14. september 20

heute früh auf twitter gelesen, dass es vermutlich leben auf der venus gibt oder gegeben hat, seitdem warte ich darauf, dass alle anderen auch so aufgeregt sind wie ich. bin sehr gespannt auf den artikel, in dem die forscher ihre ergebnisse vorstellen und hoffe, dass ich ihn verstehen werde. kann man die zeitschrift nature in berlin irgendwo kaufen? ein exemplar aus papier scheint mir der nachricht angemessen.

tardigrades können in so gut wie jedem umfeld überleben.

daran gemerkt, wie sehr meine vorstellungen von entwicklung und fortschritt an die erdgeschichte gebunden sind. der weg zum leben, zur intelligenz und zur technologie hat auf anderen planeten vielleicht schon vor millionen jahren stattgefunden, von anfang bis ende, es kann hochkomplexe zivilisationen gegeben haben, von denen nichts mehr übrig ist außer ein paar atomen in einem nebel hoch über der toten oberfläche, und wir werden nie erfahren, was es war. solche annahmen sind wahrscheinlich angesichts der milliarden sterne im weltraum, und es ist angesichts der dummheit der menschen gut möglich, dass wir auch so im nichts enden werden. fascinating.

außerdem hat das pentagon eine task force eingerichtet, um ein ufo zu erforschen.

auf netflix eine doku über einen oktopus gesehen, sehr beeindruckend und wunderschön. mitleid mit dem tier gehabt. der filmer hat soviel von der begegnung, nicht zuletzt einen netflix-film, und rettet ihr dann nicht mal das leben? obwohl er es kann? er wollte eben dramatische bilder, denke ich, vom pyjamahai. ihr nicht helfen, aus prinzip, aber dann weinen. männer.

meiner prokrastination zum trotz die arbeit rechtzeitig fertig bekommen, heute nur noch formatierung fertig machen und ein paar schlusssätze schreiben. die p. ist ein rätsel, sie quält mich eigentlich nur bei beruflich notwendigen texten, sonst nicht, als wäre das ein weg, um alten narben und verfehlten weichenstellungen und verlorenen traumata nochmal einen platz in der gegenwart zu verschaffen, mit starker hand und großer kraft. komm, versichert sie mir, du kannst noch einen tag warten mit dem anfangen, das wetter ist doch grad so schön und es gibt soviel anderes zu tun, und ich verfalle in eine innere totenstille zufriedenheit, weil ich nachgegeben habe, in die ich mich fügen kann, nur noch einen tag! damit ich weiß, dass es sie noch gibt, dass sie nicht besiegt sind, dass sie ärger machen können, obwohl ich sie sonst nichts ans licht lasse, der alte kram stört mich sonst gar nicht mehr. als gäbe es einen verqueren deal. (oder, naja, ich weiß es ja auch nicht.)

07. august 20

schon ein paar tage am see, diesmal betreibe ich die erholung und lasse sie nicht einfach geschehen, weil dafür die zwei wochen zu kurz sind. nein, erholung beginnt ja eigentlich erst ab woche drei, alles vorher ist ein intensives auf- und einatmen, es stört mich nicht, ist halt einfach dieses jahr so. heute der 6., am 16. kommt der große mit zwei freunden, dann muss ich zurück nach berlin. hatte auf die übliche hitzeglocke gehofft, aber es ist herrlich frisch, morgens 24°, tagsüber 28°, abends pulloverkühl. wenn ich ehrlich bin, gefällt es mir auch, temperaturen über 32° sind ein körperereignis, sie fordern den stoff- und energiewechsel und erzwingen diese ruhephasen, so eine eidechsenstille im hellen heißen licht, in den sommerferien liebe ich es, wenn innen- und außentemperatur fast gleich sind und alles im fluss scheint, solange man sich nicht bewegt, aber so ist es eigentlich auch ganz erholsam. für den hund ist die kühle natürlich optimal.

