28. november 22

wie ein trottel von der arbeit wieder nach hause gefahren, weil noch zu krank. jetzt dauernd alte bilder im kopf, höre aber auch alte musik, bach kantaten, das duett aus bwv 21, das ist natürlich harter tobak. lieber einfach alte playlists, aber es hülft nix, ich finde die trauer angemessen, die welt soll anhalten, wenn so ein mensch stirbt. dass ich mich damit unangemessen fühle, liegt am europäischen umgang mit trauer, der beherrscht und im rahmen stattzufinden hat, und der rahmen für gute freunde+ ist einfach unbeschrieben.

dieser tod hat mich weich gemacht, ich höre wieder musik, merke ich grad, wie sonst nicht mehr so oft, bin wieder an dem teil dran, der sich nicht verändert, der nicht altert, der keine wege gefunden hat, der fassungslos ist wie am ersten tag vor der irren landschaft des lebens, mit all den geschichten, gefühlen, wahrnehmungen, das ganze sensorium, dass wir auf halbtot stellen, als wär das normal.

jetzt sophie hunger, headlights, von ihr lief auch ein song auf der trauerfeier, neben hero von bowie.

jedenfalls.

ab jetzt weihnachtsplanung, dabei kommt eine frage auf: d.-zwilling studiert ja jetzt neuerdings biologie, ich will ihm zu weihnachten einen standard-ziegel schenken, wie den anderen beiden zu ihren jeweiligen fächern. weiß eine*r unter meinen leser*innen zufällig, was da grad das beste ist? es sollte eine inclusive e-version enthalten.

22. 11. 22

twitter gibt es noch, es ist für mich genauso nutzbar wie vor musk, weil ich harmlose dinge poste. dauernd neue follower, sehr schräg. damals, als twoday kurz damit drohte, dichtzumachen, habe ich mir ein weblog auf eigener domain gebaut, das war ein fortschritt, da habe ich einen tritt gebraucht. mastodon wirkt bisher weniger wie ein netzwerk und mehr wie facebook, wo jeder seine dinge kundtut, ich weiß nicht, ob das nur an der optik liegt, es hat aber noch den zauber des neuen. ich schreibe da bisher auch nix rein, nehms mir aber vor. in italien gibt es mastodon auch, es wird hie und da erwähnt, ich weiß aber nicht, ob es auch so einen ansturm gab. in meiner timeline, wenn ich auf meiner instanz (mastodon.social) nachsehe, sausen jede menge spanische, englische und italienische posts durch, es scheint im italienischen twitter aber weniger thema zu sein. gemerkt, dass mir die aura von twitter, das design, die geschichte doch wichtig sind, was bei facebook nie so war, das ist reine und oft nervige funktionalität.

hab diese woche noch zwei urlaubstage, für die ich zum glück doch keinen spontanen trip gebucht habe, weil da jetzt die beerdigung von m. stattfindet. fürchte das ein bisschen, die gemeinsamen freunde können alle nicht mitkommen, denke, ich werde da kaum wen kennen und deutlich spüren, wie wenig ich teilhatte an seinem leben in den letzten jahren.

gegenwart ist alles.

vermisse die kinder, das langsame kleine hochköcheln der weihnachtsdinge ende november, anfang dezember, die pakete und verstecke, die lebkuchenberge. susan cooper ist da eine hilfe, schneelangsam hat die stattkatze es genannt, auch wenn ich die späteren bände zu … zu bedeutungsschwanger und übertrieben dramatisch fand, da hab ich die leise, beharrliche verbundenheit mit land, winter, kindheit und rittergeschichten vermisst. es muss nicht immer um alles gehen.

fahre weiterhin mit dem rad zur arbeit, wie immer auch bei schnee oder eis. bin aber vor ein paar monaten einmal mit dem rad hingefallen, kein sturz, mehr ein umkippen nach zu engwinkligem auffahren auf eine platte in der welt der holprigen berliner strassen. schmerzhafte prellung am knie, ich weiß noch, ich sass bei frau modeste mit frau engl zusammen, die auch grade einen (viel schlimmeren) radunfall hinter sich hatte. bei mir wars ganz klar das alter, fehlende schnelligkeit beim gegensteuern, bremsen, herumreissen, es ist so weit, es geht nicht mehr zurück, ich bin keine 50 mehr. klare innere stimme: du solltest in deinem alter bei schnee und eis nicht mehr rad fahren, und dann guck ich raus, die strasse sieht trocken aus, das eis in den pfützen kann ich doch umfahren … seit dem hinfall bin ich unangenehm vorsichtig geworden, ich fahre nicht mehr einfach drauflos, sondern plane jede kurve irgendwie, ein paar sekundenbruchteile, bevor mein rad sie fährt, wie ein mentaler spiegel, der alles genau wissen will. ich hoffe, das legt sich wieder. überlegt, die von den kids stammenden knie- und ellenbogenschoner anzulegen, wenn es unter null grad sind, es ist ja berlin, da geht alles.

schon wieder.

auf einem spaziergang in einem geschäft gewesen, in dem neben blumen vor allem kram verkauft wird, es war sonntag, sie waren event-mässig offen, es gab glühwein mit und ohne. bin ohne jeden widerstand in die dekowelle eingetaucht, adventskränze für 80€! mit blumen, kleinkram, blättern und be-zau-bern-den insekten aus glitter und perlen. dazu 8-10cm lange libellen, mit pailetten und stickerei, für 29,90€, für den weihnachtsbaum, ich weiß auch nicht, was es mit insekten auf sich hat dieses jahr, vielleicht eine kleine anerkennung, weil sie uns ja alle überleben werden, so wie es grade läuft. fand sie ungelogen schön, anders als meine freundin, die eine insektenphobie hat. früher, in den 80ern in mailand, war das ein glückssystem, schöne dinge ansehen, kaufen, was man mag, zuhause hinstellen, wobei, beim genau drüber nachdenken, hat meine mama einen klassisch schlichten geschmack, adventskranz nur mit roten kerzen und sonst nix, dabei blieb es, keinerlei elemente an fenstern oder türen, ich glaube, das gehörte sich so, keine ahnung, ob das etwas mit dem protestantismus, mit geschmack oder mit klasse zu tun hat. bei mir verschwimmen langsam diese grenzen, ich sauge die weihnachtsstimmung auf wie einen zaubertrank, voll guilty pleasure. natürlich geht es dabei um etwas anderes, unstillbares, längst verlorenes, yadda yadda, aber es funktioniert, wie alle menschen bin ich ja ersatz gewöhnt. ist das nicht strange? jedenfalls blaue kerzen für den adventskranz gekauft, die tannenzweige dafür aber wie gehabt für 1€ den bund beim blumenladen an der s-bahn.

