totensonntag

anfang oktober ein besuch beim vater auf dem friedhof am see. meine mutter und die kinder sind dabei, der grosse hat etwas mitgebracht, das er unter den kies legt, meine mutter hat heidekraut dabei, die zwillinge zupfen unkraut und pflanzen die kleinen töpfchen ein. ich sehe auf das jahr, 2003, weil ich immer wieder vergesse, wie lang genau er schon da liegt. der grosse holt die giesskanne und füllt sie mit wasser, die zwillis finden ein plätzchen für die zweite pflanze, direkt auf vaters brust, meine mutter freut sich über das engagement der jungs. die kinder mögen diese kleinen rituale, sie schaffen eine beziehung zu dem opa, an den sie sich kaum erinnern können, auch mir helfen sie, über meine fehlende trauer. ich halte mich trotzdem vornehm zurück und vermeide es, das grab anzufassen. den kindern tun die familienbande gut, sie mögen das sehr, die fäden, an denen sie hängen können in zeit und raum, es ist ihnen wurscht, dass dieses zuhause in italien liegt, es könnte ebensogut bayern oder rumänien oder der hamburger raum sein, andere orte mit familie und mit gräbern, italien ist noch nichts, was die coolness erhöhen kann. ich erinner heut noch den  typen auf einer party im mauerberlin, der mir auf irgendeine italienstory sehr entschieden entgegnete, das könne niemand so gut wissen wie er, er habe nämlich da gelebt. danach habe ich aufgehört, meine italienische jugend ständig zu erwähnen.

in berlin hatte die familie meiner großmutter väterlicherseits eine apotheke und diese großmutter hat an der tu berlin ingenieurswissenschaften studiert, „immerhin“, wie alle sagen, aber sie hat dann in die ferne geheiratet, und die beziehungen zum berliner teil der familie haben wir nie intensivieren können, bis auf die freundlichen fraternisierungen auf den beerdigungen, „ach du bist…? melde dich doch mal“, schade eigentlich, ein pfarrer, ein apotheker, es hätte bestimmt jede menge geschichten gegeben.

meine mutter bedauert, dass mein vater die größer werdenden enkel nicht mehr erleben konnte, mir fällt da nur ein, wie er bei den wenigen besuchen sofort das zimmer verlassen hatte, wenn eins der kinder anfing zu weinen. er ist gestorben, bevor er die zwillinge auseinanderhalten konnte, er hat seine ganzen enkel immer mit freundlicher reservierung betrachtet, ich weiß nicht, ob sie wesentlicher bestandteil seines lebens waren, nicht seines sozialen handeln jedenfalls, soweit ich mich erinnern kann.

auf seinem friedhof liegt er nicht alleine, es sind viele deutsche dort, mein vater kannte sie teilweise seit seiner schulzeit in rom. ich kenne viele der namen, fäustle, leupold, konig, battisti, ich weiß sogar, ob ich die leute mochte oder nicht, und wie gut mein vater sie kannte. meine mutter erzählt den jungs, dass sie auch „einmal“ dort liegen wird, david guckt sie sehr missstrauisch an, als ob sie vorhätte, jetzt gleich zu sterben, dann sagt er „ich werde auch mal unter der erde liegen“. „jo“ sagt sein zwilling, „wir alle“ sage ich, ohne lust auf trost und gerede, „aber nicht hier“, das sage ich aber nicht. die jungs galoppern herum und laufen zurück zum auto, nach ein paar metern richtung parkplatz streiten sie schon wieder, wer jetzt ganz hinten beim hund sitzen darf. ich versuche, die schräge zugehörigkeit zu diesem ort abzuschütteln, den geruch nach nasser erde und die erinnerung an lange verregnete nachmittage dort am see, meine kinderzeit, die ziemlich fest verbuddelt liegt untern den vielen lauten und quirligen sommern am lago mit meinen kindern und mit freunden. das zuhausegefühl, wie ein alter muffiger pullover, in dem man sich nie zeigen wird. eine angebotene dicke edle ralph-lauren-strickjacke am see gelassen, weil der große meinte, ich sähe darin aus wie ein vollöko „im sack“. er hatte recht. nur weil ich die toten kenne, diese leben nicht weniger vorbei als meine kindheit (dieser eine superstarke traum bei der therapie, in dem ich meinem therapeuten sagen sollte, ich hätte jemanden umgebracht, definitiv umgebracht). abends zeigen mir die kinder auf dem handy einen riesigen stapel zombies, den sie bei „pflanzen vs zombies“ erledigt haben, lob ich sie natürlich. tote zombies, gute zombies.

