… /hamlet

wir sassen in der ersten reihe, auf dem orchestergraben, die bühne ragte neben uns noch anderthalb meter weiter in den raum. wir haben von schräg unten auf die szene sehen können, mit bester sicht auf alles, was es zu sehen gab. sehr intensiv. nell ist einer der ganz grossen, oder wird es werden, er hat eine rasante vielseitigkeit, kann aber auch mal gleichzeitig wütend, traurig und hoffnungsvoll wirken, und eine sekunde später im diskant singend herumhüpfen, oder blitzschnell einen schmerz ironisch aufbrechen, um sofort danach wieder in ihn einzutauchen. virtuos, irisierend. er ist zu uns runter gesprungen in einer szene, nach dem polonius von ihm ausgeweidet wurde, frau ziebarth blieb gebührend todernst, der grosse und ich haben die gesichter unwillkührlich in ein grinsen verziehen müssen, vor schreck. das theater hatte in den vorderen reihen decken verteilt, gegen das theaterblut, der grosse hatte die decke hoch über seine helle hose gezogen, die gedärme sahen allerdings auch sehr echt aus. hamlet hat dem grossen die schutzdecke über den kopf gezogen, weil er gelacht hat, so frau ziebarth später, für mich wars eher ein kommentar: du willst das blut nicht? dann kriegst du gar nichts. alles oder nichts. ich hätte auch das blut genommen, habe aber später nur ein paar tropfen wasser und schweiss abgekriegt.

hamlet und nell sind zusammen wirklich mehr als eben figur und schauspieler, ich hab an seinen lippen gehangen und konnte auch die haußmannsche kunstfertigkeit vergessen, die bei den anderen acteuren sichtbar blieb, zb das perfekte schnellrednertum von hamlets vater, gespielt von roman kaminski, das trampelige/ hilflose der gertrude, gespielt von traude hoess, beide super, ihr spiel blieb aber eingeschlossen in diese künstlerischen entscheidungen des regisseurs, durfte kein eigenleben entwickeln, während nell all das hinter sich liess und wirklich lebendig geworden ist, sein agieren nicht mehr trennbar in haußmann, shakespeare oder BE. hamlet war lebendig. gut, es war ein tick mehr nell als hamlet zu sehen, bestimmt gewollt, es wurde um nell herum inszeniert, die anderen haben da weniger zu melden. meh, muss ich noch klarer ausdrücken. eine echte neue lebensform da auf der bühne, oder eben: theater. das mehrdimensionale und zerrissene vom hamlet wird nells begabung gerecht, würde ihn trotzdem gern mal in einer ernsten rolle sehen, wo also all seine fähigkeiten sich mehr zu einer einzelnen stimme vereinen könnten/müssten. geht hin, es lohnt sich sehr. next time: noch nicht bekannt.

 