corona war hier sehr heftig zugange, jeder kennt nicht nur jemanden, der es hatte, sondern auch jemanden, der daran gestorben ist. viele masken auch auf der straße, in geschäften tragen alle eine, in den supermärkten gab es freilich schon seit immer handschuhe an der frischetheke, weil die leute das obst u gemüse ja anfassen können sollen, da sind die leute die hygiene seit langem gewohnt. am eingang steht fast immer ein stand mit mitteln zur desinfektion. auch unter freunden gibt es fast nur noch ellbogengrüße, eine große umstellung im land der küsschen und umarmungen. sie hatten hier einen echten lockdown, mit tickets in höhe von bis zu 600€, falls sich jemand zum zweck der vergnügung draussen aufgehalten hat („scopi ludici“). niemand demonstriert dagegen, obwohl es auch hier ein paar verschwörungsjünger gibt, eine nachbarin hat mir einen youtubefilm eines deutschen arztes gezeigt, mit untertiteln.

bisher nur an einem abend zuhause geblieben, weil es geregnet hat, direkt am ankunftsabend im supermarkt hinter einer guten alten freundin an der kasse gestanden, gleich eingeladen worden, viel geredet, gelacht, gut gegessen. in alte gewohnheiten eingetaucht, ohne es zu merken, sehr wohltuend. die tage sind schön dicht.

wunderbarerweise gibt es schon wieder ein neues buch von carofiglio, wie immer gibt es dauernd diese überraschenden sätze, wo man innehält und „oh. genau!“ denkt und sich freut. es ist wieder ein giallo, ein krimi, mit einen tick zu langen passagen im juristischen jargon, also zu lang, um sie in der sonne am strand richtig würdigen zu können, trotzdem freue ich mich auf jede neue seite.

von einem anderen autor beängstigendes erfahren, so hat alban nikolai herbst eine schwere krebserkrankung zu erdulden und tut das mit der gewohnten eleganz und hingabe. er schreibt darüber.

das in deutschland hochgelobte buch der philosophin donatella di cesare kaufen wollen (also hochgelobt von zwei sehr klugen menschen aus meinem umfeld, und veröffentlicht vom lieblingsverlag), es heißt Sulla vocazione politica della filosofia. amazon.it hat mir heidegger empfohlen, als ich danach suchte, das spricht natürlich gegen sommerlektüre, aber es soll ein lesbares und klares werk sein. bin gespannt. ich kaufe es im lieblingsbuchladen in der kleinen stadt am see, in dem auch ein schöner schuber mit frauenportraits von milo manara lag, angezogenen frauen wohlgemerkt. der erlös geht zum teil an krankenhäuser, die besonders mit corona zu kämpfen hatten. konnte ich dummerweise nicht nein sagen, obwohl ich doch vor allem großformatiges nicht mehr kaufen wollte.

20. mai 20

ping! wunderbarer frühlingstag.

und dann der klimawandel. die freundin, die in kladow durch den wald läuft und lauter tote eichen findet, vertrocknet im letzten sommer, die aussterbenden insekten und kranken singvögel, man kann zur zeit in jede beliebige richtung in die katastrophe weiterdenken, die pandemie jetzt und die seuchen, die noch kommen, im großen wie im kleinen. es verändert und durchsetzt die wahrnehmung, die gewohnheiten des alltags sind prekär geworden, mein erstes eis auf einer hunderunde ist davon nicht unbedingt besser geworden, aber es verweist auch auf die eis, die ich noch nicht gegessen habe, weil die eisläden zu hatten, und die, die ich nicht mehr essen werde, weil sie wieder geschlossen sein werden.

jetzt könnte das posting sich weiterbewegen mit einer empfehlung, das wesentliche wieder vom unwesentlichen unterscheiden zu lernen, man sieht sich noch, auch wenn die umarmungen fehlen, die eltern leben noch, auch wenn ich sie nicht besuchen darf, grün sind die wälder trotzdem noch. reframing gehört dazu, aber es hat sich ja auch grundsätzlich und für immer was verändert durch die erfahrung, mal von etwas direkt betroffen zu sein.

