„der markt ist“ –

sehr angenehme sofortige relativierung des verlustes, wenn man bücher zu bassenge bringt. der stapel erscheint klein auf der riesigen arbeitsplatte im erdgeschoss der villa, es sind nur ein paar bücher, die unter vielen hunderten anderer bücher zur versteigerung kommen werden, eventuell sogar am 18. geburtstag der zwillinge. möge das datum ein gutes omen sein.

auf dem rückweg noch versucht, die beiden lams in der zweiten niederlassung loszuwerden, in der hoffnung, die ausstellung in london hätte das interesse etwas nach oben bewegt, aber schnecks ansicht wurde bestätigt. immerhin habe ich einen keks bekommen.

die beziehung zwischen dem persönlichen- und dem marktwert ist bei nicht professionellen sammlern wie mir eher projektiv als proportional, was ja keinen stört, solang man dem markt fernbleibt. bisschen wie social media.

solche arbeitsplätze erwecken jedenfalls ein gewisses bedauern, was den eigenen werdegang betrifft. sehr schöne orte, so auf den ersten blick.

t1day 2019

heute war mein erster t1day, ein treffen von lauter diabetikern, mit industrie, ärzten und forschern, das war besonders. ich fühle mich mit meiner looperei immer wie mitten im strom, weil die comunity da so lebendig ist, dabei sind wir insgesamt nur um die 3000 leute (bei allein in d 300.000 typ einsern), auf dem treffem sind mir also überdurchschnittlich viele begegnet. die automatisierung der insulingaben ist auf jeden fall der königsweg in der therapie, ich habe von verschiedenen projekten gehört, wo pumpenfirmen mit cgm (continuos glucose monitoring)-systemen zusammenkommen wollen, um etwas auf den markt zu bringen, aber es war alles eher gerüchteweise und irgendwann und eventuell, außerdem kamen die stories darüber alle von den nutzern, die pharmastände auf dem t1day haben nur die vorhandenen systeme präsentiert. medtronic, einer der größten pumpenhersteller, hat mit der aktuellen 640g immerhin ein system mit notab- und anschaltung auf dem markt, es reagiert dabei schon auf den sinkenden blutzucker, nicht erst auf einen zu niedrigen wert. ohne den zugriff auf die basalrate bleibt das feuerwehr, und wird niemals echten brandschutz liefern können. na, ich such noch ein besseres bild.

die alarmsysteme scheinen inzwischen standart zu sein, also cgms mit warnung bei zu hoch oder zu niedrig, das neue eversense (ein winziger stick, der unter die haut eingepflanzt wird, wie der chip bei hunden, im idealfall 3 monate hält, und über ein draufgeklebtes flaches kleines lesegerät ausgelesen wird) vibriert dabei direkt auf der haut, beim dexcom und beim aktualisierten libre 2 melden sich wohl die lesegeräte oder apps. der neue libre lässt sich leider nicht mehr mit dem pancreas-algorithmus verbinden, da war ich richtig beleidigt, dass so ein tolles system schon nach so kurzer zeit grundlegend verändert wird, jetzt hab ich da 50 jahre drauf gewartet, und darf dann nur so kurz? pff. – aber der mitarbeiter hat erzählt, dass sie grad pro [zeitraum vergessen] mehrere hundertausend neue nutzer bekommen, da sind die paar bastler einfach kein faktor. finde ich trotzdem doof, muss dann wohl zum dexcom wechseln, ein zwar recht schickes, aber viiiiel teureres und aufwändigeres system. zahlt hoffentlich die kasse, aber der unterschied macht mir zu schaffen: 120 kostet der libre pro monat, 370 der dexcom. das dreifache. der eversense ist zu neu auf dem markt, den sollen erstmal andere versuchen.

ein thema des tages war die telemedizin, also die verbindung von elektronisch verfügbaren patientendaten mit übers netz erreichbaren medizinischen ansprechpartnern, wobei die ärztin (simone von sengbusch mit ihrer virtuellen ambulanz) sich den hinweis auf die fehlende netzanbindung in großen teilen des landes nicht verkneifen konnte – damit steht und fällt das ja alles. in holland jedenfalls funktioniert telemedizin super. die zweite große session hat sich mit den diy-technologien befasst, unter anderem mit einem sehr lustigen vortrag des juristen jan twachtmann zu dem, was ärzte und patienten dürfen und was nicht. ärzte dürfen wohl die looperei nicht empfehlen, können aber ihre patienten weiterhin begleiten, wenn sie loopen, auch die kassen zahlen weiterhin, weil der patient sich selber helfen will, und weil sie müssen. auch dr. kurt rinnert (pdf) hat seine erfahrungen zum thema beruf und diabetes sehr kurzweilig und fundiert vorgertragen, ted-reif. den dritten vortrag der session hab ich irgendwie verpasst, weil ich mir die firmenstände zu lang angeschaut habe, schade. da hat die sehr tolle und vielseitig engagierte dr. katarina braune gesprochen, zusammen mit andreas thomas von medtronic und bernd kulzer vom diabetes-zentrum bad mergentheim – ach nee, den vortrag habe ich ja doch gesehen, fällt mir grad ein, nicht erinnert heut nacht, es waren eher drei sichtweisen auf  den stand der dinge bei den diy-technomixen. wenn ich falsch erinnere, gerne kommentieren.

