venezia bella

venedig ist die unglaublich detailreiche oberfläche von allen möglichen und unmöglichen geschichten, die dort passiert sind, vor hundert jahren, als die stadt noch kein disneyland war. die vergangenheit atmet noch, sie stinkt und schimmert in allen farben, die tourimassen so ein farbstrom in einer langzeitbelichtung, dahinter sehr schweigsame häuser, darunter das wasser. wir laufen einfach kreuz und quer durch die gassen und über die brücken, ich will mit den kindern durch die stadt zum markusplatz, den sie aus filmen schon kennen, über die rialtobrücke, einfach herumlaufen. wir haben nur ein wochenende, zuwenig zeit für anderes als entspanntes herumtreiben. fürs nächste mal mit mehr zeit habe ich mir eine venedig-führung an der hand von corto maltese vorgenommen, dem ich jederzeit überallhin folgen würde, durch pratts menschenleere stadt mit ihren magischen bewohnern, geheimnisvollen frauen, gefährlichen männern, alten und neuen mächten. es gibt diesen führer schon in mehreren ausgaben, er soll sehr genau und aktuell sein, im shop vom guggenheim lag er, als einziger seiner art.

ich bin sicher, alles könnte genau so passiert sein, wie pratt es zeichnet, die ganzen abenteuer, die  gerade hinter den schweren gardinen zum canal grande stattfinden, damit sie einem zustossen, muss man dazugehören, also einen platz haben in einer dieser alten bedeutungshierarchien, alt im sinn von: nicht mehr änderbar, vermutlich endlich, daher die melancholie. beziehungen haben, den städtischen strukturen ein persönliches netzwerk überziehen können.

wir laufen im gänsemarsch durch die gassen, immer den schildern nach, die den strom zu den hauptsehenswürdigkeiten führen, für so einen spaziergang auf der oberfläche genügt ein wochenende vollkommen. wenn man abbiegt, ist oft nur ein dickermannsbreiter raum zwischen den häusern, man landet dann am wasser und kommt nicht weiter, oder ist nach ein paar weiteren metern vollkommen allein und sofort verloren, weil die gassen den häusern folgen und nicht umgekehrt.

es ist die festa del redentore, gegen 18-19 uhr laufen wir über die ponte accademia zum dorsoduro,

– das heisst harter rücken, es könnte auch ein kräftiger fußrücken sein, braungebrannt und stabil, oder so ein zäher männerrücken, auf dem man städte bauen könnte – erst grad beim suchen entdeckt, diesen namen, gleich verliebt. dorso duro.

dann weiter, bis wir am wasser stehen. die jungs hopsen dann schamlos zwischen den vielen dort sitzenden menschen durch, bis wir ganz vorne an der punta della dogana ein paar halbe quadratmeter finden und die füße ins wasser halten könnten, so nah ist es. warten, mit getränken, keksen und leone-pastillen, die kinder spielen uno mit einem französischen päarchen. es wird nacht über einer großartigen kulisse, wir sitzen gegenüber vom markusplatz.

wir haben 2 einhalb sehr viele stunden zeit, es soll um 23:30 beginnen, die lagune füllt sich nach und nach mit hunderten von kleinen booten und gondeln und fischerbooten und polizeibooten und und, dicht an dicht, alles, was schwimmen kann, ist heut draussen, es fehlen nur glam und lucky mit schlauchbooten, sonst sind alle da, mit familien, freunden und touristen durcheinander.

und dann beginnt das feuerwerk, mein erstes überhaupt. alles vorher war nur geböller. wir stehen mit offenem mund und sehen 400 jahre tradition, von 5 weit auseinander liegenden  flössen aus über der guidecca und san giorgio maggiore in die nacht geschossen, eine unglaubliche vielfalt an farben und formen, choreografiert und mit perfekter handwerkskunst ausgeführt, über 45 minuten lang.

dabei stehen wir ohne gedränge direkt am meer, zwischen uns und dem feuerwerk nur ein paar reihen menschen und viele boote, am himmel die sterne und ganz weit oben ein riesiger vollmond. hammer romantisch, wie elias sagte.