ich kenne diese sorge, das risiko von spätschäden oder hypos begleitet mich, seit ich denken kann, ich werde, so nehme ich an, nicht besonders alt werden, etc. pp – beim durchlesen merke ich, es ist eine domestizierte angst, nur ein kleiner anteil gefühl im gesamtsystem chronische erkrankung, gerechtfertigt und begründet, ein angsthäschen, verdrängt, aber gut versorgt. compartmentalized heißt es auf englisch, das ist mir lieber als abgespalten, weil es im begriff als teil eines ganzen erkennbar bleibt, nicht wie im deutschen völlig (und gewaltsam) getrennt vom ganzen menschen. das geht nämlich schief, vermute ich. verdrängen, aber nicht ganz, den richtigen pegel finden, mit gestaltungspielraum.

die pandemie als zusätzliche gefahr, die es in die wahrnehmung zu integrieren gilt, ohne das sie den ablauf stört, sie wird ja bleiben, bis nächstes jahr, habe ich gelesen, oder bis es eine impfung gibt, und danach kommt die nächste pandemie, so sind die zeiten eben. gewöhnung tut not. mich beschwert das gelegentlich, wenn ich mir folgen ausmale, ich kann die sorge ans licht bringen, manchmal mag ich das gruseln dabei, dann pack ich sie wieder weg und mache eins der vielen dinge, die nicht mehr lebenswichtig sind, wenn viel auf dem spiel steht, aber die trotzdem spass machen.

ich integriere die unsicherheit als einen akkord, eine zweite leise linie, die in der selbstwahrnehmung immer so mitläuft, deren energie ich fühlen kann wie eine art basso continuo, eher philpp glass als bach, auch mal coltrane, so eine mehrstimmigkeit. mich freut das meistens, es ist eine jetztverankerung, ein leises genieße den tag, denn es ist alles dabei.

fanfriction*

john krasinski ist ein mann, bei dem ich an fanfiction denke. es gibt ja viel davon im netz, nie reingesehen, warum eigentlich nicht? vielleicht weil es meistens erotische geschichten sind, und sowas lese ich nur in zeiten der not, und selbst dann mag ich grade das nicht identifizierbare an den figuren, die völlige offenheit für eigene projektionen. gibt es kluge, besser: lesbare, nicht erotische fanfiction? am selber schreiben hindert mich der fiction-teil, meine ganze phantasie wäre dann glaub ich gefangen im moment der überwindung der unwahrscheinlichkeit einer solchen geschichte, durch diesen aufwand wird das objekt der fiction eher glorifiziert als erzählt.

jedenfalls einer dieser männer.

*nicht so gemeint, aber passt im weiteren sinne.

will ich nicht lassen

wollte mit dem einen inhäusigen sohn was unternehmen, wir haben aber beide nur vormittags zeit, also mal wieder kirche, schlägt er vor. wir kommen fast zu spät, die türen stehen offen, wir setzen uns in die letzte reihe. eher leer, aber in jeder reihe sitzen ein paar leute, gut verteilt mit großem abstand. eindruck: jeder geht für sich in die kirche. paare und einzelne gleich oft, auch die paare mit einem meter dazwischen. der ablauf ist bekannt, wir kommen bei einem psalm, gelesen von entweder einem gemeindemitglied oder einem pfarrer, er liest ein bisschen zu schnell und unbetont, verstehe nicht alles. die akustik ist in gethsemane sehr hallig, auch bei der eher schnell spielenden orgel kann ich den melodieverlauf nicht klar erkennen, die gemeinde brummt halt so mit, immer ein bisschen hinterher. junge pfarrerin mit duschfrisur, liest die jakobspassage, der predigtanteil ist für mich nicht so interessant, sie wiederholt die zeilen mit eigenen worten, in „einfacher sprache“, und setzt rhethorische ausrufezeichen dahinter, bleibt aber ganz im gleichnis, sucht keine metaebene oder eine anbindung an welt oder geist. zu sehr ist das nicht toll? das ist doch toll!, mir fehlen spiel und intellekt. die passage wird auf einen aspekt runtergebrochen, der dann suggestiv wiederholt wird, also verzeihen und gnade. oder güldet das als eine dem gottesdienst angemessene demütige haltung? nichts eigenes, ganz nah am bibeltext? kenn ich mich nicht aus damit. so ein kleiner anteil erbauung darf aber ruhig dabeisein, wenn man sich schon direkt nach dem frühstück in die kirche begibt. ein schönes lied war dabei, eg 365, und über den segen freue ich mich auch jedesmal. vorgenommen: wieder mehr predigthopping.

android wear 1.5.