auf dem friedhof und abends mit kindern, hund und grossmutter am tisch und später vorm tv: das fiese leise ätsch-gefühl, eher vom körper als vom kopf kommend: wir leben und machen nur so seltene besuche an deinem schiefergrabstein, aber du liegst da für immer und ewig, oder solange der vertrag eben geht. und jetzt einen grappa.

 

adams–zweig

kind hat im kino die vorschau für „schiffbruch mit tiger“ gesehen. ich brauche ewig, um das buch für ihn im regal zu finden, ich habe die bücher immerhin einmal geordnet, bei einzug, das sind 14 jahre entropie. sowas dauert doch wochen, mit festlesen, aussortieren, erinnertes nicht wiederfinden. klassisches herbstvorhaben, vorräte neuordnen, vs. dem ausmisten im frühjahr. ich brauche immer ein paar sekunden, um mich vom alphabetaren system zu lösen, dann suche ich ein weilchen still und unverdrossen nach den kindersystemen verlag-farbe-größe-bett?-wann gelesen, bis dann langsam andere, nicht gut steurer- oder formulierbare erinnerungen aufblinken, die zu einem gefühl führen, wo das buch stehen könnte. bis ich diesem gefühl vertraue und es ins bewusstsein lasse, das ist die suchzeit.

*

„glaube liebe hoffnung“ in der volksbühne gesehen, zum ersten mal ungeduldig geworden, als der abend immer wieder in stille und einem mehrfach gebrochenen, also akustisch gebrochenen, musikkauderwelsch stehenbleibt. das stück wird mehrfach aufgeführt an einem abend, die szenen dabei direkt nacheinander wiederholt, mit zwei elisabeths gespielt. ich mag das stück sowieso nicht allzusehr, es ist zu statuarisch, bleibt pamphlet, es ist mir zu klar, die figuren brauchen gar keine entwicklung, sie rutschen exemplarisch die geröllhalde runter und landen im sumpf, außer der frau, die landet im wasser. die handlung ist wie in einem boulevard-schicksal aufs wesentlichste reduziert, es ist wie ein plakat von staeck, blablubb, aber natürlich ist es aktuell und präzise, und wenn ich so ein weilchen drüber nachdenke, dann hat marthaler die figuren vergößert und ihre niederlagen irgendwie absolut gesetzt, durch diese verlangsamung und die wiederholungen. man hätte natürlich auch einfach ein paar sätze hinschreiben können auf die bühne, das wäre dann der nächste schritt, der verzicht aufs schauspiel, weil die wahrheit woanders passiert, die ganze zeit passiert, das theater macht den blick frei auf die welt, und zwar sozusagen ganz frei. mäh, bin unterzuckert. schöne stelle: wo die beiden elisabeths ganz leise und wie aus der ferne kommend wer hat dich so geschlagen aus der MP singen.