leider bin ich auch ins camp zum thema diy-sachen nicht reingekommen, weil zu voll. dann gab es ein camp zu beruf und sicherheit und eins zur teilnahme an medizinischen studien, von denen es sehr viel mehr als erwartet gibt, anlass zur hoffnung. zur zeit starten wohl studien, die sich mit den ergebnissen des closed loop beschäftigen, bisher läuft eine umfrage.

interessant war eine session, wo ein paar zahlen gezeigt wurden, anhand von cgm-daten aus vielen ländern (einige milliarden daten) wurde für deutschland ein durchschnittsblutzucker von 169 errechnet. meiner ist grad 110, das fühlt sich gut an, was immer das jetzt genau heißen mag. den höchsten wochenwert misst man am sonntag um 12 (stimmte zumindest heute, mir war da was durcheinandergeraten), der beste tag im jahr ist der 28. september, der schlimmste der 1. januar. die länder mit der geringsten datensicherheit haben dabei natürlich die umfangreichsten datensätze, china sammelt wie ein weltmeister und weiß sehr viel von seinen diabetikern.

hatte das gute gefühl,  die beste verfügbare therapie einzusetzen, hab die paar gespräche mit loopern genossen, fand die camps ein bisschen zu groß. es ist alles sehr in bewegung gekommen, seit den neuen messystemen und -technologien, die geschwindigkeit nimmt da weiter zu und bleibt atemberaubend im vergleich zu den jahrzehnten davor. es ist wirklich aufregend und befreiend, dass bei so einer alten krankeit mit ein paar frischen ideen und neuer technologie so viel möglich wird.

gemerkt, dass sich der fokus von der hardware auf die software verschoben hat, nachdem von der industrie die wirklich genialen neuen meßsysteme auf den markt gebracht wurden, damit vom konzern, der die mittel für forschung und studien aufweisen kann, hin zur gruppe von genies, die mit open source und hirnschmalz sensationelles erreicht haben. einige meiner helden waren dort, hab sie leider nicht kennengelernt, developer und coder als brücke zwischen vorhandener hardware mit ihren proprietär geschlossenen systemen (mit ausnahme der dana-pumpen) und der bestmöglichen therapie, besonders im vergleich mit allen anderen tollen ideen, die wie immer noch tief im urschleim lange nicht marktreif sind (z.bsp. bionics oder der biochemische weg). we are not waiting.

 

bibliothek vs sammlung

gehe grade die erstausgaben durch, einige sollen auf den markt zurück, der sie meinem vater oder mir an land gespült hat in den letzten 50 jahren. die trennung zwischen pragmatismus und liebe verläuft dabei messerscharf in meinem kopf, die beiden bereiche haben wenig gemein, der pragmatismus neigt dazu, den rest lächerlich zu machen und den ganzen platz für sich zu beanspruchen.

(lieblingssignatur. ich hab den autor gefragt, warum die unendliche geschichte ein ende hat, er hat es korrigiert.)

macht der besitz von diesen dingen nicht nur sinn, wenn man auf ihn verzichten kann, wenn er luxus ist? in diesen büchern wohnt ja nur mein herz, ein paar erinnerungen sind gelagert, nicht mal alle schön,  sind sie nicht auch reine und damit hohle repräsentanz? ich habe so selten gäste, bei denen so etwas wichtig ist, eigentlich: nie, immer nur freunde und familie, und ein liebhaber, dem meine bücher etwas bedeutet hätten, ist mir noch nicht untergekommen. es gibt aber, da vertraue ich meiner wahrnehmung, immer einen aspekt der behauptung in solchen schränken, zumindest eine kleine notwendigkeit für so einen affirmativen gestus. besonders beim geerbten teil der sammlung, also bei den mittelalten (mann, jünger, hesse und so), die ganz alten haben eine andere, zeitlose wertigkeit, die sind auch nicht mit meiner komplexen vaterbindung verwoben, da sind die autoren frei in ihrer wirkung, sie stehen für sich, da freut sich mein sammlerherz ganz unbekümmert.

bei bildern ist das anders, da habe ich tatsächlich einen unmittelbaren spark of joy, jedesmal, wenn ich sie ansehe.

ich habe nur eine ahnung, ob meine söhne mal interesse an alten büchern aufbringen werden. einer ist sehr in der gegenwart und im funktionalen glücklich (nur nicht bei seiner kleidung, da zählen schein und sein gleichermaßen), einer hat respekt und sinn für das besondere, der dritte ist in seiner linken phase und sowieso gegen das privateigentum. bei keinem ist es genug, um die bücher zu vermissen, wenn sie weg sind, vielleicht reicht es zu einer anekdote (meine mutter hatte mal …). das wäre auch eher eine ausrede.

die bibliotek ist verfügbar, darf herumliegen, benutzt und durcheinandergebracht werden, die sammlung macht aus den büchern etwas totes, zumindest schweigendes, lauter kleine sarkophage, weil ihr inhalt weniger wichtig ist als ihre einzigartigkeit, nur in diesem schrank, sie stehen als objekte für eine epoche, einen erfolg, eine biographie, nicht mehr als text, roman oder prosa oder gedicht, was immer da jetzt drin verborgen ist. die differenzierung im wert ist vermutlich zu ein oder zwei vierteln quatsch, denn gibt es etwas schöneres als diese einzigartigkeit? man liebt doch den einzigen, nicht die masse, den besonderen, nicht den, der wie alle anderen ist. ein bisschen nehme ich diese besonderen bücher damit aus dem kreislauf, lege sie still, gebe ihnen das zurück, was sie als unbekannte frisch gedruckte dinger hatten: einen anfang. wie in einer metonymie, steht doch ihre einzigartigkeit für die einzigartikeit des textes, den sie als erste unters volk gebracht haben. not?