[das wird eher langweilig]

ein anderes projekt fordert vor allem meine geduld. ich habe eine sony smartwatch 3, die auf ein vorheriges os zurückgesetzt wurde, um auf ihr wieder nfc betreiben zu können, habe damit meinen libre sensor ausgelesen. das ist nicht mehr notwendig, ich könnte die uhr aber dazu verwenden, meinen pancreas-algo übers handy zu betreiben, dazu muss ich sie allerdings erst wieder von android wear 1.3. auf 1.5. bringen, was sich bei gerooteten uhren als eher komplex erweist.

jemand hatte vorgeschlagen, einfach den google play store auf der uhr zu ersetzen, aber das hat nicht funktioniert, immerhin hab ich beim versuch den respekt vorm umgang mit den nötigen anwendungen verloren und einfach drauflosgepusht. die uhr teilte mit, das update wäre nicht passend, erst dann ist mir eingefallen , dass eventuell auch all die leute, die solche tips geben, nicht immer genau wissen, was sie tun. die sony-companion-software weiß ebenfalls nicht weiter.

bisher habe ich hier ein ota-update (over the air-update) auf mein gewünschtes betriebssystem gefunden, und es übers terminal und mit adb auf die uhr bekommen, aber installieren kann ich das update leider nicht. irgendwelche sony debug build nummern sind falsch, weil die uhr ja gerooted worden ist, denk ich. vorher habe ich schon ein paar andere versionen versucht, die wollten aber auch alle nicht. rücksichtslos flashen, hab ich irgendwo gelesen, ich bin bisher immer rücksichtslos dabei gewesen, natürlich eher, weil ich keine ahnung habe, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

was würde flash gordon machen?

kurz davor, über ebay irgendeine andere smartwatch zu kaufen, dann fällt mir aber ein, dass ich das ding eigentlich gar nicht wirklich brauche, weil alles übers handy genauso gut geht, ich das handy eh immer am leibe tragen muss etc. pp. aber im winter? denkt es dann, mit handschuhen und dicker jacke? es wäre nett, das zu haben, das genügt ja eigentlich.

natürlich mache ich das hauptsächlich, weil es mir spass macht, aber mein anspruch im umgang mit diesen dingen ist inzwischen ein hauch mehr als dabei-sein-ist-alles. ich könnte jetzt weitere stunden nach etwas unklarem suchen, aber muss ja nicht. habe mir sowieso vorgenommen, erfolg bei der lebensplanung mehr in den vordergrund zu rücken.

kurzfilm

blick auf den see vom eingang des museums aus

in einem kleinen ort am seeufer ist im vorletzten jahr ein kurzfilm gedreht worden, der in los angeles einen preis bekommen hat. das dorf eignet sich als drehort gut, weil alles wichtige an einen einzigen platz liegt, kirche, läden, der see, die beiden gassen und die straße, die auf den platz führen. bilder vom drehtag hier.

gestern war die uraufführung vor publikum, alle aus dem dorf sind gekommen, ein sehr eleganter älterer herr  im smoking, wohl aus der verwaltung, die wunderschöne schauspielerin (hui. zuwenig an hat sie auf den meisten bildern) im glitzernden abendkleid auf halsbrecherischen schuhen, der regisseur leger, die dorfbewohner in abendkleidung oder jeans. kulturleute der nächstgrößeren stadt, zwei frauen von eos, einer organisation, die sich mit dem thema des films beschäftigt und wohl als sponsor mitfirmiert, es geht um gewalt gegen frauen. die beiden sehr ähnlich gekleidet und aussehend wie mutter und tochter. vorher ein sehr leckeres büffet mit prosecco und feiner foccaccia, alles bei entrata libera.