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aber ich hatte während der inszenierung zuviel zeit zum nachdenken über die inszenierung,  zuviel raum. ich bin ein kind meiner zeit, jede minute stille fülle ich mit dem inner stream, leere gibt es nur in ganz seltenen momenten totaler selbstidentität.  wenn man mit dem meditieren beginnt, hat freund a. von einem workshop in indien erzählt, und du eigentlich deinen kopf  befreien solltest, ihn ganz leer bekommen willst, dann kommen stundenlang gedankenketten nach oben. ich sollte noch ein paar mal reingehen, glaube ich, ich könnt mir vorstellen, der abend erlangt dann eine wucht.

im bücherstapel an der regalaußenseite im wohnzimmer: römische satiren. darin wollte ich zufällig eine stelle finden und habe bei persius begonnen, liest sich wie von google übersetzt:

Opfre dein Ich dem Gewinn, treib Handel, erstöbre mit Scharfblick
jegliche Seite der Welt, daß ja kein anderer geschickter
patsch auf hartem Gerüste den Speck kappadokischer Sklaven;
dopple das Gut! „Ich tat’s; schon dreifach kehrt es mir, vierfach,
zehnfach schon in den Beutel zurück; steck ab, wo ich ruhn soll!“

kappadokien.

ich wollte heute bei horaz, dem klaren, nach einem weniger drolligen vers suchen, aber das buch ist schon wieder auf die reise gegangen.

alle 4 jahre gucke ich west wing

bevor ich allzu spontan die staffeln 1-7 von west wing auf deutsch runterlade, für die jungs in ein paar jahren, weil es die grad für 69€ auf itunes gibt – schaue ich nochmal kurz in meine dvds auf englisch, dachte ich. dann kommt „this is bad on so many levels“ und ich bin wieder am haken.

bei der cd war es auch so, dass ich nach ein paar jahren die eine oder andere platte neu nachgekauft habe. ich habe schon filme als daten nachgekauft, weil ich sie nur auf video hatte, cannery row zum beispiel, den ich den kindern im hotelbett in san francisco gezeigt habe, bevor wir nach monterey weitergefahren sind. jetzt erscheint es mir noch ein bisschen dämlicher, digital zu digital? die kleine, sich altmodisch und albern anfühlende empörung darüber, dass der erwerb so einfach und schwellenfrei möglich ist, andererseits habe ich diverse laufwerke voll mit literatur von autoren, die seit >70 jahren tot sind. ich fand die zeit sehr gut angelegt, die ich fürs hingehen, suchen, entscheiden und bezahlen und nach hause schleppen kultureller erzegnisse angesetzt habe, ich finde es blöd, dass ich diese zeit jetzt mit anderen dingen füllen muss, die ungleich sinnloser sein werden. egal was der zeitökonom dazu zu meinen glaubt. effizienz sollte ein schimpfwort sein, eine beleidigung und reduktion von lebensqualität auf ein reproduzierbares und übersetzbares mass, das außer einem mass eben NICHTS ist. es sind natürlich keine vollen laufwerke. die bindung an diese e-bücher  ist ein bisschen arm an biographischen ornamenten, die gründe für diesen oder jenen kauf liegen viel häufiger im zufälligen, kaum geschichten darüber, wie, wann oder warum ich sie gekauft habe, wobei nein, das stimmt auch nicht ganz, „capital“ hab ich im california zephyr gelesen, mit blick auf rockies und so weiter, das weiß ich schon noch. trotzdem habe ich vieles nur deshalb geladen, (ich wollte erst schreiben: wurde vieles nur deshalb geladen, weil es sich so passiv anfühlt, die ausblendung privater gründe im zuge der welteroberung der werbewirtschaft) weil ich im schwung auch die nächsten autoren im alphabet noch angeklickt habe, und weil natürlich die römische geschichte in jeder lebenslage ein guter begleiter ist.