ich brauche einen richtigen zahnarzt, die eigentlich gute zahnärztin meiner kinder war irgendwann mal total beleidigt, weil ich mit den kids ein paar mal den termin vergessen hatte, dann bin ich erst mit kids und dann auch selber zu so einer kinder-großpraxis hier im kiez gegangen. beim letzten besuch hat mir da so ein junger arzt erklären wollen, dass wurzelbehandlungen einfach weh tun, er nichts dagegen tun kann, statt sich zu entschuldigen, dass er es nicht hinkriegt. da will ich jetzt auch nicht mehr hin, bei zähnen bin ich merkwürdig empfindlich, weil ich mit immer so wehrlos fühle bei der behandlung. die letzten empfehlungen aus dem freundeskreis waren immer unglaublich gut aussehende männer, das finde ich auch stressig. es ist nicht einfach. offen für tips!

gruppe von kindern um einen küchentisch, erdbeeren essend

weiter bilder von martin gesucht, ein paar schöne gefunden. werde sie seinen kindern geben. diese rückversicherung beim bilder surfen, die kindheit meiner kinder, meine eigene jugend, so viele fotos, in denen ich (oft verwackelte, es waren analoge zeiten) unbekümmertheit und nähe sehen kann, dazu muss man ja gar nicht viel tun, kinder sind so, wenn man nichts grob falsch macht, alltag, gemerkt, dass mir das fehlt. zuviel beschäftigung mit weltthemen, krieg, musk, der ganze scheiß, das alles nimmt überhand in meiner wahrnehmung, vielleicht auch daher der wunsch, jetzt aber mal alles schön zu haben, gerne lauter, weil der rest so lärmt.

extra noch aufgestanden, um ein gedicht zu suchen, dass ich vergessen hatte, ich wusste nicht einmal mehr den autor. gleich beim ersten aufschlagen des ersten buches ein anderes, auch passendes gefunden, ein hoch auf die hausbibliothek.

Ein großer blauer Falter ließ sich auf mich nieder
und deckte mich mit seinen Flügeln zu.
Und tiefer und tiefer versank ich in Träume.
So lag ich lange und vergessen
wie unter einem blauen Himmel.

(hans arp, ich bin in der natur geboren, Arche 1986, S. 10: „Märchen“)

10. november 2022

möchte eigentlich wieder mehr bloggen. bei twitter ist das vertraute gefühl weg, es ist vom medium zum thema gerutscht, das stört den fluss. es wirkt nicht durchdacht, was dort geschieht, haken, keine haken, drohungen, den haken jederzeit wegnehmen zu können, das ist sehr kindergarten. als erwachsene möchte ich da eher vermitteln als einfach mitmachen. es scheint, als ob die app mit großen schritten von innen dekonstruiert wird, ein akt der sabotage durch den neuen chef, der offensichtlich niemandem rechenschaft schuldig ist. sehr rätselhaft. bei mastodon fehlt mir noch meine timeline, ich muss da viel mehr zeit investieren, die ich grad nicht habe. und beim namen kommt immer noch die assoziation zur mastopathie, sollte die app einfach in „mammut“ umbenennen, da erinnere ich mich dann an die eine folge northern exposure, in der joel ein tauendes mammut entdeckt, das dann von einem bewohner aufgegessen wird, weil gut gelagertes steak. und an das mammut in new york.

anstrengende woche bis jetzt, für jeden dieser tage möchte ich einen komplett im dämmerschlaf verbringen, ohne news, ohne anfragen, ohne kontakt. nix gelesen, das neue buch für die lesegruppe noch nicht mal gekauft. keine lust zu kochen, aber es sind hühnersuppentage. ein besuch hat wieder abgesagt, das erleichtert mich, dabei unter jedem tag die organische freude, am leben zu sein, und die trauer über die, die es nicht mehr sind, mit beidem laufen wir tagaus, tagein, und spüren es in jedem schritt. den nanowrimo hab ich verpasst, das wollte ich unbedingt mal versucht haben. vielleicht gibt es das auch mit shuffle-version, jeder schreibt jeden tag an einem anderen roman mit? oder nur romananfänge, goncourt hatte da mal was. ich weiß auch nicht. ratlosigkeit. freude über die kids mit ihren projekten, mit dem g. über kontinente sein anschreiben für eine praktikumsbewerbung gegengelesen, via chat und mails. meine generation ist ja noch dankbar für diese kommunikationsformen, für die jugend sind sie selbstverständlich. darum tut es mir um twitter leid, es gab vorher nix dergleichen, meine erlebnisse sind deshalb eng mit der app verbunden, der zauber der ubiquität und der gleichzeitigkeit von allen überall. zutiefst demokratisch. 20:45, fühle mich wie 23 uhr mindestens, spüre aber die wachheit im resthirn, die mich erst viel später wird einschlafen lassen, nur meine füße sind müde.

zeit, allein

neue zeiteinheit für spätnachmittage: 1 wärmflasche. wollte das eigentlich auf mastodon posten, aber die instanz oder die app hängt, und während ich warte, blogge ich schnell. weiß nicht, ob mastodon erfolg haben wird, ich glaube, die likes und zahlen sind zu wichtig für große user, und unsere ganzen großartig diversifizierten timelines sind nicht transferierbar. twitter ist das erste, was ich morgens aufmache, vor der nyt und dem feedreader. mastodon social geht grade seit minuten nicht auf, es ist 19:45, da sind halt alle im netz- morgens habe ich diese minuten nicht und wäre schon wieder auf twitter. würde t vermissen, andererseits fand ich ja auch facebook mal cool. sowas vergeht.

neulich mit einer freundin ausgewesen, die so nebenbei erwähnt hat, dass sie nie allein ist und nie allein war. ich kann mir das nicht mal vorstellen, glaube, dass sich beim älterwerden die paar jahre wg in der jugend, die 7 jahre ehe und 20 jahre kindererziehung zunehmend wie eine episode anfühlen werden. sehen sie mich eine hand heben, um die jahrzehnte allein zu zählen, die übrigbleiben, wenn ich die jahre in familien abziehe, und sie wieder sinken lasse: es sind nur 10 jahre. es fühlt sich soviel mehr an, dass ich das alleinleben jetzt doch nicht mehr für gesund und eben meins halte. ei der daus, da zwickt die laus. wir sind natürlich alle allein, immer, vielleicht ist es das.

ich habe eine retirement-countdown app, die schon auf 8 jahre x monate runter ist. ich schaue nur alle paar wochen mal rein, selten genug, um mich zu freuen. habe dabei keine vorhaben oder sowas, das geld wird eh kaum reichen, eher die hoffnung, dass mein prokrastinieren ans geldarbeiten gebunden ist, und ich dann freier und unbekümmerter planen kann, womit ich mich beschäftige.

