[stɔːris]

die versionen jeder familiengeschichte, bei drei schwestern drei zu jeder episode. ob das plumpsklo rechts oder links auf dem hof stand, und in welchem jahr genau das bad angebaut wurde, alles so wichtig wie alles, ihre geschichten, wie sie in ihre rollen zurückschlüpfen im familiengefüge und sich nur ein bisschen davor sträuben, wie klar und genau umrissen die alten kleinen risse sichtbar werden im großen strom der geschichten. die tante, die 80 geworden ist am sonntag, hat ein phänomenales gedächtnis und eine traumwandlerische sicherheit bei pointen, sie weiß stories zu jedem haus in der stadt, jeder ecke des elternhauses, eine frage, und sie antwortet stundenlang. sie erinnert jeden namen, wer wann wen geheiratet hat, die leben als vor- und abspann zu den sachen, sie sie grad erzählen will, „der hatte dann später einen autounfall, mit seiner mutter, und sie hat überlebt, traurig, du“, hat die farbe der milchkanne parat, die sie in der hand hatte, als die englischen tiefflieger sie fast erwischt hätten, kurz vor ihrem elternhaus, und macht das schrille sirren ihrer motoren nach, die piloten hatten weisse lederkappen auf, die konnte sie sehen, so tief flogen die maschinen, sie duckt sich in ihrem sessel, man sieht sie als kleines mädchen in den kellerschacht springen, dessen deckel als munitionsmetall eingezogen worden war, „zum glück, du!“, „und die ganze milch war verschüttet“. sie erzählt, als wäre alles erst gestern passiert, mit so einer schelmischen selbstsicherheit, man wird wieder kind beim zuhören. die andern schwestern diskutieren im hintergrund weiter die details, wir nichten sitzen still und nehmen mit den iphones auf, wie bei jedem besuch.

 

2 Gedanken zu „[stɔːris]“

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