4. november 2020

grad der große per voicemessage: „ich weiß noch, wie wir letztes mal, das war ein freitag, morgens ab 5, 6 uhr vorm fernseher sassen, und es war genau wie heute, michigan und wisconsin waren auch wackelkanditaten, und ich musste dann zur schule und hatte englisch-doppelstunde, und da haben wir das dann weitergeguckt.“ – ich hatte den wochentag vergessen und weiß nur noch, dass es auch eng war. zumindest erzieherisch war der move damals richtig, die jungs sind die ganze zeit dabei, werfen zahlen und prozente in den chat, ich weiß allerdings nichts genaues über den anteil prokrastination dabei. ich frag natürlich auch nicht. stimmung um 18:00 bei mir unentschieden, aber optimistisch, schon weil es noch offen ist. der hund war beim tierarzt und bekommt etwas gegen blasenentzündung, man weiß aber nichts genaues.

was für ein tag. mein gefühl ist gut, biden wird es schaffen, ich würde wetten abschließen darüber, auch, weil es bisher mit den auszählungen wie erwartet verläuft, die briefwahl eher für die demokraten, die direktwahl eher trump. es zählt natürlich nicht, wenn der t. durch einen coup gewinnt, dann habe ich trotzdem gewonnen. dass die reps die auszählung der stimmen in pennsylvania nach der wahl stoppen wollen, obwohl sie die auszählung vor der wahl verhindern wollten (oder verhindert haben), geschenkt. es ist alles nicht mehr feierlich, ich werde mich anstrengen, mich nicht daran zu gewöhnen. ich hoffe, das land verkommt nicht weiter zur räuberpistole wie einige länder südamerikas in den 70-80er jahren, mit all den opfern, die sowas kostet.

vorhin hatte ich hier einen wetteinsatz stehen, der war aber eher ergebnis meiner abendlichen wiederaufregung mit dem wahlthema. ich werde keins meiner wiedergefundenen langweiligen schlimmen liebesgedichte aus den achtzigern hier veröffentlichen, egal, was passiert, keine sorge. sie können ihre aber gerne in die kommentare stellen, mir und den anderen lesern zur erbauung, denn nicht vergessen: love rules.

ach, das ist aus einem gedicht von ingeborg bachmann, „reklame“, das beschwört die sorglosigkeit als ein leeres versprechen, das wir brauchen, freilich etwas zynisch in diesem weltuntergangsszenario grade. lässt sich nur als foto hier reinstellen, mit den blöden wordpress- blöcken bekomme ich es anders nicht hin, die sind SO ein nerviges system, habe es jetzt eine halbe stunde versucht, vielleicht ist in der zwischenzeit schon die wahl gewonnen.

es stellt sich natürlich bei aller gerechtfertigter panik die frage, ob der klimawandel wirklich noch aufzuhalten ist, oder ob die industrie ganz unabhängig von den regierungen da nicht sowieso zu profitorientiert und desinteressiert für ist.

14. september 20

heute früh auf twitter gelesen, dass es vermutlich leben auf der venus gibt oder gegeben hat, seitdem warte ich darauf, dass alle anderen auch so aufgeregt sind wie ich. bin sehr gespannt auf den artikel, in dem die forscher ihre ergebnisse vorstellen und hoffe, dass ich ihn verstehen werde. kann man die zeitschrift nature in berlin irgendwo kaufen? ein exemplar aus papier scheint mir der nachricht angemessen.

tardigrades können in so gut wie jedem umfeld überleben.

daran gemerkt, wie sehr meine vorstellungen von entwicklung und fortschritt an die erdgeschichte gebunden sind. der weg zum leben, zur intelligenz und zur technologie hat auf anderen planeten vielleicht schon vor millionen jahren stattgefunden, von anfang bis ende, es kann hochkomplexe zivilisationen gegeben haben, von denen nichts mehr übrig ist außer ein paar atomen in einem nebel hoch über der toten oberfläche, und wir werden nie erfahren, was es war. solche annahmen sind wahrscheinlich angesichts der milliarden sterne im weltraum, und es ist angesichts der dummheit der menschen gut möglich, dass wir auch so im nichts enden werden. fascinating.

außerdem hat das pentagon eine task force eingerichtet, um ein ufo zu erforschen.

auf netflix eine doku über einen oktopus gesehen, sehr beeindruckend und wunderschön. mitleid mit dem tier gehabt. der filmer hat soviel von der begegnung, nicht zuletzt einen netflix-film, und rettet ihr dann nicht mal das leben? obwohl er es kann? er wollte eben dramatische bilder, denke ich, vom pyjamahai. ihr nicht helfen, aus prinzip, aber dann weinen. männer.

meiner prokrastination zum trotz die arbeit rechtzeitig fertig bekommen, heute nur noch formatierung fertig machen und ein paar schlusssätze schreiben. die p. ist ein rätsel, sie quält mich eigentlich nur bei beruflich notwendigen texten, sonst nicht, als wäre das ein weg, um alten narben und verfehlten weichenstellungen und verlorenen traumata nochmal einen platz in der gegenwart zu verschaffen, mit starker hand und großer kraft. komm, versichert sie mir, du kannst noch einen tag warten mit dem anfangen, das wetter ist doch grad so schön und es gibt soviel anderes zu tun, und ich verfalle in eine innere totenstille zufriedenheit, weil ich nachgegeben habe, in die ich mich fügen kann, nur noch einen tag! damit ich weiß, dass es sie noch gibt, dass sie nicht besiegt sind, dass sie ärger machen können, obwohl ich sie sonst nichts ans licht lasse, der alte kram stört mich sonst gar nicht mehr. als gäbe es einen verqueren deal. (oder, naja, ich weiß es ja auch nicht.)