der kurzfilm spielt in den vierzigern, 1. szene in der kirche, junge frau von hinten, weinend, mit einem messer in der hand. an der wand gentileschis judith und holofernes. schnitt, dorf, menschen im alltag der 1940er, mit spinnrad, ziegen, schuster, sehr süßen schmutzigen kindern, hunde, viel dorfleben. die junge frau aus dem ersten bild verkauft sizilianische canelli vom fahrad aus, ein älterer mann sieht sie, verfolgt sie nach feierabend, vergewaltigt sie, man hört lange ihre schreie. zum schluss wird die anfangsszzene in der kirche wiederholt, junge frau alleine, weinend, mit messer, eine alte frau kommt dazu, sie sehen sich an. laut wikipedia bringt die alte dame in der kirche die junge frau dazu, statt mit einem mord lieber mit einer anzeige zu reagieren, hab ich aber nicht erkennen können.

hmm, dachten wir. angekommen ist die verzweiflung und das alleinsein danach, wie unvermittelt es zu gewalt kommen kann, und die solidarietät unter frauen als einzig mögliche hilfe unter gewissen umständen. alle hielten reden, der regisseur stammt aus dem nachbarort und erzählt, wie sie innerhalb von zwei wochen film und dreh auf die beine gestellt haben, zeigt seiten aus dem storyboard, erklärt arbeitsschritte und bedankt sich bei den beteiligten, das war unterhaltsam und ganz spannend. am ende sprechen noch die beiden frauen aus der hilfegruppe, erzählen viel zu lang und ausführlich aus dem nähkästchen, wie die gewaltbereitschaft unter umständen schon im kleindkindalter gesäht wird, wie es dann in grundschule, oberschule, erwachsenenalter weitergeht, vor einem publikum, das offensichtlich nicht wegen ihnen da war. ausführlich. kann man machen, man könnte aber auch die chance nutzen, das publikum irgendwie anzusprechen, die eigene orga vorstellen, interesse wecken.

(eine alte dame neben mir wetterte die ganze zeit, dass sie sowas schon seit 20 jahren am fatebenefratelli (klinik in mailand) anbieten, und überhaupt, wer sei das hier überhaupt, nie gesehen hätte sie diese beiden. sie war bestimmt der einzige gast, der aufgrund des filmthemas gekommen ist.)

ambiente sehr schön, innenhof von einem altem museum, direkt an dem platz, wo der film gedreht wurde, unter freiem himmel, angenehme 25° unten, nachher mit den freunden noch ein bierchen direkt am see.

wildwuchs

der sturm neulich hat die beiden akazien, die mitten in die aussicht gewachsen sind in den letzten 15 jahren, deutlich gelichtet. umgefallen sind leider andere.

der weg ins dorf geht ein stück durch einen steilhang mit sehr ungepflegtem wald, an den straßenrändern mit brombeeren auf der einen und holunder auf der anderen seite, drumrum dichtes unterholz und von kletterpflanzen umrankte bäume. kastanien und akazien sehen gesund und munter aus, viele andere sind unter dem gestrüpp längst morsch und faulig, bei jedem sturm fällt irgendwas um, meistens jüngere bäume mit stämmen zwischen 10 und 15cm, diesmal ist allerdings auch eine richtig große esche (glaube ich) umgeknickt, die hängt da jetzt auf halbmast im dickicht, die krone liegt grade neben der straße und welkt ganz langsam vor sich hin, kein schöner anblick.

habe neulich auf twitter eine eher brutale praxis der entrindung gesehen, um in einem wald für totholz zu sorgen, damit platz für insekten und kleintiere ist, davon gibt es hier genug. vielleicht wurde der wald früher besser gehalten, ein paar prachtvolle alte bäume mit anderthalb meter dicken stämmen stehen dort auch, die müssen vor dem schlingzeug hochgekommen sein. beim größten, einer eßkastanie, sieht es aus, als habe sie selber mit unzähligen austrieben ihren stamm geschützt, efeu ist da nur als ein paar einzelne zweige zu erkennen. sie ist nach ihrem umfang über 400 jahre alt, das erzähle ich grad allen, denn damals ging hier die renaissance grad zu ende, so sehr damals ist es, in mailand regierten die sforza, die lombardei ging zwischen den spaniern und den schweizern hin- und her, nach der blütezeir folgte ein langer, ökonomischer abstieg, vielleicht wurden ihre kastanien damals noch gesammelt und verwendet. die beiden kleinen mädchen, die immer bei den hunderunden mitkommen, weil sie in emma verguckt sind, hören stets interessiert zu und sagen höflich toll!, oder ja?

