pedo mellon a minno

wir mussten durch schnee stapfen, um dorthin zu kommen. es war außerdem die allergrößte leinwand, vor der ich je gesessen habe, von links nach rechts füllt sie das gesamte gesichtsfeld. der film lief nicht mit den gewohnten 24 bildern pro sekunde, sondern mit doppelt so vielen, das ganze auch noch in drei dimensionen, eine ordentliche dröhnung also. an einigen stellen ist mir schwindelig geworden, ein par mal hatte ich unwillkührlich die hand vor augen, wenn etwas geflogen kam, und aus den nachbarsitzen mit den jungs kam „ah“ und „oh“, außerdem mehrere hinweise, das jetzt gezeigte komme aber im buch gar nicht vor, so dass ich in der pause erklären musste, was „annalen“ bedeutet. es lohnt, für den hobbit ein kino zu suchen, das bei der technik mithalten kann, wir waren im ehemaligen imax am potsdamer platz. auf ledersesseln. mir hat der film gefallen, wenn auch die leichtfüßigkeit  der handlung etwas leidet, weil all diese megaeffekte so bombastisch sind, es ist ja eigentlich eine kleine geschichte von kleinen leuten, auch das nachvollziehbare in der figurenzeichnung (der unfreiwillige abenteurer) verschwindet etwas unter dem größenwahn des regisseurs. jackson beherrscht sein handwerk souverän, er will das in jeder minute neu zeigen und leidet bissken an horror vacui, aber die seele einer geschichte braucht ruhe und brüllt nicht donner und doria die ganze zeit, sie ensteht im kopf des zuschauers, wenn man sie lässt. die lotr-filme machen glücklich*, der hobbit überwältigt sein publikum eher, und das hat das buch nicht nötig. gefallen mit abstrichen.

ich mochte die längen am anfang, wenn man sich ein bisschen in landschaft und persönlichkeit suhlen soll, bin ja sehr für gemächliches leben, ich hab gelacht, den atem angehalten und fand einige der zwerge sogar recht attraktiv, das mag aber an meiner momentanen situation liegen.

und neuseeland ist traumhaft schön.

*dochdoch. vor den filmen habe ich meine zerfledderte italienische ausgabe alle paar jahre neu gelesen. der film wurde dem gerecht.

penisg’schichterln

im alten blog 400 offline-texte. weiss auch nicht, wie das passiert ist. löschen ginge nur einzeln, aber stört ja keinen, die paar mb auf einem server in A. bisschen egogewurschtel, den text unten hab ich klar einfach vergessen online zu setzen, jetzt ist es wohl zu spät bzw. das buch vergriffen? tja. welches buch? das weiss ich eben nimmer. es hört sich nach einem prima weihnachtsgeschenk für schwester und cousinen an, ich habs irgendwo, finde es nur leider nicht mehr, ist ja immer dunkel, wenn ich zeit zum suchen habe, weiß jemand den titel?

6. april 2011

neulich über ein buch von max goldt gelesen, dass ich weder kannte noch besass, voller goldt-gedichte, die wiederum voller hummeln und barsche sind und sogar mindestens einen penis enthalten, es gibt zu meiner freude sogar „Penisg’schichterln aus dem Hotel Mama“, obwohl ich mich zu meinem bedauern an die geschichte nicht erinnern kann, zumindest nicht in dieser form, und auch – nein.

jeder text hat außer der lyrik auch noch mindestens eine überraschende wendung, oder auch ein überraschendes fehlen einer wendung, was mehr ist, als man gemeinhin von einem gedicht erwarten darf, aber deswegen wollte ich das buch gar nicht unbedingt sofort. ich habe es natürlich schon, obwohl gedichte ja warten können und ich für den notfall immer welche zur hand habe, aber mit dem hinweis auf eine begrenzte und numerierte ausgabe kriegt man mich sofort.