20:17, jetzt lädt mastodon endlich. ich habe dort 70 follower und folge 93 leuten, auf twitter folge ich 499 und habe 341 follower. freue mich über jeden.

re 7

mit dem 9€-ticket eine alte art des reisens wiederentdeckt, das einfach herumfahren und schauen, wo man landet, aussteigen, wenn der ort spannend ist, eine stunde länger bleiben, weil die sonne grad schön steht. all das habe ich nicht gemacht, weil ich einfach nicht auf die idee gekommen bin, weiß auch nicht warum, anders als millionen anderer leute, die das jedes wochenende tun. und millionen von rentnern, die es unter der woche tun, was ich bei meinem ostseebesuch in warnemünde gemerkt habe. eine dame im abteil neben mir sabbelte ununterbrochen mit ihrer freundin, zweieinhalb stunden lang lebensgeschichte, geschichte aller freunde, kinder, kindeskinder, es nahm kein ende. das ist mir auch aufgefallen, die menschen reisen meistens in gruppen oder zu zweit.

blick in den sonnenuntergang aus einem zugfenster

jetzt ist august, ich fahre bald in die ferien und habe nur vier trips gemacht, ich hoffe, das angebot wird wiederholt oder doch fortgeführt, obwohl die kapazitäten der regionalbahn wirklich an ihre grenzen gekommen sind. gestern bei der heimfahrt in roßlau-elbe gelandet, ich hatte einen zugwechsel verpasst, bin also versehentlich zurückgefahren, musste deshalb dort umsteigen und eine weile herumstehen. nach dem nächsten zug war der bahnsteig komplett überfüllt mit menschen, die auch auf den re7 nach berlin gewartet haben. es ist ein ansonsten verlassener bahnhof, mit einer einfachen bahnsteigbrücke aus metall, von den wartenden fotografiert zusammen mit den roten lichtern am bahnsteigende, von links leuchtete der sonnenuntergang. die alte doppeltür zum bahnsteig ist zugesperrt und vollgeklebt mit antimasken-flyern, sogar ein tweet von julian reichelt hängt ausgedruckt im fenster. ich fotografiere das und sehe dabei, dass in der bahnhofshalle dahinter ein großer tisch steht, an dem ich im halbdunkel zwei menschen erkennen kann, außerdem noch zwei schaufensterpuppen zwischen tisch und tür, topfpflanzen, kein licht, es ist schon kurz vor 21 uhr. die türen zum bahnhofsvorplatz stehen offen, das kann ich von der bahnsteigseite sehen, ich gehe um das gebäude herum, frage die beiden, ob ich das bahnhofsklo benutzen darf, oder ob das hier privat sei. die bahnhofsutensilien sind rausgenommen worden, bis auf eine theke an einer seite, es stehen vasen drauf, es sieht aus wie ein riesiges wohnzimmer, ein bisschen eingerichtet im stil der fünfzigerjahre, ein sofa, regale, der große tisch mit tischdecke. es ist nicht privat, sagt die frau, aber sie dürften diesen ort nützen, können hier auch schlafen, und klar könnte ich aufs klo. beim rausgehen werde ich um 50ct gebeten, die ich ihnen gerne auf den tisch lege.

auf der fahrt nach berlin im überfüllten zug dann doch noch sprachlich vergriffen, indem ich meinen nachbarn auf englisch gefragt habe, ob ich mal durchs fenster fotografieren dürfte, weil der sonnenuntergang einen perfekten farbverlauf von dunkelgelb bis tiefblau gezeigt hat. er antwortete, auf deutsch, ich könne gerne bilder machen, mit einem hauch freundlichem spott. jut. der mann ihm gegenüber schwankte derweil gefährlich, ist immer wieder mit dem kopf auf den tisch gesunken, wieder hoch gekommen, schob die ganze zeit seine beine und füße herum und guckte dabei aus großen pupillen ins absolute leere, eine droge, dachte ich, jedenfalls ging es ihm nicht gut. neben dem müden, und mir gegenüber, sass eine sehr, sehr alte kleine dame im t-shirt und kurzen hosen, ganz mager und ein bisschen in sich eingerollt, ihre füße in sandalen, und nur die füße sahen nach strasse aus, und ihre paar beutel vielleicht noch. auf der anderen seite des ganges eine hochschwangere im pinkfarbenem bodenlangen kleid, reich mit goldtrassen verziert, die haare geflochten, mit zwei kindern, vielleicht 5 und 8, mit denen sie auf französisch sprach, schnell, spöttisch, laut, bis das kleine mädchen bitterlich anfing zu weinen, sie spricht weiter, das kind weint mehr, endlich erbarmt sie sich und ruft die kleine zu sich. ab dann habe ich sie nicht mehr angelächelt. neben ihr ein mann mit zopf, der die ganze zeit unbeweglich in bahnzeitschriften liest, oder zeitschriften zum thema bahnfahren, hochkonzentriert. er hat einen ganzen stapel vor sich. ein paar hunde waren auch da, die standen mit einer berliner familie, frau mit drei fast erwachsenen jungen leuten, weißblonder undercut, runde schultern, mit dieser soliden berliner warmherzigkeit, die jedes stundenlange herumstehen hinnehmen kann und dabei freundlich bleibt.

der re 7 ist schon sehr berlin.

gemerkt, dass ich auf den drei wochenendfahrten immer inmitten von andersprachigen leuten gesessen habe, türkisch, ukrainisch, französisch, tamilisch (vermutlich), englisch.

auf der rückfahrt von magdeburg letzte woche saßen mir gegenüber zwei gut gekleidete ältere gentleman, die „zum spazierengehen“ nach brandenburg gefahren waren, wie jedes wochenende seit dem ticket, wie sie mir sagten, ob ich auch spazieren gegangen sei? ich erzähle vom kindesbesuch, der eine der beiden erzählt dann, wie er seinen sohn in der türkei verloren habe, und seine frau, sie seien kurden. sein freund legt ihm die hand auf den arm, beide nicken, es klingt zeitlos, es ist ja auch für immer passiert. dann reden wir noch ein bisschen über das schöne wetter.

anstrengend war dabei nur die 14-köpfige großfamilie gestern auf dem stück zwischen wittenberg und jüterbog, die sich auf 5 plätze verteilte und dabei sehr, sehr lautstark debattierte, wer oben und wer unten sitzen sollte (vermute ich), weswegen ich die durchsage, dass der zug im pendelverkehr unterwegs ist, schlicht nicht mitbekam.

am alex ausgestiegen und den rest tram gefahren, dann müde ins bett.

mit allem zum nichts

die marvel-filme auf disney+ kann ich gar nicht ansehen. beim neuen dr. strange sind die cgi-anteile (industrial light and magic hat sie gemacht) so dominant, der ganze aberwitzige plot dient nur als hinweisgeber auf wieder ein neues bild, jede ruhige sekunde wird damit aufgebohrt, ein horror vacui, als wär der film in gefahr, wenn sie mal einen moment für dinge wie figuren oder handlung oder dialog zurücktritt. alles in allem wirkt es wie ein sehr langer werbefilm für die firma. habe den ersten dr. strange noch ganz gern gesehen, wegen cumberbatch, einer gewissen entwicklung der figur, dem road-movie-aspekt, aber beim jetzigen finde ich keinen zugang, mit den andauernden eskalationen ins bunte, schnelle und optisch verwirrende. 2022 heißt das: sich schnell bewegende fraktale spiegelungen auf der gesamten bildoberfläche, überall löcher, wo irgendwas durchfällt oder reinsaust oder was weiß ich. einerseits das richtige medium für diese offenen formen, ohne einheit von raum, zeit oder handlung, andrerseits genügt der raum hier sich selber, dient keinem mehr, ist nur noch redundant. medium = message. die figuren gekleidet wie eine mischung aus samurai und herr der ringe, die filmversionen natürlich, das immerhin mochte ich, sehr barock und stoffreich.

