normbereich

blick auf den holzkörper der gitarre vom sohn gibt wohlbefinden. palisander, in der maserung eine schattierung von zartbitter auf nougat.

arbeite zuviel. bin so erledigt abends, schlafe sofort ein, noch vorm abendessen, muss mich dann mühsam wieder in gang setzen, spätestens um elf bin ich platt. gleich bisschen dummes gefühl ggü all den selbstverständlichen arbeitsbienen mit 50-60h-wochen, allein – das bin ich nicht. ist vielleicht auch ein stoffwechselproblem, mein insulinbedarf sinkt seit ein paar monaten, ich nehme ab, kann mich schlecht konzentrieren. ich freu mich zwar, dass ich zahlen habe und nicht nur gefühle, aber meine nette ärztin ist keine hilfe und weiß nichts zu sagen, und sie denkt natürlich auch nicht weiter. vielleicht ist einfach mal wieder alles im wandel. unbefriedigend.

heute auf einem 50. fast der gesamte freundeskreis ist inzwischen durch, nur mek, die kekstesterin und frau modeste fehlen noch, als nächstes, fällt mir da auf, kommen die 60. geburtstage. so froh, kinder und einen hund zu haben, die halten mich wenn nicht jung, so immerhin in bewegung, und meine freunde natürlich.

mann fehlt nach wie vor nicht, auch weil es im alltag keine situationen mehr gibt, wo mir ein mangel auffiele, es ist einfach zu lang her. grad neulich im gespräch mit freundin darüber, wieviel arbeit ein mann machen würde, lieber heute entspannt kaffee im bett trinken und im alten pyjama noch mal umdrehen, das ginge ja ev auch mit mann, aber das scheint mir schon nicht selbstverständlich. er müsste schon eine bereicherung sein, niemand, den man in kauf nimmt, um nicht partnerlos zu sein, dabei pflegeleicht, ein lustiger, sexyer, lebensliebender, kinderreicher, der durch hoch und tief gegangen ist und weiter läuft, einer wie ich eben (ich lache nicht).

sucht man nicht sein ebenbild? das gewünschte ebenbild, das geglättete, ohne neon, das überlebt habende. der schöne traum („der schöne traum von dir/ aber du, in der zeit, verletzlich, verführbar, sprachlos.“, so geht das gedicht von chr. meckel dann weiter. immer beides). wenn er dann gleich noch die dichtungen im bad …

manchmal träume ich von wildem sex auf eine nicht bildhafte weise, als mögliche hingabe, mit männern, auf die ich mich im traum freue. aber morgens ist es dann auch wieder gut. ich bin zufrieden, dass die bedürfnisse noch irgendwo existieren, wer weiß, wann ich die noch brauchen kann.

 

 

 

wunschlos

bei der liste der geschenke zum 18. geburtstag nie ganz bei den kindern, immer einen schritt im repräsentativen raum, habe lange nach einem rite du passage gesucht, dann gemerkt, dass alle, die mir einfallen, nicht nur den übergang darstellen, sondern auch eine soziale zugehörigkeit zeigen oder festschreiben wollen. die jungs selber sind da wohl erzogen und wünschen sich nichts davon, keine uhren oder autos oder reisen. ich habe keine erinnerung daran, was ich bekommen habe zur volljährigkeit, es waren aber auch keine symole notwendig (sie bleiben ja kostüm und maske, solange man sie als anreiz wahrnimmt, und nicht als selbstverständliches attribut), ich gehörte unmissverständlich dazu und wollte umso dringender weg von allem, was meine familie ausmachte. einen füller bekommen sie trotzdem. die hoffnung, dass sie mein hin- und her über die grenze zwischen zugehörigkeit und außenseitertum als etwas flüssiges wahrnehmen, als beweglichkeit, nicht als etwas falsches, nicht als behauptung.