die texte sind außergewöhnlich gesetzt, vom drucker martin z. schröder, alle unterschiedlich mit der hand, in alten und wohl auch fast ausgestorbenen schriftypen (die wurden „abgelegt“ nach dem buch, heißt das für immer?), jede seite anders, sie illustrieren die texte so, dass man das alberne manchmal erst nach einer weile bemerkt. das buch glitzert. echt, man rutscht unweigerlich ins adjektivische beim beschreiben. konkrete poesie, für erwachsene, ein bisschen zu dünn ist es leider, 8 blatt, 32 seiten, plus deckblatt und umschlag. das blog des druckers hab ich dann auch entdeckt, es gibt das büch direkt beim drucker noch zu kaufen für 28 euro, man muss nicht bei amazon 99 dafür ausgeben, kann man aber natürlich.

edit: „nackt in einem märchenschloß voll wirklich schlechter menschen“ heisst das schmale buch, ich habs im zimmer wiedergefunden und auch im netz, bei isa. es ist vergriffen, aber der nächste band ist noch zu haben. er heisst: „Sind wir denn nur in Cordbettwäsche etwas wert?

 

10-15 cent?

wenn die 10 monatlichen freien nyt-artikel mal wieder durch sind und der monat noch nicht rum ist. genervt, wenn ich den vorteil von zeitungen im netz nicht geniessen darf, das selektive und internationale lesen einzelner artikel.

warum, also ich verstehe das wirklich nicht, das ist doch das naheliegendste, warum gibt es keine möglichkeit, die sahneartikel zu kaufen? die seite 3, oder die theaterkritiken? für angemessene cent-beträge, entweder über flattr oder über kreditkarte oder über weeßdennicke, gerne auch mit daten wie bei itunes. statt dem weiter lesen– link gibt es dann nach dem teaser ein bezahlkästchen, nach 2 sekunden kann ich lesen, wo ich zeit sparen kann. ich mag dafür keine 3 euro ausgeben.

so im lauf eines monats habe ich einen haufen zeitungen im browser, eigentlich alles was geht, keine ganzen kompletten zeitungskörper, ich picke mir mal hier und mal da einen artikel heraus, warum? weil ich es kann. meine netzlektüre folgt mal einem themenbaum, mal dem zufall, einer laune oder den links von anderen. ich möchte in meinem lesestil nicht mehr allzuweit hinter all diese wunderbaren möglichkeiten zurück, ich will nicht den ganzen spiegel kaufen im netz, er ist nicht gut zu lesen, ich kann nicht blättern, wenn alles, dann lieber das echte heft, eine zeitung ist kein album, das im ganzen mehr als die summe der einzelnen songs ist, wo es eine kurve, einen aufbau, einen zusammenhang gibt, eine zeitung ist kein kunstwerk, es ist handwerk, der zusammenhalt ist der veröffentlichungstag, und die ordnung der inhalte. wahrscheinlich gehen genau da die meinungen auseinander und es gibt so einen gedanken wie den aus der bücherwelt, wo die gut verkäuflichen das experimentelle und/oder literarische buch am leben erhalten? aber auch da muss nicht jeder käufer von verloren ein exemplar von liao yiwu mitkaufen. das dürfen zwei verschieden leute machen, und die müssen sich auch nicht kennen, im selben haus leben oder dieselbe kreditkarte benutzen.

ich hab wenig lust dazu, meine bedürfnisse den marktstrategen anzupassen, wenn ich damit auf die ganzen vorteile im netz verzichten muss. umgekehrt wird doch ein schuh draus. und all diese möglichkeiten gehen doch nicht mehr weg, man kann natürlich eine mauer davor setzen, dann bleiben halt die leser weg.

der corriere della sera hat eine originelle mauer, der hält bloss die facebook-leser draussen, ich hoffe, das ist stil und keine baustelle.