28. august 20

eine meiner nie hinterfragten küchenpsychologischen beobachtungen ist die, nach der menschen mit problemen die meistens entweder im privaten oder im öffentlichen raum haben, selten in beiden. mit raum meine ich das netzwerk an beziehungen, die diesen raum gestalten, also berufliche und zb politische für den öffentlichen raum, beziehungen und freundschaften im privaten raum. so konnte ich meine probleme im beruflichen raum durchwinken, weil ja meine private situation eher in ordnung ist, und nobody is perfect, und überhaupt.

eine alte verfilmung von the stand geschaut, 1994 als tv-miniserie gedreht, erstaunlich gut. ich muss sie schonmal gesehen haben, die schauspieler haben die gesichter, die landschaft sieht so aus, wie ich sie beim lesen des buches im kopf hatte. einzig und allein die special effects sind schlecht gealtert, aber deswegen den film neu drehen? als wäre der einsatz von eigener visueller vorstellung etwas, das filmemacher beim publikum verhindern wollen, ein horror vacui, der jede leerstelle füllen, jede uneindeutigkeit festnageln muss. ist natürlich quatsch, es ist wie bei der erfindung des farbfernsehens, als auf einmal alles sehr, sehr bunt geworden ist, wie ich irgendwann schonmal in anderem zusammenhang sagte. es geht einfach viel mehr und es sieht viel weniger unecht aus, und es scheinen alle spass daran zu haben, frisches geld mit alten geschichten umzusetzen, und vielleicht kann sich die jugend wirklich nicht mehr mit settings aus den neunzigern identifizieren. sie finden bestimmt einen weg, mehr gewalt und mehr sex drin unterzubringen, ich werd es nicht anschauen.

fürchte mich vor dem tag, an dem full immersion-filme möglich werden, mit den nerveneingängen, die tad williams einst beschrieben hat.

oh. ich habe schlechte laune. es geht mir nicht gut, ich komme mit etwas wichtigem nicht weiter, das unterlegt alles andere mit einem gewissen pessimismus, und ich spüre meine müdigkeit, nach den letzten jahren, die notwendige konzentration auf diese aufgabe benötigt zzt immer dichtere scheuklappen, ich erwarte die wahl in den usa mit einer neuen mischung aus fatalismus und fehlendem vertrauen in das gute, das ist neu, bisher haben mich die wahlen dort etwa so interessiert wie die irgendwo anders in der großen weiten welt, eben so mittel und nicht mit persönlicher betroffenheit. die wahlentscheidungen waren ein flow zwischen links und rechts, in so einem gezeitenmuster. seitdem unter trump soviel gelogen und erfunden und übertrieben wird, seitdem die politik in den usa eine reine groteske show geworden ist, habe ich dieses urvertrauen verloren. ich habe angst, dass er gewinnt, weil er für diese ganzen idioten der weg des geringsten widerstands ist, selbst wenn es gegen die 10 gebote verstößt, echt, wenn man den bibelbelt einmal gebrauchen könnte! es scheint ein bildungspolitisches problem, die grundlagen fehlen (wahrheit ist gut, lügen ist schlecht), der weg aus der misere kann generationen dauern, weil man ja mit den grundschülern anfangen muss. dass die reaktionäre, rassistische, ausbeuterische rechte siegen kann, also mehr als die üblichen 10-15% der bevölkerung hinter sich stehen hat, indem sie mit einem ekelpaket wie trump einfach auf lügen, manipulation und gewaltlust setzt, auf die niedersten instinkte – halt, schlechtes bild, begründet werden damit handlungen, die ein ergebnis von pathologischen berdürfnismustern und mangelnder impulskontrolle sind, nicht von instinkten, sogar kleinstkinder empfinden mitgefühl und haben gerechtigkeitssinn, sogar affen haben das, herrje! diese formulierung ist auf dem gleichen level wie der spruch „boys will be boys“ – indem sie auf den tabubruch setzen, wenn man mal den umgang mit gewalt, waffen, armut etc. anschaut, das erschüttert mich doch. gegen solche wahlergebnisse hilft wohl nur bessere bildung, eine schule, in der die wahrheit (und mitgefühl und respekt, man ey, man wird ja zur tv-predigerin, das sind doch alles selbstverständliche basics. mehr pathos für die gute sache!) als wert an sich vermittelt wird, wenn es die familien nicht mehr tun.

damit sollten die demokraten werben, mit grundlagen, nicht nur mit inhalten. ach, der 45. hat meinem leben so einen andauernden stress-tinnitus zugefügt, und das steht ihm nicht zu. ich hab ja schon einen normalen tinnitus.

und der klimawandel. ich könnte nach jedem jammer-posting „und der klimawandel“ schreiben, empfehle aber lieber alles von rahmstorf, der seine webseite auch mal überarbeiten könnte.

andrerseits hatte ich heut zuwenig kaffee, weil die nochteens nur einen liter milch gekauft haben („kein geld“, dabei war abgemacht, dass sie sich ein bisschen am eigenen unterhalt beteiligen, seit der vater nix mehr zahlt), und außerdem halte ich es für eine zumutung, im august schon socken tragen zu müssen. jaja, ich hör schon auf und tue was sinnvolles.

das leben vor der wurst

ich esse sehr gerne fleisch, ich mag den geschmack, das ritual beim zubereiten und essen, die weihnachtsgans, das osterlamm, die steaks an sommerabenden, lasagne und ragù und königsberger klopse, die salamis auf den ausflügen. in den letzten jahren habe ich nur noch bio-fleisch gegessen, mit engeren finanzen verschob sich das wieder, weihnachten gab es dithmarscher gänse, die sind nicht bio, der züchter ist aber vertrauenserweckend und die gans kostet statt 150€ nur 70€.