wie passen diese filmwelten in die minimalistische richtung des heutigen designs, werden kinder, die damit großgeworden sind diese leichte pompösität in ihren persönlichen geschmack mitnehmen? oder ist der stil gar nicht international, sondern nur im oberen mittelstand deutschlands modern? haha, das würde mir gefallen.

vielleicht bin ich einfach zu alt für sowas, trotzdem stört mich der regressive aspekt daran, die rückkehr aufs kleinkindhafte „und dann“ in einem spiel, in dem ständig alles möglich ist, ursache und wirkung nur lose und durch magie verknüpft, jede beziehung als konfrontation wahrgenommen wird. ist das überhaupt ein kinderfilm? er bohrt sich ja fest in dieser frühen entwicklungstufe, statt wie die animationsfilme von zb hayao miyazaki eine welt von mitgefühl, freundlichkeit und hoffnung zu zeigen. ich sehe den film eher als animationsfilm, durch den hohen anteil cgi, auch wenn die software hier mehr als rüstungsfirma verwendet wird. als 3d-version im kino ist das bestimmt ein irrer trip, mit ein paar cremants intus mache ich das vielleicht mal.

habe eine stunde durchgehalten, für einen verriss sollte ich den film vielleicht zu ende gucken? ich mochte schon bei star trek die plots mit parallelem universum nicht, bin überfordert, wenn es wie hier gar kein festes bezugsuniversum gibt. durchs bloggen hat mir der doofe film jetzt noch eine stunde weggenommen, die kriege ich auch nicht wieder. selbst schuld, was guck ich auch so einen blödsinn. bah, muss d+ wieder kündigen.

sommer 1987

ich war verliebt und es war schön. der mann hieß f., ich weiß nicht mehr, wie wir zusammenkamen, weiß nicht mal mehr genau, wie lang wir zusammenwaren. ich wohnte damals als letzte mieterin in einem hinterhaus in der wrangelstr., alle anderen waren schon ausgezogen, das haus sollte renoviert oder abgerissen werden, irgendsowas. es war sommer, im winter würde ich ausziehen, denn die heizung ging schon nicht mehr. ich hatte wenig geld und einen heißhunger auf diese rosane fleischwurst aus dem supermarkt, mit muskatnuss drüber gerieben, aß das täglich, konnte gar nicht glauben, dass mir etwas so leckeres noch nicht früher eingefallen war, oder dass nicht jeder dauernd fleischwurst mit muskat haben wollte, erdbeeren waren der andere glücksbringer, ich glaube, noch nicht bei den karls-hütten, erinnere mich aber null daran, wo ich überhaupt eingekauft habe damals, außer bei bolle natürlich. bioläden gab es auch noch nicht.

ich war noch nicht lange wieder in berlin (bin hier geboren und mit 5 weggezogen) und hab auf der suche nach ärzten bei den unikliniken angefangen, hab mich bei einem arzt in der pulsklinik vorgestellt, weil es für diabetikerinnen schwierig ist, eine gute verhütung zu finden. meine periode war unregelmäßig, meistens viel zu oft, ich war genervt, alle 3 wochen ging es los, dann mal ein paar wochen gar nicht, ich wollte eine pille, weil ich damit die meisten probleme los werden würde. der arzt klärte mich auf, dass die pille bei typ einsern nicht ratsam sei, das würde er nicht machen, er sagt mir, ich würde sowieso nicht schwanger werden können mit meinem kurzen zyklus, ich sollte mich wieder melden, wenn ich ein kind wolle, weil dann müsste man was machen. okay, dachte ich, war erleichtert und dachte nicht mehr weiter drüber nach, wurde erst mißtrauisch, als neben der muskatwurst auch der gedanke an saure gurken einen heißhungerreflex auslöste.

ich suchte mir eine frauenärztin in neukölln, stellte mich vor und ließ mich testen. bingo! noch in den ersten 12 wochen, was ich denn tun wolle, fragte sie, mit dem diabetes sei es ja nicht so einfach. ich hatte ein paar jahre vorher von einer ärztin gehört, ich solle lieber keine kinder bekommen, weil „was sollen ihre kinder mit einer blinden mutter?“, hatte diesen satz betrauert und beschlossen, mich nicht danach zu richten. trotzdem wollte ich mit 22 kein kind. der mann, der eigentlich, wie mir ein freund mitgeteilt hatte, total gegen abtreibungen war, wollte auch kein kind, oder keins mit mir, zumindest nicht dieses kind. die ärztin schickte mich ins krankenhaus neukölln, ich weiß gar nicht mehr, ob ich vorher eine beratung hatte oder nicht, es war aber kein aufwand. das einzig wirklich unangenehme am eingriff war der arzt, der mit ein paar studenten, alle in meinem alter, in den raum kam, als ich schon auf dem stuhl lag, und fragte, ob ein paar praktikanten dabei sein könnten. ich habe nicht nein gesagt, weil ich dazu nicht in der lage war, ich war halt aufgeregt, fühlte mich aber extrem scheiße dabei. die pumpe musste ich abnehmen, hatte sehr hohe werte danach, die keinen weiter gekümmert haben. nach ein oder zwei tagen war ich wieder zu hause. ach ja, eine frau neben mir im zimmer, die einen teilweisen abbruch hatte, wo das kind nicht ganz geboren war, sehr grausam, die weinte und litt. f. kam mich besuchen, die beziehung ging ich glaube in den monaten danach auseinander, nicht wegen dem abbruch, es war einfach vorbei. der f. hat in den jahren danach noch drei kinder bekommen, sogar ein viertes, ungeplantes, das hat er mir erzählt, als ich in vor ein paar jahren mal in meinem kiez getroffen habe. wir haben glaube ich nicht mehr drüber geredet, aber hatten auch kein bedürfnis danach, ich erinnere es aber nicht mehr. es war jedenfalls eine klare entscheidung. ich denke manchmal an das kind und zähle es dazu, im stillsten kämmerlein bin ich eine frau mit 4 kindern.

als ich 2000 mit den zwillingen schwanger wurde, hatte ich riesige angst vor der schwangerschaft. die erste mit dem großen war sehr schwierig, ich bin andauernd unterzuckert, musste einen hba1c von 5 halten aus sorge vor schäden beim kind, bin umgekippt und ein paarmal im krankenhaus aufgewacht, große angst davor, dass der große schäden davontragen würde. es gab noch kein cgm, ich habe andauernd getestet, hatte eine wunderbare betreuung, auch in der pulsklinik, bei einem großartigen arzt, dr. rott, der immer genau das richtige getan und gesagt hat.