lost and found/ …

wie ich im april morgens um halb 8 vor der freien volksbühne west anstand, um karten fürs theatertreffen zu ergattern, mit zeitung und thermoskanne. einmal war eine frau mit dabei, typ dame, drei grosse junge männer bei ihr, kurz phantasiert, wie ich das auch stehen werde in ein paar jahrzehnten, mit meinen söhnen. war ich 2001 schon wieder dabei, die zwillis grade ein paar wochen alt? ich hätte das gern, aber es ist unwahrscheinlich. die karten werden immer im april verkauft, ich hätte also entweder höchstschwanger oder als frisches kaiserschnittchen da stehen müssen. war aber jahrelang jedes jahr dabei. ein paar jahre lang gab es immer einen marthaler zu sehen, 2001 war es was ihr wollt, hab ich vielleicht später im jahr gesehen, marthaler/viebrock war mein liebstes theatergespann damals. der nächste shakespeare bei einem theatertreffen war ein titus andronicus, in der bearbeitung von heiner müller, das war glaube ich 2004, den habe ich sicher gesehen, da war ich schon wieder alleinerziehend. regie johan simons, münchner kammerspiele. dazwischen war ich bei noch einem, von der liebsten annette kuss inszeniert, ein sommernachtstraum in oberhausen, im herbst 2001 muss das gewesen sein, ich hab noch gestillt und musste auf dem trip zweieinhalb liter milch täglich abpumpen, das weiß ich noch, und an die merkwürdige monstermall in oberhausen erinnere ich mich auch noch gut. meine zeit als ubiquitäre premierentusse war aber schon mit den geburten abgeschlossen, gar nicht zwangsweise, es war einfach nicht mehr wichtig genug, um dafür stunden anzustehen und mich um karten zu kümmern. auf die theatertreffen bin ich aber gegangen, wann immer ich es einrichten konnte. nie bemüht, fürs theatertreffen zu bloggen, obwohl ich dafür eigentlich prädestiniert war, inzwischen traue ich mir so eine art kulturell relevantes schreiben gar nicht mehr zu. heut also wieder ein shakespeare, ich gehe mit dem großen ins berliner ensemble, um endlich den hamlet von haußmann zu sehen, mit christopher nell in der hauptrolle, den der grosse schon neulich als mephisto gesehen hat, im faust von wilson. er kommt mit, wäre aber wohl nicht fürchterlich traurig, wenn etwas dazwischenkäme. ich lege ihm den dicken und staubigen vierten band einer ddr-gesamtausgabe auf den bauch, 1989 erschienen, damit er sich, wenn er es will, ein bisschen einlesen kann, obwohl es nicht die schlegel-übersetzung ist, die haußmann verwendet. vielleicht hilft es für einen textflow heut abend schon, das buch auf dem bauch liegen zu haben, weil eine emotionale weiche auf grün gestellt wird? who knows.

ganz undramatisch ist der rituelle moment verloren gegangen, hatte ihn glaube ich als ein liebgewordenes symbolbild für ein selbstverständliches bildungsbürgerfamiliending im kopf, zwischen haben und sein, inszenierung und notwendigkeit. seit jahren muss man für die tt- karten nur noch einen zettel ausdrucken, ausfüllen und beim pförtner auf den stapel legen, das ist alles, gemeinsames frühmorgendliches stundenlanges anstehen ist nicht mehr notwendig. die macht der initiation kann jetzt nur noch das stück selber liefern, ohne aufwand. vielleicht genügt das ja auch, es wird der erste hamlet für den sohn, stress hatte er dafür keinen, er wird sogar hingefahren, weil ich frau ziebarth chauffieren möchte. so wird ihm nur das schlegelsche deutsch einige hürden liefern, aber die wird die inszenierung ebnen, sie wird mit tarrantino verglichen. den kennt und mag er sehr.

 

neujahr

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diesen januar 12 jahre alleinerziehend. phantasiere manchmal darüber, auch vierstellige leserzahlen zu haben, wenn ich nur mehr über die schwierigen teile meines lebens schreiben würde, allein mit drei kindern und hund, den diabetes, den mangel überall, aber ich hab das blog ja grad als alternative zum alltag, als spielwiese. ob ich meine ganze grause lage mit anderen texten vielleicht ändern könnte? das glaube ich nicht. es wären dann auch andere leser wahrscheinlich, ich mag ja meine sehr.

bisschen neues design wäre ja mal ein anfang, not? mal schaun.

letzte woche mit frau ziebarth den kudamm entlanggefahren, um ihr die wunderschöne weihnachtsbeleuchtung zu zeigen, in jedem baum lauter kleine weiße lichtbälle, die ganze allee entlang. danach wollt sie noch in eins ihrer geschäfte mit kunsthandwerk aus asien, sie hat sich etwas gekauft für ihre sammlung, ich aus solidarietät einen ring aus silberbronze, nepalesisch. habe dann die nägel hellblau lackiert und den ring spazierengetragen.