beim aufschnitt hatte ich eine art passendes und bequemes blackout, habe entweder von der theke oder dem regal abgepacktes in massen gekauft, weil der umsatz hier sehr hoch ist. vor ein paar wochen hat die nachrichtenlage um tönnies mir das thema aufgezwungen, und meine söhne liegen mir eh schon länger in den ohren. es sind nicht nur die absoluten pfenniganbieter, die da herstellen lassen, es ist eine große gruppe von produkten, die aus solchen schlachthöfen stammt. vielleicht, hoffe ich, sparen die züchter beim schlachten, um mehr geld für die haltung übrig zu haben? das kann jemand herausfinden, der geld für die recherche bekommt, ich glaube aber eher nicht.

nach der letzten niederlage des mitgefühls vorm gesetzgeber kann ich das nicht mehr, ich kann das zeug nicht mehr essen, das von leuten wie tönnies hergestellt wird, einer firma, die nicht nur dem tierwohl nicht die mindeste beachtung schenkt, sondern auch die mitarbeiter ausbeutet und entrechtet. menschen wie tönnies sind herzlose gewissensfreie großkapitalisten (die erste wortwahl habe ich gelöscht, aber nur aus juristischen gründen), denen ich keinen cent überlassen will, damit sie ihre unethischen geschäfte weitertreiben. der gedanke an die menschen hinter den tieren hat mir sozusagen den rest gegeben, und die erkenntnis, dass es für die tiere noch ewig so weitergehen wird. es war ein twitterbild von einer sau in kastenhaltung, ab der sekunde war bei mir die wurst am ende. es war ab dann ganz leicht.

selbst die produkte mit abzeichen für tierwohl sind ja im wesentlichen billige kompromisse, ob es nun einen meter mehr oder weniger pro tier gibt, ist nur ein unterschied zwischen folter und quälerei, wobei halt, ein meter? ein meter wäre luxus und nicht zu bewerkstelligen, es geht zb bei tierwohl-klasse 2 um läppische 10% mehr als die gesetzlich vorgegebene mindestgröße, wobei ich keine ahnung habe, was mit der mindestanforderung „0,825m²“ gemeint sein könnte, pro schwein etwa? bei hühnern sind es unsagbare 53kg tier pro quadratmeter, das scheint mir quälerei, ohne further ado. bei rindern sollen in anderthalb quadratmeter raum im schnitt 150kg tier unterkommen, das geht eigentlich nur, wenn man die kuh faltet oder sonstwie umformt. tierwohl ist eine irreführender name, ein riesiger euphemismus, im grunde eine frechheit.

bei wurstwaren haben die hersteller bisher die kennzeichnung verweigert, und das heißt nicht, dass ihnen das tierwohl selbstverständlich ist und sie nur deshalb nix kennzeichnen, wie es zb das kindeswohl bei mir ist (darum schreib ich wenig über meine kinderhaltung, ich gehe davon aus, dass es selbstverständlich ist, nur das bestmögliche zu tun und dass die grenze, auch bei wenig geld, sich weit jenseits der grenzen der vernachlässigung befindet, wobei ich mit vernachlässigung die missachtung von grundbedürfnissen meine. mein kind trägt schuhe und wird bewegt, auch wenn es nicht tennis und nicht adidas yeezy boost sein müssen. bei der tierhaltung ist es selbstverständlich, nur das billigste zu tun, de facto bedeutet das, nur das überlebensnotwendige, weil ungenutzt sterbende tiere nicht rentabel sind, ohne weiteres kriterium, weil es den leuten nicht klar ist, dass tiere gefühle haben und leidensfähig sind und man demzufolge nicht ausschließen kann, dass sie eine seele haben, womit die praktizierte tierhaltung guten gewissens eine hölle genannt werden darf. living hell. ja sorry, ich reg mich grad auf. solche texte habe ich in der vergangenheit nie fertig gelesen, weil ich eben weiter fleisch essen wollte. das ist vorbei, ab jetzt lese ich sie nicht mehr, weil ich den kram ja nicht mehr esse, und es wie bisher nicht aushalte. harhar.)

es gibt also nur noch käse für die stullen. ich kann gar nicht fassen, dass es bei mir solang gedauert hat. man sollte diese mindestanforderungen graphisch darstellen und an jeder fleischtheke platzieren, aber nein, halt: jetzt gehört natürlich die unterbringung der milchkühe für die käseherstellung auch ins thema, vielleicht ist es bei denen noch schlimmer, weil die tiere da ja länger am leben bleiben. mindestens haltungsform premiumklasse, am liebsten wäre mir eine haltungsklasse „paradies“ oder so, wo die kühe, schafe und ziegen sich aussuchen könne, ob sie bleiben oder nicht.

aber wo finde ich das siegel auf den käsepackungen? es bleibt nur eine vegane ernährung, oder das bio-siegel, dass ich mir beim umsatz der jungs eigentlich nicht leisten kann. ich werde gemüse auf stullen propagieren, bis sich herausstellt, dass gemüse auch gefühle hat.

16. juli 20

ärgere mich immer noch über den kalten sommer, weil ich die energie für die harten berliner winter im sommer sammeln muss, dazu soll es ein paar wochen lang sicher sein, dass der nächste tag wieder ein sommertag wird, hell und heiß und sonnig, und man muss keine sekunde drüber nachdenken.

ich muss unbedingt noch ein paar wochen in den süden, habe mir vorgenommen, nach abgabe der facharbeit zu reisen, an der ich grad sitze für so ein zertifikat, aber mit der komme ich schlecht voran wg meiner eingebauten nahtlos integrierten arbeitsstörung. helfen tut eine virtuelle bürogemeinschaft mit einer freundin und ein allabendlicher checkin mit einer anderen freundin, trotzdem ist das blöde ding noch nicht vorzeigbar, obwohl es inhaltlich keine herausforderung darstellt. werde es wahrscheinlich wie ein junger mann aus der verwandtschaft am letzten tag fertig schreiben und hoffen, dass die note irrelevant ist. er hat für seine letzte arbeit eine zwei bekommen, aber er ist halt noch schnell im kopf, und es waren nur 5 seiten.