ein buch, dass am anfang seines weges ist, noch nicht ins netzwerk der literatur eingegangen ist, ungelesen und mit nichts als hoffnung. (gut, die kategorie prätentiös kriegt jetzt auch einen haken.)

mehr eine hommage ans buch als an den markt, vielleicht macht das den sammler aus. der markt ist ein ärgernis, er macht die jagd nach wirklichen schätzen unaffordable statt einfach schwierig. wegen dem markt trenne ich mich jetzt von einigen und hoffe bei ein oder zweien sehr, dass der erlös den verlust wert ist, die anderen gehören eh zu jemandem, der sie lieber haben möchte.

bah.

heut abend ein bisschen unterzuckert gelesen, dass ein mann sich einer schwangeren bei der festnahme auf den bauch gekniet hat, dass sie ihr kind verloren hat und dabei allein war, ohne ärztliche oder psychologische betreuung. sehe die beiden menschen wie in einem still, wie durch einen tragische fügung ausgerechnet ein grausamer mann an diese so verletzbare frau geraten musste, wie ein leben dadurch beendet worden ist. wer weiß, was das für ein mensch geworden wäre, ein einzigartiger, ein flüchtling sicherlich. natürlich ist es das system, das zu solchen situationen der wilkühr und brutalität führt, aber es braucht den einen mann, der es tut, der den akt ausführt, den letzten in der kette, von dem außer der kette nichts eigenes geblieben ist, das hoffe ich ja immer fast bei diesen brutalos, dass sie nur staat sind, weil ich den gedanken an grausamkeit und gewissenslosigkeit fast noch beunruhigender finde, aber wahrscheinlich kommen in so einer demokratie bloss beide zufällig zusammen, nur in diktaturen werden sie gewollt zusammengeführt, und so erzogen von klein auf, wie ich heut gelesen hab. wer weiß was den dahin gebracht hat, so zu werden, alles zu verlieren, was das hätte verhindern können, jede wahrnehmung seiner selbst. wie brutal das ist, wenn so ein akt keinerlei vorgeschichte haben muss, um geschehen zu können, vor allem hätte es jederzeit nicht geschehen können, das macht es so unfassbar, dass ein ausgebildeter polizist nicht damit aufhören kann, einer schwangeren den bauch zu verletzen, dass er es nicht verhindert hat, nicht etwas anderes getan hat.

im monitor-film zu der geschichte heißt es nicht „auf den bauch knien“, da zeigt die frau auf ihren unterleib, als sie von ihrer festnahme berichtet, ich denke, sie kann nichts beweisen, das gesetz hinter der abschieberei schützt bestimmt auch den einen täter davor, die tat überhaupt zur kenntnis zu nehmen. sie kannten sich nicht, opfer und täter, sie werden sich wahrscheinlich auch nicht wieder sehen. ich könnte nur schwer damit leben, einen fötus getötet zu haben, die beamten leugnen alles und sind kalkweiße wand geworden, ohne zeichen, ohne gewissen und verantwortung.

und von ihr kann ich nichts schreiben, ich weiß nur „aus dem iran“, es hat die beamten bestimmt gar nicht interessiert. sie hatte den mut, die kraft und die verzweiflung, ihr zuhause zu verlassen und auf die flucht zu gehen, sie hat den weg überlebt, sie ist in deutschland angekommen. der mann hat wahrscheinlich eine ausbildung gemacht und ansonsten nicht viel erlebt. wie unfassbar viel schlimmer die folgen von gewalt sind, was für eine wucht dieser mann dadurch bekommt, sein verhalten hatte auf ihr leben und das ihres kindes mehr einfluss als die flucht, und sie verschwindet beim erzählen schon wieder aus dieser geschichte, und ihr kind ist schon verschwunden. ich wünsche ihr, dass sie wärme und schutz gefunden hat. dass jemand zuhört. bah.

kw 1

über den jahreswechsel zu einer freundin ins polnische gefahren, eigentlich wegen der netten gesellschaft, aber die einladung kam besonders gelegen, weil ich so emma aus dem lärm holen konnte. wir haben gut gegessen, haben viel über uns, die hunde, die kinder, die arbeit, die männer geredet und um null uhr eher pflichtschuldig kurz angestossen. am ersten januar kleinen spaziergang an die oder gemacht, die freundin lebt in einem paradies, völlig naturbelassene landschaft. zuhause noch mit kuchen den großen gefeiert, der am 1.1. seinen 20. geburtstag hatte.

gemerkt, dass ich mir nix längerfristiges vornehme, nur so ein- bis drei- monatsziele. ich möchte die ersten 20 seiten von „fundamental algorithms“ verstehen, weil mich mein verstehen der ersten paar seiten so verblüfft hat,  ich hab es es nicht für möglich gehalten. mal schaun, ob ich diese faszination auf die mathematik übertragen kann.

werde meinen 50.  diaversary irgendwie feiern, am 1. februar, weiß noch nicht genau, wie. mit freunden natürlich.

mir ist erst jetzt aufgefallen, dass nicht mein gewicht dauernd um mehrere kilo herumwackelt, sondern meine waage. ich hab sie von meinem diabetesbedarfsladen geschenkt bekommen, als ich noch in neukölln wohnte, in den achtzigern.

seitdem ich vg-wort-zählmarken nutze, vermute ich bei vielen blogtexten eine extrinsische motivation für die länge („Genügend: nein, 400 fehlen“).