 

das rennrad

ich gehöre eindeutig zur radfraktion und bin meinem rad treuer als jedem mann – meines ist ein grosses schwarzes manufaktur-herrenrad, vom vater zum 30. geschenkt („was wünscht du dir?? haha.“), naben- und kettenschaltung, 17 jahre alter brookssattel (schon mal auf einen vor sehr kurzer zeit gefetteten ledersattel gesetzt, im nichtschwarzen tangokleidchen? man merkt es nicht selber, beim tanzen. nur einmal passiert.), 3. satz ritzel, x-te kette, 2. lenker, sogar die pedalen sind nicht mehr original, warum, hab ich vergessen, ach ja, die lager waren durch. viele macken im lack, kein rost = echte liebe. ich kenne das gefühl, wenn bei schnee der hinterreifen abgeht und weiss, dass man merkwürdigerweise auch auf eis noch fahren kann, auch wenn es sich total unterzuckert anfühlt, ich fahre sommers und winters, mit hohen und flachen schuhen und barfuss, in zu engen röcken, in zu kurzen nicht mehr, ich kenne den inhaber meines wunderbaren fahrradladens persönlich und weiss, wo er vorher gearbeitet hat, nämlich in dem laden, der mir das manufakturrad verkauft hat. wenn ich von irgendwo zurückkomme, freue ich mich auf die erste fahrt fast mehr als auf wohnung, blumen und bücher, ich kann die libidinösen beziehungen mancher männer zu ihren rädern also durchaus nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht teilen kann, ich hätte ein bisschen lieber die echte sache.

(seufz. seit wieder ein hund im haus lebt, mache ich zuviel zu fuss oder mit dem auto, weil bei ausflügen wieder das ziel das ziel ist und nicht der weg, wie bei radtouren. einziger grund gegen hunde.)

dann

[das fortschreiten der zeit, der lauf der dinge, ein gewisser überrest meiner unzufriedenheit mit dem altern, der kleine futility-revoluzzerpups bei all dem sich-fügen-müssen, die paar teilbereiche des lebens, bei denen änderungen unwahrscheinlicher werden (wie die vorstellungskraft mit den jahren klobig und träge wird, ich muss sie warmlaufen lassen, antreten wie ein altes moped) die ehrlichkeit, dieses eine, strahlend schöne + superperfekt aufgemotzte uralte rennrad mit kindersitz neulich am helmi und schliesslich die grossartige bezahlbarkeit von det janze, im vergleich zu einem carman ghia oder auch nur einem alten käfercabrio, die ich nachwievor lieber hätte]

habe ich einen abend statt nach zeug, büchern oder filmen nach rädern gesucht.  normalerweise gehen so jieper-artige bedürfnisse ja schnell wieder weg, wenn man nicht danach handelt, also nur guckt & träumt, wie in beziehungen, aber ich hab in zu kurzer zeit eins gefunden, nämlich in 10 minuten. in mailand, wo ich eh hinmusste – wollte, jetzt musste ich hin, denn ich hatte ein rennrad unter hundert euro gekauft, also noch kostete es darüber, aber mir würden schon argumente einfallen. eins von der sorte, das niemals außergewöhnlich war und trotzdem schon über 35 jahre auf dem buckel hat. aber die farbe! ein bianchi, was sonst. sattel hat löcher, alte  sachs-schaltung, pedalen sehen aus wie selbstgemacht. muss ich schnell fahren, dann sieht keiner die ollen teile.

ich fuhr also vom see nach mailand rein, lief über die via paolo sarpi, die sehr chinatown ist, ein billigladen nach dem anderen, chinesische zeichen oben, italienische drunter, keine touris. mailand war grosstädtisch und lichtjahre von den achtzigern und von meinen erinnerungen entfernt, mein rad stand in einer kleinen vollen bar an die wand gelehnt, der verkäufer war einer der barbetreiber, jung, tätowiert, freundlich, alle seine kumpels drumrum. ich hob das rad mal vorne, mal hinten und liess es fallen, schaute auf rahmen und schaltung – kaufte ohne weiteres handeln und schob mein neues altes plattes rennrad zum auto, ein bisschen uncooler, als ich es sein sollte mit so einem rad.

