esoeck

am wochenende wieder einen „sowas liest du?“ -kommentar auf irgendeine bemerkung zum herrn der ringe, dabei die zweischrittige reaktion von kleiner kontextfreier freude, für etwas besseres gehalten zu werden und dem ärger darüber, wenn jemand tolkien in die ecke gebrauchs- oder bedürfnisliteratur steckt. ich sage nächstes mal, dass ein leser für tolkien phantasie und vorstellungskraft braucht, und den mut, sich vorbehaltlos und ohne leine in eine neue welt zu werfen, in der nichts vorausgesetzt ist.

mantra

ich komme in die jahre. ich könnte mir ein vintage- rennrad kaufen, das würde die männliche seite in mir mögen (wäre ich ein mann, ich würde außerdem jeden tag weiße hemden tragen, oder edle t-shirts mit einem dunkelblauen wolltroyer drüber), als statusymbol, aber welcher status wäre das, außer unterbezahlt und untervögelt? bei autos ist mein geschmack zu teuer, vielleicht reicht es vor ende des benzins noch mal zu einem alten käfercabrio. mein vertrauen in ersatzbefriedigung ist grenzenlos. ich sitze gut auf meinem ross, mehr zuhause in mir als in den jahren davor, auch wenn ich dellen und falten bekomme, die nicht mehr weggehen werden, und die man sehen kann. der mangel hat mich freundlicher gemacht und nicht zynisch, das abgeklärte gibt sicherheit und wird halten, ich falle nicht mehr tief und mit den jahren deutlich weicher als früher.

reisefieber

vorfreude und aufregung und ein bisschen nervosität vor unserem sommertrip. die nervosität kann ich nicht gut ab, sie kleidet mich nicht, ich komme normalerweise erst an den bahnhof, wenn der schaffner schon den arm hebt, einmal bin ich mit riesiger tasche über ein flugfeld zum flieger gerannt, dem bus nach, der schon vorgefahren war, in münchen hab ich mich einmal auf dem autozug-bahnhof zu jemandem durchstellen lassen, der zeit hatte, mir den weg zu erklären (vor navi-zeiten), und der ganze autozug hat auf mich gewartet, ich schwör, und auch da war ich noch nicht nervös, sondern habe noch mit dem wegweiser geflirtet. diesmal hake ich im kopf sogar listen ab, zähle sockenpaare (20) und kann mich nicht für die richtige handtasche entscheiden. gut, die richtigen handtaschen. soll ich die sexlose aber wasserdichte funktionsjacke mitnehmen oder was für die stadt, oder beides? das sind keine würdigen überlegungen. in den letzten jahren habe ich für 3 wochen einen koffer in handgepäcksgröße benötigt, den brauche ich diesmal allerdings als handgepäck und muss meinen großen zweitkoffer verwenden, der seit einzug auf der ablage verstaubt. da passen schon einige handtaschen hinein, und dann ist womöglich immer noch platz für all die schuhe. bei den kindern muss ich inzwischen außer abfragen kaum noch was machen, die packen alleine nach vorgabe, da muss ich nur die extras checken, kameras samt ladekabeln, medikamente, lieblingsmusiken, und schlüpper, weil die zwillinge einen pro woche als absolut genügend empfinden, während der große mittlerweile einen höheren groomingpark als seine mutter pflegt.

eine sache ist allerdings wie immer: wie bei allen turnieren der letzten 11 jahre sind wir entweder beim finale oder beim halbfinale unterwegs, 2006 im autozug nach münchen oder verona, und morgens hatte dann italien gewonnen, dieses jahr im flieger nach san francisco, die mal davor hab ich vergessen. immerhin das finale könnten wir im goethe-institut gucken, hab ich festgestellt, vielleicht sogar in gesellschaft von frau modeste? ich werde mit den jungs wohl gucken gehen, sogar wenn d nicht gewinnen sollte im halbfinale, weil wir ja mit den italienern auch so verbunden sind.

(von vor 2008. frau modeste ist inzwischen hier)

die frau hat sehr weiße haut, in regelmässige halbfingerbreite fältchen gelegt, blasse blaue augen, also nicht verblasst, sie ist ausschließlich in zartblau und hellrosa gekleidet, das weiße, dünne haar in einem kleinmädchenpony über den augenbrauen abgeschnitten, am hinterkopf ganz eng zu einem pferdeschwänzchen gebunden, der blick vollkommen leer. jedes detail an ihr unterstreicht eine von weit weg kommende und intrazelluläre bösartigkeit, sie hat auch als 12jährige so geguckt, mit schüppe, leicht abwesend, nur ungern herauskommend aus ihrer inneren sicherheit, das die welt im unrecht ist, war, und sein wird.

