juni

wo sie wohl hin ist, die frau casino von früher? sammle die scherben ein nach einem wochenende voller streitereien mit den jungs, müdigkeit, grade außer atem plötzlich vorm spiegel gelandet, zuviel grau, die augen umringelt, alles sieht alt aus, die klamotten irgendwie übereinander gezogen und nicht zur feier des junisonntags, eigentlich total hinüber, erschöpft und unfroh. meine mutter hat mir mein geburtstagsgeschenk wochen früher gegeben, weil sie auf reisen geht, ein leder-armband einer extrem namhaften französischen firma, hell yes, denke ich, aber wo ist die frau hin, die sich dadrüber echt sehr gefreut hätte, e che ne so, an einem verregneten junisonntag vor 15 jahren lag die mal auf dem bürgersteig der dieffenbachstrasse im regen, unter einer ollen bmw, und hat die ölwanne ausgetauscht, die einen tag davor zerschreddert wurde, als ich mit zuviel schwung auf den bürgersteig gebrettert bin, um einer freundin zu hilfe zu eilen – die hatte sich vor ihrem sehr neurotischen lover in ihrer parterrewohnung versteckt, und der war dabei, durch das küchenfenster einzusteigen. die freundin blieb unter ihrem schreibtisch, ich schmiss den herrn raus, der auch nicht mehr so genau wusste, was er da tat, sich aber weder entschuldigte noch wunderte, sondern einfach „okee“ sagte und ging, jedenfalls lag ich da an dem sonntag danach, und ein mann trat zu mir, ich sah nur seine beine, und sagte „ich hab auch eine guzzi“, ich musste lachen und hab öl ins gesicht bekommen – mit dem hab ich dann in den wochen danach ein paar touren gemacht, er hatte tatsächlich eine california III, in weiß, wunderhübsch, der wollte mich dann nicht mehr sehen, nachdem ich ihn einmal zum tango in den meistersaal mitgenommen hatte, ich immer lederhose und stiefel unter die tangokleider und mit helmfrisur, das hat mir was ausgemacht damals, aber mit den halben helmen sahen die haare irgendwie noch schlimmer aus, oben geplättet, unten verklettet, das war auch nix, der typ ein reicher architekt aus kreuzberg, mittfünfziger, erstes motorrad, der kam mit der frauenrolle im tango nicht klar, so eine frau wollte der nicht, jedenfalls lachen die freundin und ich noch heute über den lover, so ein verkrachter künstler war das, die gab es damals noch. sie hätte sich besser auf dem hochbett versteckt, auf dem wir dann auch mal in einer sylvesternacht zu dritt, weil wir beide denselbsen typen cool fanden, der mann war dann aber überfordert, glaube ich, und hat uns einzeln mit nach unten ins zimmer genommen. war auch okay. jedenfalls vermisse ich diese ganzen geschichten etwas, sind die noch da, bin ich das noch? das moped hab ich verkauft, als ich schwanger wurde, an einen mann, der fürs technische museum alte sachen gekauft hat, das war auch ein feiner tangotänzer, der sich getrennt hatte, um mit einer jungen tanguera durchzubrennen, und es hat mir erst etwas leid getan, das ich das nicht war, aber dann kam meine liebe und der tango hörte auf, er hat meine kiste noch genommen, für 3300 dmark, und kam mit seinen beiden pubertären töchtern, um sie abzuholen, und ich dachte noch: so große kinder hat der, mei oh mei, der muss schon über vierzig sein. kann das denn sein, dass es diese leute nicht mehr gibt, wo genau hält sich dieses paralleluniversum mit all dem sex und den nächten und den möglichkeiten, den offenen stellen, den lücken und den räuschen, dem morgendlichen nachhausegehen an der seite eines typen, man hat keine ahnung, ob man ihn mitnehmen will oder lieber doch nicht, es wird sich ergeben, es ist noch zeit, und man blinzelt ins sonnenlicht, die strassen sind leer, dann geht man mit, oder eben nicht, ich habs vergessen, es ist alles solange her. (ach jugend. das ist so ein moment, an dem sich frauen gleichzeitig zum fitness, zur pediküre und zum friseur anmelden, und sie können drüber lachen dabei, aber es tut trotzdem ein bisschen weh)

10 Gedanken zu „juni“

  1. Ja, das ist alles weg. Meins ist in San Fancisco geblieben.

    Ich denk oft daran, meine innere Mona Lisa hat dann ihren Auftritt.

    Preserve your memories. They’re all that’s left you.

  2. Wunderschön beschrieben.

    Manchmal denke ich: das ist alles gar nicht weg, oder muß es nicht sein … Vielleicht hat man selber einfach zuviel Angst, ruht nicht mehr so in sich oder ist nicht mehr so von sich überzeugt wie damals.

    Dann sind diese Momente scheu und nähern sich nicht mehr.

    Ob das jetzt richtig gedacht ist, weiß ich aber auch nicht.

  3. Ardbeg, Herr Kid, Ardbeg. (Aber der eine billige Whisky damals im Zahnputzglas in der Cascina im Piemont, die anderen schon im Schlafsack, vor der Mitternachtspasta direkt aus der Pfanne … na, ich hör schon auf. Es war ein Foto von mir auf dem Moped, am ersten Tag, shining, stolz wie Bolle)

  4. .. muss ich jetzt mal einen österr. kollegen zitieren. aber nur, weil hier das passiert, was sich auch in guter literatur abspielt: dass man etwas liest und denkt, oh mei, wie kommt die frau casino dazu, soo frank und frei von mir zu erzählen..?

    aber ists nicht so auch: „es“ ist weg. einesteils. weil wir uns alle verändern, weiterentwickeln könnte man auch sagen. der gedanke, dass alles noch genauso wäre wie vor 15 jahren – der ist doch auch nicht nur gut, oder?

    dass es weh tut, ja sicher, vor allem tut es eben besonders weh, wenn’s jetzt nicht so groß ist wie es sein sollte, ach scheiße, ich will hier gar nicht mit zaunpfählen jonglieren. sie sind das. auch jetzt noch. ist alles noch da. anders und wieder anders und das wird noch weitergehen und nicht immer mühsam und mit pubertierenden herandwachsenden konfrontiert und mit augenringen usw. usf.

  5. lieber lucky, genau, der matsch der geschichte! schlammpackung!
    agnesz, da haben sie hoffentlich recht, vor allem damit, dass die meisten änderungen erwünscht und erarbeitet sind. und ich hoffe, dass die augenringe irgendwann unnötig sind, weil die dinge weniger stressen, weil man geschmeidiger wird im umgang damit. vielen dank für den schönen ermutigungsfaktor in ihrem comment (& for the flowers).

    mein internetz war weg seit gestern, darum les ich das erst jetzt, weil mein hund die hardware durchgebissen hat. ich dachte die ganze zeit, huch, vielleicht revolution, kein netz mehr.

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