ich könnte ja, wenn die kinder aus dem haus sind, einfach in den süden ziehen, wo es noch sommer gibt, werde mir dann allerdings auch bei vermietung meiner schönen altbauwohnung nur eine viel kleinere wohnung leisten können, ein drittel bis halb so groß, wegen der neuen mietobergrenzen in berlin, die es woanders nicht gibt, auch nicht in italien, wobei halt, in den siebzigern gab es den equo canone, der meinen eltern eine riesige 200m²-wohnung im zentrum von mailand ermöglicht hat, mit dachterasse, für ca. 1000 dm im monat, ca. 1 million lire. andererseits sind die löhne im süden ja auch höher, dann hält es sich vielleicht die waage. bayern! freiburg! da gibt es auch nettere männer.

hier ist ein allgemeiner corona-missmut eingetreten, natürlich nicht bei den jungs, sondern bei mir. einen test habe ich schon absolviert wg einem husten, negativ zum glück. ob das die neue normalität wird, ein test bei jedem symptom? ich bin immer noch vorsichtig, trage masken etc., bei den söhnen bin ich mir in deren entspannten momenten nicht sicher. ich glaube nicht, dass junge leute weiterhin abstand halten, abends im park, zuhause bei freunden, gar nicht mal mit absicht, es wird einfach vergessen. g.-zwilling macht ein praktikum in einer metallfabrik, da trägt keiner maske. ich hoffe, berlin ist über den berg.

mich nervt die losgelöstheit dieses jahres, in dem ich noch so wenig erwirtschaftet habe, mir fehlt der alltag mit kollegen, mir fehlen selbstverständliche abläufe, die ich nicht immer im kampf gegen innere freiheit absolvieren oder gleich komplett in frage stellen muss. die zwillis setzen sich zuwenig ein, machen zuwenig im haushalt (obwohl sie gut erzogen wurden), es kostet und verschluckt mehr energie, als wir zur verfügung haben. naja, es wird wieder besser werden, die fahrt geht ja weiter. wir sind leere hüllen, aller geist verschwimmt im großen see der ausnahmeregelungen, nichts ist mehr sicher, kein termin steht. regelungen segelungen, die takelage hält nicht stand, das boot treibt ab und verschwindet im dunst, wo es bestimmt nachts von piraten überfallen und versenkt wird.

ahoi.

23. mai 20

ohne job rutsche ich aus den beruflichen kategorien heraus, aus dem ganzen wertsystem. es fehlt mir nicht. die lage trägt dazu bei, mein tagesablauf ist zunehmend von körperrhythmen bestimmt, meinen und denen meiner kinder und meines hundes. der tag hat sich verschoben. ich entziehe mich geregelten zeitabläufen immer sehr gerne, darum habe ich mit einer freundin eine zoom-bürogemeinschaft angefangen, das bringt mich zurück an den schreibtisch, immerhin, immerhin.

heut zum ersten mal überhaupt bei kaufland eingekauft, überfordert gefühlt. einkaufswagen mit münzen, anders als bei rewe oder freßnapf, laden voll, viele masken auf halbmast. finde nichts, ewiges gerenne, alles zu groß und für einen normalen großeinkauf zu unübersichtlich. war unangenehm und eher stressig, nie wieder, zumindest nicht bei corona.

abends gemerkt: streaming funktioniert nicht mehr richtig. früher war es eine alternative, zum arbeiten und ausgehen, jetzt ist es ein ersatz dafür und hält dem vergleich nicht stand. ich nehme den bildschirm wahr, das zweidimensionale, es ist zu wenig, um dem alltag paroli zu bieten. ich lese auch weniger bücher, aber zeitungen zuhauf, tagessspiegel ist sehr gut geworden, außerdem nyt und wapo, die repubblica ist mit ihrer form des journalismus leider kaum verständlich, sie pflegen ein telenovela-prinzip, dem ich ohne zusammenfassung nicht mehr folgen kann. dauernd ist irgendwer beleidigt!

(mir fehlt italien sehr.)

wobei, halt, die 3. staffel the good fight habe ich gern gesehen, weil sie im trump-amerika spielt, als einzigste serie, die figuren sind konsequenterweise knapp davor, in den untergrund zu gehen, um eine wiederwahl zu verhindern, hin- und hergerissen zwischen verzweiflung, fassungslosigkeit und schwarzem humor. sehr schön der von trump eingesetzte richter, dem die gesetzeslage mit tierbildern erklärt werden muss. kluge, dichte figuren, viel heiterkeit, die fälle sind in dieser staffel nicht so interessant, aber die konflikte um rassismus und sexismus scheinen halbwegs realistisch und komplex genug inszeniert. spass gehabt.

in der viertelstunde vorm einschlafen lese ich die sandman-reihe noch einmal, in den schönen wertigen büchern, die schon haptisch eine freude sind, damit ich nachts etwas träume. ich kann da auf eine merkwürdig naive weise ganz eintauchen, die suspension of disbelief geschieht mit dem öffnen des buches. wie eine konditionierung, wie früher das einschlafen beim anblick eines solitaire-boards im handy. morgens ist der traum ganz kurz noch da, ein bisschen wie am meer gewesen zu sein, oder nach hause zu kommen nach einem ausflug. noch keine alpträume.

dt1 und seine wirren

bisschen auf kriegsfuss mit meinem körper, mein stoffwechsel lässt sich trotz der sehr fein dosierbaren insulingaben durch aaps nicht steuern. er benötigt mal 140%, mal 80% des eingestellten insulins, ohne vorwarnung springt der bedarf oft innerhalb eines tages um. ich brauche trotz des hin-und hers insgesamt nur noch halbsoviel insulin wie vor 2 jahren, was mir wurscht sein könnte, ich lebe ja nicht in den usa.