 

erfolg ist ein weites feld

neulich wollte eine bekannte ganz unerwartet von mir wissen, ob ich meine erfolglosigkeit vielleicht einer art adhs zuschreiben würde, sie hätte da drüber nachgedacht, vielleicht wäre das auch ein problem bei meinen kindern? ich war zu höflich und zu fassungslos, sie einfach stehen zu lassen, aber ich habe noch eine weile darüber nachgedacht, über diese wertungsbeflissenheit bei andern leuten, die vermutlich auch über sich selber so urteilen, in marktwirtschaftlichen kriterien. über ihr urteil („erfolglos“) habe ich nicht nachgedacht, es tangiert mich nicht so, mein schwerpunkt liegt einfach woanders. ein freund hat mich beim ausgehen auch mal darauf angesprochen, er war mir freundlich gesonnen und meinte, wir (er und ich) würden ja auch eher später im leben unseren weg finden, oder so ähnlich. das konnte ich bestätigen, es ergab sich ein interessantes gespräch.

warum tangiert es mich nicht?* es liegt am diabetes, denke ich, und dem daraus resultierenden training in der wahrnehmung des ist-zustands, aller ist-zustände. mein unmittelbares überleben passiert nicht von alleine wie bei gesunden leuten, ich habe dafür bis vor ein paar monaten dauernd entscheidungen fällen müssen, insulin, essen, bewegung, alkohol, erst seit der verwendung von aaps wird das deutlich weniger, die entspannung darüber ist grundlegend, und kommt nur langsam ans licht. die gegenwart ist nicht mehr zuerst stoffwechsel.

ich kann mich jetzt in ruhe den anderen existentiellen ängsten widmen, wie der suche nach einem zuverlässigen brotjob. das klappt ja seit jahren nicht, liegt an mir, aber auch an den verschiedenen arbeitgebern, es beschäftigt mich, ob ich wirklich so schlecht bin, dass sie mich nicht mehr wollen, oder ob es der markt ist, der eine bindung an einzelne arbeitsnehmer überflüssig macht. es ist weniger ein vorhaben als eine notwendigkeit, etwas zu finden, weil das leben als alleinverdiener mit drei kindern und hund einfach mehr kostet, als ich verdiene. das genügt ja eigentlich als streßfaktor.

nachdenken über arbeit. hatte nie einen traumjob, vielleicht als mädchen kurz mal die schriftstellerei, aber dazu fehlt mir die disziplin, und auch der ehrgeiz ist für mich eher eine rätselhafte kampfsportart, die mich nicht so interessiert. ein job soll mich nicht ganz fressen, ich brauche viel kraft für mein leben außerhalb, es war mir zeitlebens nicht so wichtig, womit ich geld verdiene, und irgendwo bin ich immer untergekommen. schreiben war schon ein schwerpunkt, aber das journalistische schreiben macht für so mittelbegabte wie mich viel arbeit bei (heutzutage) sehr wenig lohn, und es gibt genug leute, die das wirklich wollen und können. junge leute, die bei instagram zuhause sind.

dabei möchte ich gar nicht unbedingt etwas tun, mir genügt die vorstellung davon. die meisten dinge sind nicht interessant genug, um sie mit aller kraft tun zu wollen. die idee der dinge ist ein kosmos, ich sehe da paläste und habe ein gefühlspanoptikum zur verfügung, um die vorstellung einzurichten, also gelegentlich, kurz vorm einschlafen. der weg ist viel mehr mein zuhause, also nicht toll gitarrespielen, sondern beim üben besser werden. ist natürlich auch bisschen quatsch, weil ich ja auch bei gleichbleibender tätigkeit in jedem neuen job alles wesentlich neu lernen darf, abläufe, menschen, beziehungen, pflicht und kür.

*bei meinen kindern habe ich auch keine sorgen. ich will nichts zu privates über sie schreiben, obwohl es sie nicht sonderlich stört, sie lesen es ja nicht, aber sie könnten selber schreiben, wenn sie es wollten, und sie tun es nicht, also lass ich es auch.

wut

besuch in der villa liebermann zur ausstellung, über eine stunde wartezeit, kaffee mit schlechtem kuchen, großartiges ambiente mit blick auf den wannsee, großen räumen, kaminen. in der schlange zur kaffeetheke  mache ich dauernd genervte kommentare, schon fast giftige, ein bisschen zu laut für ganz leise. davidzwilling gleicht aus, lenkt ab, versucht, meine laune zu heben, das alarmiert mich ziemlich, habe ich doch einen ganzen dunklen see an erinnerungen daran, wie ich die launen meines vaters und die stimmung meiner mutter versuche vorherzusehen und ihnen ausgleichend zuvorzukommen, von mir ist nichts übriggeblieben in diesen momenten, ich war nur noch reaktion. kann den fokus, den zündfunken meiner wut am sonntag nicht ausmachen, sie richtet sich scheinbar gegen das museum, gegen die ganze wohlerzogene gelassenheit im umgang mit der wartezeit, ich bin voller wut gegen den sichtbaren reichtum der anderen museumsbesucher, ihre zurückhaltung, ihr leises geplauder über kulturelle dinge. ich bin sogar wütend auf die großkalibrigen automobile, mit denen sie anreisen, die damen schmal und stilisiert – nein, einfach mit lebenslangem selbstverständnis gut gekleidet. ich bin wütend auf das eine paar, vater und sohn, freundlich im umgang miteinander, ohne die kleinste geste des missmuts über den lauf der dinge, ihrer zufriedenheit mit sich selber gar nicht mehr bewußt, sie nie hinterfragend.  ich fühle mich auffällig anders, war seit einem halben jahr nicht mehr beim friseur und man sieht es, graue schläfen, rausgewachsener schnitt, fühle mich schon durch aufmachung nicht dazugehörig und nehme den wohlstand der anderen als filzwand war, die jede energie von außen beim einschlag vernichtet (das war jetzt eine merkwürdige formulierung), und von innen hört man nichts. meine mutter passt da hin, zumindest äußerlich, ich würde es gerne, und weiß weder warum, noch warum der verlust so akut ist. erst jetzt fällt das so starke bild von den beiden ab, sie sind eben eine familie, die am sonntag ins museum geht, keine repräsentanten einer  utopie.