 

alleinbleiben

nach ein paar hinweisen auf twitter grey’s anatomy 15/19 geschaut, obwohl die serie nur noch schlümmste telenovela ist – die szene mit der wall of women hat mich erwischt, vor allem, die ernsten blicke, nur die präsenz, ohne kommentar, dieses: wir sind hier, alle frauen sind hier. wahrscheinlich, weil ich in diesen situationen immer vollkommen allein war. mit den männern, auch danach, also in den minuten unmittelbar nach der gewalt. meine kinder waren jedesmal auch da, es hat das alleinsein nicht verändert. männer können tun, was sie wollen, und sie nehmen unser selbstbild mit, ohne dafür zu bezahlen, weil wir ihnen vertraut haben und danach eine lange weile uns selbst nicht mehr vertrauen können. ich hab keinen der beiden angezeigt, ich konnte nichts beweisen, inzwischen ist es eine verwachsene tiefe narbe, aber ich zeige sie immer noch nicht gerne. wie alle narben bleibt sie. es ist das alleinsein in der situation, das die angst so groß macht, die nachher nicht mehr zu einem passt, die ich kenne aus kindertagen, die mich zum opfer macht, mir für ein paar heillose momente und tage die persönlichkeit und die geschichte nimmt, bis der schock sich legt und wieder alltag ist. diese angst verzeihe ich den männern nicht, die fassunglosigkeit. man ist allein, man bleibt allein.

bibliothek vs sammlung

gehe grade die erstausgaben durch, einige sollen auf den markt zurück, der sie meinem vater oder mir an land gespült hat in den letzten 50 jahren. die trennung zwischen pragmatismus und liebe verläuft dabei messerscharf in meinem kopf, die beiden bereiche haben wenig gemein, der pragmatismus neigt dazu, den rest lächerlich zu machen und den ganzen platz für sich zu beanspruchen.

(lieblingssignatur. ich hab den autor gefragt, warum die unendliche geschichte ein ende hat, er hat es korrigiert.)

macht der besitz von diesen dingen nicht nur sinn, wenn man auf ihn verzichten kann, wenn er luxus ist? in diesen büchern wohnt ja nur mein herz, ein paar erinnerungen sind gelagert, nicht mal alle schön,  sind sie nicht auch reine und damit hohle repräsentanz? ich habe so selten gäste, bei denen so etwas wichtig ist, eigentlich: nie, immer nur freunde und familie, und ein liebhaber, dem meine bücher etwas bedeutet hätten, ist mir noch nicht untergekommen. es gibt aber, da vertraue ich meiner wahrnehmung, immer einen aspekt der behauptung in solchen schränken, zumindest eine kleine notwendigkeit für so einen affirmativen gestus. besonders beim geerbten teil der sammlung, also bei den mittelalten (mann, jünger, hesse und so), die ganz alten haben eine andere, zeitlose wertigkeit, die sind auch nicht mit meiner komplexen vaterbindung verwoben, da sind die autoren frei in ihrer wirkung, sie stehen für sich, da freut sich mein sammlerherz ganz unbekümmert.

bei bildern ist das anders, da habe ich tatsächlich einen unmittelbaren spark of joy, jedesmal, wenn ich sie ansehe.

ich habe nur eine ahnung, ob meine söhne mal interesse an alten büchern aufbringen werden. einer ist sehr in der gegenwart und im funktionalen glücklich (nur nicht bei seiner kleidung, da zählen schein und sein gleichermaßen), einer hat respekt und sinn für das besondere, der dritte ist in seiner linken phase und sowieso gegen das privateigentum. bei keinem ist es genug, um die bücher zu vermissen, wenn sie weg sind, vielleicht reicht es zu einer anekdote (meine mutter hatte mal …). das wäre auch eher eine ausrede.

die bibliotek ist verfügbar, darf herumliegen, benutzt und durcheinandergebracht werden, die sammlung macht aus den büchern etwas totes, zumindest schweigendes, lauter kleine sarkophage, weil ihr inhalt weniger wichtig ist als ihre einzigartigkeit, nur in diesem schrank, sie stehen als objekte für eine epoche, einen erfolg, eine biographie, nicht mehr als text, roman oder prosa oder gedicht, was immer da jetzt drin verborgen ist. die differenzierung im wert ist vermutlich zu ein oder zwei vierteln quatsch, denn gibt es etwas schöneres als diese einzigartigkeit? man liebt doch den einzigen, nicht die masse, den besonderen, nicht den, der wie alle anderen ist. ein bisschen nehme ich diese besonderen bücher damit aus dem kreislauf, lege sie still, gebe ihnen das zurück, was sie als unbekannte frisch gedruckte dinger hatten: einen anfang. wie in einer metonymie, steht doch ihre einzigartigkeit für die einzigartikeit des textes, den sie als erste unters volk gebracht haben. not?