überhaupt hätte ich ja früher gerne so ein gemischtes abo gehabt, montags die sz wegen der nyt, dienstag öhm vergessen, wer da was hatte, mittwochs die faz wegen der wissenschaftsbeilage, donnerstags den tagesspiegel, weil der ist eh immer gleich langweilig, und so weiter. das haben doch taz und faz mit ihren wochenendausgaben mal gemacht, lief das nicht auch ganz gut? jetzt ist das selektive lesen möglich, aber ich darf nicht. auf dem rechner würde ich vielleicht einzelne autoren oder themen abonnieren – aber nicht drei komplette zeitungen, nichtmal, wenn es die nyt ist. das traurige gefühl, wenn ich ungelesene zeitungen wegwerfe, lauter artikelwaisen, immerhin das habe ich bei ungelesenen elektrojournalen nicht. kleine unaufgerufene dateien vereint euch! neenee.

hatte aus neugierde mal die faz als pdf, man kriegt dann aber reduktion und muss auf alles verzichen, was das lesen im netz erträglich macht, es ist schwer zu lesen mit maus oder touchpad, es scheinen auch dieselben texte zu sein wie auf faz.net, warum soll man dann in eine pdf kriechen? bestimmt eine übergangslösung, aber der abturnende affekt wird eine weile halten bei mir. die app der berliner zeitung ist angenehm, aber ich kaufe mir keine komplette zeitung im netz, wenn ich es nicht muss (reine rethorik, weil da hab ich ja ein echtes abo, dass ich leider mit dem ipad nicht ins ipad kriege, muss man anrufen mit dem telefon, ja, ich bin faul). die faz plant ein bezahlmodell, hab ich gelesen, mal sehn, bei allen alles oder nichts- modellen bin ich draussen natürlich, aber es geht ja nicht um mich, es geht ja um die zeitung, also der zeitung geht es um die zeitung und nicht um mich als leserin, ich wünsch ihnen da alles alles gute, aber mein budget ist begrenzt. ich liebe die nyt, aber ich kann auch sehr gut auf sie verzichten, bis der monat um ist und ich wieder lesen darf, bis dahin lese ich die washingtonpost und salon, und nochmal, ich würde wirklich gerne für die artikel bezahlen, ich liebe zeitungen sehr.

warum nutzen die verlage nicht alles, was das netz bietet? wahrscheinlich sind mir die wichtigsten juristischen und journalistischen argumente dagegen bloss nicht eingefallen. es muss ja gute gründe geben.

 

advent

ich habe tatsächlich den adventskalender vollkommen vergessen. wir nehmen seit ewigkeiten denselben, sackleinen mit filzdeko, ich musste ihn also nur schnell aufhängen, während die kinder in ungewohnter freiwilligkeit mit hund nach draussen stürmen (schnee), notfallgummibärchen rein, zack: freude in kinderaugen. das war leicht. ich bin stolz darauf, dass ich den kalender so schnell gefunden habe, weil er normalerweise im laufe eines jahres von der obersten in die unterste kammerschicht transfundiert.

ich selber freue mich seit minuten darüber, dass ein junger mann auf der couch sitzt und mit nichtmalmehr annähernd treffender brummstimme die weihnachtslieder auf der cd mitsingt, die er selber hören wollte (letztes jahr war noch sopran möglich). der hund hat sich danebengesetzt und kann sich den ganzen oh tannenbaum lang nicht entscheiden, ob er das kind trösten oder ablenken soll, das kann ich an seinen ohren lesen, es sieht nur so aus, als würde er die rhythmisch hoch- und runterklappen.

 

s***l

die winterstiefel, die ich haben wollte, habe ich über google bei einem holländischen onlineladen gefunden, als restpaar sehr herabgesetzt. es gab keinen hinweis darauf, dass sie auch ins ausland liefern, deshalb habe ich eine mail hingeschickt, die sofort, noch am sonntag, beantwortet wurde. keine automatische antwort, sondern eine persönliche und gutgelaunte, die schreiberin hat dann nachgesehen, ob es die schuhe noch gibt, hat sie mir reserviert und gestern kamen sie an, mit handschriftlichem adressaufkleber, wie für ein glas selbstgemachte marmelade. die eigentümerin ist auch kinderbuchillustratorin, wenn ich das holländische richtig errate (es wirkt immer so charmant, wo das deutsch eher hart und krächzig klingt). i’m intrigued,  und ich mag den ins netz gezogenen kleinen laden um die ecke, wo man noch ein bisschen mit der inhaberin plaudern kann. ich wünsche ihr erfolg, aber nicht zuviel erfolg  – möge ihr zeit bleiben für etiketten und anderes.