einen tag später fallen die puzzlestücke zueinander. schon in der villa hatte ich thomas mann im kopf, die liebe meines vaters für autor und texte, das großbürgerliche als bewußte lebensform und ambiente, es war die selbstverständliche bildung, die ihn anzog, glaube ich, bildung als garant für ein zivilisiertes miteinander, seine wahlfamilie, als abstand zu allen anderen bei gleichzeitiger wahrnehmung aller anderen durch den blick des künstlers, das wollte er zeitlebens sein, ein schon immer dazugehöriger, und war es nie, als von der mutter erst zugunsten eines ewigen nazis verlassener, später nach rom nachgeholter hochintelligenter junger mann. sein leben war wie der letzte satz grade, immer die eigenschaften vorneweg, die kann man sich aussuchen und anerziehen, das subjekt im schatten hinterhergezogen, es bleibt verborgen und gehört nie ganz dazu, wird nicht gesehen. er hat sich ein leben ausgesucht und es gelebt, kultur, karriere, literatur, wohlstand, mit voller wucht, und es hat nie gereicht. er ist nie ganz weggekommen von der frühen verlorenheit, vielleicht hat ihn das so wütend gemacht, in der wut war alles andere egal, seine kinder, seine erfolge, da war er ein junge, der trotz der prügelstrafen von vater und stiefvater wütend war und blieb. ich habe am sonntag diese wut gelebt, als einen gleißenden kern, der die öffentlichkeit nicht scheut, und konnte sie vollkommen verstehen. es fühlte sich richtig an.

(huch. ich wollte ganz was anderes schreiben.)

 

schöner wohnen

ob ich meine wohnung airbnb-tauglich machen kann? werde vieles entpersonalisieren müssen, das organisch und meistens eher entropisch gewachsene neutralisieren, also viel kram aussortieren. denke, es ist nicht so leicht, sich in wohnungen von fremden wohlzufühlen, wenn die so biografisch geprägt sind, voller geschichten stecken, wirklich schöne und konsistente einrichtung geht ja nur mit engagement und/oder geld, mit einem gleichgewicht zwischen entscheidungen für möbel und für objekte. design als eine art firewall vor der individuellen realität, als entscheidung, die zum privaten klar in einer beziehung steckt, es überschreibt, unterwandert, betont oder ersetzt, wie kleidung den körper. bei den meisten leuten: dem privaten vorausgeht, alltag und familie füllen später sowieso alle lücken auf.  die alternative wäre kargheit, reduktion, weiße wände, nehme ich auch meist als schiss vor der entblößung wahr, oder die pflege der wohnung als gestalteten raum, den es zu beschützen gilt vor dem chaos des alltags. wohnungen mit einem vollständig durchgeplanten aussehen fühlen sich falsch an, tot, die kontrolle als lebensmaxime.

wohnungen voller bücher kann man sowieso nicht richtig einrichten, es stehen einfach überall regale herum. sobald die bücher zu stapeln werden, hat man ein bisschen die kontrolle verloren. im idealfall sollte platz genug sein für ein paar wände ohne bücher, diese großen altberliner oder stadtpalais-wohnungen, zeichen für erfolg, anders als bei  leuten wie mir, wo auf jede horizontale fläche immer noch was draufgelegt werden kann.

bücherwände bis zur decke, mit leiter, gegenüber dann der blick ins grüne durch bodentiefe fenster. am leichtesten geht einrichtung, wenn die nächste wohnung größer wird als die jetzige, wenn es leere zu gestalten gilt statt fülle zu strukturieren.

oder der magnetismus von zeug. liegt ein teil herum, kommt das nächste hinterher, in so einem sicherheitsabstand, bis der staub sich darauf ablegt, dann ist es nicht mehr eins, sondern verschwindet als teil der unordnung.

KW 40/41

die fahrt mit dem großen im übervollen auto quer durchs land habe ich sehr genossen. wir reden und schweigen und hören radio, kein schatten nirgends. er freut sich und ist neugierig, ist so präsent und da, bei sich und bei mir, ich glaub nicht, dass die entfernung da etwas dran ändern wird. wir laden nachmittags seine kisten in die noch leere wohnung (wg wird gegründet, er ist der erste), die vermieterin ist eine zarte, weißhaarige und schön gekleidete alte dame. „die jungen haben was zu erzählen, die jammern nicht immer, wie es alte mieter tun“, darum vermietet sie gern an studierende. ich denke, dass die studis sich auch weniger stören am klo auf halber treppe, den alten kleinen heizkörpern, dem ungestrichenden charme des hauses. sie umarmt mich zum abschied, „und wenn sie sich mal sorgen um ihn, können sie ruhig anrufen“. das fenster des großen geht auf den wintergarten hinaus, dahinter ist alles grün vom verwucherten garten. wir kaufen gemeinsam eine große matratze, die auf dem dachgepäckträger ins neue zuhause transportiert wird, besorgen bretter/glasbetonsteine für sein regal, suchen nach einem schreibtisch auf ebay-kleinanzeigen.

