der text von vor ein paar jahren, als lückenfüller ausgegraben. gemerkt, dass es schwerer wird, sich als flirtatious zu beschreiben, weil die leichtfüßige identität körper-sex-selbst durch das altern gestört wird, es schleicht sich rein wie ein nervig mitlaufender untertitel. vielleicht der am wenigsten fühlbare verlust, ersetzt durch bisschen ironie, bisschen bitterkeit, man redet lieber drüber, als es zu tun.
Monat: Juni 2015
kw
neulich im christmon oder im sz-magazin einen einfühlsamen artikel über einen mann gelesen, der bei einem unfall seine hoden verloren hat, besonders erwähnt wurden die psychischen folgen seiner zeugungsunfähigkeit. gedacht, wir frauen sind nur ca. 30 jahre unseres lebens fruchtbar, nur ein paar tage pro monat, und haben andauernd hormonballett im kopf. zu wenig mitleid gehabt.
die ukulele nur spielen, weil sie so schön aussieht mit ihrem rotbraunen mahagoni, und so klein und leicht im arm liegt. bei den anderen instrumenten spielen aussehen und haptik auch eine übertriebene rolle, das glänzende rosewood auf der konzertgitarre, wie die decke vibriert bei jedem ton. eher sammlerin sein als macherin, glaube ich, mehr in der wahrnehmung zuhause als im umsetzen, auch beim üben.
auf dem roten kugelschreiber, den ich in die klassenkonferenz mitnehme, steht „halbstarker“ in fett, merk ich erst, als ich da bin. dem kind fällt die entschuldigung, die alle am dringendsten hören wollten, am schwersten, man sitzt daneben und will übernehmen, besonders, weil das kind sich sonst immer und sofort entschuldigt, vielleicht auch aus strategischen gründen, denke ich jetzt.
die ärztin, die mir den abbott libre verschreiben will, um eine position pro diabeteshund gebeten, die sie sofort und überzeugend liefert. <3
pssst
wenn ich ein bisschen flirte, dann meine ich das genau so, nichts halbes und nicht ganzes, als spiel und als kompliment, und wenn ihr das bemerkt, nehmt es einfach als lebenszeichen, es macht spass, all den kram nur anzudeuten, der sonst mit viel aufwand gelebt werden muss, ein kleiner kick sexiness, ein erinnerung an das, was ihr euch wünscht, also jetzt nicht mal von mir. ein lüften der ollen decke über all dem, was fließt und atmet und sich mitteilen will, weil es geht.
(in italien aufgewachsen bin ich. dort ist es unhöflich, gar nicht zu flirten, und deutschland macht mich echt fertig mit all seiner funktionalen angst vor missverständnissen. ein kleines ich seh dich ganz, and I like it, und ich will dich nicht heiraten.)
(das leben als single)
rantino
bisschen ranten wurde ich gerne, sind aber alle so nett überall, bevor sie in ihre fein strukturierten leben zuruckgehen, als hätten sie die erfunden. alles gut, alles fein. hätte gern eine tastatur die gross genug,ist , um auf sie einzuschlagen mit beiden fäusten, aber nein, man sitzt und tippelt mit den fingerspitzen vor sich hin, als würde man so irgendwo im leben weiterkommen. wir sind cyborgs, unsere gedanken durch hunderte von spiegeln gelockt, nichts ist mehr eigen, wir sind alle und gleichen uns immer.
liberberlin und kolportage
wärend meine mutter und ich uns gegenseitig in die gemäldegalerie begleiten, wo eine art tag des offenen buches (pdf) stattfindet, eine mischung aus verlegern, buchhändlern der stadt und antiquariaten, über die menschen dort nachgedacht, und ob ich eventuell gern dazugehören möchte. fast alles männer und frauen in meinem alter, gut gekleidet, auf eine komplizierte und nicht offensive weise intelligent aussehend, als hätten sie viel erlebt und könnten nur wenig davon mitteilen. sie schüchtern mich etwas ein, wie alles durchgeistigte, aber meine mutter plaudert munter mit jedem, erzählt ihre lebensgeschichte und freut sich, dass ich mitgekommen bin.
die mischung ist glaube ich zu bunt, um wirklich kaufendes publikum anzuziehen, an den altbuchständen gibt es von kinderbüchern über kartenwerke und belletristik alles, von ollen inselbändchen bis zum zauberberg in hundertster auflage, signiert, für 1.4, wenn ich richtig erinnere. einen spezialisten für autografen gibt es auch, er zeigt in einer kleinen glasvitrine einen kafkabrief für 120k. gibt es käufer dafür? wird der preis nicht dann erst real, wenn ihn jemand bezahlt? die kunst der setzung.
das antiquariat t. hatry (sehr oldschool, ein geschäft auf 5 stockwerken, aber keine webseite) hat einen interessanten schatz ausgegraben und mitgebracht, eine reihe von 189 zeitschriftenromanen aus den jahren 1931 bis 1942, erschienen im zeitschriftenverlag a.g., kurz z.a.g., als beilage einer wochenzeitschrift, die unter verschiedenen namen erschienen ist. die illustrationen auf den titeln sind sehr besonders, der verleger anthon bakel hat dort immerhin einigen künstlern der nazizeit ein auskommen ermöglicht, hannah höch ist dabei, und viele, die ich nicht kenne, einige illustrationen hätten glatt aus den fünfzigern stammen können, sag ich jetzt mal so, faszinierend, wie besonders jeder titel ist, obwohl sie sich stilistisch so ähneln.
sie wollen die ganze sammlung verkaufen, für runde 10.000€, aber vielleicht zeigt sie der alte oder der neue eigentümer ja noch ein bisschen herum. leider kaum bilder online gefunden, nur in der oben verlinkten pdf finden sich ein paar.
