kw 43

ein paar tage weggefahren, die jungs alleine gelassen. es war für keinen von uns der rede wert, das ist mir auch erst aufgefallen, als ich schon weg war. das schwierigste war die liste mit den hunde-pflichten, nach ein bisschen aber ich mach immer und stimmt gar nicht wurde das blatt akzeptiert und an den kühlschrank gehängt. wenn du immer so einen kram kaufst, müssen sie gar nicht kochen, sagt der große zum vorrat an maultaschen, tiefkühlpizzen und pestogläsern. er hat recht, und er hat nicht „wir“ gesagt. er sieht sich als auserzogen.

in italien erst einen anderen leihwagen als den gewünschten fiat 500 angeboten bekommen, einen schwarzen bmw 118 mit steptronic. begeistert eingestiegen, nach 30 minuten mit sehr angeschlagener ehre aufgegeben: ich verstehe ihn nicht. die automatik konnte ich nicht fahren (in den usa damals das automatikfahren auf der strecke vom parkplatz zum ausgang des parkhauses gelernt, problemlos), bin wie armin müller stahl seinerzeit durch nyc mit quietschenden irgendwassen (bremse? reifen? motor?) durchs parkhaus gehoppelt. ging nicht. drei sixtmitarbeiter davor im gespräch darüber, wie man ihn wohl ankriegt und die schaltung von p auf d umstellt. übel, übel. dann weiter mit dem kleinen 500er, ein vergnügen.*

von haustür zu haustür 6 einhalb stunden gebraucht, mit direktflug wärs in 4 stunden zu schaffen, ökologisch ein riesenschwachsinn, erholungstechnisch sehr effektiv. sinnvoll ab vielleicht 4 freien tagen, finanziell sinnvoll ab zwei wochen, wie gehabt.

der gefürchtete rückfall in die ansia der kindertage, weil ich alleine mit muttern dort war, ist fast ganz ausgeblieben, ich habe das haus inzwischen recht gut mit neuen erinnerungen überschrieben. flashback nur bei unterzuckerungen, da rutscht die decke vom gerippe. vatergrab besucht, friedhof war gut besucht, es war das wochenende vor allerheiligen, da schauen die überlebenden nach dem rechten.

rückflug am sturmtag mit verspätungen, in malpensa und frankfurt gewartet, das warten genossen. ich mag auch den gegensatz zwischen shoppingmall mit lauter kram, den unsereins höchstens mit ruhe und nach entscheidungen kaufen würde, und den rastlosen reisenden. in einem laden eine bestickte stola für 700€ bewundert, da hätte man ein haus drumrum bauen können, so schön war sie.

an halloween hat niemand geklingelt, aber die schale mit süßigkeiten war nach anderthalb tagen trotzdem leer. da sind sie zuverlässig.

*irgendwo gelesen, dass manche autos beim gas wegnehmen von alleine bremsen – so hat es sich angefühlt. ( ich hatte ein so außergewöhnliches gefühl von totaler machtlosigkeit in diesem cockpit)

sommer 17

das erste mal seit jahren bezahlte ferien gehabt. toll gefühlt. am see wie immer, mit zwei von drei söhnen, beide freiwillig mitgekommen. der große ist unterwegs, will sich aber mein auto leihen, um an den see zu fahren, sobald er den führerschein gemacht hat.

alte freunde wiedergesehen, über das mühelose und leichte miteinander gefreut. gemerkt, dass wir schon im generationenwechsel sind, unsere eltern waren bekannt miteinander, dann wir, jetzt freunden sich unsere kinder an.

die schwester in der maremma besucht. ich immer so: toscana, alle anderen: nein, maremma! darum habe ich auch keinen fisch gegessen, aber zweimal großartiges wildschwein. einmal an einem sehr großen tisch mit freunden der schwester und deren freunden, darunter zwei diabetiker, nicht verwandt. erholsame blicke getauscht. noch ein paar menschen mit diabetes zufällig gesehen, in gleichzeitigen pen-momenten.

ein zwilling hat die hunderasse seines lebens gefunden und war nach der begegnung stundenlang hingerissen, es war ein junger, großer maremmano. gedacht, dass ich den zwilling gerne an einen maremmano übergeben würde später, es sind freundliche wächter.