der große war anderthalb, als ich wieder schwanger wurde, es ging ihm gut, aber. meine frauenärztin (eine neue im neuen kiez) hat mir gesagt, es sei eine hochrisikoschwangerschaft, wie die erste, aber vermutlich nicht schlimmer. ich könne die schwangerschaft auch beenden, wenn ich angst hätte, ich würde sicher schnell wieder schwanger werden. ich bin dann mit dem mann zu einer beratung gefahren, das war pflicht, ich glaube, es war eine diakonische, und habe dort mit einer frau gesprochen, ich erinnere mich leider nicht an das gespräch. es lag nicht am gespräch, dass ich die kinder behalten habe, aber die totale entscheidungsfreiheit, die mir und dem mann gegeben wurde, hat mir diesen weg möglich gemacht. ich schreibe „und dem mann“, weil er dabei war die ganze zeit, aber es war zuallererst meine entscheidung, ich wäre ernsthaft gar nicht auf die idee gekommen, dass es irgendjemanden außer mir selber etwas angehen könnte. wenn der vater die kinder gewollt hätte, ich aber nicht, hätte ich mich überzeugen lassen? ich weiß nicht, was passiert wäre. das ist auch so eine sache, die frau erleben muss, mit einem kind im bauch ist alles anders, alte überzeugungen sind nicht mehr relevant, es liegen plötzlich ganz neue, unbekannte karten auf dem tisch. es verändert alles, grundlegend.

nach dem gespräch wurde es sehr schnell sehr klar, dass ein abbruch nicht in frage kommt. zwei gesunde embryos abtreiben, nur weil ich lieber nur eins hätte, mir nur eins zutraue, das war undenkbar. es waren ja wunschkinder, zwei für den preis von einem, aber ich brauchte die freiheit, die mir meine ärztin gegeben hat, ich musste auch zu dieser selbstverständlichkeit selber hinfinden. sie war nicht gegeben, sie ist nicht da, wenn es dein leben, dein körper, deine gesundheit ist, dann muss es dein ganz eigener weg zu einer entscheidung sein, dann ist selbst der moralisch eindeutig richtige weg nicht sofort zugänglich. ich bin der ärztin bis heute dankbar.

die zwillingsschwangerschaft war dann vollkommen problemlos, stabilerer blutzucker, keine schweren hypos, alles easy, ich war ein entspanntes raumschiff und habe es genossen. als hätte der körper sich inzwischen dran gewöhnt.

die neuköllner ärztin habe ich in den 2000ern noch mal beim tango getroffen, als ältere dame, im estudio sudamerica in der brunnenstrasse. ich habe sie begrüßt, mich vorgestellt, ihr von meinen kindern erzählt und mich für die unkomplizierte hilfe bedankt, die ich damals von ihr bekam. sie hat sich erinnert, und hat sich gefreut.

der staat hat bei keiner entscheidung, bei keinem dieser wege zum kind und gegen das kind irgendeine rolle gespielt. warum auch? es geht ihn nichts an. ich wäre gar nicht auf die idee gekommen, es könne ihn etwas angehen, nichts ist mir näher als mein körper, meine geschichte, meine persönlichkeit. mein kind, schon der vater ist weiter entfernt. es macht mich wirklich wütend, wie in den usa der staat diese zutiefst privaten entscheidungen übernimmt, er mischt sich ja nicht nur ein, er übernimmt sie vollkommen, über das leben von frauen und kindern, und männern ja auch. das ist zutiefst missbräuchlich und übergriffig.

12. juni 2022

ich würde so als wirklich rundum funktionierenden eskapismus gerne eine serie gucken, in der die usa vom waffenwahn geheilt werden. die nra wird dort entmachtet, die leute geben ihre waffen ab, es werden keine kinder mehr erschossen. gerne als politshow, gerne west wing- oder borgen-qualität. als prequel oder prolog die umstrukturierung der wahlfinanzierung nach europäischem modell, mit einem neben- oder hauptplot, in dem es um den umgang mit den sozialen medien geht, mit der radikalen rechten. die schulbildung wird besser, der frauenverachtende religiöse wahn wird wieder marginalisiert, bah, es müssten an sovielen stellen veränderungen stattfinden, das gibt 20 staffeln mindestens. da wäre eine zeitreise zur unabhängigkeitserklärung einfacher. eine version der usa, in der james madison seiner regierung vertraut und den bürgern kein recht auf waffen in die verfassung schreibt.

durch die stadt geradelt, nach moabit, zu den uferhallen. wie es im wedding keine radwege gibt, sofort flashbacks an die berliner sommer der achtziger, als ich durch leere strassen in kreuzberg geradelt bin, die bunte vielfalt und das helle licht aufgesogen habe, mal hierhin, mal dorthin, mal ein kaffee irgendwo. wie sich diese touren ewig angefühlt haben, zeitlos. die strassen waren natürlich sehr voll diesmal, also wie früher hindurchschlängeln, als gäbs kein morgen. der verkehr war so laut, ich hab mein sirrendes vorderrad nicht mehr gehört, irgendwas schleift da. ich weiß im ernst nicht mehr, wie man eine fahrradkette auswechselt, dabei ist auch das dringend nötig.

offene ateliers in den uferhallen. viele viele künstler*innen arbeiten dort, unter anderem auch mein freund hansjörg schneider, von dem ich eine schöne arbeit im wohnzimmer hängen habe, eine große qualle. er macht jetzt ganz wunderbare papierskulpturen, die eigentlich weggehen sollten wie warme semmeln, aber die leute kaufen in kriegszeiten vielleicht nur die wirklich berühmten künstler*innen. ein großes bild von peter böhnisch hat mich, hat uns beeindruckt. es geht über die ganze länge des ateliers. er weiß noch nicht, ob es fertig ist, sagt der künstler, ich mag gerade das lebendige, vibrierende daran, die offenen grenzen, das unfertige als teil des konzepts. und das blau natürlich.

peter böhnisch

ich mochte auch die arbeiten von rainer neumeier, denen man ihre tiefe erst auf den zweiten blick ansieht. mesmerizing, und schön altmodisch mit farben, klingen, sieben und anderen materialien erst aufgebaut und dann wieder ins zweidimensionale zurückgebracht, wie kleine welten. oder hat so ein analoger weg einen schwierigen stand im zeitalter digitaler bildbearbeitung? ich mag ja den handwerklichen aspekt bei bildern.

noch ein paar andere funktionierende arbeiten, aber auch viel wilde persönlichkeitskunst gesehen, da müsste man den/die künstler*in dann gleich mit ins haus holen.

die uferhallen sind bedroht durch ein bebauungsprojekt, sie wollen ein elf stockwerke hohes haus reinstellen, mit platz für 800 menschen, die künstler sollen in der mitte des grundstücks in so einer alten fabrikhalle ateliers bekommen, wie bienen im stock, das weitläufige, freie und wilde des orts wird verloren gehen. man kann noch protestieren dagegen, hier ist der link. denkt an ford prefect! irgendwann ist alles schöne weg.