 

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in der 9. sinfonie gewesen mit den kindern, ich hab sie überhaupt zum ersten mal live erlebt. herr herbst war auch dort, hab ich grad gesehen, und hat viel mehr gehört als ich. wir sassen über dem chor im zweiten rang, am besten konnte man den schlagzeuger sehen von dort, der immer wieder mit den händen die paukenfelle leicht angeschlagen hat, mit dem ohr fast auf dem fell, um ihre unversehrtheit zu überprüfen, glaube ich. die zwillis haben im dritten satz kurz geschwächelt, der große fand ihn am schönsten, ihre wahrnehmung geht schon auseinander, mit den beiden jahren abstand. wie das thema im vierten satz auf den basslinien zuerst auftaucht, ganz leicht und unpathetisch. fast befreiend, den berühmten chorsatz mal da zu hören, wo er hingehört, ich schließe sonst immer meine ohren und mag mich dem pathos nicht ergeben, hab dann beim konzert die mögliche hingabe mitgenommen.

 

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sylvesterparty mit alten freunden in der kollwitzstrasse, wunderbar, mit feinem essen und vielen gesprächen, in einer sehr großzügigen dachetage. meinem kind nicht gleich gratulieren können, er ist am 1.1. siebzehn geworden und war auf einer anderen party, wie seine brüder auch, jeder woanders, und wir sind noch bei O2, da kann man erst am ersten morgens wieder telefonieren. in der letzten nacht des jahres doch noch angeflirtet worden, zum ersten mal in diesem dummen jahr, wie sich dann alles nervenschnell verändert, das lachen größer wird, die selbstdistanz verschwindet, man wieder schlagfertig und schnell wird, ganz selbstvergessen.

es gibt da einen auf okc, bisschen hippie, dem hab ich in so einer auchegal-haltung schon in der zweiten nachricht von meinen kindern erzählt, und wie jung sie noch sind, und er hat geantwortet, weil er ein hippie ist, denke ich, lang und dünn ist er, nicht so beweglich mit der sprache. die eigene unvermittelbarkeit ignorieren. das nächste mal antwortet er nicht.

im berliner ensemble mit dem großen sohn faust eins und zwei geguckt, von bob wilson bebildert, wieder mit frau ziebarth, die ich wunderbar häufig sehe gerade. frau ziebarth geht nach dem stück immer noch in die kantine und setzt sich an ihren tisch, der mit dem „technik“- schild drauf. sie ißt ein mett- oder schmalzbrötchen und trinkt eine apfelschorle, wir reden über das stück, der große konnte bei faust 2 nicht folgen, weil er das noch nicht gelesen hat. macht, geld, sex versteht man in den szenen aber auch ohne textkenntnis. wir sind alle begeistert, am ende des abends kommt der große, großartige christopher nell sogar noch herunter in die kantine, gekleidet wie ein gentleman, mit kamelmantel und hut, umarmt und begrüßt frau ziebarth und schüttelt sehr freundlich auch dem jungen und mir die hände. aww! er ist ein phantastischer mephistopheles, es ist sein stück. und er kann jodeln. unbedingt den hamlet mit ihm sehen, aber er ist grad in wien für den handke, sagt er, nur für den faust kurz in berlin. im märz wieder, gehen sie hin.

wahnsinnig müd für einen jahresanfang. wenig hoffnung, dass sich da was ändert. kopf nicht klar genug für mehr zeilen über den mephisto oder den janowski, das finde ich nicht so gut.