ein buch, dass am anfang seines weges ist, noch nicht ins netzwerk der literatur eingegangen ist, ungelesen und mit nichts als hoffnung. (gut, die kategorie prätentiös kriegt jetzt auch einen haken.)

mehr eine hommage ans buch als an den markt, vielleicht macht das den sammler aus. der markt ist ein ärgernis, er macht die jagd nach wirklichen schätzen unaffordable statt einfach schwierig. wegen dem markt trenne ich mich jetzt von einigen und hoffe bei ein oder zweien sehr, dass der erlös den verlust wert ist, die anderen gehören eh zu jemandem, der sie lieber haben möchte.

bah.

heut abend ein bisschen unterzuckert gelesen, dass ein mann sich einer schwangeren bei der festnahme auf den bauch gekniet hat, dass sie ihr kind verloren hat und dabei allein war, ohne ärztliche oder psychologische betreuung. sehe die beiden menschen wie in einem still, wie durch einen tragische fügung ausgerechnet ein grausamer mann an diese so verletzbare frau geraten musste, wie ein leben dadurch beendet worden ist. wer weiß, was das für ein mensch geworden wäre, ein einzigartiger, ein flüchtling sicherlich. natürlich ist es das system, das zu solchen situationen der wilkühr und brutalität führt, aber es braucht den einen mann, der es tut, der den akt ausführt, den letzten in der kette, von dem außer der kette nichts eigenes geblieben ist, das hoffe ich ja immer fast bei diesen brutalos, dass sie nur staat sind, weil ich den gedanken an grausamkeit und gewissenslosigkeit fast noch beunruhigender finde, aber wahrscheinlich kommen in so einer demokratie bloss beide zufällig zusammen, nur in diktaturen werden sie gewollt zusammengeführt, und so erzogen von klein auf, wie ich heut gelesen hab. wer weiß was den dahin gebracht hat, so zu werden, alles zu verlieren, was das hätte verhindern können, jede wahrnehmung seiner selbst. wie brutal das ist, wenn so ein akt keinerlei vorgeschichte haben muss, um geschehen zu können, vor allem hätte es jederzeit nicht geschehen können, das macht es so unfassbar, dass ein ausgebildeter polizist nicht damit aufhören kann, einer schwangeren den bauch zu verletzen, dass er es nicht verhindert hat, nicht etwas anderes getan hat.

im monitor-film zu der geschichte heißt es nicht „auf den bauch knien“, da zeigt die frau auf ihren unterleib, als sie von ihrer festnahme berichtet, ich denke, sie kann nichts beweisen, das gesetz hinter der abschieberei schützt bestimmt auch den einen täter davor, die tat überhaupt zur kenntnis zu nehmen. sie kannten sich nicht, opfer und täter, sie werden sich wahrscheinlich auch nicht wieder sehen. ich könnte nur schwer damit leben, einen fötus getötet zu haben, die beamten leugnen alles und sind kalkweiße wand geworden, ohne zeichen, ohne gewissen und verantwortung.

und von ihr kann ich nichts schreiben, ich weiß nur „aus dem iran“, es hat die beamten bestimmt gar nicht interessiert. sie hatte den mut, die kraft und die verzweiflung, ihr zuhause zu verlassen und auf die flucht zu gehen, sie hat den weg überlebt, sie ist in deutschland angekommen. der mann hat wahrscheinlich eine ausbildung gemacht und ansonsten nicht viel erlebt. wie unfassbar viel schlimmer die folgen von gewalt sind, was für eine wucht dieser mann dadurch bekommt, sein verhalten hatte auf ihr leben und das ihres kindes mehr einfluss als die flucht, und sie verschwindet beim erzählen schon wieder aus dieser geschichte, und ihr kind ist schon verschwunden. ich wünsche ihr, dass sie wärme und schutz gefunden hat. dass jemand zuhört. bah.