der kleine kern

meine mutter ist 88 geworden, nein: wir haben ihren 88. geburtstag gefeiert, der g.- zwilling war auch dabei. nach dem essen haben wir alte fotoalben angesehen und per WA herumgeschickt, zur freude der anderen beiden jungs. sie wirkt viel leichter als früher, als könnte ein windhauch sie umwerfen, sie bewegt sich sehr langsam und traut dem boden nicht mehr. sie nimmt ihren körper als unzuverlässig wahr und klagt über die vielen stellen, die nicht mehr richtig gut werden, immer noch mit einer kindlichen empörung. sie geht vor ihrem geburtstag zum friseur und lässt ihr haar nachfärben und „legen“, in schönen grossen wellen um ihren kopf. ich möchte immer, dass sie sich mehr bewegt, ihren rollator nutzt, spazierengeht, übungen macht, aber sie will sich gar nicht mehr bewegen, es ist so schon alles abenteuer genug. ich denke, sie klagt zuviel, statt ihr leben zu geniessen, fokussiert nur auf die schlimmen folgen des alterns, statt für ihr relativ gutes befinden dankbar zu sein, sie relativiert nichts mehr, ihre wahrnehmung schließt sich um sie selber. meine andauernden ermutigungen zum weiterkommen, mehr kondition, mehr unternehmen, dabei will sie das alles nicht mehr. es soll nur nichts weh tun.

wie ich das alles sehe und verstehe und trotzdem manchmal, so zwischen außen und innen, im vorbewussten raum, immer noch ein kleiner wunsch nach mehr da ist, zu leise für eine sehnsucht, zu müde, weil die zeit ja vergeht und nichts wiederkommt. wie ihr gelegentliches „toll, wie du das alles machst“ bei mir kaum ankommt, weil ich mehr möchte, von anfang an, und wie dieser wunsch auch nur noch eine matte ungefähre erinnerung ist. ich will gar nicht mehr alles, will nicht erkannt werden, verstanden, mit all meinen lebensbedingungen, nicht ihr ganzes herz, die wege sind getrennt. das leben ist weitergegangen, wir tragen unsere ziernarben mit stolz.

kw dazu: genug kann nie genügen, schon schweigen ist betrug.

ich hoffe, ich bin meinen kindern gewachsen, aber es fühlt sich eigentlich danach an. alles gut. yeah pathos.

30. mai 22

das erste mal im neuen job krank zuhause geblieben. fühlt sich merkwürdig erwachsen an. habe einen dieser infekte, die sich nach corona anfühlen, aber alle tests sind negativ. glaube inzwischen, dass ich es nicht kriegen werde, aber das dachte d.-zwilling auch, und der hat es jetzt.

wenn ich allein zuhause bin, rufe ich manchmal nach emma, weil es sich so vertraut anfühlt, und weil sie immer gekommen ist.

zwischendrin das bedürfnis, mein leben zu gestalten, etwas erreichen zu wollen, schaffe es kaum, einen spielraum dafür zu sehen, eine fuge, wo noch bewegung möglich ist. das meiste hält von alleine fast zu gut, wenn auch eher von außen. wo du hingehst, da bist du dann. vielleicht fehlen mir aber auch bloss die hunderunden, die rituale, die gespräche mit den hundemenschen, die täglich erlaufene stadt. habe tatsächlich mehr stillstand als früher.

die liebe ist ja auch so ein veränderungsimpuls, ein bewegungsdrang, vielleicht sollte ich statt hund wieder einen mann suchen? der macht dann aber noch mehr arbeit. ich merke auch, dass ich wirklich gern allein bin, und warum jetzt wegen der generischen annahme, dass sich das im alter nochmal ändert, die jahre bis dahin auch schon hergeben? sich richtig zu verlieben, alles geben wollen, alles nehmen können, das wäre schön, aber ich kann mir das nicht mehr vorstellen, es ist zu lange her, und der aufwand mit den portalen immer, nee.

den neuen knausgård angefangen, lese ihn sehr gerne, bin gespannt, wie er sein neues thema klimawandel im fluss unterbringen wird. bisher wirken seine ideen dazu wie diese momente, wo im film die normalität plötzlich kippt und das unfassbare eintritt, eher wie phantastische oder scifi-elemente, ohne bezug zum bis dahin erzählten, eher deus ex machina als homo factus. man liest das und denkt so: hm? bin gespannt, wie es weitergeht.

26./27. mai 2022

fühle mich älter als je. paar baustellen kann ich, muss ich bearbeiten, hoffe, mir fällt ein weg dazu ein. war etwas verpeilt in den letzten tagen, dabei zu oft einfach in so einer art lebens-lampenfieber verstrickt, obwohl es gar keine bühne war. nein, noch vermisse ich die berufliche selbständigkeit nicht wirklich.

über freunde nachgedacht, ich hätte soviele, sagt eine freundin, dabei sind die, mit denen ich ohne scheu über alles rede, an einer bis anderthalb händen abzuzählen. die alten leute im umfeld beklagen, nein, eigentlich erzählen sie es eher, dass sie gar keine freunde mehr hätten, aber das liegt auch daran, dass sich im alter der kreis um die menschen immer mehr schließt, der radius kleiner wird, vielleicht auch die bedürfnisse, es bleiben partner und familie. man verliert sich aus den augen über die jahre, mir sind besonders die männlichen freunde aus dem fokus gerutscht, weiß nicht, woran das liegt. sind männer in job und partnerschaften anders eingebunden als frauen, oder machen sie dann eben alles in der partnerschaft? das sind bestimmt nur klischees, warum sollte es einen unterschied geben in der art, wie männer und frauen freundschaft leben? nee, da hat eine stimmung meine wahrnehmung beeinflusst. unsere wohnorte und tagesabläufe dividieren sich einfach mit den jahren auseinander, anders als früher bin ich weniger initiativ beim ausgehen und planen, und ich bleibe wirklich sehr gern zuhause. und die müdigkeit immer. kommt eins zum anderen. hmm. beim gestrigen herumbloggen meldet sich dann eine freundin per wa, und wir verbringen den rest des nachmittages zusammen. point taken, vorgenommen, mich bei den männern mal wieder zu melden. bei den freundinnen stört das nichtsehen ja gar nicht weiter, wir sind sofort wieder da, wo wir letztes mal aufgehört haben, ich hoffe, das ist bei den verloren gegangenenen männern genauso.

in den corona-jahren habe ich mit einigen freundinnen fast täglich hunderunden gemacht, dabei über alles geredet, ohne emma brauche ich etwas wie einen grund, einen anlassgeber, einen anzünder fürs spazierengehen, ich werde eben ohnehundrunden machen, fernziel flaneuse.

es ist in meinem alter schon fast eine gute nachricht, wenn es nicht so viel neues zu erzählen gibt.