heute den ganzen tag über 200 gewesen, keine ahnung, warum. insulinbedarf heute auf 140%, inzwischen bin ich wieder unten durch aaps, das mich zum glück jede nacht wieder auf normalnull bringt. ich sollte eine ahnung haben, ich muss korrigieren, es ist frustrierend, immer nur hinterher zu jagen, mit korrekturen, die dann stunden brauchen, oder einfach gar nicht anschlagen, weil wieder irgendein dummes kackhormon in einer etwas anderen dosierung im umlauf ist. wechseljahre bestimmt, oder erhöhter insulinbedarf, weil dochnochmal menstruation, ich werde es merken, hinterher natürlich. oder irgend ein anderes problem, aber meiner ärztin fällt nix ein, sie testet dies und das, „vielleicht ändert sich grade mal wieder alles“, na super, sage ich, und lächle, wie immer. andrerseits hatte ich schon immer einen brittle-diabetes, launisch und spontan. mein anderes auge hat jetzt auch eine kleine netzhautveränderung, bisher war nur auf einem ein bisschen was zu sehen. das auf und ab hat folgen, es fällt mir schwer, das zu vergessen.

ich reagiere täglich anders auf kohlehydrate, essensplanung klappt kaum, mal gebe ich insulin 10 minuten nach dem essen, mal vorher, mal eine halbe oder viertel einheit mehr, mal anderthalb weniger, ob dosierung und zeit gestimmt haben, merke ich immer erst nachher, wenn das essen im blut ist, wenn es also meistens mal wieder nicht so läuft, wie erwartet. habe am anfang der chaoszeit, im letzten jahr, noch alles systematisch durchgetestet, aber erfolge und misserfolge waren fast nie reproduzierbar, also mache ich es jetzt eher nach intuition, die genauso oft funktioniert wie nicht funktioniert, ergebnis also das gleiche wie mit der systematik. habe abgenommen, weil ich versuche, mit sehr viel weniger kohlehydraten auszukommen, und darüber oft das essen einfach vergesse.

die katheder der pumpe machen es auch nicht leichter, gestern hat ein frisch gesetzter einfach kein insulin durchgelassen, es kam mir entgegengeschossen, als ich die verbindung schlauch/nadel gelöst habe, um nach dem rechten zu sehen. die pumpe, die ich nutze, eine dana rs der firma sooil, ist mechanisch auf dem stand der siebziger-achtzigerjahre, hat einen dämlichen luer-eingang mit rechtsgewinde, auf die all die tollen erprobten katheder nicht passen, ich muss also proprietäre des pumpenherstellers nutzen, die nichts taugen. fauche deshalb heute bisschen vor mich hin hier, ein rant, der auch nichts ändern wird.

habe grade meine alte pumpe wieder aus dem schrank geholt und update mein erstes loopgerät, den kleinen intel edison in der ticktackdose, nicht so anwenderfreundlich wie die aaps-app mit ihrer feinen oberfläche im handy, aber dafür nutzbar mit der super angenehmen und nur 15 jahre alten medtronic 722. grad läuft das update übers terminal, so angenehm, wenigstens etwas, dass ich machen und ändern kann.

wobei, sehe ich grade, das update hängt, irgendwas ist „failed“. aber was? heissa, wochenende.

oder einfach, wie jedes jahr gerne, den januar komplett abschaffen.

devise: grrr.

nachtrag: nach all dem frust bin ich auf meine alte pumpe und den vorherigen pancreas-algo ausgewichen, auf dem kleinen edison explorer, einfach, um alles mal versucht zu haben. lief ein paar tage, dann hat das rig den dienst versagt, diverse versuche inclusive neuem flashen und neu aufspielen des programms haben nicht geholfen, der funkchip ist wohl hinüber. habe ich wieder auf die neue pumpe und aaps gewechselt. openaps hat eine großartige funktion für fortgeschrittene user, genannt autotune, da rechnet das programm anhand der werte der letzten tage eine verbesserte basalrate aus und wendet sie an. nichtim verlauf eines tages für je eine halbe stunde veränderten raten, die die eingestellte basalrate um den wert x erhöhen oder erniedrigen, sondern eine grundsätzlich neue. openaps hat mir mit autotune über den tag verteilt insgesamt 2 einheiten zusätzlich errechnet, von ca. 15ie auf ca 17ie täglich, mein stoffwechsel ist damit wesentlich besser eingestellt, die sensitivität hat das programm dabei weiter erhöht, von 130-180 auf 200 (eine einheit insulin senkt meinen blutzucker um 200 mg/dl). diese höheren basalraten habe ich übernommen in aaps, heute und gestern waren die werte stabiler und weniger alpenartig. erstaunlich. kann aber auch sein, dass mein insulinbedarf einfach mal wieder ansteigt, weil irgendwas. jedenfalls, wie immer: try just a little bit …

selber tag, abends: sofort nach dem text ist der wert wieder gestiegen, ohne erkennbaren grund. habe den frisch gesetzten katheder nach 2h ununterbrochenem steigen wieder gewechselt, bei 250mg/dl, er schien vorne verknickt, dämlicher teflon-kath des pumpenherstellers sooil. dann stahlnadel an anderer stelle, danach und seitdem sinkt der spiegel, ist aber erst bei 170 um halb acht. keine kohlehydrate mehr gegessen. sensitivität auf 158%, von 160% heute morgen. vor drei tagen war es 140%, vor einer woche 95. rätsel. jetzt wage ich ein paar scheiben knäcke mit kram, komme was wolle! knäcke, dass ich inzwischen im bett essen kann, ohne krümel in den bh zu bekommen.