eine andere kastanie sieht bis zwei meter über der erde aus wie mehrere bäume, der stammteil unten ist ein paar meter breit, lässt auf ein alter von einigen hundert jahren schließen. jetzt ist der stamm im gestrüpp kaum zu erkennen, lebendige und tote bäume stehen dort dicht an dicht, alles bleibt im ständigen halbschatten. der hang ist seit dem tiefsten mittelalter sich selber überlassen. der dicke baum verdient eine geschichte, dacht ich, und wollte ihn mal aus der nähe erkunden.

von einem pfad unterhalb des wäldchens wollte ich mich hineinwagen, hab dazu sogar sneaker angezogen, aber die dornen stehen dort bis auf den boden, darunter schlamm, dazu um die 45° steigung:  ich müsste mir alles freischneiden, im grunde mit einer säge, also nee. dafür reicht der erkenntnisgewinn nicht. ein wunder, dass sich die bäume da halten können, wenn es nicht umgekehrt ist, und die bäume das gelände halten, bei den andauernden sturzregengüssen.

also weiter ins dorf gelaufen, bei der nächsten freistehenden kastanie angehalten, sie trägt eine lange stola, und sieht auch sonst sehr elegant aus. die könnte ich ja messen, wenn ich ein maßband hätte. so stand ich da kurz herum, allein im wald, und dachte mir so, du kannst den umfang auch mit deinen armen messen, zweimal ganz rum bin ich gekommen, die stola ist überraschend weich. dann habe ich die jungen ausflügler gesehen, die grad vorbeiliefen, natürlich, als ich meine arme noch um den baum hatte.

ich werde aber auch ideell zum treehugger auf meine alten tage, erhöhte baumsensitivität seit den sequoias 2012. kastanien können ja genauso alt werden wie sequoias, der älteste baum europas ist eine kastanie, geschätztes alter liegt zwischen 2000 und 4000 jahren, sie steht auf sizilien und trägt immer noch früchte, sie tragen erst ab 30 jahren, sagt wikipedia, und am ertragreichsten sind sie ab 100. kastanien sind so nährreich wie kartoffeln, wißt ihr, oder? seit den alten römern werden kastanienwälder angelegt, sie haben die bevökerung norditaliens durch einige hungersnöte gebracht, aus ihrem mehl kann man backen, wenn man es mischt, es ist glutenfrei, süß, vielseitig verwendbar. ein ehrwürdiger baum, hier überall zu finden, im oktober liegen hier die esskastanien zentnerweise herum. er wird auch noch angebaut, mehr in süditalien und in der toscana, im piemont gibt es auch noch ein paar.

ich könnte ja mal, dachte ich beim herumlaufen, nach alten schönen bäumen suchen, gemerkt, das geht auch über google, hier hat ein guter geist in ganz italien nach besonderen bäumen gesucht, nach provinzen sortiert, sehr toll. sollte mal wieder in die villa taranto und auf die isola madre fahren.

habe den jungs auch von den bäumen erzählt und ihnen fotos geschickt. sie meinen, dass ich wohl langsam genug entspannung hatte und teilen mit, ich sollte jetzt lieber wieder nach hause kommen.

madre viva

am ersten ferientag mit dem putzen begonnen, dabei auch in die oberen kühlschrankfächer geschaut. ins glas mit der mutterhefe noch mal reingeschnuppert, bevor ich es entsorge, und siehe da – ein feiner, eleganter hefegeruch kommt mir entgegen, wo ich das aroma des verfalls erwartet hatte. sie hat wochenlanges vergessen werden überstanden, also hab ich sie gebadet, schaue, ob sie noch wächst, und werde sie in den urlaub mitnehmen müssen, denn was lebensformen angeht, bin ich eher dem ahimsa verbunden, aus pragmatischen gründen. hurra.

détaché

es ist mir heut zwischendurch mit ein paar |plings| wieder eingefallen, warum ich so schlecht aus dem mögen wieder herausfinde.