mein berliner gast, freund a. war dann, in großer serendipity, ein erfahrener fachmann in der renovierung alter und sehr alter fahrräder, mit ihm habe ich in ein paar stunden das rad entrostet und geputzt, die lager neu gefettet, reifen erneuert und den rest eingestellt. keine ahnung, warum so etwas sonst wochen dauert. es glänzt jetzt wieder, ich habe, ebenfalls im italienischen ebay, einen sattel aus den siebzigern für nix gekauft, auf eine neue alte campagnolo-schaltung warte ich noch.

freund a. war verwundert darüber, wie wenig oldtimer hier herumfahren, räder aus den 30er bis 70er-jahren sieht man nur als traurige schrottesel, und nicht als die wunderbaren prestigeobjekte, die man aus ihnen herstellen kann. oder kommt die mode noch? gerade für großstädter ist es eigentlich ein gesunder und umweltgerechter zugang zum oldtimerwesen, und mit dieser uralten genialen hilfe-reihe schafft man die reparatur und renovierung ohne weiteres alleine. das polieren von alten speichen ist eine sehr stupide und sehr befriedigende tätigkeit, und man macht es ja pro rad höchstens ein paar mal im leben.

ich stell das mal online, obwohl die geschichte und das rad noch nicht fertig sind – bei der gangschaltung sitzt die feder nicht mehr richtig und rutscht immer raus, und der sattelverkäufer schickt erst montag, weil der postangestellte letzte woche krank war. die schalthebel für 5 euro sollten 40 euro versand kosten, der verkäufer meinte dazu: „Ja, aber sonst müsste ich den Preis erhöhen.“, eine betörende logik. die jagd dauert also noch eine weile.

 

tinnitus

seit anderthalb monaten pfeift es in meinem ohr, ich schreib das hier mal auf, was dann alles nichts hilft:

sofort zum arzt gehen. sagen alle, das man das sollte, aber der macht dann auch nur einen hörtest („nicht mehr gut, sie sind ne alte frau, da ist das normal“) und verschreibt eine zaghafte dosierung mit prednisolon, von 150mg abwärts. die nützt nur am ersten tag (mit 150mg) ein bisschen was, danach schickt es nur den blutzucker gehörig in die umlaufbahn.

nächster arzt, wieder hno: stellen sie sich mal SO hin (rücken an tür, hals u kinn zurückdrücken, schultern nach vorne), machen sie das einmal pro stunde, sie haben da einen triggerpunkt im hals, der zu hart ist. mach ich dann, nützt nichts.

nächster besuch wieder beim hno, diesmal eine frau. ich bekomme ein durchblutungsmittel verschrieben und einen orthopäden empfohlen.

die orthopädin schickt mich zur physio, weil eventuell die seit 2 jahren gefrozene shoulder zu haltungsproblemen geführt hat. die nette dame dort macht in sechs halben stunden lauter sehr unangenehme dinge mit meinem hals und meinem kopf. änderung: keine

next stop osteopath. ich gehe hin, soll mich ausziehen, was ich schon mal nicht mochte, der doktor drückt auf verschiedenen körperteilen herum. dann liege ich in schlüpper und hemdchen auf seiner liege und er hält meinen kopf. nicht unangenehm, aber erstmal keine verbesserung. die wirkungsart ist mir nicht nachvollziehbar, ob es doch eso ist? noch zwei stunden.

tinnitus, sagt er, hätte keine körperlichen gründe, sondern sei ausschließlich durch stress induziert. aha, na super. beim osteo muss ich schon ein bisschen dazuzahlen.

ich vermisse einen gewissen drive in meinen behandlungen, es ist alles so ein vages könnte, sollte, mal sehen, als ginge es bloss um eine unwesentliche kleinigkeit, dabei ist der nervfaktor enorm und die einschränkung eher gross, vor allem beim denken, schreiben und entspannen. musik hören geht kaum noch, es sei denn, sehr laut. ich vermisse das.