anderes thema: ich war vor jahren mal mit frau modeste ein kleid kaufen, auf dem rückweg sind wir mit f. an einem legoladen vorbeigekommen und hineingegangen. dort hatte ich die normalen gefühle zwischen sentimentalität und „alles so schön bunt hier“, die man in einem legoladen als mutter großer kinder eben hat, bis ich den aston martin dort stehen sah. schon nach sekunden kippte das erstaunen in habenwollen um, sofort selber mit der nase dran geklebt, wie früher die kinder. die weihnachtsabende, wo ich neben den kids auf dem boden gesessen habe, in einer flut an legosteinen, mithelfen wollte, aber nicht durfte („nein, mama!“). das war nicht wirklich schlimm, mit den star-wars-themen konnte ich sowieso nie was anfangen, aber ich hab die kids ein bisschen beneidet. auf die idee, mir lego für mich selber zu kaufen, bin ich vorher nie gekommen, das wäre albern gewesen und ein bisschen peinlich. aber jetzt war etwas anders, ich habe die bondfilme gesehen und würde sehr gerne mal in einem aston martin herumfahren, ich war zielgruppe.

schon 2019 war jeder 10. kunde ein erwachsener, inzwischen sind es sicher mehr, die objekte sind durchdacht, die autos haben eine lenkung und bewegliche teile, man kann beleuchtung nachkaufen, es sind oft lizenzprodukte, die den originalen so ähnlich wie möglich sind, mit mehr als 1000 teilen, und sie besetzen anders als etwa ein großpuzzle nach dem fertigstellen keinen ganzen tisch, sondern werden zu kompakten 3d-staubfängern, die in ein regal passen. das angebot ist überschaubar, schöne autos, ein paar berühmte bauwerke, alles international bekannte sehenswürdigkeiten, filmprops wie der wagen aus ghostbusters, der wird in wechselnden ausführungen schon seit 2015 oder so angeboten. auch die titanic ist im programm unsinkbar, sie taucht jedes jahr mit größerer teileanzahl wieder auf. der db5 sollte damals 150€ kosten, mehr als das kleid, ich habe ihn nicht mitgenommen, wohl aber ein kleineres automodell, „für die jungs“, weil der damm zwischen spielzeug und erwachsenenzeug mit einem mal weg war. ich habe das auto dann selber aufgebaut, die söhne haben aber zu weihnachten noch jeder eins bekommen, es gab keine beschwerden, und sie haben sie beim auszug mitgenommen. ab und zu nehme ich mein auto auseinander und baue es wieder zusammen. seitdem schaue ich gelegentlich mal nach, es gibt inzwischen eine ganze welt dafür, der markt hat übernommen, die objekte sind teuer, es gibt knappheit, spekulation und sammler, und haufenweise eher junge männer, die auf youtube mit großer begeisterung über ihr lego reden.

dieses bauen nach anleitung ist natürlich ein bisschen malen nach zahlen, es gibt aber auch ai weiwei, der mit lego richtige kunst macht, wie mir frau seubert gestern beim spaziergang erzählt hat. sie konnte die arbeiten beim galerienrundgang sehen. also auf, von den vorgaben freiwerden, einfach dinge bauen, wie ganz früher. wenn man sich die neue titanic gönnt, hat man dafür über 9000 teile zur verfügung.

caracas-berlin, einfach

ich frage, wie sie denn ostern feiern. ah, sagt er, sie haben eine ganze woche frei. und? frage ich. „hinter caracas kommt noch ein berg, da muss man rüber, dann ist es nur noch strand.“ er macht mit den händen eine sehr breite geste, „ostern gehen eigentlich alle ans meer.“ und nicht irgendein meer, die karibik. venezuela muss eins der schönsten länder der welt sein, aber die lebensumstände sind unlebbar. der gaststudent erzählt, wie die leute für ein paar wochen, einen monat arbeit um die 3$ nach hause bringen, sie müssen also mehrere jobs arbeiten oder brauchen hilfe von verwandten aus dem ausland, aber es reicht trotzdem für gar nichts. seine eltern sind beide akademiker, aber ihr geld ist nichts mehr wert. er erzählt, wie die menschen in caracas bis 5 oder 6 uhr am nachmittag arbeiten, dann ist es dunkel, das ganze jahr über, es gibt keine jahreszeiten in venezuela, es ist immer tropischer hochsommer, und es wird immer um sechs stockfinster, ganz schnell. danach sind die strassen zu gefährlich, dann „rennen“ die menschen nach hause und schließen die türen hinter sich ab (er war erstaunt, dass ich das hier nicht tue, mich einschließen). wenn er mit seinen freunden ausgehen will, dann gehen sie früh los, rennen („running“) zu einem club, der schließt irgendwann die türen, dann müssen die kids durch die nacht nach hause, aber das ist lebensgefährlich, also machen sie das nur, wenn jemand in der nähe des clubs wohnt und sie schnell dorthin kommen können. ich stelle mir wirklich vor, die sie dauernd herumrennen, vielleicht ein übersetzungsfehler, aber sein englisch ist gut. er erzählt ein paar abenteuer, mit bewaffneten dieben, „thieves“. feste finden bei leuten zu hause statt, und die gäste bleiben bis zum nächsten morgen, weil niemand nach 18 uhr noch auf die strassen geht. er erzählt, wie es 2017 nichts mehr zu essen gab, wie unruhen herrschten, regierung gegen studenten und bevölkerung, und wie schwierig es war, weil das sistema, dass ihn mit seinem instrument gefördert hat, auf der seite der regierung war, aber alle studenten auf der anderen seite. es waren nicht nur demos, 200 schüler sind getötet worden in den unruhen, auch ein freund von ihm, armando, den er von klein auf kannte, er spielte viola, und war sehr gut. dudamel hat eine rede für ihn gehalten und durfte seitdem, so erzählt er, mit keinem orchester in venezuela noch auftreten. er erzählt von den drei hochklassigen orchestern im land, das beste heißt simon bolivar orchestra, in was sie sich unterscheiden, im stil, der stückauswahl, es klingt ein bisschen wie die konkurrenz zwischen fussballmannschaften, und wie die guten schüler aus dem sistema bei einem von ihnen unterkommen wollen, und wie hart es ist, der konkurrenz standzuhalten. erst beim googeln sehe ich, dass es alles jugendorchester sind, die für erwachsene habe ich nicht gefunden. es muss sie ja geben, vielleicht weiß es einë leserïn*?