„Im Mittelpunkt dieses Romans steht ein großer Erfinder und zwei junge Menschen. Durch eine interessante Preisfrage, die der alte Erfinder an die Welt richtet, werden für die Preisträger und den Erfinder seltsame Verwicklungen herausbeschworen. Gewaltige Erd-Katastrophen und die große Hilfs-Expedition zur Rettung der Helden versetzen den Leser in höchste Spannung. Eine reizende Liebesgeschichte legt einen freundlichen Rahmen um das Geschehen, dessen Ende hier noch nicht verraten werden soll.“ (Die 5. Frage, Roman des Theaterkritikers Fritz Gottfurcht, alias Anselm Goth)
„Im Norden Berlins haben zwei Werkstudentinnen ein ,Büro für Frauenberatung' eröffnet, um ihr Studium zu finanzieren. Leider ohne Erfolg, die Einrichtung ist schon gepfändet. Ein Tag vor dem Auszug aber bringt ein Unbekannter ein kleines Mädchen, legt 4000 Mark auf den Tisch und verschwindet.“ (hier steht nur der name der autorin im katalog, eine gewisse Luise Käthe Wolter-Karai)
beide von 1934. eine wilde mischung also, erst in den späteren romanen ab 1938 scheinen die übel propagandistischen titel zu überwiegen, man müsste sie natürlich lesen dazu, aber die inhaltsangaben sind schlimm genug.
sense8
sense8 geguckt. ob es eine entscheidung war, die serie mit reinem pathos zu beginnen? also nur pathos, ohne klare orientierungspunkte, ich wusste auch nicht, worum es gehen sollte. hat mich an angels in america erinnert, vom großen gestus her, macht aber ungeduldig, weil wir heute anders sehen als vor ähm jahren, eiliger, wir suchen das besondere nur im bekannten, es macht fast aggressiv, wenn man in den ersten minuten in eine opernhafte sterbeszene geworfen wird und mit was einfacherem, verständlicherem gerechnet hat.
die idee der empathie als bedrohung des systems mag ich sehr, schön sixities und flowerpower, aber es hat gedauert, bis ich sie im film verstanden habe (nicht gespoilert vorher), die wachowskis setzen bedeutung voraus, statt sie im drehbuch wachsen zu lassen, sehr unbescheiden und im impetus schon fast wieder gut, wenn es nicht etwas merkwürdig jesusfilmhaftes hätte. absurd, wie dann im verlauf der staffel alle konflikte ausschließlich mit gewalt gelöst werden, als gäb es im kopf der regisseure zwei konzepte, die total gegensätzlich sind und nichts voneinander wissen, anders als die sensates im film. (die gewalt fand ich ernsthaft bescheuert und musste mich häufiger mit dem gedanken an die kohlköpfe beruhigen.)
mochte die vielen länder mit sehr tollen kamerafahrten, die serie immer dann gut, wenn etwas neues passiert, die biographien der figuren funktionieren halbwegs, selbst wo sie chlicheehaft sind. sie sind alle traumatisiert, oder in einer position der gesellschaftlichen ächtung, das ist ungewöhnlich für eine serie aus den usa, alle in einem laufenden konflikt, der in der ersten staffel nicht aufgelöst wird, fand ich auch interessant. alles sehr gemütlich aufgebaut leider, da hätte eine ordentliche verdichtung gutgetan.
auffällig viele schöne männer, also diese pinup- schönheit, bei der es gar nicht mehr wichtig ist, was die leute tun oder sagen. wenn die leute in der zweiten staffel endlich die welt retten statt immer nur einander, oder etwas wirklich revolutionäres tun, würd ich weiter gucken, die verfolgerei durch den regierungsschurken wird jetzt langweilig. bin außerdem für gewaltfreie versionen, wo wie in stummfilmzeiten immer nur steht „sie prügeln sich“ oder „sie ballern rum“.
dazwischen
bin bisschen gespalten in den bedürfnissen, einerseits versucht, mir für die zeit schnell noch eine geschichte an land zu ziehen, klar fehlt da was, aber es fällt keiner auf in der masse der gesichter und profile, wie ein wort, das man zu oft sagt. die alternative nur-körper ist dann doch, ich weiß nicht, einfach weit weg von dem, was ich bin, und das gerede in den kneipen mit den freunden ist genau das, ein warmes/lautes hohoho in die nacht. außerdem muss ich lachen, wenn mir jemand von seinem penis vorschwärmt, echt, penis? gut, wenn einer dran ist, wenn es ein mann ist, okay. ich sehe die männer, wie sie solche mails schreiben und den langen schlingerpfad, fluchtpunkt p, den sie hinter sich haben, über berg und tal. wozu haben wir eher ganzheitlichen den langen weg der sozialisation hinter uns gebracht, dabei bedürfnisse verbunden, beim sex das resthirn erschlossen? gern etwas zwischen plüsch und dem hier, zwischen nur geist und nur körper. not?