(der nachteil beim schuhkauf in  virtuellen läden: man wird nachher zugespamt mit werbebildchen der gesuchten schuhmarke, auf jeder besuchten öffentlichen seite. das aufwändige säubern der cookies ist ein ärgernis, das man bei der zeitersparnis durch den online-kauf mit einplanen muss, wie die schnaken bei dämmerung fallen sie über meinen browser her. die schuhfirma erscheint mir jetzt als weltherrscher, da ich sie über- und überall vorfinde. stalkertum ist eine belästigung, tatsächlich finde ich diese werbe-programmierer vor allem unerzogen, aber hey, ich weiss, ich weiss. und meine illusion, ich hätte einen zumindest eigenartigen geschmack, hat sich  auch restlos erledigt.)

totensonntag

anfang oktober ein besuch beim vater auf dem friedhof am see. meine mutter und die kinder sind dabei, der grosse hat etwas mitgebracht, das er unter den kies legt, meine mutter hat heidekraut dabei, die zwillinge zupfen unkraut und pflanzen die kleinen töpfchen ein. ich sehe auf das jahr, 2003, weil ich immer wieder vergesse, wie lang genau er schon da liegt. der grosse holt die giesskanne und füllt sie mit wasser, die zwillis finden ein plätzchen für die zweite pflanze, direkt auf vaters brust, meine mutter freut sich über das engagement der jungs. die kinder mögen diese kleinen rituale, sie schaffen eine beziehung zu dem opa, an den sie sich kaum erinnern können, auch mir helfen sie, über meine fehlende trauer. ich halte mich trotzdem vornehm zurück und vermeide es, das grab anzufassen. den kindern tun die familienbande gut, sie mögen das sehr, die fäden, an denen sie hängen können in zeit und raum, es ist ihnen wurscht, dass dieses zuhause in italien liegt, es könnte ebensogut bayern oder rumänien oder der hamburger raum sein, andere orte mit familie und mit gräbern, italien ist noch nichts, was die coolness erhöhen kann. ich erinner heut noch den  typen auf einer party im mauerberlin, der mir auf irgendeine italienstory sehr entschieden entgegnete, das könne niemand so gut wissen wie er, er habe nämlich da gelebt. danach habe ich aufgehört, meine italienische jugend ständig zu erwähnen.

in berlin hatte die familie meiner großmutter väterlicherseits eine apotheke und diese großmutter hat an der tu berlin ingenieurswissenschaften studiert, „immerhin“, wie alle sagen, aber sie hat dann in die ferne geheiratet, und die beziehungen zum berliner teil der familie haben wir nie intensivieren können, bis auf die freundlichen fraternisierungen auf den beerdigungen, „ach du bist…? melde dich doch mal“, schade eigentlich, ein pfarrer, ein apotheker, es hätte bestimmt jede menge geschichten gegeben.

meine mutter bedauert, dass mein vater die größer werdenden enkel nicht mehr erleben konnte, mir fällt da nur ein, wie er bei den wenigen besuchen sofort das zimmer verlassen hatte, wenn eins der kinder anfing zu weinen. er ist gestorben, bevor er die zwillinge auseinanderhalten konnte, er hat seine ganzen enkel immer mit freundlicher reservierung betrachtet, ich weiß nicht, ob sie wesentlicher bestandteil seines lebens waren, nicht seines sozialen handeln jedenfalls, soweit ich mich erinnern kann.