ich erinnere mich an ganz früher, als die beziehung zu meinen nächsten erwachsenen eine fluchtbereitschaft enthielt, eine vorsicht, wie ich nie ganz selbstvergessen war, und wie wir in der liebe gehalten wurden, wenn mal wieder was schief gegangen war, wegen seiner kindheit, seinem stress, seiner erziehung, immer aus gründen, die nichts mit uns zu tun hatten, und wir mögen bitte hingehen und ihm sagen, dass es uns leid tut, weil er so drunter leidet. ich bin während der eskalation deeskalierend bis unsichtbar, danach verständnisvoll bis ironisch, so habe ich es gelernt, es ist mir erste natur inzwischen.

texte beamen

die verbindung zwischen einem buch und dem leseerlebnis ist unmittelbarer als bei einem e-book. die ersten augenblicke, der weg vom digitalen in die vorstellung ist eine zusatzstrecke, die energie kostet, konzentration einfordert, mehr phantasie benötigt. beim lesen will mein kopf das gerät ausblenden, das leuchten der oberfläche, und versucht, die wandelbarkeit der buchstaben zu vergessen. weiß nicht, ob die unmittelbarkeit bei papierbüchern frühe prägung und lange gewohnheit ist. auch bei hörbüchern rematerialisiere ich das gehörte immer erst, gebe ihm tiefe und raum zurück, dass es wieder welt wird, das dauert von den ersten worten an ein paar sekunden. diese medien bleiben bewußt, bis der inhalt durchs eindämmungsfeld durch ist, vor allem vorgelesenes ist frei verfügbar im raum, wie ein gespräch am nachbartisch oder ein radio in der küche, außerdem ist es ja schon mal gesprochen und erlebt, und muss mich erst erobern, als ob mein leserherz sagt: du text, du hast doch schon ein zuhause, warum soll ich dich haben wollen? und wenn dann so eine schöne sinnliche stimme liest, bin ich schon wieder abgelenkt durch einen nebenstrang.

kw langes wochenende

erkenne mich nach all den jahren in allem wieder, was mich ausmacht. es fühlt sich an wie eine entfremdung, als könnten alltag und lebensumstände auf keinen fall spurlos an einem vorübergezogen sein.

will mir ein neues bett kaufen, beim nächtlichen suchen eins gefunden und nicht gebookmarkt, rücken aus einem einzelnen breiten, schön gemasertem palisanderbrett, in frankreich. nicht wiedergefunden. denke kurz: dann halt doch erst neuer mann, dann neues bett.

die wünsche inzwischen luftgetrocknet und auf den schrank gestellt, gelegentlich noch auf vollzähligkeit überprüft und wieder vergessen.

ich schaffe es nicht, wieder mit gitarre anzufangen, sondern verschiebe es immer auf morgen.

schaue grad auf prime eine alberne serie, aus wirklich großer müdigkeit, und hab viel spass am entspannten umgang mit sex und gewalt, weil beides erzählt und nicht gezeigt wird, die befreiende  abstraktion der sprache, nur tom ellis ist zum glück dauernd halbnackt. mein kopf ist für text und gesprochenes viel zugänglicher als für bilder, die (bei gewalt) sofort auf gegenwehr stoßen. gewalt scheint mir nach der serie als natürlicher teil der menschlichen diskursmasse, sex wird wieder selbstverständlich.

ich kann den lievito madre nicht in meinen alltag integrieren. das brot ist zu aufwändig, geht erst eine nacht, muss dann dreimal alle 3-4h neu geknetet/geformt werden, bevor ich es abends in den ofen stelle, wenn keiner mehr essen mag, weil der tag vorbei ist. erwäge, die hefe auszusetzen oder weiterzugeben.

william mc carthy

mal wieder auf ein konzert, von mir unbekanntem singer-songwriter. wurde netterweise mitgenommen, in ein altes wunderschönes kino gleich hinter der brotfabrik (nicht schokoladen, sorry), in pankow, mit ungestrichenen wänden und nicht so toller anlage, aber sehr charmanter crew und toller bar. es gibt bier bier für 2,50€.

