julian lage in dresden

zum ersten mal im jahr richtiges novembergefühl bekommen, einen schal zu wenig dabeigehabt. durch den zwinger gelaufen, an der semperoper vorbei in die altstadt von dresden. wenig los, ein paar japanische reisegruppen waren aber unterwegs, lauter junge sehr geschminkte leute mit selfiestangen. zuletzt in dresden war ich 2005 mit meiner mutter, zur weihung der frauenkirche, mit einem te deum von matthus, auch damals eher musikzentriert und wenig tourismus, hab alles wiedererkannt, nur in die eigene topographie überführt. die barocke pracht in der altstadt wirkte befremdlich, als ich aus den neubauvierteln hineingelaufen bin, sie ist aber so massiv und stilistisch geschlossen, sie kann sich behaupten. nach dem albertinum, der kunstakademie, dem schloss wundert einen gar nichts mehr, dann der blick über die elbe auf die andere glitzernde flusseite. hab den jungs gesagt, sie sollen doch mal kunst in dresden studieren, dann könnte ich dauernd atelierbesuche machen. abends auf freund g. gewartet, g.-zwillings patenonkel, der am dienstag zufällig in dresden war und erfreulicherweise mitkommen wollte.

der jazzclub tonne ist ein schöner, großzügiger keller unter dem kurländer palais, saniert und bischen gediegen. gleich ins gespräch gekommen mit anderen besuchern, wie bisher bei jedem dieser konzerte, stimmung gespannt. er fängt sehr zenmäßig an, mit ganz langsamen richtungslosen läufen in der untersten möglichen oktave, man hört die collings tief und warm summen dabei, es gibt ewig keine auflösung, nur gelegentlich ein paar kleine harmonische kleckse, es ist eher hermetisch. da weiß einer, was er tut, und ich kann es begreifen, ohne es verstehen zu wollen, auf eine warme weise. nice sounding room you have here, fand lage nach dem ersten stück, das gewölbe macht den ton voller und gibt dabei wenig hall. er spielt solo, aber er hat natürlich seine ganze musik dabei, feine, schnelle, läufe „er erfindet die“, sagt meine nachbarin, selber musikerin, ich glaube im sinne von „noch nie irgendwo gehört“, das macht sie wiedererkennbar, sie sind unterscheidbar.

er spielt einiges von seiner solo-cd world’s fair, 4 jahre alt, er hat es noch nie öffentlich gespielt, sagt er nach dem ersten stück und wirkt dabei fast neugierig auf das, was herauskommen wird. er spielt nach dem ersten stück mehr fürs publikum, ich erkenne nocturne, eingebunden in ein anderes stück, day and age. das letzte hab ich nicht erkannt, er sagt fast alle titel und nennt die songschreiber, versteh sie nur nicht alle. ist ja auch egal, day and age geht mir aber als titel nicht mehr aus dem kopf, das kann man sich auf den spiegel schreiben und jeden morgen davor seufzen. er spielt die motive ganz frei und schiebt sie durch die lustigsten tonlagen, ein paar noten lang, dann verschwinden sie, bis sie sich zum ende hin wieder glücklich fügen. viel blues dabei – wie nennt man das, wenn jemand eine form mühelos beherrscht, damit spielt, sie nicht zu ernst nimmt (es gab lacher im publikum), und dabei trotzdem so etwas wie hingabe zeigen kann? im spielen immer wieder so kleine inseln, die sich anhören wie bach.

die stücke waren lang, er hat sie in jede varianz ausgespielt, hat dazu manchmal gesungen oder gebrummt, hat ein paar sätze gesagt zu den songs, war als person hinter seinem instrument sichtbar, anders als bei den konzerten mit band. dabei immer so, als wären wir zufällig bei ihm vorbeigekommen, während er grade spielt, und hätten uns ein  bisschen dazugesetzt, please, take a seat, I’m with you in a minute, und dann sagt er ein paar sachen, damit wir uns als publikum nicht vernachlässigt fühlen, während er tut, was er immer tut. na, vielleicht übertreibe ich das jetzt nach ein paar tagen etwas, aber er klingt so, als wäre das spielen seine sprache, als würde er dauernd so spielen, egal, ob mit oder ohne publikum. faszinierend.

als zugabe gab es ryland, dass auch auf world’s fair schon als solo-version zu hören ist, lage hat sich damit zeit gelassen und uns nochmal 10 minuten mit ihm geschenkt. viel intensiveres erlebnis als die anderen konzerte, weil lage so frei durch seine musik flottieren konnte, keine anderen instrumente oder konzepte im raum waren. nach 2 stunden konzert und noch einem bier sind wir durch die leere stadt zu unseren hotels gelaufen. lage ist leider nicht mehr in den saal gekommen, musste meine love hurts – cd unsigniert wieder mitnehmen. next time!

 

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