 

julian lage in dresden

zum ersten mal im jahr richtiges novembergefühl bekommen, einen schal zu wenig dabeigehabt. durch den zwinger gelaufen, an der semperoper vorbei in die altstadt von dresden. wenig los, ein paar japanische reisegruppen waren aber unterwegs, lauter junge sehr geschminkte leute mit selfiestangen. zuletzt in dresden war ich 2005 mit meiner mutter, zur weihung der frauenkirche, mit einem te deum von matthus, auch damals eher musikzentriert und wenig tourismus, hab alles wiedererkannt, nur in die eigene topographie überführt. die barocke pracht in der altstadt wirkte befremdlich, als ich aus den neubauvierteln hineingelaufen bin, sie ist aber so massiv und stilistisch geschlossen, sie kann sich behaupten. nach dem albertinum, der kunstakademie, dem schloss wundert einen gar nichts mehr, dann der blick über die elbe auf die andere glitzernde flusseite. hab den jungs gesagt, sie sollen doch mal kunst in dresden studieren, dann könnte ich dauernd atelierbesuche machen. abends auf freund g. gewartet, g.-zwillings patenonkel, der am dienstag zufällig in dresden war und erfreulicherweise mitkommen wollte.

der jazzclub tonne ist ein schöner, großzügiger keller unter dem kurländer palais, saniert und bischen gediegen. gleich ins gespräch gekommen mit anderen besuchern, wie bisher bei jedem dieser konzerte, stimmung gespannt. er fängt sehr zenmäßig an, mit ganz langsamen richtungslosen läufen in der untersten möglichen oktave, man hört die collings tief und warm summen dabei, es gibt ewig keine auflösung, nur gelegentlich ein paar kleine harmonische kleckse, es ist eher hermetisch. da weiß einer, was er tut, und ich kann es begreifen, ohne es verstehen zu wollen, auf eine warme weise. nice sounding room you have here, fand lage nach dem ersten stück, das gewölbe macht den ton voller und gibt dabei wenig hall. er spielt solo, aber er hat natürlich seine ganze musik dabei, feine, schnelle, läufe „er erfindet die“, sagt meine nachbarin, selber musikerin, ich glaube im sinne von „noch nie irgendwo gehört“, das macht sie wiedererkennbar, sie sind unterscheidbar.

er spielt einiges von seiner solo-cd world’s fair, 4 jahre alt, er hat es noch nie öffentlich gespielt, sagt er nach dem ersten stück und wirkt dabei fast neugierig auf das, was herauskommen wird. er spielt nach dem ersten stück mehr fürs publikum, ich erkenne nocturne, eingebunden in ein anderes stück, day and age. das letzte hab ich nicht erkannt, er sagt fast alle titel und nennt die songschreiber, versteh sie nur nicht alle. ist ja auch egal, day and age geht mir aber als titel nicht mehr aus dem kopf, das kann man sich auf den spiegel schreiben und jeden morgen davor seufzen. er spielt die motive ganz frei und schiebt sie durch die lustigsten tonlagen, ein paar noten lang, dann verschwinden sie, bis sie sich zum ende hin wieder glücklich fügen. viel blues dabei – wie nennt man das, wenn jemand eine form mühelos beherrscht, damit spielt, sie nicht zu ernst nimmt (es gab lacher im publikum), und dabei trotzdem so etwas wie hingabe zeigen kann? im spielen immer wieder so kleine inseln, die sich anhören wie bach.

die stücke waren lang, er hat sie in jede varianz ausgespielt, hat dazu manchmal gesungen oder gebrummt, hat ein paar sätze gesagt zu den songs, war als person hinter seinem instrument sichtbar, anders als bei den konzerten mit band. dabei immer so, als wären wir zufällig bei ihm vorbeigekommen, während er grade spielt, und hätten uns ein  bisschen dazugesetzt, please, take a seat, I’m with you in a minute, und dann sagt er ein paar sachen, damit wir uns als publikum nicht vernachlässigt fühlen, während er tut, was er immer tut. na, vielleicht übertreibe ich das jetzt nach ein paar tagen etwas, aber er klingt so, als wäre das spielen seine sprache, als würde er dauernd so spielen, egal, ob mit oder ohne publikum. faszinierend.

als zugabe gab es ryland, dass auch auf world’s fair schon als solo-version zu hören ist, lage hat sich damit zeit gelassen und uns nochmal 10 minuten mit ihm geschenkt. viel intensiveres erlebnis als die anderen konzerte, weil lage so frei durch seine musik flottieren konnte, keine anderen instrumente oder konzepte im raum waren. nach 2 stunden konzert und noch einem bier sind wir durch die leere stadt zu unseren hotels gelaufen. lage ist leider nicht mehr in den saal gekommen, musste meine love hurts – cd unsigniert wieder mitnehmen. next time!

 

android wear 1.5.

[das wird eher langweilig]

ein anderes projekt fordert vor allem meine geduld. ich habe eine sony smartwatch 3, die auf ein vorheriges os zurückgesetzt wurde, um auf ihr wieder nfc betreiben zu können, habe damit meinen libre sensor ausgelesen. das ist nicht mehr notwendig, ich könnte die uhr aber dazu verwenden, meinen pancreas-algo übers handy zu betreiben, dazu muss ich sie allerdings erst wieder von android wear 1.3. auf 1.5. bringen, was sich bei gerooteten uhren als eher komplex erweist.

jemand hatte vorgeschlagen, einfach den google play store auf der uhr zu ersetzen, aber das hat nicht funktioniert, immerhin hab ich beim versuch den respekt vorm umgang mit den nötigen anwendungen verloren und einfach drauflosgepusht. die uhr teilte mit, das update wäre nicht passend, erst dann ist mir eingefallen , dass eventuell auch all die leute, die solche tips geben, nicht immer genau wissen, was sie tun. die sony-companion-software weiß ebenfalls nicht weiter.

bisher habe ich hier ein ota-update (over the air-update) auf mein gewünschtes betriebssystem gefunden, und es übers terminal und mit adb auf die uhr bekommen, aber installieren kann ich das update leider nicht. irgendwelche sony debug build nummern sind falsch, weil die uhr ja gerooted worden ist, denk ich. vorher habe ich schon ein paar andere versionen versucht, die wollten aber auch alle nicht. rücksichtslos flashen, hab ich irgendwo gelesen, ich bin bisher immer rücksichtslos dabei gewesen, natürlich eher, weil ich keine ahnung habe, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

was würde flash gordon machen?