ich habe nur drei zigaretten geschnorrt, zwei von prominenten, zuviel sonne abbekommen, für kultur war es mit dauernden um die 35° zu warm. wir sind nachts ein paar mal durch capalbio gestromert, ein sehr, sehr schöner kleiner alter ort, nur 5km vom meer entfernt. im meer geschwommen, wunderbar, dabei fast immer die ganze zeit geplaudert. das stehen im wasser mit schwester und freunden, man redet und guckt und blinzelt in die sonne. abends aperitiv, und die zwillis kriegen surfunterricht. an der feniglia mit dem wlan der strandhütte den star-trek-trailer geguckt, einen neuen corto maltese in der repubblica gelesen, füße am sand verbrannt. meine bikinis sind unmodern, man trägt knappste zugebundene dreieckchen und nicht was schniekes durchdachtes gestreiftes wie ich. der bikini muss nebenbei in orbetello gekauft worden sein, sonst ist man touristin! stand aber fast vollkommen drüber.

von drei wochen ferien 6 tage im auto verbracht, das war suboptimal.

der gedanke daran, den moment wahrzunehmen und zu genießen, weil er so flüchtig ist. nicht aus sentimentalität, aus einem matter-of-fact-pragmatismus heraus.

fahrten auf deutschen autobahnen

Die Leute haben alle drei Autos, ein kleines, ein großes und ein schickes. Sie fahren mit allen gleichzeitig, damit die Straßen voll sind, und weil die Straßen so voll sind, gehen sie kaputt und müssen repariert werden. Das wird auch alles gleichzeitig gemacht, so dass die Straßen eine durchgehende Baustelle sind. Vielleicht gibt es aber auch einfach zu viele Autobahnbaustellenbetriebe, und alle wollen ein Plätzchen, deswegen werden sie gerecht verteilt. Ich stelle mir eine sehr große Baustellenfamilie vor, Onkels und Tanten und Cousins, die alle auch einen Job brauchen. Ich wünsche mir, sie würden sich wie in Italien lieber mit Städtebau oder dem Müll oder ähnlichem beschäftigen, da sind die Autobahnen nämlich privatisiert, man braucht keine Baustellen, um mit ihnen Geld zu verdienen. Oder sind alle italienischen Baustellenbetriebe auch in Deutschland auf Arbeit? Ich habe in Italien keine einzige Baustelle gesehen, wobei der Aurelia ein bisschen Aufpolieren sehr gut täte, in der Schweiz auch nicht, aber die haben ja auch ein Tempolimit und brauchen keine.

tl;dr: Autobahnfahren in D ist eine Zumutung

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kw 3, magdeburg

wochenende mit freundinnen, wir kennen uns seit vor unseren zwanziger jahren, das heisst seit ca. frühachtziger. meine beiden besten freundinnen sind vor ein paar jahren nach magdeburg gezogen, unabhängig voneinander, beide aus beruflichen gründen, sehr vermisst, die wollten wir zusammen besuchen. wochenende mit fünf frauen, viel leben zu erzählen. sehr intensiv und lustig, es gab einen eimer köstlichen borschtsch, den ich ab sofort dauernd essen will. kinder und hunde haben wir zuhause gelassen.

sehr verguckt in den dom von magdeburg, er liegt mitten in einem sehr gesichtslosen neubauviertel, magdeburg wurde genau heute vor 72 jahren in 30 minuten in schutt und asche bombardiert, es ist kaum was übriggeblieben, auch der dom wurde getroffen. wir sind in der kälte hindurchspaziert, er ist ein paradies für kuhis, ein schatz neben dem anderen, und dazu der wunderbare kreuzgang. baubeginn war 955, der schlussstein im turm wurde 1520 gesetzt, dann kam luther und der dom wurde evangelisch, danach hat der dreißigjährige krieg 1631 magdeburg zerstört, der dom wurde wieder katholisch, aber geplündert und verwüstet. das gebäude  diente eine zeitlang als schafstall, schinkel wollte ihn abreißen, könig friedrich willhelm III hat ihn dann restaurieren lassen, da wars schon das 19. jh., ab 1869 diente er wieder als evangelische kirche. die gesamte geschichte der region hat dort spuren hinterlassen, jeder krieg, jeder konflikt hat etwas zerstört, aber es hat auch jede kunstepoche werke erschaffen, mit einem schwerpunkt auf wirklich aufregend schöner bildhauerei. das taufbecken soll laut kunstführer aus dem römischen 2. jahrhundert stammen, sie sehen, ich kann das selbst gar nicht glauben.