 

eins null

twoday

10 jahre hotelmama, wer hätte das gedacht. vielen dank fürs lesen und kommentieren und verlinken, für die freundschaft und für die drinks!

ein paar gute texte sind dabei, vielleicht kommen auch noch ein paar, ich bleib dran und mache einfach immer weiter. bloggen ist die perfekte form der öffentlicheit für solche wie mich.

neue kunst

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parkplatz direkt davor, schlange vorm einlass, an dem ein mann in einem papierstapel blättert und namen durchstreicht. ich bin über freunde da und hab keine einladung, wieso überhaupt eine vernissage mit einladung? kenn ich sonst nur von museen, nicht von orten mit verkaufsabsicht. ich nutze in alter, noch nicht verlernter technik die sekunde, als der einlasser kurz woandershin guckt und gehe durch. drinnen sehr, sehr voll, die in-crowd komplett da, sehr gut angezogen, ich bin erleichtert, das die schuhe von heike makatsch so aussehen wie meine, hätte aber einen abendmantel und komplette schminkatur wählen sollen, statt der uralten d&g- herbstjacke, aber wer ahnt denn so einen auflauf?

die eine junge frau, die aussieht wie ein schatten am abend, sehr schmal, mit ultradünnen beinen in sehr engen hosen, haare bis zur taille, magerer langer kiefer, riesenaugen, riesenmund, alles auf 12cm- schuhen, nicht sicher, aus welcher dimension sie stammt, sie bringt die reflexe durcheinander. essen hätte es gegeben, im letzten hof stand eine wurstbude oder sowas.

die kunst ist kunterbunt, die sachen sind teilweise sehr gut im markt, wollen aber nicht mit mir nach hause, bis auf ein oder zwei stücke. die stimmung ist brauselig, die besucher strömen hin und her, es sieht alles genauso aus wie im film bei highend-vernissagen, es sind nur etwas zuviele leute da. die halle ist riesengross, über 500m², die stilrichtungen sehr disparat.

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stohead
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katrin fridriks

es gibt einen kleinen schwerpunkt auf geometrischem und abstraktem, ein paar gegenständliche sachen, typ halber gezeichneter frauentorso mit konstruktivistischen dreiecken und kreisen und einem stuhl, oder ein großer realistischer affenoberkörper mit einer muschel in den händen, von kevin earl taylor, die lustige, aber nicht nur feinsinnige collage mit blättern, auf denen beim näherhingucken anderes zu sehen ist, nette deko für die liegeecke in einem dieser imaginierten designerlofts.

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jonathan yeo

paar sehr schöne objekte, einen plätschernden brunnenturm aus mülltonnenfragmenten, eine zerschnittene tür mit einem sehr eleganten dicken pinselhieb darüber (von clemens behr), diese axt unten, schöne klare ideen. die großformatigen bilder sind wohl auf die grossen wohnungen all der erfolgreichen szenetypen zugeschnitten, da verlieren die abstrakten bestimmt auch sofort dieses flimmernde beliebige, und hängen dann fest, über einem sofa. die lassen sich bestimmt ganz gut verkaufen, vorgenommen, mir die namen der künstler zu merken und sie in 5-8 jahren nochmal nachzulesen.

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jaybo

beim rausgehen kam uns im halbdunkel miranda july entgegen, gekleidet wie ein garçon der zwanziger, in knickerbockern. ihre ganze großartigkeit erfasst man sogar in sekunden, beim vorübergehen. die würde ich ja sofort nehmen, aber sie ist leider schon vergeben, an den film, den film, da gibt es kein zurück, ach ach.

 

horvath in comic sans

hinweg unter schneeregen auf dem fahrrad, kein eis immerhin, und ich behalte im kopf, dass ich in viertelstundennähe zu ein paar der großen deutschen bühnen lebe. wir sind müder und vom winter angenagter als neulich beim veiel und kommen noch ein  bisschen fast zu später. ich stehe irgendwann gysi im weg, ohne ihn im gegenlicht zu erkennen, erst später, als er in der selben reihe wie wir sitzt, immerhin fallen ein paar blicke (nur frauen verstehen das, oder, wie der strizzi im stück einmal sagt: „scheiss 50jährige“).