vor allem vermisse ich die ruhe. hat jemand von euch eine idee?

wurzeln

„freude schöner götterfunken, tochter aus e-li-seom“ singen die zwillis morgens beim anziehen. ich habe mal wieder bentos gemacht für die schule, david hat immerhin einen saft getrunken zum frühstück, gregor käse mit olivenöl und balsamessig. vorm aufstehen sind sie nochmal kuscheln gekommen, 15 sekunden, dann sagen sie mir, ich solle heute mal wieder cornflakes einkaufen gehen.

so momente, an denen das entspannte und die gute laune der kinder, ihre bezogenheit, nicht mehr selbstverständlich sind, sondern mir sofort den tag versüssen, immer mal wieder an den von mme arboretum verlinkten beitrag zu den kriegsschäden, die auch in der kinder- und enkelgeneration noch ans licht kommen. ich weiss noch, wie ich das buch gar nicht lesen wollte, als es vor ein paar jahren erschien, weil ich meinen eltern für ihre art, familie zu leben, lieber weiterhin ein bisschen gram sein wollte, es lieber isoliert als deren eigenheit sehen wollte und auf begründungen und erklärungen wenig lust hatte. ich war mir  ganz früher vollkommen sicher, dass meine eine normale kindheit war und das meine bedürfnisse und das alleinsein damit mein eigenes und höchst privates problem seien, familie war einfach nicht lustig oder albern oder anregend oder warm, familie war stress und sehr viel form und schweigen. menschen, die gerne und viel zeit mit ihren eltern verbrachten, erschienen mir außergewöhnlich und ein bisschen strange, normalerweise gab es konflikte, funkstille und pflichtbesuche, diese liebeserklärungen an väter und mütter gab es nur im amerikanischen film. ich hab dann in den dreissigern begriffen, dass die liebe zu den eltern nicht außergewöhnlich ist, sie ist auch nichts aufregendes, sie ist solide basis einer komplexen beziehung, bei ziemlich vielen leuten. danach waren meine eltern eine weile persönlich für alles verantwortlich, erst diese studie hat mir gezeigt, dass all dieses nicht reden und nicht fragen und nicht fühlen können teil eines viel allgemeineren problems sein könnten. das war sogar auf der ganz tiefen emotionalen ebene ein bisschen befreiend, weil ich/das kind dann eben doch nicht selber daran schuld bin/ist, so uninteressant und unhübsch und eigentlich unexistent zu sein, andrerseits macht eine so allgemeine erklärung aber auch noch unsichtbarer im familienbild. der systemische ansatz ist halt auch eher unpersönlich.

die große echokammer.

der vorteil, in einer hinterfragenden zeit zu leben. ich kann es mir gar nicht vorstellen, so eindimensional leben zu müssen, halt, ich mache wieder den gleichen fehler: es waren nicht alle so ohne offene selbstzweifel, ohne autoironie, es gab bestimmt auch in den sechzigern eltern, die über sich lachen konnten, konflikte ohne autoritative kurzschlüsse und ohne dieses katastrophen-gefühl austrugen, dass die welt untergeht, wenn der mann mal nicht recht hat oder etwas anders als vom vater gewollt abläuft. es gab in den sechzigern jede menge auch fruchtbarer auseinandersetzungen, es gab feministinnen und studentenrevoluzzer und linke und antiautoritäre und hippies, es gab sie halt nicht in allen familien.

aber wir habens schon leichter im neuen jahrtausend.  in den medien finden sich soviele hinweise auf stolperstellen und warnschilder für erziehungsgeschichten, vom internet gar nicht zu reden, das war doch früher bestimmt anders – not? es ist eine huhn/ei-geschichte, es ist ja auch nicht so wichtig, das schwammige selbst, das diese fragen immer mal wieder stellt, das muss ich ja nicht reden lassen (man entkommt sich ja nur so halb).

