adams–zweig

kind hat im kino die vorschau für „schiffbruch mit tiger“ gesehen. ich brauche ewig, um das buch für ihn im regal zu finden, ich habe die bücher immerhin einmal geordnet, bei einzug, das sind 14 jahre entropie. sowas dauert doch wochen, mit festlesen, aussortieren, erinnertes nicht wiederfinden. klassisches herbstvorhaben, vorräte neuordnen, vs. dem ausmisten im frühjahr. ich brauche immer ein paar sekunden, um mich vom alphabetaren system zu lösen, dann suche ich ein weilchen still und unverdrossen nach den kindersystemen verlag-farbe-größe-bett?-wann gelesen, bis dann langsam andere, nicht gut steurer- oder formulierbare erinnerungen aufblinken, die zu einem gefühl führen, wo das buch stehen könnte. bis ich diesem gefühl vertraue und es ins bewusstsein lasse, das ist die suchzeit.

*

„glaube liebe hoffnung“ in der volksbühne gesehen, zum ersten mal ungeduldig geworden, als der abend immer wieder in stille und einem mehrfach gebrochenen, also akustisch gebrochenen, musikkauderwelsch stehenbleibt. das stück wird mehrfach aufgeführt an einem abend, die szenen dabei direkt nacheinander wiederholt, mit zwei elisabeths gespielt. ich mag das stück sowieso nicht allzusehr, es ist zu statuarisch, bleibt pamphlet, es ist mir zu klar, die figuren brauchen gar keine entwicklung, sie rutschen exemplarisch die geröllhalde runter und landen im sumpf, außer der frau, die landet im wasser. die handlung ist wie in einem boulevard-schicksal aufs wesentlichste reduziert, es ist wie ein plakat von staeck, blablubb, aber natürlich ist es aktuell und präzise, und wenn ich so ein weilchen drüber nachdenke, dann hat marthaler die figuren vergößert und ihre niederlagen irgendwie absolut gesetzt, durch diese verlangsamung und die wiederholungen. man hätte natürlich auch einfach ein paar sätze hinschreiben können auf die bühne, das wäre dann der nächste schritt, der verzicht aufs schauspiel, weil die wahrheit woanders passiert, die ganze zeit passiert, das theater macht den blick frei auf die welt, und zwar sozusagen ganz frei. mäh, bin unterzuckert. schöne stelle: wo die beiden elisabeths ganz leise und wie aus der ferne kommend wer hat dich so geschlagen aus der MP singen.

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aber ich hatte während der inszenierung zuviel zeit zum nachdenken über die inszenierung,  zuviel raum. ich bin ein kind meiner zeit, jede minute stille fülle ich mit dem inner stream, leere gibt es nur in ganz seltenen momenten totaler selbstidentität.  wenn man mit dem meditieren beginnt, hat freund a. von einem workshop in indien erzählt, und du eigentlich deinen kopf  befreien solltest, ihn ganz leer bekommen willst, dann kommen stundenlang gedankenketten nach oben. ich sollte noch ein paar mal reingehen, glaube ich, ich könnt mir vorstellen, der abend erlangt dann eine wucht.

im bücherstapel an der regalaußenseite im wohnzimmer: römische satiren. darin wollte ich zufällig eine stelle finden und habe bei persius begonnen, liest sich wie von google übersetzt:

Opfre dein Ich dem Gewinn, treib Handel, erstöbre mit Scharfblick
jegliche Seite der Welt, daß ja kein anderer geschickter
patsch auf hartem Gerüste den Speck kappadokischer Sklaven;
dopple das Gut! „Ich tat’s; schon dreifach kehrt es mir, vierfach,
zehnfach schon in den Beutel zurück; steck ab, wo ich ruhn soll!“

kappadokien.

ich wollte heute bei horaz, dem klaren, nach einem weniger drolligen vers suchen, aber das buch ist schon wieder auf die reise gegangen.

3 Gedanken zu „adams–zweig“

  1. Man möchte in deinen Bücherregalen wohnen. Hab gerade ein Programm mit „Poesie-Filmen“ gesehen, vom Zebra-Filmfestival, es war so grauenhaft zumeist, dagegen ist dieses Stück Persius leichtverständlich elegant ein Genuß. Ich kenne so gut wie garnichts Klassisches,da fänden sich sicher Perlen, und manches möglicherweise verfilmbar.

  2. da ist leider grad voll, aber du kommst auf die warteliste.
    verfilmen, das ist eine wunderbar luxuriöse idee, diese übersetzung hat sowas heftig schlingerndes, mit unwucht zwischen den wortwahl, syntax und aussage. es entwickelt aber beim lesen eine lustige dynamik:
    „Geht’s doch immer so fort: Schon dringt durchs Fenster der helle/ Morgen und strömt sein Licht weit aus in die schmächtigen Ritzen,/ und doch schnarchen wir fort, bis der wilde Falerner verdampft ist,/ während der Zeiger bereits auf elf Uhr steht mit dem Schatten.“ (3. Satire V. 1-4), oder hier, auch 3.:

    Hier könnt einer vom Volk strengduftender Centurionen
    sagen: „Genug ist für mich mein Wissen; ich schere mich nicht drum,
    was ein Arkesilas war und ein grämlicher Solon, zu werden:
    Wenn mit brütendem Haupt und den Blick fest heftend zur Erde,
    Wütenden gleich, im stillen für sich ihr Gemurmel sie kauen
    und dann wägen die Worte auf weit vorhängender Lippe,
    über den Traum nachgrübelnd des fiebernden Alten: Es werde
    nichts aus nichts und nichts könn wieder zurück in das Nichts gehen.“

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