es ist noch zeit für eine große lange runde durch trier, der  dom macht mich sprachlos, er ist elegant und würdig, kompliziert und schön, im vergleich dazu ist der petersdom nur bombast, zeichen für macht und herrschaft. rede mit einer nonne im kreuzgang, sie fragt, ob der große der neue ist, es zieht nämlich einer ein bei ihnen, der keine wohnung gefunden hat, „ein 18jähriger im kloster, hab ich der mutter gesagt, der ist bestimmt nicht glücklich darüber“ sagt sie und lacht. ob er theologie studiert, fragt sie den großen noch, das würden nämlich viele machen. sicherheitshalber sagt sie uns noch die termine für messen in den kirchen der stadt, „wer bei uns kei meß kriegt -“ sagt sie, der große:  „… der will keine“. lachen. zu den weihnachtsmärkten soll ich spätestens wiederkommen, die seien besonders hier.

der große ist beeindruckt. wir plaudern und reden und spazieren durch die nicht riesengroße altstadt bis es dunkel wird, kehren in einer studikneipe ein und verzehren im freien riesige portionen mit fleisch, sahne und käse. es ist weingegend, also nimmt der große einen wein und mag ihn. alles voller sehr junger leute. schöner tag.

auf der rückfahrt großartig bekocht worden von frau fragmente, endlich habe ich sie besuchen können, es ist so schön, wenn die freundschaften zwischen netz- und außenwelt hin- und herwechseln können. nach einem spaziergang zurück richtung berlin. spontan noch in weimar bei einer anderen freundin rast gemacht, dort kuchen und einen eimer walnüsse bekommen, erst um 2 zuhause gewesen, keine zeit gehabt fürs traurigsein.

hier wieder engpässe, eine hohe zahlung wird fällig, meine jobs bringen zu wenig, es geht nur, solange keine sonderausgaben anfallen. einen großen stapel erstausgaben bei bassenge angemeldet. letzte woche ist auch noch die gastherme ausgefallen, wie im jahr davor sind wir ohne heizung und warmwasser, bis der installateur zeit hat. meine sachbearbeiterin im finanzamt stellt mich zur rede, ich hätte doch gesagt, ich wolle im letzten jahr dies und das machen, was denn damit wäre, ich solle bitte ausführen. sie ist mein personifiziertes überich, andrerseits endlich jemand, der es genau wissen will.

die wohnung hat sich verändert, seit die zwillis jeder ein zimmer haben, sie scheint mir kleiner, seit einer ausgezogen ist. ich warte mit dem  aufräumen, bis alle möbel sortiert sind und. wenn ein blätterhaufen hoch in die luft gewirbelt wird und erst wieder unten ankommen muss, sowas, macht keinen sinn, vorher aufzuräumen, und ich weiß noch nicht, wo die teile landen werden. es wird alles neu gelegt.

 

kw 39

langsam wieder substanz in den alltag bekommen, in den gewohnten sicheren kleinen schritten. flache halbschuhe gekauft, ein paar paare, in denen die füße nicht weh tun. habe ja eine überhandnehmende schwäche für diesen college-style, chinos, polos und rl-pullover, gern auch mit karohemd und mokassins. das frausein erstmal für eine weile hinter den ofen packen und gut getarnt fest auftreten.

großer hält sein zimmer in einer konstanten unordnung, unter der man es nicht mehr sehen kann, der rest ist auseinandergenommen und verpackt. es soll keine sekunde länger mehr sein zimmer sein. merke, dass all die sprüche und filmszenen (USA, college, eltern, volles auto) nur sehr allgemeine chiffren sind für den auszug vom kind. es wird nicht wieder einziehen. keine trauer, aber ich werde ihn vermissen.

grad ohne cgm, weil ich den neuantrag verpeilt habe und jetzt warten muss, bis die kasse das nächste jahr bewilligt. sehr strange, keine linie mehr zu haben, nur noch punkte. habe meine alte pumpe repariert und getestet, sie läuft einwandfrei, und eine neue beantragt. neue firma, nach uraltem patent gebaut, in vielem steinzeit, dafür mit bluetooth, übers handy steuerbar und problemlos zum loopen verwendbar.

c/o

vielleicht bleibt viel mehr so wie es war, nur der weg an die oberfläche wird länger, jeden tag ein stückchen. die sensorischen wege von der menge an bekannten und unbekannten leuten zu einem gesicht, dass ich sehen kann, sehen-nichtsehen, das war nett, aber es war hauptsächlich nichtsehen. wir alle drumrum ein paar jahrzehnte älter geworden, die brüche sind verarbeitet, die brüchigkeit haben wir im griff, eine müßige differenz. meine ist mir noch im weg. müde und nüchtern nach hause. (parties)

pump, duck and circumstances

kurz die versuchung, meine alte paradigm 722 mit epoxydharz zu kleben und weiter zu benutzen. die insulinpumpe funktioniert noch, und wenn der kolben, der die einheiten in den katheder drückt, ohne hinderung läuft – hmm. die unerklärlichen schwankungen, die ich als letzte möglichkeit auf eventuelle ungenauigkeiten des alten motors geschoben hatte, also komplett andere werte bei gleichen insulin/essensmengen, die habe ich unverändert, und trotz täglich frischen kathedern. das ist mein körper, deswegen loope ich. kann ja die pumpe mal mit 24U/24h laufen lassen, in einen kleinen behälter, dann mit spritze die menge testen – hmm. unbefriedigend. die gesundheit als pfadfindercamp.