lustig war es eigentlich erst hinterher, nach dem stück in der schlange zum freibier, wo ich mit der freundin und anderen ein paar mal hin und her gewechselt bin, zwischen schönem regieeinfall und einziger, nicht tragfähiger idee, das liegt am thalheimer, der bühnenbild und text so reduziert hat, dass ich auch die figuren eingekocht und bisschen überzeichnet wahrnehme, ich muss mich nicht einfühlen in sie (thalheimer selber sieht das anders, ist aber bei mir nicht angekommen. wahrscheinlich bin ich dumm), sie reden und bewegen sich wie im comic, mit ausrufezeichen. ich mag, wie sie sich bewegen,   wie in kleinen gifs tanzt, zappelt und windet sich jede anders, parodiert dabei sich selber, das gegenüber oder das, was gerade gesagt werden soll, während die marianne auf diesen gnadenlosen horvath-schienen in den untergang rauscht. das war ziemlich frisch und modern, als ob diese alten schicksale (frau verlässt blöden bräutigam, liebt einen taugenichts, kriegt ein kind, wird verlassen, muss nackttanzen, kind stirbt, muss am ende zum bräutigam zurück, absolut niemand hat mitleid mit ihr, selbst beim autor bin ich mir nicht sicher.) wie marionetten über die bühne bewegt werden müssten, mich hats bisschen an rtl erinnert, wo auch immer schicksale produziert werden mit immergleichen abläufen. die bühne war leer und dunkel, ein tisch mit stühlen, die kostüme 30erjahre, nur der metzger war extrem blutig, damit man sieht, wie extrem blutig seine und überhaupt die menschliche fantasie ist.

2 schönste momente: einmal will oskar eine bonbonschachtel schenken und kriegt sie nicht aus der jacke, ein tolles bild dafür, wie einer nicht aus seiner haut kann. und die großmutter, die der marianne den tod ihres kindes mitteilen will und dabei ins tanzen gerät, weil die häme gesiegt hat, erinnert mich an die eine wunderschöne szene im film elizabeth, wo ihr körper sich auf den krieg freut, ganz leise. die beiden szenen lohnen den abend. geärgert haben mich die dauernden ausrufezeichen in körper- und gesprochener sprache. ich bin doch nicht blöd!

der regisseur kommt gefühlt 10 mal auf die bühne beim schlussapplaus, seine schauspieler hat er dabei felsenfest im griff, die sehen nicht besonders glücklich aus, thalheimer guckt dabei kein einziges mal ins publikum.

ich mochte horvath bei marthaler lieber und thalheimer bei den webern.

das himbeerreich

wir sitzen in zweiten rang erste reihe und können gut sehen, das theater ist voll bis auf den letzten platz, der januar ist ideal für einen theaterhype, die platea ist voll mit männern, die aussehen wie peter handke und frauen, die aussehen wie wir, nicht mehr taufrisch, ordentlich lippenstift, aber nach wie vor voller liebe fürs theater. ich war auch ein bisserl hungrig auf das cozyschmozy theaterlicht, meine letzte premiere ist schon wieder ein paar wochen monate her.

veiel ist ein redlicher autor, er wirkt frei von allem, was nicht direkt mit dem text oder film zusammenhängt, veiel hat diese unglaublich absurden arbeitsansichten von modernen bankiers auf die bühne gebracht, problem war natürlich: die kannte man schon, wie sie nichts produzieren außer gewinnen, wie sie sich unglaublich ernst und wichtig nehmen und immer so tun, als hätten sie stress, leistung und gewinn erfunden, aber nee, das sollte glaub ich gar nicht dargestellt werden, sondern was? je nun. der zynismus wg. der milliarden hier und der armut dort, der irre galopp der investmentbanker, die gier und ein bisschen der sex, das system, das so riesig wirkt, die macht.