kurz davor, über ebay irgendeine andere smartwatch zu kaufen, dann fällt mir aber ein, dass ich das ding eigentlich gar nicht wirklich brauche, weil alles übers handy genauso gut geht, ich das handy eh immer am leibe tragen muss etc. pp. aber im winter? denkt es dann, mit handschuhen und dicker jacke? es wäre nett, das zu haben, das genügt ja eigentlich.

natürlich mache ich das hauptsächlich, weil es mir spass macht, aber mein anspruch im umgang mit diesen dingen ist inzwischen ein hauch mehr als dabei-sein-ist-alles. ich könnte jetzt weitere stunden nach etwas unklarem suchen, aber muss ja nicht. habe mir sowieso vorgenommen, erfolg bei der lebensplanung mehr in den vordergrund zu rücken.

fotos machen

es ist ja eigentlich zuhause hier. um das feriengefühl wachzuhalten, nehme ich überall meinen neuen fotoapparat mit. er hat das richtige gewicht, ist einen tick retro, sieht nicht nach profi-im-urlaub, aber schon nach intention aus, wie fast jede kamera heutzutage, die meisten machen ja alles mit dem handy. schaue nach jahren 0hne kamera sofort anders ins umfeld, suche details, perspektiven, insekten, situationen, es intensiviert meine wahrnehmung. das fotografieren macht mir spass, nicht die  bilder, die kamera, nicht das bearbeiten, die bilder habe ich mir kaum angesehen bis jetzt, meistens ist darauf der grund fürs foto nicht erkennbar, ich muss mich also daran erinnern und erinner dann alles umstehende gleich mit: heißer tag, du bist stehengeblieben, weil da schatten war, dann ist dir das riesige spinnennetz aufgefallen, aussehend wie ein feines nie entwirrtes fischernetz, mit dellen, blättern, staub darin, ganz hinten in einem trichter die spinne, die selber wie verknotet aussieht und vielleicht schon lange nicht mehr lebt. das foto gibt den dinglichen teil dieser wahrnehmung wieder, als ganzes, leider ohne auswahl und ohne drama und sonnenschimmer, den ich kann es einfach nicht gut, dafür aber mit allen details, weil die heutigen kameras so gut sind.

mag beim motivsuchen den prozeß, wenn das grün vorm haus nuancen bekommt, wenn baum- und blattformen sichtbar werden, wenn der blick von der konzentration auf die ferne oder den monte rosa umschaltet auf fläche und struktur. wie die touri-familien auf dem markt, die kinder mit buntem plastikspielzeug, die väter mit kamera, die mütter mit sonnenhut, und umgekehrt, die im foto überall auf der welt sein könnten, die ein gelungenes foto ergeben, wenn das besondere an ihnen entweder verschwindet oder ins auge springt, glaube ich, meine bilder sind eher beliebig geraten. oder wie die alten leute, die morgens vor der bar an ihren tischen sitzen, mit kaffee und brioche und freunden, plötzlich aus der zeit fallen, und schon immer da gewesen sein können.

ich kann einen knopf hinten an der kamera mit 12 funktionen belegen, zb wenn ich in die zukunft sehen kann und weiß, welche ich davon brauchen werde. heute hab ich innert sekunden eine mauer neben einer madonna dei ciclisti eingefangen, in einer unübersichtlichen kurve kurz stehenbleibend, das wäre mit handy sicher genauso gut gegangen, aber weniger scharf. so kann ich die namen um die beiden reliefplatten lesen, luigi ganna, der den ersten giro d’italia gewonnen hat, und einen gewissen alfredo binda, der aus cittiglio stammt, 5 giri gewonnen hat und mit dem spruch „ein leben für den radsport“ verewigt wurde. drumherum lauter namensplaketten. in der mitte der wand: eine pedale samt zahnkranz. ich bin da lang gefahren, um einen freund abzuholen, der oben in den bergen mit seinem rennrad einen platten hatte.

(uns sonst: heut noch paar mal die schönen texte bei kaltmamsell, im bärenblog und bei herrn rau gelesen. ist bergaufbloggen grade, ich warte noch, dass die betroffenheit abfällt.)

leben

tage voller leben, vor allem. gestern ist emma entwischt, durch eine offengelassene hintertür, wir alle ins auto, weil sie wahrscheinlich runter ins dorf gelaufen sein wird, es gibt hier sonst nur wald, und sie ist ja ein großstadthund. beim fahren sehe ich sie hinter einem hohen drahtzaun stehen, steige in die bremse, gregor ist in zwei sätzen über den zaun, hebt sie drüber, und da ist sie wieder und freut sich sehr, uns zu sehen – sie mag solche abenteuer. abends pizza essen, gregor wirft zum ersten mal (sagt er) eine 2€-münze in einen automaten und bekommt sofort den hauptgewinn, unmengen von weiteren 2€-münzen. daraufhin wirft er in den zweiten automaten auch noch eine münze und bekommt wieder den hauptgewinn. allgemeines staunen. keiner will ihm eine hosentasche zur verfügung stellen, er rennt also den rest des abends mit zwei handvoll und zwei badehosentaschen voller münzen herum. heiterkeit und neue karrierepläne. heut früh um achte los, die jungs nach lugano zum zug bringen, dort angekommen, fehlt eine interrailkarte, also zurück, karte im mülleimer finden, wieder hin, kids verabschieden. wieder hier merke ich, dass die vorräte wirklich restlos als reiseproviant mitgegangen sind, parmaschinken, aperol, brötchen, pizza, focaccia et.al. esse cracker. fange an, aufzuräumen, betten abziehen, ventilatoren zusammenbauen, die heute angekommen sind. es zieht ein wind auf, der himmel wird dunkel, es wird ein gewitter geben, seit vier tagen angekündigt. mache das haus sicher, weil die gewitter hier alles in den grundfesten erschüttern. den wilden regen genossen und den hund getröstet, die füße nassregnen lassen, langsam zur ruhe gekommen. dann von mlle readons (mutmaßlichem) tod am 17. 7. gelesen, in der irish times, mit ziemlicher fassungslosigkeit, seitdem traurig und vor mich hin reden schwingend, was hätte ich tun können, direkten kontakt versuchen, aber das haben einige wohl getan, ohne erfolg. mit 31 das leben zu beenden wegen so einer geschichte, das ist sehr bitter. es war eine unschöne geschichte, die viele leute zu recht aufgebracht hat, aber das leben sollte weitergehen, sie hätte einen weg finden können, es hätte, wäre, könnte, das leben, ach das leben ist so kostbar. wirklich traurig.  dabei, weil es ja alles im internet stattgefunden hat, auch die leise hoffnung, dass nur ihre persona gestorben ist, und dass die frau dahinter noch eine chance bekommen hat. aber das wäre ein leichtfertiger umgang mit so einer tragischen geschichte. möge die erde dir leicht sein, mlle hingst.