passage

es wird eine stadt weit im westen werden, an der grenze zu luxemburg, gerade noch großstadt, um die 12.000 studenten. er will sofort ausziehen, am liebsten morgen, hat sein zimmer schon vollkommen in kisten verfrachtet oder verschenkt, und natürlich ist sein zimmer schon vergeben an einen der zwillis, die sich ohne krieg und duell einigen konnten. womöglich sind die  auch schon erwachsen. leselisten, rezepte, ratschläge mimetisch im gespräch versenkt, glaube ich, er sagt: mama! und umarmt mich kurz.

c/o

vielleicht bleibt viel mehr so wie es war, nur der weg an die oberfläche wird länger, jeden tag ein stückchen. die sensorischen wege von der menge an bekannten und unbekannten leuten zu einem gesicht, dass ich sehen kann, sehen-nichtsehen, das war nett, aber es war hauptsächlich nichtsehen. wir alle drumrum ein paar jahrzehnte älter geworden, die brüche sind verarbeitet, die brüchigkeit haben wir im griff, eine müßige differenz. meine ist mir noch im weg. müde und nüchtern nach hause. (parties)

julian lage trio bei empoli jazz 2018

ich komme mit meiner schwester in paar stunden vorher an, es ist ein tag mit 38°c, die stadt ist total verlassen, lauter einstöckige alte häuser, empoli, bekannt hauptsächlich, weil es heißt „e come empoli“ (a wie anna).

es ist ein freiluftkonzert, in einer art hof oder park, auf dem gras hinter einer sehr alten mauer steht eine bühne, daneben so ein partyzelt als künstlerraum, mit ein paar balken abgetrennt. vielleicht 200 stühle, ein stand mit lokalem bier und einem riesigen braten, von einem der sponsoren der veranstaltung. wir sitzen zweite reihe, ich komme mit ein paar anderen ins gespräch, ein junger mann mittdreißiger freut sich: „ich wäre ins ausland gefahren für sie, und jetzt kommen sie nach empoli, ausgerechnet!“, musste ich lachen und bin erleichtert, dass ich nicht die einzige irre hier bin. er hat ihn auch schon ein paar mal gesehen, wir freuen uns beide, dass lage die ochsentour macht und die verschiedenen jazzfestivals absurft. ich bin immer noch bisschen fassunglsos darüber, dass ich meinen fernen zufallsfund im netz heut zum dritten mal live anhören darf, ein großes geschenk. wir reden über bluegrass, chris eldridge, nels cline, den jazz und den sommer, die leute kennen sich aus und sind mitaufgeregt. langsam wird es dunkel und ein bisschen kühler, als die drei um 21:30 auf die bühne kommen aus ihrem zelt. lage hat seinem schlagzeuger vorher mit fist bump glück gewünscht, für mich eine erinerung daran, was so ein konzert für die musiker bedeutet und bisschen neugierde, ob es etwas sehr anderes ist für uns zuhörer. das hier war das letzte konzert der tour, am nächsten tag würden sie zurück in die usa fliegen, hat der veranstalter bei der kurzen einführung gesagt. 5 tage später ist das nächste konzert, da hätten sie auch ferien an einem der wunderschönen strände der feniglia machen können.

