songbook

die bilder sind groß, schwarzweiß, besonders die grösse überrascht mich, weil ich sie bisher nur im bildschirm- oder buchformat gesehen habe. jetzt nimmt die qualität der drucke einen großen raum ein und gibt ihnen das kunstding, das im kleinen format nicht so dominant ist und mir hier fast zu aufdringlich ist, bei aller klasse und qualität. die ästhetik ist plötzlich ein selbstständiger aspekt und wirkt fast verfremdend, wie ein kommentar hinterm rücken, ich weiss noch nicht, ob ich das mag oder nicht, aber die bilder haben kraft und diese leichtigkeit, die ich so großartig finde, das zeitlos dokumentarische, menschheit, wie sie eben ist, in diesem unprätentiösen einszueins-stil, lauter wunder vor landschaft. nur die größe ist mir zu ausrufezeichen, hindert aber nicht daran, minutenlang begeistert davor zu stehen, wenn sie verstehen, was ich meine.

2004 in der vorvorgängergalerie von loock, der wohnmaschine, ausstellung zum buch sleeping by the mississippi, da waren auch kleine drucke dabei, die alle auf eine wand passten, vollkommen andrer eindruck und anderer schwerpunkt.

soth ist in den letzten jahren mit dem autor brad zellar ein paar jahre regelmässig durch die USA gezogen, immer so ein paar wochen lang, sagt er, die beiden haben mit bild und text portraits der provinz zusammengestellt und in din-a3 papierzeitschriften veröffentlicht, im eigenen verlag. die wurden für jeweils 18$ direkt auf der verlagswebseite verkauft, in einer auflage von jeweils 2000, weil das eine runde zahl war, wie er sagte. die letzte über georgia war die letzte, heisst es, die bilder aller sieben hefte sind mit anderen im neuen buch versammelt, songbook, nach dem great american songbook, im buch fehlen allerdings die meisten der sehr schönen texte. er wollte raum für die bilder, hat er bei der buchvorstellung erzählt, ich finde es schade und vermisse die texte sehr, ich hoffe, die beiden haben sich nicht verkracht. das buch erscheint bei mack, weil es dort richtig beworben und gut verkauft werden soll. ist es jetzt ein buch zur ausstellung oder eine ausstellung zum buch?

die fotos bei loock zielen schon auf die grosse marktmaschine kunst und deren wohlhabende käufer ab. ich habe soth bisher als eher dem markt abgewandten künstler gesehen, vielleicht ist jetzt einfach der richtige moment für den großen sprung ins geld, oder er hat von anfang an den internetz- und den kunstmarkt mit unterschiedlichen strategien bespielt, weiß ich ja nicht. ich wünsche dem mann jedenfalls erfolg und viele käufer mit leeren wänden und bin zufrieden, ich kann mir kein großfoto leisten (preis erfragen, hab ich vergessen gestern), habe aber viele der inzwischen vergriffenen kleinen preziosen im haus, bei denen es um die sache ging, und nicht um den möglichen mehrwert. macht die armen wie die reichen glücklich. well done.

die kids sehen ihre schaumparty endlich mal in ganzer fläche, der große entscheidet sich für eines der abschlussballbilder, ein zwilling nimmt das, auf dem ein stein zwischen zwei arbeiterhänden fliegt, der andere schmollt und will nach hause. gregor macht ein selfie mit sich und soth, es war seine idee, er ist erst losgesaust, als ich ihm gesagt habe, der mann sei berühmt. er hat das auch soth erzählt, „because my mom says your’re famous“, daraufhin wollte soth von ihm wissen, wo ich denn sei? – zum glück woanders. das hab ich nu davon. finde es aber auch interessant, als ob ruhm die versuchte grenzüberschreitung zum berühmten von vorneherein impliziert und damit leichter macht, weniger blosstellend, weil der bittende in eine rolle schlüpfen kann, die ihn tarnt. der große fragt soth nach einem der bilder, dem mit der frau mit den beiden plastiksäcken mit getränkedosen über den schultern, und er erklärt es dem kind, geht mit ihm hin, zeigt zusammenhänge zum bild davor, dem vom rennplatz. netter typ. geht hin, die ausstellung lohnt sich, es ist galerienweekend am 2./3. mai.

unter der theke am counter haben sie auch einen schatz, ein exemplar des lange vergriffenen (es wird auch nicht mehr nachgedruckt, hat soth gesagt) broken manual, man kann es sich anschauen, wenn man die dame fragt, wirklich schönes buch, sag ich jetzt mal so in den raum. hat mir ein lehrer der kids gesteckt, den wir da getroffen haben, schon deshalb gut, dass ich die jungs dabei hatte. schöner abend.

 

5 Gedanken zu „songbook“

  1. Ich mag die Zeitungen von Soth/Zellar sehr. Und es stimmt, je qualitativer die Bilder präsentiert werden, desto mehr rutschen sie in einen ziemlich abgeklärten Bereich. Ich mag an Soth gerade das Hybride, dabei auch Nette, Umgängliche; und wie offen er zugibt, unter nicht ganz okayen Bedingungen den mittlerweile dementen Eggleston heimlich fotografiert und ihm Briefmarken geklaut zu haben.

  2. das bild ist ja nicht vollständig ohne diese geschichte, es wird besser dadurch, das ist irgendwie kein nureinbild-bild, es wirkt sehr gestohlen, schon durch das gitter im vordergrund, du meinst doch dieses hier?
    das umgängliche mag ich auch sehr, und das altmodische in den bildern, also im sinne von statisch, die ruhe, das stehenbleiben, und dass sie nicht nur digital, sondern auch als zeitung überall verfügbar sind.
    hier noch ein längeres interview mit ihm über prozesse und projekte, „I am a project-type of guy“ oder so ähnlich hat er es formuliert vorgestern.

  3. Ja. Großartiges Bild. Ich muss bei dieser Geschichte daran denken, wie bei Handke Lügner oder Diebe vorkommen würden. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Soth — der sich unter anderem auf Wenders bezieht — Handke gelesen hat.

  4. wenders, stimmt, den sieht man richtig in den fotos, so ein freundliches pathos, im spielerischen fast versteckt. handke kenn ich leider zuwenig, aber barthes fällt mir ein, „über einige Fotogramme Eisensteins“, in der entgegenkommende und der stumpfe sinn, suhrkamp, s.47f, erst über die informative ebene des bildes, dann über die symbolische, schließlich über eine weitere: „Ist das alles? Nein, denn ich kann mich immer noch nicht von dem Bild lösen. Ich lese, ich rezipiere (…) evident, erratisch und hartnäckig, einen dritten Sinn. Ich weiß nicht, welches sein Signifikat ist, zumindest kann ich es nicht benennen, aber ich sehe deutlich seine Züge, die signifikanten Beiläufigkeiten, aus denen dieses bisher unvollständige Zeichen besteht.“

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