deckenhöhe >4m, plus frozen shoulder minus 4m-leiter = die reparierte küchenlampe bleibt unten. komme nicht an die zimmerdecke dran, und wenn, dann nur mit einer hand. ist das nicht albern? keine erinnerung mehr dran, wie die ganzen deckenlampen aufgehängt wurden beim einzug, erinnere mich dunkel an eine alte holzleiter mit einem kettchen zwischen den beinen, auf der man noch höher hätte steigen können, bis zum dach und weiter, solange es eben geht, soweit man sich traut. ich weiß noch, wie wir mit einer gewissen gemütlichkeit die braun lackierten stuckelemente der zimmerdecken abgekratzt haben, es war eine freundliche hohe leiter.

da war der mieter aus der dritten etage, ein alter physiker, der mit dem blumenornament rund um seine deckenlampe begonnen hatte bei einzug, und die ehemals feinen blütenblätter mit winzigen spateln und schraubenziehern gereinigt hatte, eine nach der anderen, alle farbschichten ab, jede schicht einzeln. er nannte es sein projekt, es wurde nicht fertig in den ersten jahren, die wir hier gewohnt haben, immer blieb ein teil des kranzes unter dem glänzenden dunkelbraunen lack versteckt. der physiker ist gestorben vor 2 jahren, ein krebs, innerhalb weniger monate, ich war noch einmal wieder in der wohnung nach seinem tod, hab mir den stuck angeschaut, er hatte eine feine und zarte linienführung, man konnte jetzt auch die blumenart erkennen, offene rosenblüten, in einem matten, leicht pudrigen weiß. die bewohner sagen mir, der vormieter habe ihn wohl aufsetzen lassen, er sei sicher neu, nein, da war kein brauner lack, wieso überhaupt sollte jemand so schönen stuck mit lack übertünchen?

der blumenkranz an der decke über meinem bett ist eher wie kinderformen aus dem sandkasten, ich kann das muster ohne brille grade noch erkennen, but well.

andererseits ist es jetzt morgens schon so hell, man braucht gar keine lampe mehr zum frühstücken.

der markt am frühen morgen in italien, das licht noch schräg, die ware frisch und bunt, hinter jeder ecke etwas unbekanntes, dazwischen großartige falsche pradahandtaschen, es gibt honigwaben in plastikdosen zum knabbern, die kinder sind verrückt danach. honigmelonen, kleine pfirsische, und all diese schiefen rohmilchkäse aus dem hinterland, schinken aus parma, brombeeren, einen tick zu dunkel und zu klein, kurz vorm kippen, direkt vom strauch. es gibt süßholz, in 10cm-stöckchen verkauft. große orangene zucchiniblüten, noch nicht ganz geöffnet. es ist von allem genug da, von allem zuviel. wir sind wählerisch und nehmen nur kleine süsse tomaten mit nach hause und ein pfund quartirolo, den wir mit altem balsamessig und gutem öl essen.

der ausflug ins june mit den freundinnen, wir auf einem ecksofa mit unseren cocktails, die gäste angenehme ordinary people, bis auf eine wunderschöne blonde in einer ecke, mit einem mann, der sie mit seinem ganzen körper vor den anderen gästen abtrennt, meins meins sagt dieser körper, den rücken zum lokal, sie trägt eine feine wolltunica, sehr weit, über ihrem schmalen körper und sehr schmalen hosen. oder es ist gar keine geschichte, sondern es sind nur die üblichen sichtbaren bruchstückchen eines dates in der öffentlichkeit, und der mann ist bloss schon weiter in seinen gedanken.

der total eigene raum, in den man mit frauen geraten kann, fröhlich und brutal und mitfühlend, ist auch bei den männern so, oder?

die zeit, die ich auf den seiten vom zvab oder abebooks verbringe, ich weiß nicht, wie lang das immer ist, sie verfliegt natürlich, man selber fliegt von einem traum zum nächsten. es ist zu leicht geworden, bücher zu finden, ich sehe noch die katalogstapel, die mein vater immer auf dem sofatisch in seinem arbeitszimmer hatte, er hat die kleinen anzeigen ausgeschnitten und in die bücher gelegt, wo ich sie jetzt finde und nichts damit anfangen kann, weil sie keinen hinweis geben, nur der wert steht noch drin. die langen stillen auktionen, wo er angebote hinschickte, per post, es kam entweder ein buch oder es kam keines. die bücher zeigte er uns, es es waren seine schätze, er blieb seltsam stumm dabei und sagte zu wenig über geschichte und lebensweg der ausgaben, sie wurden zu beutestücken, losgekommen und freigekauft aus dem großen literarischen zirkus und stillgelegt in seinem bücherregal, ein privater ort, der mir staubig und unerreichbar und eigentlich lateinisch vorkam, obwohl es natürlich kein staubkorn gab, sondern alphabetische ordnung, das einzige, was ich verstand an den regalen. als mädchen habe ich mir nur die taschenbücher mit verfallserscheinungen rausgesucht, malaparte, puzo, grass, und die gelesen und zerlesen – alles andere war verschlossen und sollte es bleiben.