im chor steht eine der ersten europäischen skulpturen eines afrikaners, von 1250, sie stellt einen der namenspatrone des domes dar, den heiligen mauritius.

oder die kanzel! sie ist mit einem sehr feinen und verspielten alabasterrelief bedeckt, incl. kleiner frösche und einem igel, sie stammt aus der spätrenaissance. der künstler hieß christoph kapup, das netz kennt nur diese kanzel von ihm. einige der arbeiten sind wirklich so schön, dass man sofort bücher drüber schreiben will, ausdruckstark und humorvoll, eine freude.

an einem tisch sitzt eine magdeburgerin und erzählt, von herrscher zu herrscher springend, von kunstwerken und anekdoten durcheinander. er sieht kühl und etwas karg aus, wenn man reinkommt, aber ein genauer blick wird sehr belohnt. und er steht vor allem immer noch, nach über 1000 jahren.

mit den freundinnen viele gespräche, die mich immer auch ein bisschen still machen, weil ich so wenig weit gekommen bin. vielleicht ist das aber auch eine ansichtsache, bei der ich halt („einfach“) mich selber umdeuten muss. bis dahin identifiziere ich mich sofort mit einer der törichten jungfrauen in einer seitenkapelle des domes, auch sagenhafte 767 jahre alt. das ging den freundinnen aber auch so.

ich hab ja vor allem viel verschiedenes gemacht, es war halt alles nicht betriebswirtschaftlich oder sonstwie nachhaltig. habe zb ’89 einen verlag gründen wollen, mit ostberliner germanistikstudentinnen, als gmbh, das hat damals kaum was gekostet, und wir wollten unbedingt neue literatur. als die ostberlinerinnen, darunter eine namhafte regisseurin (irgendwas mit film wars, aber an den namen kann ich mich nicht erinnern, kurzifix! muss mal wühlen gehen.) abgesprungen sind, weil sie die 5000 mark in unsicheren zeiten lieber nicht in den sand setzen wollten, hab ich es halt auch nicht weiter verfolgt, oder mir neue partner gesucht. die partnerin hat sich dann in einen schweden verguckt und ist ausgewandert, in ihrer wohnung in der novalisstrasse war ich dann zur untermiete, ab 1990, drei außenwände und gasomat und telefon mit geteilter schnur übern hinterhof. 40dm.

ich mag ideen eh lieber als umsetzungen.

san bernardino

IMG_2844bei der rückfahrt dem wunsch eines zwillings gefolgt und die passtrasse genommen.

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kind sagt oben, schon für diesen ausblick hätte sich die gesamte reise gelohnt, was mich ein bisschen erschüttert (er ist ein bergmensch, wie konnte das passieren?), aber es ist natürlich wirklich sehr beeindruckend, ohne umweg, nur über eine abfahrt ist man direkt auf den wunderbarsten bergstrassen, mit kurven so eng, da passt keine kuh dazwischen. das paralleluniversum der bergradler, für die der pass ein höhepunkt mit jahrelanger vorbereitung sein wird, musste mich zusammenreissen, nicht jeden  auf dem weg nach oben anzufeuern, meist männer in den besten jahren, nur zwei frauen. größte bewunderung. oben fast geschockt über die unvermittelte schönheit, so mühelos erreichbar, als wär das unverdient. dem auto liebevoll auf den hintern geklopft.

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die steinmännchen sind ein gutes zeichen, es gibt sie in allen größen, alle so gebaut, dass sie beim umfallen kein anderes mitreißen können. platz ist genug.

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wir nehmen emma an die leine, weil die strasse so schmal ist. das panorama noch einmal einatmen, dann ab ins niederrheinische tal und nach deutschland zurück. hat vielleicht anderthalb stunden länger gedauert als der tunnel.