das geld blieb abstrakt, es wurde immer abstrakter im lauf des abends, ob jetzt mit 1 oder mit hundert miliarden gespielt wird, die summen sind nicht vorstellbar, wie einer auf der bühne sagte, „bis hundert oder vielleicht tausend ist unser gehirn in der lage, aber ab dann…“. diese bewegung mochte ich sehr, diese ablösung des geldmachens vom sinn,  ich konnte mich im lauf des abends über die summen gar nicht mehr aufregen,  geld schien als willkürliche übereinkunft leer und lebensfern, das mochte ich sehr und hab kurz versucht, mir die summe von 100 milliarden steinchen oder muscheln oder perlen vorzustellen, und wie solche geldmengen eben nur noch als zahl funktionieren. die figuren auf der bühne hätten auch über platinum reden können. war das jetzt regieabsicht oder nur ein persönlicher ausweg aus dem gezeigten wahnsinn?

ich mochte diese verschiebung, weil mir sicherer wurde, wir und unsere milliarden reellen zellen gegen die milliarden als, weiss auch nicht, binäre behauptung, aber den bühnenmenschen blieb natürlich gar nichts, wenn sie von ihrer geldgeilheit mal runterkommen, sie wurden immer dünner und leerer, keine entwicklung, kein drama außer dem gesetzten, keines, das auf der bühne stattfand.

gern gesehen hätte ich eine absurdisierung bestimmter anlageformen („produkte“), die, wie einer auf der bühne sagte „kein mensch mehr durchschaut“, es ist mir nur noch sprachlich nachvollziehbar, wer da auf wen wettet, ein trockenes grammatikgerüst. dieses absurde hätte ich gerne gesehen, entweder als entwicklung oder als zustand, aber dazu müsste man den kram ja auch wieder ernstnehmen. das kann nicht gesund sein. pollesch hätte das anders inszeniert, aber veiel wollte bestimmt nicht, dass wir angerührt und mit diesem leicht nagenden glücksgefühl nach hause gehen, mit dem polleschen aufruhr, der mich immer ein paar tage offen hält.

nachher auf der premierenfeier fehlte den zuschauern das theatralische, veiel hat die interviews eben nachsprechen lassen. als dokumentartheater hatte es dann aber wieder zuwenig tiefe. es gab ein paar als chor aus dem off vorgetragene kindheitserinnerungn der banker, mit armut, nazis, gewalt glaube ich zu erinnern, als chor ebenso wenig verändernd und veränderbar, das stimmt als regieansatz alles, biodetails als kleine postkarten bei der einrichtung dieser bombenegos, die unser geld bewegen, aber und, frag ich mich dann. man hörte gier, zynismus  und ich hab mir die abläufe des crash gerne nochmal angehört, aber natürlich nicht mehr davon verstanden als damals, also wirklich menschlich verstanden.

schönste szene: als diese stuttgarter schauspielerin sich matthes aus den schoss setzt, und er ihr auf den hintern klatscht, in einer geste, die so hilflos wie herabwürdigend wie verzweifelt ist, andrerseits auch wieder zwischen schrecklich und gääähn, dass der einzige kontakt zwischen der karrierefrau und den karrieremännern einer der wechselseitigen ausbeutung ist. das bühnenbild mochte ich auch, es sah aus wie das innere eines bankschließfaches, die aufzüge fuhren nur nach oben (die protagonisten berichten bei ihrem untergang), kein versteck, keine einrichtung, nur funktion.

strassenecke

„was schaut ihr denn da, kinder?“
„eigentlich etwas relativ dummes.“
der fortschritt ist die akzeptanz; ich gehe aus und bin nicht da, um vorzulesen, noch was zu wissen, lichtaus durchzusetzen, alle wissen, dass sie heimlich tv gucken werden, weil mir die energie fehlt, um die fernbedienung ins auto, den schlüssel in den briefkasten zu packen, oder in den tiefkühler, oder unter die blumenkästen. man muss es klar sagen: der kulturhunger der mutter ermöglicht den kindern kulturlosigkeit, auf perfekte weise, weil sie es im geheimen tun können. ich habe ihnen gesagt, wenn sie erben wollten, müssen sie vorher alle meine bücher lesen. „okay“ sagt gregor.