mit diesen beiden reist er schon eine weile herum, jorge roeder am bass und eric doob am schlagzeug, die tournee ging dichtgesetzt durch spanien und frankreich. sie fangen an mit packenden und gutgelaunten sachen von der letzten cd (modern lore, 2018 bei mack avenue records), splendor riot ist eventuell dabei, was noch? hatte paar tage kein netz und kriege es nicht mehr zusammen. ich hätte eventuell eine setlist oder sowas besorgen sollen. nach den songs von der cd  kündigt lage ein paar lieblingstücke an, „songs that we like“. das erste ist eine sehr tolle version von „the best thing for you (would be me)“, von irving berlin, und das stimmt ja für diesen abend. es ist fein und elegant und schön auf eine unbekannt freie art. das sehr schöne nocturne war dabei, wie immer bewegt lage sich völlig frei im lied herum, spielt damit, bewegt sich eine weile mit schnodderig entspannten impros voran, findet aber immer wieder nach hause zum ende hin, stellt im letzten moment auf theme um und erschafft dort kleine harmonische enklaven, noch im letzten atemzug der songs. grad nocturne hat schon gefährlich viel schönheit in der melodie, und lage baut noch ein paar runden ein, zieht takte zusammen, überspringt etwas, wiederholt eine auflösung – es ist, wie wenn man jemanden wiedersieht nach einer weile, und er ist ganz anders schön als in der erinnerung – erst hab ich „ist viel schöner“ geschrieben, aber schönheit in musik ist was anderes als im menschen, anders meßbar – so etwas gelingt lage mit seinen melodien, und er scheint dabei andauernd aus dem vollen zu schöpfen. jedes konzert, jede interpretation gerät dabei vollkommen anders, aber das gehört ja so im jazz. ich will diese passagen noch einmal hören, sobald sie vorbei sind, sie wiedererleben, und danach fehlen sie mir. ein grund, immer wieder hinzugehen. noch ein lieblingslied war dabei, hab die melodie noch im kopf, kanns aber grad nicht zuordnen.

beim suchen gefunden, auch schönheit, hat aber mit nix was zu tun: up from the north)

der drummer (eric doob) ist strange, er spielt versunken in hoher konzentration, wie ein junge, scheint perfekte, endlose kompositionen im kopf zu haben, und wenn er sein solo hat, gibt er nur fragmente dieser dinge frei, es klingt wie eine abkürzung, wie steno, karg und zusammengenommen. lage guckt ihn an mit einem lächeln, als könnte er die nicht gespielten passagen hören. vielleicht vermisse ich auch nur tom rainey – wenn man ganz viel sagen möchte und nur ein paar worte herausbekommt, in denen sich dann alles gewicht sammeln muss, so etwa. der bassist hat einen fanclub in der stadt, nach dem konzert wird er von einer gruppe begrüßt, die ihm komplimente machen und über das spielen befragen. er war natürlich saugut, aber mit einem aber; das schnelle navigieren duch die skalen verstehe ich vielleicht einfach nicht so gut, das ist mir zu sehr aerobic, ich brauche erkennbare zäsuren, rhythmen, melodische closure, etwas, um das lineare hören zu durchbrechen, sonst bewundere ich eben die geschwindigkeit, aber das leben ist ja schon schnell genug, bin ich nicht angefasst davon.

lages virtuosität hatte ein sommerliches angedeutetsein, eine leichtigkeit, als würden die finger nicht ganz auf die saiten müssen, sondern könnten ein mü vorher unbekümmert weiter zum nächsten ton. hat sonst niemand bemerkt, wie ich aus den gesprächen mit den fans nach dem konzert weiß, wahrscheinlich sind es also einfach also meine nicht mehr so guten ohren, plus tinnitus, der einen ausgegrauten bereich im gehör erzeugt („die graufläche, die mein tinnitus füllt“ hab ich zuerst geschrieben, aber es sind zwei getrennte bereiche, das sirren und die fehlenden höhen). dann diese ganz nebenbei in ein paar takten angespielten melodien, jede mit raum für einen ganzen song, perfekte sekunden glück (hei, es war eine nacht in einem hof aus dem 15. jh., unter den sternen des julimondes, auf dem gras, in nur ein paar metern abstand zu den musikern)(und ich saß neben meiner schwester), also wo lage die stücke auflöst in mich total überraschenden harmonischen einfällen, die wiedererkennbar sind, wie der strich von horst janssen wiedererkennbar ist, auf eine nicht vorhersehbare weise eigen und schön.

das trio scheint andauernd auf tournee, schon im oktober und november wieder in europa, diesmal schweiz und frankreich, sie rocken die finnischen clubs, zb im oktober dieses jahres in singen, aber das ist mir zu weit für einen spontantrip, einmal durch die republik. andrerseits ist es vielleicht eine der letzten möglichkeiten für diese besondere qualität der kleinen clubs, im märz 2019 spielt das trio in einem saal der elbphilarmonie, für dreimal soviel eintritt wie bisher. sie haben ihn wahrgenommen, die großen.