(grade kommt eine erinnerung hoch: beim einzug in die neue wohnung in mailand, frühe siebziger, haben meine schwester und ich uns mit den vaterbüchern eine höhle gebaut, aus den umzugskisten heraus, und es gab ein großes donnerwetter, glaube ich, aber ich erinnere nur die höhle, buchrücken nach innen, schnitt nach außen, rund um den esstisch)

ich habe mir die sammlung erst aneignen müssen, sie hatte so ein ungutes summen, weil der repräsentative aspekt mir zu laut war, die dinge mit meinem vater schwebten auch noch herum, sie rochen streng, und es gab überhaupt keine lyrik, kaum literatur nach 1950, nur hubert fichte blinkte ein bisschen auffällig. in den jahren seit seinem tod habe ich selber angefangen zu kaufen, ohne es zu merken eigentlich, und die kleine sammlung dabei aufgebohrt, sie inkonsistenter gemacht. der alte schrank platzt jetzt aus allen nähten. es sind meine bücher geworden, auch weil es ja ein spass ist, den wallenstein in der erstausgabe zu lesen.

das ziel dieser reise mit den büchern ist vielleicht, sie wieder freizusetzen, weiterzuverkaufen, jede stapelung der dinge durch marktwert oder erinnerung aufzulösen – wer weiß. noch nicht. es ist ein prozess. bis ich dahinkomme, habe ich mir ersteinmal ein neues bücherregal bauen lassen. es hat noch fast 3 leere meter.

ich verstehe das kapital nicht

wutanfall gegen das kapital, so unfruchtbar und tot, die wirtschaftliche argumentation als maschine, als wären die verdammten wirtschaftlichen gründe moralisch richtig, als wären sie irgendwie relevant im menschlichen (huh! frauenwort), eine naturwissenschaftliche macht, als könnte man jedes gesellschaftliche, soziale, kulturelle oder einfach biographische argument mit diesem nichts aus dem diskurs werfen: geld, wegen irgendwelchen hirnis, die niemand jemals kennenlernen wird, herr x in xy an seinem schreibtisch, dem das haus jetzt gehört, der alle rausgeschmissen hat, die da vorher drin lebten. das profitdenken ist eine nicht endenwollende niederlage für eigentlich alles außer profit, und wir sollen freundlich nickend von dannen ziehen, an den stadtrand, und dort neue lokale öffnen? wir müssen. es macht mich wütend, und schon die wut soll naiv gemacht werden, weil ich mich komplett fügen soll, inclusive meiner bedürfnisse, meiner lebensentscheidungen und meinen werten, ich soll platt auf den boden und nur noch: „ja, klar, is halt so“ sagen, mit einem sentimentalen lächeln, denn sentimentalität ist mir noch erlaubt, obwohl sie ja unprofitabel ist, oder: weil. es ist nicht nur sentimental, hinter den ganzen schließenden läden und billigen wohnungen herzutrauern, wir sollen ja auch fressen, dass es solche orte nie mehr geben wird, nicht dort, wo wir leben jedenfalls. diese abstraktion dahinter, das ich meinen privaten alltag reduzieren soll, mein bedürfnis nach kultur, nach den inneren werten, nach einem entspannten lebenstil, der ohne viel geld schön sein kann, meine erlebnismöglichkeiten, weil irgendein arschloch hinter den sieben bergen profit machen will. was zur hölle ist denn profit? zahlen auf einem konto, zahlen auf einem blatt papier, die auch von den inhabern der papiere nicht gesondert wahrgenommen werden, weil es sie nicht interessiert, sie haben das große ganze im kopf, sie führen einen kampf gegen das kleinteilige, das einzelne und unwiederholbare, sie merken das nicht, sie haben es nie bemerkt. sie haben ja alles, aber die familien, die auf der strasse stehen, die gäste der klavierkonzerte, die jetzt nicht mehr stattfinden, wie kann man im ernst eines dieser realen dinge aufgeben für das große anonyme nichts? in meiner unmittelbaren nachbarschaft ist alles voll von diesen totrenovierten dingern, geschäfte mit irgendwelchem krimskram, holzböden, alles schön bunt, alles transparent, du weißt genau, was dich erwartet in diesen läden voller dinge, überraschungen sind nicht erwünscht, es ist eine heillose langweilige transparenz eingetreten. neben dem arbeitsraum mit bloggern, studies, architekten und anderen projektlern, der gerade leergeräumt wurde, und wo die leute tagein, tagaus herumsassen, tranken, arbeiteten und parties schmissen, da war ein paar jahre lang ein konzertraum, für pianisten auf historischen konzertflügeln, bevor sie von dem investor auf die strasse gesetzt worden sind, und ich kann mir das kleine nichtmal unfreundliche lächeln des investors vorstellen, als er die kündigung ausgestellt hat. jetzt ist da glaube ich ein makler reingezogen, wo doch jeder weiß, das ein makler nicht auch noch raum einnehmen sollte, er ist als konzept schlimm genug. keine menschen mehr, die im dunklen herumsitzen und plaudern, keine total unerwarteten gespräche mehr mit männern, die alles über die tastaturen für flügel aus der zeit der romantik wissen, jetzt ist dort in den nächten alles dunkel und leer.