im publikum lauter fans, einer mit konzertshirt von den augustines, zu denen mccarthy als gitarrist mal gehört hat, ein energumeno, er füllt bühne und raum allein mit einer kleinen gitarre und sonst nichts. es klingt wie ein einziger song, mit auf und abs, geschmetterten refrains, das publikum singt mit, leider konnten wir keinen text verstehen, werde es aber nachlesen. es sind songs für eine band und große bühnen, sie brauchen alle kraft und den ganzen körper beim singen, haben dabei eine magische leichtigkeit und viele feine schöne linien. starke musik, im sinn von kräftiger musik, lauter musik, genau so gemeinten texten, die ich nachlesen werde! weiß noch nicht, ob die songs auch ohne raum und fans und lautstärke tragfähig bleiben, zum mitsingen sind sie aber unbedingt.

der schiere willen, den ganzen raum zu füllen mit seiner stimme, er holt uns dazu, wir sollen dabei sein, und freut sich, als ein paar junge frauen ausgelassen herum tanzen vorne an der bühne. bei einem song stöpselt er die gitarre aus, läuft ins publikum, steigt auf einen tisch und singt von da, man konnte seine perfekten zähne sehen und wurde mitgerissen und abgeholt von wo auch immer. viele zugaben, er hat das publikum aus den stühlen bekommen an einem arschkalten berliner maitag, das schafft nicht jeder.

bin zwar mehr beeindruckt als begeistert, das kann aber auch an meiner großen müdigkeit gestern liegen, ich war froh, einen sitzplatz zu haben und einen tisch unter meinem bier. oder werde ich alt? egal. mehr konzerte sollten möglich sein.

normbereich

blick auf den holzkörper der gitarre vom sohn gibt wohlbefinden. palisander, in der maserung eine schattierung von zartbitter auf nougat.

arbeite zuviel. bin so erledigt abends, schlafe sofort ein, noch vorm abendessen, muss mich dann mühsam wieder in gang setzen, spätestens um elf bin ich platt. gleich bisschen dummes gefühl ggü all den selbstverständlichen arbeitsbienen mit 50-60h-wochen, allein – das bin ich nicht. ist vielleicht auch ein stoffwechselproblem, mein insulinbedarf sinkt seit ein paar monaten, ich nehme ab, kann mich schlecht konzentrieren. ich freu mich zwar, dass ich zahlen habe und nicht nur gefühle, aber meine nette ärztin ist keine hilfe und weiß nichts zu sagen, und sie denkt natürlich auch nicht weiter. vielleicht ist einfach mal wieder alles im wandel. unbefriedigend.

heute auf einem 50. fast der gesamte freundeskreis ist inzwischen durch, nur mek, die kekstesterin und frau modeste fehlen noch, als nächstes, fällt mir da auf, kommen die 60. geburtstage. so froh, kinder und einen hund zu haben, die halten mich wenn nicht jung, so immerhin in bewegung, und meine freunde natürlich.

mann fehlt nach wie vor nicht, auch weil es im alltag keine situationen mehr gibt, wo mir ein mangel auffiele, es ist einfach zu lang her. grad neulich im gespräch mit freundin darüber, wieviel arbeit ein mann machen würde, lieber heute entspannt kaffee im bett trinken und im alten pyjama noch mal umdrehen, das ginge ja ev auch mit mann, aber das scheint mir schon nicht selbstverständlich. er müsste schon eine bereicherung sein, niemand, den man in kauf nimmt, um nicht partnerlos zu sein, dabei pflegeleicht, ein lustiger, sexyer, lebensliebender, kinderreicher, der durch hoch und tief gegangen ist und weiter läuft, einer wie ich eben (ich lache nicht).

sucht man nicht sein ebenbild? das gewünschte ebenbild, das geglättete, ohne neon, das überlebt habende. der schöne traum („der schöne traum von dir/ aber du, in der zeit, verletzlich, verführbar, sprachlos.“, so geht das gedicht von chr. meckel dann weiter. immer beides). wenn er dann gleich noch die dichtungen im bad …

manchmal träume ich von wildem sex auf eine nicht bildhafte weise, als mögliche hingabe, mit männern, auf die ich mich im traum freue. aber morgens ist es dann auch wieder gut. ich bin zufrieden, dass die bedürfnisse noch irgendwo existieren, wer weiß, wann ich die noch brauchen kann.