diese notwendige wachsamkeit sich selber gegenüber, wie ich mich immer selber ertappt habe z.bsp. bei gewissen leeren gesichtsausdrücken, obwohl ich mich anders gefühlt habe, weil das kontroll- und verschlusssystem so tief in mich hineinreicht (ein elternteil aus täter-, einer aus eher opferfamilien stammend), das ist auch gesellschaftlicher konsens, heute sind ja alle verantwortlich (und nicht mehr schuldig), das ist nicht nur talent.

seetage

lago okt 2012

neues blog, neue postings, neue energie, dachte ich, und wollte sofort nach dem umzug besonders viel und überhaupt besonders bloggen – war allerdings dabei in norditalien (herbstferien der kinder). der italienische provider, bei dem wir dort unter vertrag stehen, hat es in den ersten anderthalb wochen nicht geschafft, das aus gründen gesperrte internet („sie haben 34,95€ schulden“ -nein, das ist die bis zur nächsten abbuchung aufgelaufene summe – „achso, dann weiss ich auch nicht, warum das gesperrt wurde“) wieder freizuschalten. als es dann lief, konnte ich den router über das tablet nicht ins netz kriegen („stecken sie das ethernetkabel ein“ – ich habe kein ethernet an meinem ipad, geht es auch wireless? – „aaalso“ [genervt], „sie müssen ethernet anschliessen, das ist nicht das telefonkabel, das ist ein breiteres kabel, bitte schliessen sie das an“) – wir waren offline und ich hatte mehrere 80ziger-epiphanien, wg dem herbstlicht, dem morgennebel, der ruhe und der lichtjahre bis ins internetz. fürs handy-posten fehlt mir die sehschärfe und außerdem hatte ich mein nietnagelneues wordpress-kennwort nicht im handy – dumm gelaufen.

kastanien

dafür ein paar richtig warme tage am see und >10kg kastanien, die einem dort permanent vor die füsse fallen, und steinpilze in den wäldern.

im burggarten in angera bin ich dann auf dumme gedanken gekommen und habe mir ein paar tage später beim gärtner für 12,50 einen jungen granatapfelbaum mitgenommen. er ist nicht vollkommen frostempfindlich, wie mir das internet in berlin dann immerhin mitteilt, will aber heisse sommer – mal sehen, ob ich den durchkriege.

bombay beach

bombay beach gesehen, sehr, sehr schöner film. ist wie der wunderbare fotoband von nick waplington, „living room“, der film im stil eines kommentarlosen dokumentarfilms über 2 jungen und einen alten mann im californischen bombay beach, in armut und liebe und unwissenheit lebend, sich selbst überlassen, aus fast allen gesellschaftlichen systemen herausgefallen. der film lässt seine protagonisten reden, spielen oder sich erinnern, die kinder träumen, der alte tanzt, der film greift diese bilder und sehnsüchte auf und spielt eine weile damit, lässt sie ein paar filmminuten lang realität werden und schafft dabei leichte und zerbrechliche bilder in einem sehr, sehr diskreten magischen realismus, man weiss nichteinmal, ob nicht doch die californische wüste sie geschaffen hat, und nicht die regisseurin, es ist auch egal, wichtig ist: wir haben sie gesehen und an sie geglaubt, genau wie diese kinder. es sind kleine und bescheidene („armselige“) ziele, ein kuss, ein gewonnenes footballspiel, einmal gehalten und aufgefangen zu werden. und wer singt dazu? bob dylan. ein film über die macht des lebens und der liebe (BUM, da sind sie wieder, die beiden ganoven) – und für die musik.

und, ot: wie immer mein großes aufatmen, wenn jemand seinen protagonisten auf total selbstverständliche weise ihre würde lässt, obwohl bei diesem dokumentarischen zugriff der begriff dem blick der regiseurin nicht gerecht wird.