*beim gendern findet ja eine diäresis statt, da ginge doch ein trema, oder nicht? ich finde es elegant und kohärenter als sternchen oder |, für das ich jetzt erst 6 andere zeichen tippen musste, bis ich es gefunden hab.

jedenfalls hat er sich, als er volljährig war, bei der hanns eisler hochschule für musik beworben, wurde angenommen und ist jetzt mit der unterstützung durch einen sponsor nach berlin gekommen. er ist zum ersten mal weg von zu hause, ihm fehlt venezuela, und als er anfang april aus dem flugzeug kam, waren es 5° c, da wollte er sofort wieder umkehren, weil das für ihn unfassbar kalt ist, „never, never“ hat er so eine kälte erlebt, „it’s an adventure.“ er ist wohl erstmal eingekleidet worden von seinen neuen kollegen, ich habe ihm eine abgelegte winterjacke der jungs angedreht, schon die 19 grad in der wohnung sind eine herausforderung für ihn. eigentlich weiß er, dass er hierbleiben wollen sollte, obwohl alles so anders ist, das gehört zu seinem plan, ich hoffe, dass alles so läuft, wie er es sich wünscht, ich bewundere ja leute mit plänen sehr, auch wenn es bei ihm wohl aus der not geboren ist. er erzählt, wie er an den ersten dunklen abenden auf berlins strassen die angst abschütteln musste, weil er es nicht kannte, im dunkeln ohne angst herumzulaufen. ich sage ihm, dass wir am stadtrand auch ein paar gefährliche ecken haben, aber er lacht nicht einmal.

ein zwilling war zum zwillingsgeburtstag hier, wir haben zusammen kuchen gegessen und die beiden jungs haben sich unterhalten. ich weiß nicht genau, welche rolle ich da möchte, bleibe also freundlich im hintergrund und gebe ratschläge nur, wenn ich gefragt werde, verspüre aber einen kleinen hang zur kulturellen botschafterin europas oder so, was filme, bilder, geschichte angeht, mal sehen, ob er da bei seinem sehr dichten uniprogramm noch freiräume für hat. er ist ein fussballfan (bayern münchen) und möchte da gern mal ein spiel sehen.

die woche war ja kürzer, aber trotzdem zu lang und viel zu kalt. langsam spüre ich es trotzdem, dass die tage länger sind und damit für mich wieder nutzbar werden, im dunkeln ist irgendwie alles eins. ich wette, in ein paar wochen, höchstens monaten, kann ich mich sogar zum lesen auf den balkon setzen.

über emma noch ein tolle nachbarin kennengelernt, sie arbeitet zu hause und nimmt sie vielleicht mal ein paar stunden zu sich. bild und sprache sind ihr metier, wir sassen gestern zwei stunden bei einem spontanen tee in der küche, wie zu studizeiten in kreuzberg, meinte sie. es ist vielleicht so, dass wir uns alle nicht sehr verändern, wenn alles gut geht, es gibt nur weniger gelegenheiten, so zu sein, wie wir mal waren. räume dafür offenhalten.

bei picard wird der plot, der früher für eine folge gereicht hätte, auf eine ganze staffel ausgewalzt. es ist alles redundant und eher verworren. ich leide und verstehe nicht, wie das so schiefgehen konnte. liest das denn keiner vorm filmen? warum sparen sie an den autorïnnen?

ich wollte eigentlich am wochenende bloggen, jetzt hab ichs schon erledigt. ich kann ja einfach nochmal bloggen.

somatismen

mitten in der woche nach greifswald gefahren, zu einer theaterpremiere. die freundin hat irreparabel inszeniert, ein stück von sergej gößner fürs junge theater, mit zwei großartigen schauspielern, hauke petersen und philipp staschull. zwei teenager mit behinderung, einer nach unfall, der andere nach ms, und wie sie sich begegnen, der eine schon seit jahren krank, der andere in der ersten phase nach dem unfall. wild, schnell, dabei charmant und zart, es gab keine phrasen, keine betulichkeit, die beiden jungen schauspieler ganz traumwandlerisch in ihren nuancen. ein schnelles stück, in dem viel passiert. superbühnenbild, mit traumwolken, die von den akteuren heruntergeholt werden, von yvonne marcour. danach premierenfeier, ohne publikum, in meckpomm gilt ja noch corona. die bühnenbildnerin trug ein schwarzes oberteil im stil der boss-bluse, von der neulich mal die rede war, aber mit weniger falten und halblangen armen, sehr elegant und viel frischer im stil als das teil von boss. seitdem denke ich darüber nach, mal wieder mehr auf meine optik zu achten.

(a propos, heute brief von der krankenkasse, „Aus einer der letzten Dokumentationen ihrer Arztpraxis geht hervor, dass das Thema Schädigung der Augen für sie interessant sein könnte.“ – hatte überweisung zur jährlichen untersuchung mitgenommen. diese sendungen scheinen wie eine art spam zu funktionieren, ich wette, da hat kein mensch drübergelesen.)

am nächsten tag mit dem auto der freundin ans meer gefahren, herumgelaufen, versucht, da total im jetzt zu sein, das kann ich ganz gut inzwischen. es hat geregnet, luft und wasser, der weite blick zum horizont, ich war 60 minuten da und es fühlte sich an wie ein halber tag. der blick aufs meer führt zu ruheinseln in meinen schläfen, als hätte ich die augen geschlossen dabei, so eine stille und leere, eine entspannung, die sonst nur im schlaf gelingt.

in der bibliothek der freundin herumgeguckt, ein buch zur körpersprache gefunden (ich glaube, dieses), dort erst die bewegungsmuster von kleinkindern nachgelesen, dann berichte von therapeutInnen über ihre klienten. sehr faszinierend alles. vielleicht ist die stille meines körpers ein symptom und nicht einfach eine phase, der rückzug aus bedürfnissen. dinge, in denen ich gern besser wäre, haben ja alle einen anker im körperlichen. ich spiele fast keine gitarre mehr, ist ja auch ein mangel des körpers, der aufstehen sollte, die gitarre nehmen, sich wieder hinsetzen, zu spielen beginnen könnte, weil es wohltuend ist. oder zu tanzen beginnt, oder klimmzüge übt. wie aktivierend bewegung ist, merke ich ja durch das fahrradfahren und herumlaufen und allgemein das viele hin- und her im berufsalltag. die kiste mit prokrastiniertem mal vom körper her denken, und nicht von der psyche. ich hatte so ein ping! im bewusstsein dabei. irgendwas ist da. interessant.

nehme meinen körper meistens über den diabetes wahr, der andauernde und häufig frustrierende beschäftigung einfordert, es gibt gründe dafür, wenn es wieder mal nicht gut läuft, seit fast 2 jahren die wechseljahre, usw. usw., und jede idee hilft immer nur einen moment. ein instrument lernen wäre bewegung, entwicklung, ein weiter wurf, ein einsatz, aus dem etwas entstehen soll. das traue ich mir und meinem körper gar nicht mehr zu. vielleicht sollte ich wirklich wieder üben.

auf der rückfahrt waren ukrainerinnen im zugabteil, wollte ihnen irgendwie ein zeichen der unterstützung geben, aber kam mir dann blöd vor. einmal gingen zwei sicherheitsleute mit einer uniform und warnwesten durch den zug, große, breite junge männer, und haben leute irgendwas gefragt, weiß nicht was es war, vielleicht ging es um die impfausweise? da haben sie sich kleiner gemacht, weggesehen, vielleicht hab ich mir das aber auch eingebildet. bei der kartenkontrolle haben sie dem schaffner ihre pässe gezeigt, er sagte: das geht in ordnung