mein (musikalisch ungebildetes) gefühl: er braucht eine herausforderung, also nicht im sinn von elbphilarmonie, sondern von anderen genialen gitarristen, wie nels cline einer ist, mit eigenem stil, eigenen kanten, musikalische reibung und herausforderung, einen dialog, vielleicht mit sich selbst im umweg über einen anderen.

nach dem konzert ist die stadt plötzlich rappelvoll, um mitternacht gibt es kaum freie plätze, familien, kinder, jung und alt sitzen herum und trinken in der nacht. auf der piazza dei leoni findet eine weinprobe statt, mit meiner schwester gönnen wir uns zwei hervoragende rotweine, gucken den kindern zu und gehen dann zurück ins klimatisierte hotel.

kw letzte schulwoche

umbruch. den großen sehe ich bis zum herbst nicht mehr, er ist die ganze zeit unterwegs, macht eine kleine ausbildung, geht auf festivals, schaut sich unis und städte an. verspüre eine vorahnung von phantomschmerz, habe aber grad so vorferienmäßig nichtmal mehr lust zum kochen und kümmern, es entgleitet mir in dieser letzten schulwoche ins sommerlich-entspannte. bin auch einigermaßen erschöpft.

nach den ferien geht meine jobvertretung noch bis zum ende des monats, danach ist das vorbei. möchte unbedingt wieder so einen 30h-job, es hat unglaublich gut getan, einen anderen boss als mich selber zu haben, einen sehr souveränen noch dazu. bisschen angst davor, wieder nix zu finden.

ach, jetzt geh ich mit dem großen auf dem sofa einen blöden film gucken, irgendwas mit blood und dicaprio, um das nebeneinandersitzen und kommentieren bisschen aufzusaugen.

galerie am amalienpark, konzertabend


And if you needed me, I would come to you*

die galerie amalienpark ist mir vor ein paar jahren ins visier geraten, als eine freundin dort ihre skulpturen ausstellte. es ist eine galerie der guten art, die mit kunst nicht aufhört, sie sind anders als die mitte- und westberliner galerien, sie haben und bieten raum für lesungen und alles mögliche andere, auf eine selbstverständliche weise. sie sind eben da. ich stelle mir immer vor, dass die szene des majakowskirings dort untergekommen ist, es gibt so eine kultivierte beständigkeit. bin fasziniert von den ganzen klugen, schönen, mittelalten frauen dort, mit gut geschnittenen grauen haaren, auf eine ost-art gleichzeitig zugewandt und zurückhaltend im gespräch.

die galeristin hat ihre freunde eingeladen, dort musik zu machen, vier leute, die vorher nie zusammen gespielt haben. „wir haben uns eine weile überlegt, was wir heute machen wollen“ sagt der musiker, wegen dem ich heute da war. gisbert zu knyphausen, spielt einfach so in einer altbaugalerie, man kann hingehen für fünf euro, sich ein bier holen und zuhören. geht noch als geburtstagsgeschenk durch. seine kumpels sind naëma faika (eine weile herumsuchen, bis die identität zwischen person und webseite halbwegs sicher ist, weil sie ihre kunst zeigt, nicht ihr gesicht.), songs und gitarre, marlène colle, songs, gitarre und piano, und marcus schneider, gitarre und voc. sie stehen in einem raum, ein paar reihen stühle davor, ich komme fast zu spät, finde einen klappstuhl und setze mich in die erste reihe, die galerie ist voll, aber nicht zu voll, die gäste sitzten auch in den beiden nebenräumen, nicht alle können sehen. ich saß in meinem lieblingsabstand, drei meter entfernt von der musik. dann passiert eins der schönsten konzerte dieses jahres, aus dem handgelenk geschüttelt von diesen vieren, jeder spielt so, als sei er oder sie zuhause in den liedern der anderen, geben noch etwas dazu, ein paar läufe und riffs und spielereien und verdichtungen, sie machen mehr musik aus der musik, aber die songs bleiben im vordergrund, sie sind halt wirklich gut. marléne colle singt laut und frei liebeslieder, zum weiterhören, vielleicht passiert die liebe ja doch noch mal, dachte ich, wenn sie noch so darüber singen kann. sitzt man da und freut sich, dabei zu sein. kinder und teenies auf dem boden, in die türrahmen gelehnt, das publikum gemischt, ein paar damen sehen aus, als wären sie die schwestern von christa wolf. alles eher elegant. nachher schnorre ich mit dem gitarristen eine zigarette und überschütte ihn aus einer unterzuckerung heraus ein bisschen mit komplimenten, bis er seine freundin erwähnt, hab ich mich gefreut, die herren sind schließlich alle erst anfang der achtziger geboren.

