngen. wie ich in münchen auch nach xx mal noch den navi brauche für die ausfahrt zur tante in ihrem haus am see, die familie, das bier zu den weißwürschtchen, das glückgsgefühl. am nächsten tag zu spät los, dann durch die rasertiefebene in die schweiz fahren, dort tiefenentspannt die berge hoch und runter, vielleicht stop an der bar in der via mala- schlucht. dann den bernardino hoch, endlich im tunnel, im tunnel fällt meistens die klappe und meine ferien fangen an. jedes jahr bewusstes danke, wenn es nach dem tunnel über die weitgezogenen kurven die südseite der alpen runter geht, mit blick auf ein ganzes tal, wenn blick ist. im radio laufen jetzt italienische sender, dann endlich bei lugano nord runter von der autobahn und in den feierabendverkehr eintauchen. über die kleine kurvige strasse zur grenze in fornasette, im wald hinter ponte tresa, die strassen werden leerer, durch die brust ins auge endlich zum seeufer kommen, nach luino, wo ich im riesigen carre four die ersten leckereien kaufe, wenn ich nachts ankomme, sonst fahre ich weiter bis laveno. über die seestrasse, die ich im schlaf kenne, die letzten paar dutzend km. am schluss das holprige stück durch brombeeren und wildwuchs hoch bis zum haus. fensterläden öffnen, kühles bier in die hand, liegestuhl ins verkrautete minigärtchen, blick auf die andere seeseite, während das auto noch in der sonne tickt. ausatmen. und es ist immer gutes wetter, wenn ich ankomme.

.

die liebe geschieht, wie es in ihrer macht steht, weil sie ist, pure gegenwart, ein wirbel, ein vogel, der fliegt und nicht landen muss, zwischen den sätzen und tageszeiten, sie ist ein schatten, nur kurz sichtbar, einen atemzug lang, und nachts guckt sie in den sternenhimmel, während die zeit zu schnell vergeht. all ihre schönheit passt in eine kleine berührung, mit der sie aneinander vorbeigehen, ein lied, das niemand singen darf, als wäre nichts, und nichts passiert. nichts ist passiert.

alles ist gut.

10. juni 2021

die wärme draussen umfängt mich, jeder blick ins blau und grün ist fest verbunden mit allen anderen sommern, die bilder hängen aneinander wie eine lichterkette, ich muss bloss die augen schließen. sofort eine tiefe grundentspannung, ich bin ein sommermensch, mag die hitze, werde erdbeereis machen, sobald ich den blöden freezer abgetaut habe. tanken für den winter beginnt jetzt.

friedrichshain, sommertag

gestern und vorgestern hatte ich die letzten prüfungen für einen abschluss als zertifizierte erzieherin, habe die ausbildung als sogenannte nichtschülerin ohne schulischen rahmen gemacht. das ist eine feine methode, quasi nebenher einen abschluss zu machen, wenn auch arbeitsaufwändig, weil es viel zu lernen gibt, und für prokrastinatorinnen wie mich zeitweise mühsam. dabei ist der gesamte stoff wirklich interessant, alles lässt sich direkt anwenden, ich habe viel gelernt dabei. nur der jargon ist gewöhnungsbedürftig. die pädagogik hat ein hohes mass an kombinierten substantiven, es gibt eine unmenge an x-kompetenzen, die man auseinanderhalten sollte. meine mutter dazu: endlich hast du einen beruf!

seit gestern (!) nach längerer ebbe zwei neue jobanfragen im alten berufszweig, total verlockend und interessant, wie üblich projekte, keine festen jobs, aber ist das nicht typisch? was für ein irres timing. einen musste ich absagen, so ist das halt, aber es tut ein bisschen weh. als erzieherin werde ich aller wahrscheinlichkeit nach sichere jobs haben, mit anderen herausforderungen, und durch die kontinuierliche beschäftigung ist der lohn wahrscheinlich am ende des jahres ähnlich wie bei diesen hin-und-wieder-projekten, die jedes für sich höher bezahlt werden. mein herz schlägt für beides, ich glaube, mein kopf braucht auch beides. vielleicht ergibt sich ja was.

28. mai 2021

gestern hat der freund vom großen das bett vorbeigebracht und mir sogar beim hochtragen geholfen. es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, aus nussholz, und es hat noch zwei lattenroste dabei, die zusammen schon deutlich mehr gekostet haben, als ich für das bett bezahlt habe. nach >10 jahren auf einem schlafsofa werde ich aufrüsten auf ein richtiges bett, bin sehr gespannt, ob es sich anders anfühlt, ich bin eher devise hauptsache horizontal. es ist ein italienisches bett, ohne schrauben, mit nur vier steckverbindungen, sieht nach gutem möbelhandwerk aus. da hatte ich glück. <3 ebay.

das zimmer wird nächste woche endlich tapeziert, zur zeit schlafe ich noch im would be arbeitszimmer, das allerdings im sommer eine schöne aussicht auf lauter grüne bäume hat, im schlafzimmer ist nur der innenhof vorm fenster. ich werde dann vermutlich wieder mehr vom schreibtisch aus arbeiten.

für den spätnachmittag hat eine freundin slots bei neo rauch bekommen, im gutshaus steglitz, sehr kräftige bilder und einen bronzenen kentaur im glaskasten, auf 3 räume verteilt. ich sehe zum ersten mal bilder von ihm in einer ausstellung, das gefühl ist: vorher noch nie gesehen, so intensiv wirken farben und figuren, großformatige malerei, bedeutungsstark, mit vielen ebenen, die alle nicht nur angedeutet sind. erste ausstellung seit november, sehr intensives erlebnis. danach noch ein bierchen mit den freunden, mein zweites mal in einem lokal seit 14 monaten, für die freunde das erste. beides wirkte euphorisierend. dann im auto durch die ganze stadt zurück und die stadt dabei gefeiert, steglitz! schöneberg! tiergarten, mitte, und mein gott, der alex, mit seinen quadratisch-praktischen hochhäusern.

für die ausstellung vielleicht den letzten test gemacht, am mittwoch ist die zweite impfung zwei wochen her. die impfpässe sind ca. einen mm größer als reisepässe und passen nicht in die für pässe gefertigten taschen, hoffe, ich finde noch was, das ding wird meine handtasche so nicht lange überleben. die mitarbeiterin hat sehr gründlich getestet, vielleicht nach den berichten über unzuverlässige arbeit in den diversen privaten teststellen in der stadt? – nach dem artikel per google gesucht, nichts gefunden, heißt das, es gab keine berichte, oder sie waren nicht wahr? hmm. erinnert mich an meinen versuch, berichte über mäuse in hotels zu finden, das ging mit google auch nicht gut.

abends noch den d.-zwilling verabschiedet, der wieder nach halle zurückgefahren ist. er trägt die haare nach kurzer weißblonder phase jetzt wieder dunkel und hat einen vollbart, mein kleiner 6-pfünder von 2001. abschiedsschmerz gefühlt, das leere nest wird zu etwas, das ich gestalten muss, aktiv angehen.