strassenecke„: die ersten seiten erinnern mich an die, die ich war, als ich jahnn gelesen habe, ich finde das sofort wieder in mir, es ist alles da („Alle Menschen denken einmal im Morgengrau zwischen Schlaf und und Wachen oder zufällig in einer dünnen Stunde bei einem Glas Absinth oder als sie sich entkleiden, das Hemd von der Haut abheben oder als die Strassenbahn in den Schienen knirscht, sie denken an sich wie der Geist an sie gedacht, als er sie bildete. Durch sie hindurch und in sich hinein. Und die Gedanken sind dolchartige Eisen […]“ und so weiter, dann übermannt ihn der expressionismus, bin hin zum „fettes spratzendes Höllenfeuer“ und solche dinge, dieses hemmungslose sich-ernst-nehmen, das man heute in literarischen texten nur noch mit dem autoren-ich und seinen wahrnehmungen tut und nicht mehr mit der gesamten welt.)

das stück sei nicht erzählt worden, lese ich in der kritik einer aufführung von 1994, das jugendtheater (wusste ich nicht vorher, ich hab „P14“ nicht wahrgenommen in der ankündigung, sie hätten aber auch einfach „jugendtheater“ hinschreiben können, die hanseln) hier tut das auch überhaupt nicht, leider, einigen schauspielern hätte ich ein bisschen mehr schauspiel schon zugetraut. der abend war interessant zumindest, volksbühne dritter stock, ein vollkommen leerer raum (bühnenbild bert neumann, der hatte wohl keine zeit) mit je drei stuhlreihen an den schmalen enden, die kids sind großartig textsicher, laufen herum und haben die beiden verwendeten darstellerischen möglichkeiten spielend im griff: monotones bisschen zu schnelles vortragen ohne körperbeteiligung und hemmungsloses brüllen, beides fordert zuschauer mit extrem guten ohren und zenmässiger konzentrationsfähigkeit, weil der text so unzeitgemäß dicht und gewaltig ist, auch die handungsverläufe sind sehr vielfädrig. am ende öffnen sie die 4 fenster des raumes, zum theatervorplatz hin, und machen das licht aus, es leuchten nur noch die lampen von draussen, auch die gehen irgendwann aus, niemand spricht noch, man sitzt im dunkeln, friert und hat keine ahnung, ob sie durch sind mit dem text. das publikum sass am ende sehr gutwillig minutenlang herum, bevor jemand mit dem beifall begonnen hat. ich mochte das, nur das restlicht von der stadt im raum, theater und stadt beide dabei, plus das magische eines unbespielten theaterraumes. wie ein schlafzimmer, das stück schläft wieder, denkt man so ein bisschen verträumt und guckt aus dem fenster in den berliner nachthimmel.

ich konnte mich trotz guter absichten (hh jahnn!) nicht immer auf den text konzentrieren und habe nicht verstanden, warum die regisseurin das so inszeniert hat. oder haben die kids das alleine entschieden? ein paar sätze dazu auf dem programmzettel wären hilfreich gewesen. ich wollte nicht rausgehen bei so jungen leuten, einer war noch vorm stimmbruch, aber versucht war ich schon. die ganze jahnnsche sprachgewalt und meinungsdichte wurde wegmonologisiert – oder eben niedergebrüllt.