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DSC_0076die stadt neu erlaufen, mit so einem angenehmen blanko im hirn, es war modewoche, bin also durch die via montenapoleone gelaufen, an all den models und möchtegernmodels vorbei, bin durch die ganze makellose oberfläche rund um den dom einmal quer durchgelatscht. vom bahnhof in die stadt und wieder rausgelaufen, die vielen schönen stellen entdeckt, kleine läden, die bars, normale leute. mein mailand besteht ganz aus erinnerungen, von keinem topografischen system zusammengehalten, es steht nicht zur verfügung, ist keine lebendige und funktionale großstadt. es sind die großen steinquader auf den strassen, die tram aus den dreissigerjahren, mit der ich zu schule gefahren bin, ihr knarren und rumpeln, das bimmeln vor den haltestellen. in den ersten jahren sassen noch kartenverkäufer in jedem wagen.

avanti popolo

IMG_2156die beiden gutgekleideten jungen männer, die mir die lotta comunista verkaufen wollen, für einen euro, und dabei sehr höflich und elegant mit ja, aber- parolen jonglieren. ich bin deutsche, sage ich, und mache ein paar halbgare witze über kommunisten. einer darauf: das sei toll, sie bräuchten noch jemanden, der marx/engels vollständig übersetzen könne, den gäbe es nämlich nur in auszügen, ob ich nicht lust hätte? er wirkte vollkommen ernst dabei, sicher beinharte schule. ich hätte gern geantwortet, ich sei leider teuer, dann hätte der junge mann sagen können: man muss opfer bringen, genossin! hab ich aber nicht.

„everything you have“

DSC_0123das konzert war gut besucht, aber es gab schon noch leere plätze. die beiden kommen raus und fangen sofort an zu spielen, ganz intensiv, nichts passt mehr drumrum. nels cline spielt sonst bei wilco, nicht als frontman, auch julian lage scheint lieber nur im spielen präsent, es ist wie bei klassischen konzerten, eine hommage mehr an die musik als an die musiker. die beiden künstler auf einer art trip, sie spielen als zwei unabhängige stimmen mit je eigener geschichte zusammen, cline erkenne ich in den schnellen, lauteren akkorden wieder, er treibt und provoziert, lage in der (mich, ich hör halt mit mehr mit dem herz als mit dem kopf) immer wieder vollkommen überraschenden auflösung ins schöne, in kleine verspielte melodien, für die man sich middle england kaufen könnte, wie douglas adams mal von irgendeinem knopfler-heuler gesagt hat. die beiden gucken vor sich hin, lage mit diesem flow-lächeln, dass ich sehr charmant finde, cline wirkt gebannt irgendwie, manchmal kleben ihre blicke für ein paar sekunden aneinander.

cline beantwortet in einem yt-interview eine frage nach dem schwebezustand beim spielen so: „It just happens when everything comes together, and I’m so immersed in the sound, and in the experience of playing, that i feel like I am sort of disappeared“. lage hat einen kleinen hang zu virtuosen läufen, die mehr für sich stehen und dem song eher etwas wegnehmen, die aufmerksamkeit besetzt halten, das liegt an seiner jugend, denke ich, das legt sich bestimmt noch, obwohl ich sie live ganz gern höre, sie geben eine gewisse befriedigung, wie eine gelöste matheaufgabe, jetzt mal blind verglichen, ich kann kaum mathe.

glücklich macht mich aber immer die melodische auflösung, das wiedergefundene thema, und der weg dahin. oder ist beim jazz der weg wichtiger als die auflösung? na, bestimmt nicht trennbar. viele momente, wo ich nichts anderes mehr wahrnehme, besonders bei der ersten zugabe, jemand hat das stück ein paar tage vorher auf derselben tour aufgenommen. bei mir ein merkwürdig tiefenentspannter zustand vollkommener offenheit, gemerkt: auch mit 50 kann man noch wieder einsteigen ins jazzhören, wenn es ein paar emotionale brücken dahin gibt, bei mir: wenn andere traditionen hörbar sind, bluegrass, country, rock als vertraute basis, und ein bisschen fantum.

(yoga ausgefallen. schreib ich halt mehr.)

nach der zweiten zugabe stellen sie ihre gitarren ab, das publikum, bestimmt einige nerds dabei, stellt sich so nah wie möglich an die bühne und knipst die instrumente. lage spielt an dem abend eine manzer (linda manzer ist eine kanadische gitarrenbauerin, wie mir einer der nerds erzählt, sie hat auch das vielhalsige, irgendwie äußerst tiefergelegte ding für pat metheny gebaut.) lages gitarre heißt wie der club, blue note, sie klang sehr toll, but who am I. sie hatten kleine verstärker (finde noch ein bild) mit auf der bühne, „ganz einfache geräte, nur so um die 300€, aber was sie damit machen!“ sagte mein abendflirt nachher bei der geschnorrten zigarette. wir reden über die konzerte, auf denen wir waren, über die mailänder szene, die in zu geringer dichte erschienen ist. er zeigt mir all seine gitarren auf dem handy, es ist warm, wir rauchen soviel es geht, weil er seine kippen nicht mitnehmen will. am ende fragt er mich nach meinem namen, als einer von zwei männern an dem abend.