das harte leben von anderen

versuche, weniger auf twitter zu sein. grad wieder hat irgendwer eine sammelaktion iniziert, für eine mutter, die die beerdigung ihres sohnes nicht bezahlen kann – das will ich nicht wissen. kenne keinen der beteiligten, reagiere aber sofort mit haufenweise gefühlen. grad hat jemand auf facebok darüber geschrieben, wie er die vielen todefälle im bekanntenkreis nicht mehr mitgeteilt bekommen möchte, es sterben ja andauernd menschen überall, wenn es ein junger mensch ist, ist die tragik natürlich riesig, aber hey, ich brauche das nicht, ich bin dankbar genug, solange mir nix so schlimmes widerfährt. oder folter von menschen, von kindern, diese ganzen schockererlebnisse brauche ich nicht, es gibt soviel davon zu lesen, dass ich mich schon frage, welcher zweck dahinter steht, meistens unterschriften, klicks, geld, demobeteiligung oder wahlstimmen. das elend anderer wird benutzt, zu ihrem wohl, okay, aber nicht nur, auch zu unserem. und ich brauche nicht alle details, um mir die lage vorstellen zu können.

schlimm war zb dieser von nazis gefolterte junge mann, dessen tod in allen einzelheiten beschrieben wird – wozu? was ändert das? ich lese aus gutem grund keine bild! ausrufezeichen. als wären die leute nur über möglichst schreckliche geschichten zur vernunft zu bringen, dabei braucht es nur normale menschlichkeit und mitgefühl, wenn man nicht vollkommen abgestumpft ist. natürlich ist das alles realität. schlimm genug. meine eigene phantasie meidet gewalt, ich sehe keinen grund, das zu ändern.

überhaupt lese ich am liebsten nyt, wo solcherlei ereignisse wie früher auf den hinteren seiten abgehandelt werden, analytisch, nicht mit dieser detailversessenen blutrunst, mit dieser unheiligen lust am elend, wenn es beweisbar ist, dann darf ich es so erzählen, es ist ja so passiert, das musst du aushalten, doch doch, sonst bist du irgendwas mit eskapistisch, nein, ich mache das nicht gerne, ich bade nicht gern in andrer leute schmerzen, ich muss das tun, es ist mein job, und die kleine gewaltgeilheit, die du beim lesen zu spüren meinst, die geht auf dein konto, du verwöhnte mitteleuropäerin. dabei passt viel mehr in eine solche geschichte, wenn sie anders erzählt wird, mit ein bisschen distanz und auswahl, mit irgendeiner metaebene, wenn sie erträglich gemacht wird, zum verstehen beiträgt, statt sich mit dem entsetzen zufrieden zu geben. alles eine zumutung. ja, auch die flüchtlingshorrorgeschichten muss ich nicht dauernd in allen einzelheiten vor der nase haben! ich spende schon, danke. ich tu, was ich kann.

oder, wie immer, sehnlichst erwünscht: ein gewaltfilter.

afa

schon eine woche und einen tag hier. die ersehnte große langeweile hat noch nicht angefangen, weil g.-zwilling mit zwei freunden seit ein paar tagen hier ist, bisher haben sie einen tag verlängert, mal schaun. also haushalt wie immer ein faktor. sehr warm, habe ventilatoren bestellt, eine idee, auf die ich bisher noch nie gekommen bin, kein windhauch zu spüren, sehr unnatürlich, alles hängt fest in einer hitzeglocke. emma leidet vor allem. tagsüber liegen wir sehr angenehm am see unter bäumen, ich plaudere mit altem freund, die jungs miteinander. hotel mama hat 5 sterne, sagen die jungs, nur die nächte seien etwas warm, das gäbe sternabzug.

1-satz-träume

im traum sitze ich auf einer kleinen mauer am rand einer nondescript strasse, als jemand vor mir stehen bleibt, auf dem fahrrad, und nichts sagt. ich sehe auf, und es ist m., zu dem ich 2012 den kontakt abgebrochen habe, er lächelt nicht, ich auch nicht. ein paar sekunden sehen wir uns an. er sagt: wir suchen psycho-paten, für ein flüchtlingsmädchen, jemanden, der sich um sie kümmert. dann überlege ich eine antwort, und will sagen: so jemand braucht bedingungslosigkeit, und überlege, ob das kind noch in den kindergarten geht oder schon älter ist, bin aber dabei schon wach. in den ersten paar sekunden, bevor der tag mich erreicht, habe ich das gefühl, dass er immer noch der mann meines lebens ist. zuletzt habe ich ihn mal auf dem rad gesehen, in der stadt, und wollte ein paar ampelphasen lang wieder sofort mit ihm sein.

ferien ey. lasst die träume kommen.