Boh„, sagt der italiener dazu. schnell nach hause radeln, hund lüften, die kinder ins bett schicken, „mama, wie spät ist es denn jetzt genau?“ „23:06“ „okay, dann schlaf ich jetzt.“

logistik. nächste woche würd ich zweimal theater wollen, einmal shakespeare-wilson-georgette, sollte man schon hingehen eigentlich, und einmal den ollen herrn jahnn in der volksbühne, der findet alle paar jahre eine seele, die ihn inszeniert, silvia rieger hat sogar den pastor ephraim magnus schon auf die bühne gebracht, ein stück mit liebe, inszest, religion und noch irgendwas, ja: und kannibalismus, übel expressionistisch. donnerstag und freitag. donnerstag hätt ich auch noch sport, aber ich habe nun so lange, jahrelang, keinen sport gemacht, da wird doch einmal mehr … die jungs wären dann zweimal hintereinander allein und werden theater hassen fernsehsüchtige monsterkinder, wenn sie groß sind.

samstag ist dann alles gut, da geh ich auf einen 50sten, bei einer fastbesten freundin, das ist kein wirkliches ausgehen, das ist eher ein hingehen. und am nächsten tag ist keine schule, ich kann vielleicht ein video aussuchen, äh mit tieren?

schweres leben in der großstadt.

ich könnte auch donnerstag zum sport und müsste mich dann am freitag nur zwischen den theatersachen entscheiden, die kommen da beide. den wilson streichen, der kommt bestimmt nochmal. der jahnn, der letzte ist 18 jahre her, das kann dauern. lieber wär mir die medea gewesen, wie sie ruft: „schlaf ist an dir in meiner gegenwart“, und jason wendet sich ab, der autor ist eh total vergessen, warum dann diese kleinen schlecht spielbaren sachen machen? es muss eine junge regisseurin sein, die ihn inszeniert. gibt es noch diese jugendlichen jahnn-phasen? sollte vielleicht doch lieber in den wilson gehen. andrerseits hängt das jahnn-ticket schon am kühlschrank.

basislager

zuerst kommt gar nichts. eine lange, lange weile hört man es rumsen von hinter der bühne, dann kommt klavier. in den ersten minuten fühlt es sich an wie eine yoga-übung, einatmen, ausatmen, sich langsam auf einen anderen taktgeber einlassen: marthaler.

sechs oder sieben szenen in grönland, alle in einem basislager, einer von viehbrocks vergessenen funktionsräumen, bisschen alte turnhalle, bisschen schulungsraum am stadtrand. ein schutzraum in grönland, naja, warum nicht, diese bühnenbilder sind wirklich nicht an orte gebunden, aber ich hätte mir mehr natur gewünscht irgendwie, mehr außen statt dem ewigen abgewohnten innen.

andrerseits entsteht das theater bei den beiden (marthaler/viehbrock) sowieso mehr im kopf als auf der bühne, man muss die augen gar nicht immer offen haben dabei.

es könnte mein eigenes basislager sein, so voller leiser stimmen, ein paar theorien und liedern auf grönländisch, mit einem overheadprojektor, der nach langer einrichtungszeit eine unklare silhouette in fischform zeigt.

die schauspieler kommen am anfang dick vermummt herein und entkleiden sich dann viele schichten lang, das hat mich auch berührt im solar plexus, ich habe eigentlich fast genausoviel an, wenn ich von draussen reinkomme.

lieblingsstelle, außer all den wunderschönen, stillen chören in fast jeder szene, als ob man sie nur im kopf hören würde, ein innerer hafen (leise und pärt-artig, ich habe nur wenige stücke erkannt) – war bettina stuckys sehr stimmhaftes aah auf einen vortrag über polare kosmogonie, den sie sich nach ihrer arie „es gibt kein bier auf hawai“ anhören musste.

oder die übersetzung eines gesellschaftlichen miteinanders ins gestische, wie die körper vom typischen – zum beispiel vorgeschobene frauenbeine auf highheels, lässige männerstehposen – ins parodistische geraten, quasi wider willen, und dabei die ganze zeit handys durch die gegend kicken, das war wild und lustig und ich habe mich voll wiedererkannt.

die leute hinter mir beim rausgehen meinten: das war ja der langweiligste marthaler-abend jemals. fand ich okay, weil man eine gewisse leise art von schönheit auch nicht mit jedem idioten teilen will.

ich will auch mal nach grönland.