sie sollten unbedingt nach berlin kommen auf der nächsten tour, sage ich lage nach dem konzert, als die beiden zurück kommen und mit dem publikum plaudern. ihre agentur mache einen bogen um berlin, sagt er, es gibt wohl gute gründe dafür. die agentur ist aus der band wilco heraus entstanden, bei der cline seit 12 jahren spielt, die band kommt jedenfalls im november nach berlin. aber lage spielt ja auch mit anderen, er kennt die berliner jazzfestivals, ich empfehle ihm das hiesige publikum, obwohl ich es ehrlich gesagt gar nicht mehr kenne, meine jazz-zeiten sind über 20 jahre her, denke aber, die hörer wachsen immer nach. ich kann natürlich nicht widerstehen (hey, es ist eine geschichte) und erzähle ihm, von wo ich gekommen bin für das konzert. er freut sich und wirkt schon ein bisschen baff, ich bekomme ein strahlendes lächeln, „I hope it was worth it!“, sagt er, gibt mir die hand und bedankt sich für mein kommen. er ist der zweite, der nach meinem namen fragt, bestimmt für die unterschrift auf der cd. vielleicht aber auch nicht.

gespräch mit cline und lage

ein stück gibts auf youtube

er ist ein kinderstar, so lese ich auch seine fast übertriebene bescheidenheit, etwas entschuldigendes, so ein „sorry, ich bin eben so gut, ich fühle aber mit dir“.

fascinating.

seewasser

das erste mal in der sonne liegen, nach dem schwimmen, der see dieses jahr sehr niedrig und kalt, die anderen stehen ewig im kniehohen wasser und plaudern, mit verschränkten armen, wer vorbeiläuft, macht kurz konversation. das wasser ist glasklar, man sieht jeden stein und jeden fisch. nach dem bad lege ich mich der länge nach auf mein dichtes badetuch, erfrischt auf die art, die man noch eine weile im rückenmark spüren kann, mit einem bisschen gänsehaut auf den armen, mittagssonne, hell und blendend. langsam so ein kleines wohliges brennen auf dem körper, aber die sonne trifft zuerst auf das wasser, nicht auf die haut, die moleküle verdampfen ein paar minuten lang. dann liege ich eine weile da, die wärme geht unter die haut in körper, muskeln und knochen, der sich mit jeder fühlbaren zelle darüber freut, bevor das ganze seewasser weggetrocknet ist, nur das im haar noch nicht.

der blick auf die mückenstiche bei den anderen am strand, es gibt leute, die haben gar keine, und magneten wie mich.

 

laufen

ich laufe viel mehr als sonst, mit dem hund, versuche morgens zum brötchen und zeitungen holen runter ins dorf zu laufen, es ist nicht weit, nur monstersteil, 11% gefälle, das nichtlaufen eingeschrieben im kopf, weil schon meine eltern keine geher waren, und in meiner spätpubertät sassen wir in alten fiats und auf mopeds, es kam einfach niemand auf die idee, zu gehen. jetzt begegne ich jedesmal irgendwem und finde das schon besonders, gucke beim laufen in die bäume und die mauern, zähle die löcher im asphalt und vertiefe mich in die aussicht.

im alten kiosk an der regionalstrasse unten liegen sz, die welt und die faz auf dem eiskasten, das ist auch neu, es gibt ein paar deutsche nester im umland, wo sich leute gefunden haben, kinder an der deutschen schule in mailand, eltern auf der suche nach einer datsche mit guter luft. inzwischen wird die dritte generation erwachsen, es ist wie ein dorf ohne den zwang, der abstand bleibt genügend groß, es sind ja auch nur drei oder vier generationen, davor war der krieg. das lokal unten am wasser läuft auch gut seit ein paar jahren, das publikum sieht nett aus, ist mitgealtert, immer mal wieder erkenne ich jemanden von ganz früher, aber ich bin nicht mehr auf dem laufenden.