*zum abschluss einen mittelengland-song, wenn es einen geben soll, filmmusik, ein lied, mit dem man über die schwelle kommt, hereingelassen wird, bei tag und bei nacht, am ende a capella gesungen, eine schönheit, für die man schon mut braucht heutzutage. ich kann darin jederzeit aufgehen.

knyphausen bringt ende des jahres eine neue platte heraus, sagt er, als ich ihm meine komplimente mache, ein bisschen herzblut vom hamburger liedermacher nils koppruch wird auch dabei sein.

 

nachwachsendes pflegen

beim frisör das sprechen über haare, mit selbstverständlichem und unhinterfragtem ernst. färbungen, tönungen, wirkweisen, farbnuancen. wie sie mir den wirbel wegbügelt mit dem lockenstab, dabei nebenei über restfeuchte und wirkweisen von konditioner spricht. mir vorgenommen, meine haare wieder mehr zu beachten, sie könnten so eine schöne spielfläche sein, beneide eigentlich leute, die good- und badhairdays haben. meine grauen schläfen färbe ich nur vor italienaufenthalten raus, da sind graue haare mit viel mehr bedeutung behaftet als hier und bekommen eine neongleiche sichtbarkeit, wenn man sie nicht löscht vorher.

kurz danach an der danziger strasse nägel machen lassen, über einem hartplastiktisch mit zwei handablagen unter der platte, mit alufolie ausgelegt, in denen meine fingernägel mit UV-licht bestrahlt werden, um das gel zu trocknen. ich weiß nicht, was das ist, sie haben mich mehrfach irgendwas gefragt, was ich nicht verstanden habe, weil sie vietnamesisch sprechen, in das einige deutsche worte einmimetisiert sind wie waschbären im berliner umland, also schwer zu erkennen, außerdem lief draussen gerade die loveparade vorbei, bei der ich immerhin schon einmal war, in den achtzigern glaube ich, anders als in einem nagelstudio. 3 wochen soll es halten, sage ich, damit es sich lohnt für mich, da haben wir dann eine basis, „drei wochen“ kann ich in den nächsten sätzen deutlich erkennen. dann nehmen sie elektrische feilen und rauhen meine nägel auf, kleben andere nägel drüber, feilen wieder, dazwischen kommt eine klare substanz, die hoffentlich kein „shellack“ ist, wie auf der webseite verkündet. ich bitte ums kürzen und um runde nägel, muss aber um jeden zehntelmillimeter handeln und denke irgendwann ach, was solls. tiefrot, spiegelglanz, meine hände haben jetzt eine echte unwucht nach vorne raus. erst einen tag später fällt mir auf, dass ich den kram wahrscheinlich nicht mit nagellackentferner wieder abbekommen werde und jetzt ein paar wochen wie eine diva am morgen danach herumlaufen muss.

wie in amerikanischen filmen die auf eine bestimmte langweilige art gesettelte frau in einem kosmetikstudio aufgespürt wird, in dem sie stammkundin ist, und dort unter einem handtuch verborgen liegt, also nicht erkennbar ist, solange sie unfertig bleibt.

gone

alte texte in weblogs nachlesen, nein: alte weblogs nachlesen, sofort die tonart wieder im kopf haben, als dem menschen zugehörige stimme, als seine stimme, sein wesen. so waren wir damals, und so sind wir noch immer, der teil von uns, der nicht dauernd ans licht muss, der wesentliche teil. das große herz, den ganzen unfassbaren menschlichen geist. kennt und will vielleicht sonst nur der oder die eine (who cares anyway, milliarden leute, die wir sind). in einem solchem weblog ist es, war es, für alle da, ganz nebenbei. miss you.