zurück brauchen wir anderthalb stunden im dichten gedränge,

 

von der accademia-brücke aus kann man hunderte von bootslichtern sehen, grün und rot, die wieder nach hause fahren. es ist natürlich total voll, ein volksfest im besten sinne, wir brauchen ewig für den heimweg. zu fuss durch s. marco, immer die hauptstrassen entlang, bis wir morgens um halb zwei in cannareggio ankommen und ins bett fallen, sehr müde und sehr zufrieden.

sonntags sehen wir uns noch die chiesa del redentore an, mit der davor liegenden und offenen flossbrücke rüber nach venedig, die kirche als dank für die erlösung von der pest gestiftet und von palladio erbaut, die flösse immer nur an diesem wochenende offen. es ist zu heiss zum drüberlaufen, für die jungs sind die schlauchboot-fahrrad-hybriden viel spannender.

am letzten tag fahren wir mit den wasserbussen eine weile einfach hin und her, ich möchte nach murano, einfach um den kindern ein bisschen glaskunst zu zeigen. die insel ist heiss und schattenfrei, in einem hauseingang steht ein schild mit einem pfeil zur werkstatt, dort zahlen wir pro kopf einen euro für eine kurze führung und sitzen dann in einer alten leeren werkshalle, vor großen glühenden öfen. ein paar alte männer zeigen ihre kunst, ein bisschen müde natürlich, aber noch nicht verzweifelt, bilde ich mir ein, die kinder sehr begeistert, in ein paar sekunden entstehen vasen und ein sehr feingebautes und lebensechtes pferd aus klarem glas.

das glas überall in den schaufenstern ist viel traditioneller als erwartet, es gibt wenig wirklich aufregende dinge, immerhin erfreulich viele quallenskulpturen, aber die starke touristische orientierung der glaskunst ist offensichtlich.

 

ich sehe ein paar wunderbare dieser traditionellen stücke, gewaltige leuchter mit wunderbaren kerzen und blumen. die leuchter werden aus den werkstätten heraus auf lastkähnen verschifft, was sonst, das versöhnt einen schon wieder mit fast allem.

ich liebe muranoglas, werde irgendwann einen rosa-hellblauen leuchter der jahrhundertwende erben, der zu nichts sonst passt außer zu sich selber. in der stadt   gibt es zwischendrin viele ecken mit einem anderen, zeitgenössischem und ironischem venedig, man läuft dran vorbei, die studis und architekten und denker wie der ehemalige bürgermeister cacciari müssen ja auch irgendwo arbeiten,  aber bei einem kurzbesuch mit kindern sehe ich kaum etwas davon, in der ein bissken ahnungslosen suche nach dem literarischen und ewigen venedig meine ich in jedem kontrast zum tourikommerz etwas davon zu entdecken, obwohl es vielleicht doch nur der verfall ist, das sich aufgeben, bzw. kein geld für farbe.

dann ein aus der zeit gefallener ort, ein buchladen, in einer ecke nur 2 meter neben dem strom, ohne schild, mit einer neonröhre weit oben in der decke, staubigen stapeln mit alten uni-büchern über die geschichte der dogen, des handels, der seefahrt in der stadt, der buchhändler ein großer mann hinter einem alten pc-monitor, von dem er nicht aufsieht. im laden gibt es keine farben, das licht ist schwarz-gilb, aber das fällt gar nicht sofort auf, weil ich mir so fremd vorkam dadrin, ich hatte meine ganze geschichte dabei, aber die war nicht gefragt, ich war gemeint plötzlich, ich war dort, hätte etwas tun oder sagen müssen, die anonyme schnelle masse draussen war ganz weit weg. wenn ich das passwort gewusst hätte, dann wäre ich verschwunden und in einer anderen geschichte wiederaufgetaucht, aber ich habe die alten bücher wieder hingelegt, meine postkarten bezahlt und bin wieder rausgegangen, wegen der kinder und weil ich mich dem nicht ganz gewachsen fühlte, missing corto.

 

venedig lohnt sich, man muss ein gewisses zen-dingens mitbringen, aber die ruhe im chaos zu finden ist ja eine allgegenwärtige fähigkeit (smartphone gucken im bus). man sollte viel geld dabeihaben, weil das geld irgendwie unbemerkt verschwinden kann dort, und man sollte unbedingt versuchen, vom weg abzukommen.

 

2 Gedanken zu „venezia bella“

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