die alternative wäre eine dana rs, neues produkt von neuem pumpenhersteller, offen für bluetooth und über eine app bedienbar. da schreckt mich die fehlende erfahrung des herstellers etwas, das plastik wirkt billig, und das gerät benutzt proprietäre batterien, die extra bestellt werden müssen (in den usa werden ev. simple aaa-batterien eingesetzt, ist aber nur gerücht). andrerseits käme die kasse eventuell für einen ersatz nach ein paar jahren auf. oder eine accu-check combo, mit der verliere ich aber die garantie durchs loopen, bei der dana ist das nicht so. ich müsste mit der accu check auch wieder mit teststreifen und fingerstechen messen, um die pumpe voll nutzen zu können, ein wirklich denkwürdiger rückschritt seit libre und anderen cgm-systemen.

klare entscheidung, aber ohne begeisterung.

wie genau funktioniert epoxydharz?

julian lage trio bei empoli jazz 2018

ich komme mit meiner schwester in paar stunden vorher an, es ist ein tag mit 38°c, die stadt ist total verlassen, lauter einstöckige alte häuser, empoli, bekannt hauptsächlich, weil es heißt „e come empoli“ (a wie anna).

es ist ein freiluftkonzert, in einer art hof oder park, auf dem gras hinter einer sehr alten mauer steht eine bühne, daneben so ein partyzelt als künstlerraum, mit ein paar balken abgetrennt. vielleicht 200 stühle, ein stand mit lokalem bier und einem riesigen braten, von einem der sponsoren der veranstaltung. wir sitzen zweite reihe, ich komme mit ein paar anderen ins gespräch, ein junger mann mittdreißiger freut sich: „ich wäre ins ausland gefahren für sie, und jetzt kommen sie nach empoli, ausgerechnet!“, musste ich lachen und bin erleichtert, dass ich nicht die einzige irre hier bin. er hat ihn auch schon ein paar mal gesehen, wir freuen uns beide, dass lage die ochsentour macht und die verschiedenen jazzfestivals absurft. ich bin immer noch bisschen fassunglsos darüber, dass ich meinen fernen zufallsfund im netz heut zum dritten mal live anhören darf, ein großes geschenk. wir reden über bluegrass, chris eldridge, nels cline, den jazz und den sommer, die leute kennen sich aus und sind mitaufgeregt. langsam wird es dunkel und ein bisschen kühler, als die drei um 21:30 auf die bühne kommen aus ihrem zelt. lage hat seinem schlagzeuger vorher mit fist bump glück gewünscht, für mich eine erinerung daran, was so ein konzert für die musiker bedeutet und bisschen neugierde, ob es etwas sehr anderes ist für uns zuhörer. das hier war das letzte konzert der tour, am nächsten tag würden sie zurück in die usa fliegen, hat der veranstalter bei der kurzen einführung gesagt. 5 tage später ist das nächste konzert, da hätten sie auch ferien an einem der wunderschönen strände der feniglia machen können.

mit diesen beiden reist er schon eine weile herum, jorge roeder am bass und eric doob am schlagzeug, die tournee ging dichtgesetzt durch spanien und frankreich. sie fangen an mit packenden und gutgelaunten sachen von der letzten cd (modern lore, 2018 bei mack avenue records), splendor riot ist eventuell dabei, was noch? hatte paar tage kein netz und kriege es nicht mehr zusammen. ich hätte eventuell eine setlist oder sowas besorgen sollen. nach den songs von der cd  kündigt lage ein paar lieblingstücke an, „songs that we like“. das erste ist eine sehr tolle version von „the best thing for you (would be me)“, von irving berlin, und das stimmt ja für diesen abend. es ist fein und elegant und schön auf eine unbekannt freie art. das sehr schöne nocturne war dabei, wie immer bewegt lage sich völlig frei im lied herum, spielt damit, bewegt sich eine weile mit schnodderig entspannten impros voran, findet aber immer wieder nach hause zum ende hin, stellt im letzten moment auf theme um und erschafft dort kleine harmonische enklaven, noch im letzten atemzug der songs. grad nocturne hat schon gefährlich viel schönheit in der melodie, und lage baut noch ein paar runden ein, zieht takte zusammen, überspringt etwas, wiederholt eine auflösung – es ist, wie wenn man jemanden wiedersieht nach einer weile, und er ist ganz anders schön als in der erinnerung – erst hab ich „ist viel schöner“ geschrieben, aber schönheit in musik ist was anderes als im menschen, anders meßbar – so etwas gelingt lage mit seinen melodien, und er scheint dabei andauernd aus dem vollen zu schöpfen. jedes konzert, jede interpretation gerät dabei vollkommen anders, aber das gehört ja so im jazz. ich will diese passagen noch einmal hören, sobald sie vorbei sind, sie wiedererleben, und danach fehlen sie mir. ein grund, immer wieder hinzugehen. noch ein lieblingslied war dabei, hab die melodie noch im kopf, kanns aber grad nicht zuordnen.