auf seinem friedhof liegt er nicht alleine, es sind viele deutsche dort, mein vater kannte sie teilweise seit seiner schulzeit in rom. ich kenne viele der namen, fäustle, leupold, konig, battisti, ich weiß sogar, ob ich die leute mochte oder nicht, und wie gut mein vater sie kannte. meine mutter erzählt den jungs, dass sie auch „einmal“ dort liegen wird, david guckt sie sehr missstrauisch an, als ob sie vorhätte, jetzt gleich zu sterben, dann sagt er „ich werde auch mal unter der erde liegen“. „jo“ sagt sein zwilling, „wir alle“ sage ich, ohne lust auf trost und gerede, „aber nicht hier“, das sage ich aber nicht. die jungs galoppern herum und laufen zurück zum auto, nach ein paar metern richtung parkplatz streiten sie schon wieder, wer jetzt ganz hinten beim hund sitzen darf. ich versuche, die schräge zugehörigkeit zu diesem ort abzuschütteln, den geruch nach nasser erde und die erinnerung an lange verregnete nachmittage dort am see, meine kinderzeit, die ziemlich fest verbuddelt liegt untern den vielen lauten und quirligen sommern am lago mit meinen kindern und mit freunden. das zuhausegefühl, wie ein alter muffiger pullover, in dem man sich nie zeigen wird. eine angebotene dicke edle ralph-lauren-strickjacke am see gelassen, weil der große meinte, ich sähe darin aus wie ein vollöko „im sack“. er hatte recht. nur weil ich die toten kenne, diese leben nicht weniger vorbei als meine kindheit (dieser eine superstarke traum bei der therapie, in dem ich meinem therapeuten sagen sollte, ich hätte jemanden umgebracht, definitiv umgebracht). abends zeigen mir die kinder auf dem handy einen riesigen stapel zombies, den sie bei „pflanzen vs zombies“ erledigt haben, lob ich sie natürlich. tote zombies, gute zombies.

auf dem friedhof und abends mit kindern, hund und grossmutter am tisch und später vorm tv: das fiese leise ätsch-gefühl, eher vom körper als vom kopf kommend: wir leben und machen nur so seltene besuche an deinem schiefergrabstein, aber du liegst da für immer und ewig, oder solange der vertrag eben geht. und jetzt einen grappa.

 

adams–zweig

kind hat im kino die vorschau für „schiffbruch mit tiger“ gesehen. ich brauche ewig, um das buch für ihn im regal zu finden, ich habe die bücher immerhin einmal geordnet, bei einzug, das sind 14 jahre entropie. sowas dauert doch wochen, mit festlesen, aussortieren, erinnertes nicht wiederfinden. klassisches herbstvorhaben, vorräte neuordnen, vs. dem ausmisten im frühjahr. ich brauche immer ein paar sekunden, um mich vom alphabetaren system zu lösen, dann suche ich ein weilchen still und unverdrossen nach den kindersystemen verlag-farbe-größe-bett?-wann gelesen, bis dann langsam andere, nicht gut steurer- oder formulierbare erinnerungen aufblinken, die zu einem gefühl führen, wo das buch stehen könnte. bis ich diesem gefühl vertraue und es ins bewusstsein lasse, das ist die suchzeit.

*

„glaube liebe hoffnung“ in der volksbühne gesehen, zum ersten mal ungeduldig geworden, als der abend immer wieder in stille und einem mehrfach gebrochenen, also akustisch gebrochenen, musikkauderwelsch stehenbleibt. das stück wird mehrfach aufgeführt an einem abend, die szenen dabei direkt nacheinander wiederholt, mit zwei elisabeths gespielt. ich mag das stück sowieso nicht allzusehr, es ist zu statuarisch, bleibt pamphlet, es ist mir zu klar, die figuren brauchen gar keine entwicklung, sie rutschen exemplarisch die geröllhalde runter und landen im sumpf, außer der frau, die landet im wasser. die handlung ist wie in einem boulevard-schicksal aufs wesentlichste reduziert, es ist wie ein plakat von staeck, blablubb, aber natürlich ist es aktuell und präzise, und wenn ich so ein weilchen drüber nachdenke, dann hat marthaler die figuren vergößert und ihre niederlagen irgendwie absolut gesetzt, durch diese verlangsamung und die wiederholungen. man hätte natürlich auch einfach ein paar sätze hinschreiben können auf die bühne, das wäre dann der nächste schritt, der verzicht aufs schauspiel, weil die wahrheit woanders passiert, die ganze zeit passiert, das theater macht den blick frei auf die welt, und zwar sozusagen ganz frei. mäh, bin unterzuckert. schöne stelle: wo die beiden elisabeths ganz leise und wie aus der ferne kommend wer hat dich so geschlagen aus der MP singen.