(nach den texten bei bov und vigilien – oh, den hat er wieder rausgenommen, sehe ich grade. es war ein text, der schon ein bisschen drüber war. natürlich war das kapital vorher da und die gentrifizierung scheint, scheint unvermeidbar, aber es kann nicht schaden, sich selber in der abfolge des unabwendbaren wahrzunehmen, wenn es auch nichts nützt, aber es nützt nur ökonomisch nichts, das unterscheidet uns doch von den automaten, diese metaebene, in der leben, stadt und kultur verbunden werden können, die keinen finanziellen nutzen braucht, weil sie menschlich und lebendig ist. die muss man ja nun nicht auch noch gleich aufgeben, neben dem lebensraum. die sauwut ist das mindeste, was man den profiteuren mit auf den weg geben sollte, neben dem mitleid für diese lebensform.)

valentine

und dann unterbrechen sie mich, grade als ich auf den hinweis „mama, morgen ist valentin“ mit einer kurzen, eher spöttischen ansprache antworten wollte. „ich war auch im blumenladen“, sagt der große, „aber da waren zwei, die ich kannte, die haben rosen gekauft, dann war es mir peinlich, aber vielleicht gehe ich morgen noch“, die zwillis diskutieren die tatsache, dass man „in der, wie heißt sie noch, oberschule“ solche sachen einfach so machen kann, und wie gut der große es da hat. „wenn du in der fünften einem mädchen sagst, dass du es liebst, dann weiß das sofort die ganze schule.“ die jungs kichern sich fröhlich und aufgeregt durchs abendessen. „in wen bist du? komm, sags mir!“ davidzwilling bleibt ungerührt und sagt: „ich bin noch nicht soweit“, spielt aber beim essen einige szenarien durch, bei denen seine identität als briefeschreiber geheim bleiben könnte. später bittet gregorzwilling mich um den alten füller meines vaters, füllt ihn mit tinte, und schreibt mehrfach einen valentinsbrief, bis er ihm gefällt. er klebt eine seidenpapierblume mit tesafilm drauf und schmuggelt die gabe in seine schultasche. beim vorlesen sehe ich, dass er nasse haare hat, sorgfältig gekämmt. „nein, mama, das ist son haarspray! nicht anfassen!“

jetzt bin ich für eine weile vom spott geheilt.

it was only ever love, sagt er, und in einem andern post: das herz sei ein muskel, der dem willen nicht gehorcht. ich sage dann wie immer nein, bitte nicht, die tage sind so voll von anderem, wie kann es nur die liebe sein? niemand redet von der liebe, also niemand auf fb oder g+ oder in den blogs, sie scheint privat wie verdauung, nach stunden in kultur oder politik fallen manchmal ein paar nebenbeisätze, am liebsten anekdoten, abgeschlossene geschichten, und nur von denen erzählt, die auch keine haben, der rest ist schweigen. ich übe mich dann in lobliedern auf freundschaft, kultur und kinder, aber ich habe eine gewisse restneugierde: wie ist es, geliebt zu werden, sich womöglich daran zu gewöhnen? wird das normal wie ein dach überm kopf, kann man tatsächlich monate – oder sogar jahrelang nach hause kommen, und da ist jemand, der dich liebt?

nach den webern bereit sein für die revolution, den ganzen abend wird man auf schlesisch angebrüllt, man solle es jetzt endlich den fabrikanten heimzahlen, das fast rührende bei hauptmann: der fabrikant fürchtet sich kurz, bevor er flieht. die wut und verzweiflung auf der bühne ist so ohrenbetäubend wie herzerfrischend, man hat das schweigen der total machtlosen in der welt im kopf, die von mike daisey mit seiner wow-stimme beschriebene stille in diesen apple-fabriken, dass es an so vielen orten der welt immer noch 1844 ist. mein begleiter, gestandener altachtundsechziger, redete danach eine weile von marx, von bildung und organisation.