kw 18


viel, viel um die ohren. die söhne haben prüfungen im mai, einer sogar abitur, die zwillis ihren mittleren schulabschluss, eine berliner variante des realschulabschlusses, den jedes berliner schulkind absolvieren muss. ich selber habe einen zertifikatsabschluss der ihk, für meine hundetrainersache. er stresst mich mehr als notwendig,  wäre alles okay, wenn es ein irgendwie staatlich anerkanntes zeugnis wäre, ist es aber nicht, weil „hundetrainer“ kein beruf ist. nach etlichen klausuren und sehr intensiven praktikumstagen kann ich bei der prüfung in eine situation kommen, bei der ich nicht weiter weiß und versage. das weiß ich so genau, weil es mir bereits passiert ist, beim ersten versuch im februar – die tiefe kränkung ist fast schlimmer als bei meinen üblichen liebes- und berufskörben, weil ich in allem dafür verantwortlich war. nicht auf alles vorbereitet, die nervosität unterschätzt, wieder einmal versagt, nicht die gewesen, die ich zu sein glaube. weil sich solche niederlagen sofort einreihen in die ununterbrechbar lange kette an niederlagen, von denen nichtmal alle nur eingebildet sind. (jorge bülle wär jetzt gut. du fehlst.) das ist die eine seite, die andere, bisschen wackelige in mir sagt achkomm, kann passieren, du kannst das, es ist keine hirnchirurgie, reiß di zsamm.

ein zwilling hat eine klausur über kognitivismus geschrieben und mir seine thema in wenigen worten so zusammengefasst: das einzige, was dir aus einer reihe von niederlagen heraushilft, sind erfolge. bei gaga neulich gelesen (facebook, link nicht mehr gefunden), dass emotionen die wirklichkeit verändern können, liest sich glücklicherweise wie ein übernahmeversuch der esoterik auf die wissenschaft – mit meinen emotionen habe ich schon so genug ärger, die sollen schön im innenleben bleiben.

ich vermisse meine denkfähigkeit jedenfalls zur zeit mehr als sonst. mein leben verläuft immer gerade so an der belastungsgrenze, jedes zusatzelement geht an die substanz. normal, not?

um die kinderprüfungen kümmere ich mich im rl, darüber gibt es wenig zu schreiben, sie lassen mich eh kaum dran. mir gefällt der aspekt der passage, es sind jeweils übergänge ins erwachsenenleben und ins ende der schulpflicht, da passiert also sehr viel grad, aber sie wünschen keine blogtexte darüber, und wenn sie welche wollten, dann könnten sie die selber schreiben. won’t happen.

neuer job (vertretung bis august), macht großen spass, ist anstrengend, in vertrautem umfeld, bezahlung reicht  nicht ganz fürs leben mit klassenfahrten, prüfungen, kieferorthopäden, autoreparaturen, aber mit dieser häufung an zahlungen ist das nur der besonders üble mai 2017. ab juni werde ich also sehr glücklich sein, wenn der ganze salat vergangenheit ist, und mich von dem ganzen aufwand für die hundesache verabschieden, wenn es nicht geklappt hat, in der stillen hoffnung, dass sowas auch anderen menschen schon geschehen ist, selbst in der heutigen zeit, in der alle alles schaffen.

solo il farnetico

auf okcupid hab ich 13 männer zur auswahl, ist das viel oder wenig? einer hat eine mp vorm bauch, einer sieht klug aus, 11 haben die art gesichter, die auf eine aggressive art desinteressiert aussehn, ein bisschen wie männer vor einem kriegsgericht oder in einem baumarkt. der kluge hat zwei bilder, auf denen er sich überhaupt nicht ähnlich sieht. die alle anschreiben, mit ihren nichtprofilen und nichtbildern. (oh boy denken, das kind suchen, nix gefunden)

eigentlich will ich ja auch nur mal wieder ein paar nächte, aber ganz ohne magie, ohne ein bisschen ernst und ewigkeit mag ich es dann doch nicht, ich meine nicht die lineare ewigkeit, sondern die für einen nachmittag. kann mich andrerseits auch selber gar nicht mehr ernst nehmen, nicht aus erfahrung, sondern um erlebnisse zu relativieren. seitdem klappt yoga besser und häufiger, weil ich ja ebensogut yoga machen kann.