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aber ich hatte während der inszenierung zuviel zeit zum nachdenken über die inszenierung,  zuviel raum. ich bin ein kind meiner zeit, jede minute stille fülle ich mit dem inner stream, leere gibt es nur in ganz seltenen momenten totaler selbstidentität.  wenn man mit dem meditieren beginnt, hat freund a. von einem workshop in indien erzählt, und du eigentlich deinen kopf  befreien solltest, ihn ganz leer bekommen willst, dann kommen stundenlang gedankenketten nach oben. ich sollte noch ein paar mal reingehen, glaube ich, ich könnt mir vorstellen, der abend erlangt dann eine wucht.

im bücherstapel an der regalaußenseite im wohnzimmer: römische satiren. darin wollte ich zufällig eine stelle finden und habe bei persius begonnen, liest sich wie von google übersetzt:

Opfre dein Ich dem Gewinn, treib Handel, erstöbre mit Scharfblick
jegliche Seite der Welt, daß ja kein anderer geschickter
patsch auf hartem Gerüste den Speck kappadokischer Sklaven;
dopple das Gut! „Ich tat’s; schon dreifach kehrt es mir, vierfach,
zehnfach schon in den Beutel zurück; steck ab, wo ich ruhn soll!“

kappadokien.

ich wollte heute bei horaz, dem klaren, nach einem weniger drolligen vers suchen, aber das buch ist schon wieder auf die reise gegangen.

alle 4 jahre gucke ich west wing

bevor ich allzu spontan die staffeln 1-7 von west wing auf deutsch runterlade, für die jungs in ein paar jahren, weil es die grad für 69€ auf itunes gibt – schaue ich nochmal kurz in meine dvds auf englisch, dachte ich. dann kommt „this is bad on so many levels“ und ich bin wieder am haken.

bei der cd war es auch so, dass ich nach ein paar jahren die eine oder andere platte neu nachgekauft habe. ich habe schon filme als daten nachgekauft, weil ich sie nur auf video hatte, cannery row zum beispiel, den ich den kindern im hotelbett in san francisco gezeigt habe, bevor wir nach monterey weitergefahren sind. jetzt erscheint es mir noch ein bisschen dämlicher, digital zu digital? die kleine, sich altmodisch und albern anfühlende empörung darüber, dass der erwerb so einfach und schwellenfrei möglich ist, andererseits habe ich diverse laufwerke voll mit literatur von autoren, die seit >70 jahren tot sind. ich fand die zeit sehr gut angelegt, die ich fürs hingehen, suchen, entscheiden und bezahlen und nach hause schleppen kultureller erzegnisse angesetzt habe, ich finde es blöd, dass ich diese zeit jetzt mit anderen dingen füllen muss, die ungleich sinnloser sein werden. egal was der zeitökonom dazu zu meinen glaubt. effizienz sollte ein schimpfwort sein, eine beleidigung und reduktion von lebensqualität auf ein reproduzierbares und übersetzbares mass, das außer einem mass eben NICHTS ist. es sind natürlich keine vollen laufwerke. die bindung an diese e-bücher  ist ein bisschen arm an biographischen ornamenten, die gründe für diesen oder jenen kauf liegen viel häufiger im zufälligen, kaum geschichten darüber, wie, wann oder warum ich sie gekauft habe, wobei nein, das stimmt auch nicht ganz, „capital“ hab ich im california zephyr gelesen, mit blick auf rockies und so weiter, das weiß ich schon noch. trotzdem habe ich vieles nur deshalb geladen, (ich wollte erst schreiben: wurde vieles nur deshalb geladen, weil es sich so passiv anfühlt, die ausblendung privater gründe im zuge der welteroberung der werbewirtschaft) weil ich im schwung auch die nächsten autoren im alphabet noch angeklickt habe, und weil natürlich die römische geschichte in jeder lebenslage ein guter begleiter ist.