beim suchen gefunden, auch schönheit, hat aber mit nix was zu tun: up from the north)

der drummer (eric doob) ist strange, er spielt versunken in hoher konzentration, wie ein junge, scheint perfekte, endlose kompositionen im kopf zu haben, und wenn er sein solo hat, gibt er nur fragmente dieser dinge frei, es klingt wie eine abkürzung, wie steno, karg und zusammengenommen. lage guckt ihn an mit einem lächeln, als könnte er die nicht gespielten passagen hören. vielleicht vermisse ich auch nur tom rainey – wenn man ganz viel sagen möchte und nur ein paar worte herausbekommt, in denen sich dann alles gewicht sammeln muss, so etwa. der bassist hat einen fanclub in der stadt, nach dem konzert wird er von einer gruppe begrüßt, die ihm komplimente machen und über das spielen befragen. er war natürlich saugut, aber mit einem aber; das schnelle navigieren duch die skalen verstehe ich vielleicht einfach nicht so gut, das ist mir zu sehr aerobic, ich brauche erkennbare zäsuren, rhythmen, melodische closure, etwas, um das lineare hören zu durchbrechen, sonst bewundere ich eben die geschwindigkeit, aber das leben ist ja schon schnell genug, bin ich nicht angefasst davon.

lages virtuosität hatte ein sommerliches angedeutetsein, eine leichtigkeit, als würden die finger nicht ganz auf die saiten müssen, sondern könnten ein mü vorher unbekümmert weiter zum nächsten ton. hat sonst niemand bemerkt, wie ich aus den gesprächen mit den fans nach dem konzert weiß, wahrscheinlich sind es also einfach also meine nicht mehr so guten ohren, plus tinnitus, der einen ausgegrauten bereich im gehör erzeugt („die graufläche, die mein tinnitus füllt“ hab ich zuerst geschrieben, aber es sind zwei getrennte bereiche, das sirren und die fehlenden höhen). dann diese ganz nebenbei in ein paar takten angespielten melodien, jede mit raum für einen ganzen song, perfekte sekunden glück (hei, es war eine nacht in einem hof aus dem 15. jh., unter den sternen des julimondes, auf dem gras, in nur ein paar metern abstand zu den musikern)(und ich saß neben meiner schwester), also wo lage die stücke auflöst in mich total überraschenden harmonischen einfällen, die wiedererkennbar sind, wie der strich von horst janssen wiedererkennbar ist, auf eine nicht vorhersehbare weise eigen und schön.

das trio scheint andauernd auf tournee, schon im oktober und november wieder in europa, diesmal schweiz und frankreich, sie rocken die finnischen clubs, zb im oktober dieses jahres in singen, aber das ist mir zu weit für einen spontantrip, einmal durch die republik. andrerseits ist es vielleicht eine der letzten möglichkeiten für diese besondere qualität der kleinen clubs, im märz 2019 spielt das trio in einem saal der elbphilarmonie, für dreimal soviel eintritt wie bisher. sie haben ihn wahrgenommen, die großen.

mein (musikalisch ungebildetes) gefühl: er braucht eine herausforderung, also nicht im sinn von elbphilarmonie, sondern von anderen genialen gitarristen, wie nels cline einer ist, mit eigenem stil, eigenen kanten, musikalische reibung und herausforderung, einen dialog, vielleicht mit sich selbst im umweg über einen anderen.

nach dem konzert ist die stadt plötzlich rappelvoll, um mitternacht gibt es kaum freie plätze, familien, kinder, jung und alt sitzen herum und trinken in der nacht. auf der piazza dei leoni findet eine weinprobe statt, mit meiner schwester gönnen wir uns zwei hervoragende rotweine, gucken den kindern zu und gehen dann zurück ins klimatisierte hotel.

bedingt frei

eigentlich schon frei, keine energie, mir für die 5 tage noch einen auftrag zu suchen. ärger über meine lage, aber ein so alter und festgewordener ärger, er stört kaum noch. ich habe mich sogar dran gewöhnt, dass ich nicht mehr richtig schreibe.

die erfahrung, dass es eh nichts nützt, ist ein alter ausgelatschter schuh in meiner psychischen landschaft. futility ist mein anker. ich versuche gelegentlich, mich bei männern oder jobs zu bewerben, richtiger einsatz ist das allerdings nicht, eher so ein immerhin-einsatz, aber die agentur für arbeit wäre unzufrieden. ob es die frühe erfahrung von vergeblichkeit ist, dass schlimme zustände eben bleiben, dass widerstand zwecklos ist? ich war drei, als mein diabetes kam, ich weiß aber kaum noch was davon – das „aber“ in dem satz fühlt sich richtig an, das lasse ich. ein diabetiker muss immer alles wissen.
meine mutter erzählt, wie sie mich auf der waschmaschine festgehalten haben für die spritzen, weil ich so gebrüllt habe, und wie sie dachte, ich könnte dadurch meine wut über die krankheit ausleben, aber es ist nicht meine erinnerung. die angst und überforderung meiner mutter, an der ich schuld war, spüre ich heute noch, die ist fest in unsere beziehung verwoben und beschwert sie noch immer.

heute ist das alles anders, der weg in den alltag wird bei allen beteiligten besser begleitet. dieses primäre und existentielle angstding bei eltern ist wohl nicht vermeidbar, hoffentlich vermitteln die ärzte ihnen einen umgang damit, holen es ans licht, machen es gestaltbar. bei mir war es schwarze pädagogik: wenn du das machst, dann kannst du sterben, autonomie ist lebensgefährlich. all die nicht ausgelebte energie macht mich traurig, manchmal, andrerseits geht mir eigentlich ganz okay. ich hab sie woanders ausgelebt.

(damit hab ich heut wieder die ein oder andere bewerbung prokrastiniert, ist es nicht prima?)