kein aufschrei

die aufschrei – sache hab ich erst gestern so richtig mitbekommen, das netz ist arg schnell und ich hatte ein sehr beschäftigtes wochenende mit schulbesichtigungen und teenieübernachtungsparty bei mir und erwachsenenparty bei freunden, und ikea.

mein erster gedanke war: jetzt werden die deutschen männer ihren charme ganz abstellen, mein zweiter: halt, es geht nicht ums charmieren, sondern um übergriffe, von schritt 1 zu schritt 2 habe ich schon einen halben tag benötigt, ich denke, weil ein artikel in der berliner (find ich jetzt nicht) die macht dieser welle nur schildern und nicht spüren lassen konnte – und weil ich die erlebnisse auf twitter noch nicht gelesen hatte. ein paar kommentare vertraten die meinung, dass es sich um einen feinen grat oder sowas handele, ziwschen anflirten und belästigen, das habe ich gelesen und meine einschätzung daran orientiert und bin damit einer offensichtlichen männerstrategie aufgesessen, denn selbstredend liegen lichtjahre zwischen dem einen und dem anderen, wenn man mehr als eine sekunde darüber nachdenkt. ich dachte, dass erziehung, persönlichkeit, seelische gesundheit bei den meisten dafür sorgen, dass sie flirten als spiel mit mal mehr, mal weniger heissem herzen begreifen, dass die übergriffigen und sexisten also klar die anderen sind, die mir nicht begegenen und an die ich nicht gerate, wobei ich die paar idioten in der bahn oder auf der strasse mit obszönen gesten oder worten als normal erachte, genau wie die penner und die hooligans und die trunkenbolde.

vorm einschlafen kam dann die erinnerung hoch, an diesen einen diabetologen, bei dem ich mal in einer ganz und gar elenden verfassung gelandet war, nach einer über- oder unterzuckerung mit unstillbarer übelkeit und schüttelfrost, und der mir, auf einer liege im hinterraum der praxis liegend, den puls gemessen hat und dabei meine hand an seine hose gedrückt hat, mit seiner erektion drin, und mich festhielt, als ich wegwollte, und sagte: „einen moment noch“. ich hielt auch in diesem fall den mann für eine ausnahme, nein: ich nahm glaube ich sogar die situation als eine ausnahme für den mann, als sei der womöglich sonst ganz in ordnung, so als arzt, hätte eben nur das kleine problem, dass er seine lust als masstab für sein handeln nimmt und nicht den anstand und respekt vor patienten im allgemeinen und frauen im besonderen. ich hab seitdem kaum an die episode gedacht, und nur, wenn ich mich wieder mittenrein begebe, ist auch die erniedrigung und funktionaliserung meiner situation wieder da, und ich kann denken: du vollarschloch. ich muss dafür von meiner selbstwahrnehmung das toughe berlinfrau-ding erst abschälen, dass den mann einfach als eher komischen soziospasten mit einer erektion-so-what abtun will.

ist das nicht irre? wie widersprüchlich da mein weltbild ist, einerseits sind es die anderen, die übergriffig werden, und dann ist ein einzelner übergriff noch nicht mal ausreichend, um sexist zu sein, und ich finde einen schwanz nicht mal besonders dramatisch, wenn da noch stoff zwischen ist – dabei ist der mann natürlich eine schande für seinen beruf und sein geschlecht gleich mit. hab ich reagiert damals? nein. es hat mich kurz geekelt, aber mir war sehr schlecht und diese geschichte habe ich weggepackt, als es mir dann wieder besser ging, sobald das mcp wirkte.

die fehlende selbstbeherrschung bei begierde, überhaupt die geilheit angesichts einer wehrlosen frau, das war bei mir einfach ein irgendwie hormonelles ding, mit dem die männer zu kämpfen haben, klassische täter-zu-opfer-verschiebung, aber so bin ich aufgewachsen, mein vater konnte auch nie was dafür, wegen seiner kindheit – deshalb läuft mein automatisches denken noch immer auf dieser bahn, so wurde ich erzogen. es war dabei auch ein zeichen von souveranität und drüberstehen, wenn man als frau das einfach ignorieren konnte. an sabbernde männer erinner ich mich einfach nicht, sowenig wie an schlechtes wetter.

weibliche sexualität gab es in meiner gesamten kindheit überhaupt nicht, fällt mir dabei auf, und die männliche ist ein stetig dräuendes etwas, eine dunkle macht, etwas, das man zähmen und gut pflegen muss, und zwar: als frau, weil „die männer sind halt so“.

puls fühlen?

meine fresse.

 

7 Gedanken zu „kein aufschrei“

  1. „weibliche sexualität gab es in meiner gesamten kindheit überhaupt nicht, fällt mir dabei auf, und die männliche ist ein stetig dräuendes etwas, eine dunkle macht, etwas, das man zähmen und gut pflegen muss, und zwar: als frau, weil „die männer sind halt so“.“

    Die letzten Tage viel zu viel Kluges (und Unkluges) über falsche Semantiken und Vorstellungen in unseren Köpfen gelesen, aber jetzt doch wieder sehr betroffen von dieser Beschreibung, weil vertraut und trotzdem unglaublich schrecklich, wenn man es so schwarz auf weiss sieht. Und ja, ein Vollarschloch.

    1. ein irres bild, das kannte ich tatsächlich noch nicht.

      zeigt den mänerstandpunkt (aktiv, ich darf doch wohl mal gucken) und die frauensicht (passiv, nur noch objekt der begierde, alle gucken)

      ein spiessrutenlauf.

  2. Interessant finde ich ja, dass wir alle diese kleinen Geschichten nienienie vergessen. Die Demütigung, das bittere Ausgeliefertsein, ist in der Summe womöglich prägender als man glaubt. Und hier liegt wohl der Hase im Pfeffer: Es ist ja immer ein Machtgefälle. Wir wirken unterlegen durch Nicht-Reaktion aus fassungslosem Unverständnis (das kann der doch nicht wirklich ernst meinen, der arme Kerl).
    Ja, und Du hast Recht. Auch ich bin mit dieser Dampfkochtopftheorie groß geworden. Damit kann jede sexualisierte Erniedrigung als mehr oder minder tollpatschiges Verhalten erklärt werden. Der weiß halt nicht wohin mit seiner Energie. Wir wollen die Arschlöcher auslachen, aber unsere Fluchtreflexe verraten uns, und jeder nur um zwei Zentimeter gesenkte Kopf wird registriert. Deshalb funktioniert das immer noch, I guess. Und was für eine Scheiße: Wir müssen die Definitionsmacht über sexualisierte Gewalt tatsächlich noch in uns üben, bevor wir Jetzt-ist-aber-Schluss zeigen. Boah, und ich hab echt genug anderes zu tun, gerade mal wieder.

    1. danke für die wunderbare zusammenfassung.

      „Wir müssen die Definitionsmacht über sexualisierte Gewalt tatsächlich noch in uns üben, bevor wir Jetzt-ist-aber-Schluss zeigen.“

      ja, das ist genau so.

  3. wobei ein teil von mir immer auch den ganzen langen, langen weg zurück denken möchte, also noch bevor der sex von männern zum macht- und unterdrückungsinstrument gemacht wurde, bevor sex und macht ineinander verschlungen wurden aus niederen motiven, weil: sex wird total überbewertet. sex macht spass und ist ein bedürfnis, aber so wichtig isser nu auch nicht, dass man ihm alles ans bein binden sollte.

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