 

das rennrad

ich gehöre eindeutig zur radfraktion und bin meinem rad treuer als jedem mann – meines ist ein grosses schwarzes manufaktur-herrenrad, vom vater zum 30. geschenkt („was wünscht du dir?? haha.“), naben- und kettenschaltung, 17 jahre alter brookssattel (schon mal auf einen vor sehr kurzer zeit gefetteten ledersattel gesetzt, im nichtschwarzen tangokleidchen? man merkt es nicht selber, beim tanzen. nur einmal passiert.), 3. satz ritzel, x-te kette, 2. lenker, sogar die pedalen sind nicht mehr original, warum, hab ich vergessen, ach ja, die lager waren durch. viele macken im lack, kein rost = echte liebe. ich kenne das gefühl, wenn bei schnee der hinterreifen abgeht und weiss, dass man merkwürdigerweise auch auf eis noch fahren kann, auch wenn es sich total unterzuckert anfühlt, ich fahre sommers und winters, mit hohen und flachen schuhen und barfuss, in zu engen röcken, in zu kurzen nicht mehr, ich kenne den inhaber meines wunderbaren fahrradladens persönlich und weiss, wo er vorher gearbeitet hat, nämlich in dem laden, der mir das manufakturrad verkauft hat. wenn ich von irgendwo zurückkomme, freue ich mich auf die erste fahrt fast mehr als auf wohnung, blumen und bücher, ich kann die libidinösen beziehungen mancher männer zu ihren rädern also durchaus nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht teilen kann, ich hätte ein bisschen lieber die echte sache.

(seufz. seit wieder ein hund im haus lebt, mache ich zuviel zu fuss oder mit dem auto, weil bei ausflügen wieder das ziel das ziel ist und nicht der weg, wie bei radtouren. einziger grund gegen hunde.)

dann

[das fortschreiten der zeit, der lauf der dinge, ein gewisser überrest meiner unzufriedenheit mit dem altern, der kleine futility-revoluzzerpups bei all dem sich-fügen-müssen, die paar teilbereiche des lebens, bei denen änderungen unwahrscheinlicher werden (wie die vorstellungskraft mit den jahren klobig und träge wird, ich muss sie warmlaufen lassen, antreten wie ein altes moped) die ehrlichkeit, dieses eine, strahlend schöne + superperfekt aufgemotzte uralte rennrad mit kindersitz neulich am helmi und schliesslich die grossartige bezahlbarkeit von det janze, im vergleich zu einem carman ghia oder auch nur einem alten käfercabrio, die ich nachwievor lieber hätte]

habe ich einen abend statt nach zeug, büchern oder filmen nach rädern gesucht.  normalerweise gehen so jieper-artige bedürfnisse ja schnell wieder weg, wenn man nicht danach handelt, also nur guckt & träumt, wie in beziehungen, aber ich hab in zu kurzer zeit eins gefunden, nämlich in 10 minuten. in mailand, wo ich eh hinmusste – wollte, jetzt musste ich hin, denn ich hatte ein rennrad unter hundert euro gekauft, also noch kostete es darüber, aber mir würden schon argumente einfallen. eins von der sorte, das niemals außergewöhnlich war und trotzdem schon über 35 jahre auf dem buckel hat. aber die farbe! ein bianchi, was sonst. sattel hat löcher, alte  sachs-schaltung, pedalen sehen aus wie selbstgemacht. muss ich schnell fahren, dann sieht keiner die ollen teile.

ich fuhr also vom see nach mailand rein, lief über die via paolo sarpi, die sehr chinatown ist, ein billigladen nach dem anderen, chinesische zeichen oben, italienische drunter, keine touris. mailand war grosstädtisch und lichtjahre von den achtzigern und von meinen erinnerungen entfernt, mein rad stand in einer kleinen vollen bar an die wand gelehnt, der verkäufer war einer der barbetreiber, jung, tätowiert, freundlich, alle seine kumpels drumrum. ich hob das rad mal vorne, mal hinten und liess es fallen, schaute auf rahmen und schaltung – kaufte ohne weiteres handeln und schob mein neues altes plattes rennrad zum auto, ein bisschen uncooler, als ich es sein sollte mit so einem rad.

mein berliner gast, freund a. war dann, in großer serendipity, ein erfahrener fachmann in der renovierung alter und sehr alter fahrräder, mit ihm habe ich in ein paar stunden das rad entrostet und geputzt, die lager neu gefettet, reifen erneuert und den rest eingestellt. keine ahnung, warum so etwas sonst wochen dauert. es glänzt jetzt wieder, ich habe, ebenfalls im italienischen ebay, einen sattel aus den siebzigern für nix gekauft, auf eine neue alte campagnolo-schaltung warte ich noch.

freund a. war verwundert darüber, wie wenig oldtimer hier herumfahren, räder aus den 30er bis 70er-jahren sieht man nur als traurige schrottesel, und nicht als die wunderbaren prestigeobjekte, die man aus ihnen herstellen kann. oder kommt die mode noch? gerade für großstädter ist es eigentlich ein gesunder und umweltgerechter zugang zum oldtimerwesen, und mit dieser uralten genialen hilfe-reihe schafft man die reparatur und renovierung ohne weiteres alleine. das polieren von alten speichen ist eine sehr stupide und sehr befriedigende tätigkeit, und man macht es ja pro rad höchstens ein paar mal im leben.

ich stell das mal online, obwohl die geschichte und das rad noch nicht fertig sind – bei der gangschaltung sitzt die feder nicht mehr richtig und rutscht immer raus, und der sattelverkäufer schickt erst montag, weil der postangestellte letzte woche krank war. die schalthebel für 5 euro sollten 40 euro versand kosten, der verkäufer meinte dazu: „Ja, aber sonst müsste ich den Preis erhöhen.“, eine betörende logik. die jagd dauert also noch eine weile.

 

tinnitus

seit anderthalb monaten pfeift es in meinem ohr, ich schreib das hier mal auf, was dann alles nichts hilft:

sofort zum arzt gehen. sagen alle, das man das sollte, aber der macht dann auch nur einen hörtest („nicht mehr gut, sie sind ne alte frau, da ist das normal“) und verschreibt eine zaghafte dosierung mit prednisolon, von 150mg abwärts. die nützt nur am ersten tag (mit 150mg) ein bisschen was, danach schickt es nur den blutzucker gehörig in die umlaufbahn.

nächster arzt, wieder hno: stellen sie sich mal SO hin (rücken an tür, hals u kinn zurückdrücken, schultern nach vorne), machen sie das einmal pro stunde, sie haben da einen triggerpunkt im hals, der zu hart ist. mach ich dann, nützt nichts.

nächster besuch wieder beim hno, diesmal eine frau. ich bekomme ein durchblutungsmittel verschrieben und einen orthopäden empfohlen.

die orthopädin schickt mich zur physio, weil eventuell die seit 2 jahren gefrozene shoulder zu haltungsproblemen geführt hat. die nette dame dort macht in sechs halben stunden lauter sehr unangenehme dinge mit meinem hals und meinem kopf. änderung: keine

next stop osteopath. ich gehe hin, soll mich ausziehen, was ich schon mal nicht mochte, der doktor drückt auf verschiedenen körperteilen herum. dann liege ich in schlüpper und hemdchen auf seiner liege und er hält meinen kopf. nicht unangenehm, aber erstmal keine verbesserung. die wirkungsart ist mir nicht nachvollziehbar, ob es doch eso ist? noch zwei stunden.

tinnitus, sagt er, hätte keine körperlichen gründe, sondern sei ausschließlich durch stress induziert. aha, na super. beim osteo muss ich schon ein bisschen dazuzahlen.

ich vermisse einen gewissen drive in meinen behandlungen, es ist alles so ein vages könnte, sollte, mal sehen, als ginge es bloss um eine unwesentliche kleinigkeit, dabei ist der nervfaktor enorm und die einschränkung eher gross, vor allem beim denken, schreiben und entspannen. musik hören geht kaum noch, es sei denn, sehr laut. ich vermisse das.

vor allem vermisse ich die ruhe. hat jemand von euch eine idee?