davidzwilling

davidzwilling hat wieder gebrüllt. diesmal hat er mit kleinem lego ein raumschiff bauen wollen, welches aus physikalischen motiven, also absolut in stein und zeit gemeisselten unveränderbaren kausalitäten, nicht so halten konnte, wie er es bauen wollte. es fiel auseinander, notgedrungen, immer und immer wieder, das kind unerreichbar in seiner entschlossenheit, das es trotzdem halten soll. „soll ich dir helfen?“ „nein! geh weg!“ das ist derselbe zwillling, der ab und zu weint, weil er nicht sterben will, niemals. ich habe seine wut als eine art stellvertreterwut begriffen, auf die dinge, die er nicht ändern kann. ich finde die wut richtig. ich hätte wahnsinnig gerne mitgebrüllt, wegen dem leben, aber ich habe mich nicht getraut.

während der davidzwilling drüben brüllt, sehr sehr laut und in etwa wie angestochen, weil sein legodingens entzwei gegangen ist, und weiterbrüllt, wenn man ihm helfen will, seine brüder anbrüllt, dann geh ich einfach weg, schreib ein pastawartezeitposting, und lasse ihn brüllen, weil mir einfällt, dass er sehr aufgeregt war vorm hockey heute, und das hockey ist jetzt vorbei, und alle haben ihn wiedererkannt und wussten seinen namen noch, und er hat bis zuletzt beim aufräumen geholfen, und ist wie eine kleine flummikugel durch die halle geschossen, von innen bestrahlt wie ein früher weihnachtsbaum, da muss man vielleicht ein weilchen brüllen erstmal.

deadline

deadline ist übrigends großartig.

bisschen schiss gehabt vor der lektüre, weil ich den bov gern habe, aber das schnell wieder vergessen beim lesen, auch weil das lesen schon erstmal volle konzentration erfordert hat. nach ein paar seiten entspannt: bov sagt alles! und es ist gar kein buch über die sprache im technischen zeitalter, sondern natürlich eins über das leben, und dieses gefühl, dass manchmal sprache und kommunikation so eine lebensersatz-dichte bekommen können, das kenne ich auch, als eigentlich tröstende erfahrung.

stellen sie sich den alltag vor, der ist dicht, und dann sich im alltag, also als subjekt, dessen geschichte notwendig über das hier und heute hinausgeht, natürlich setzt sich die geschichte dann ab, wo sie eben kann, in gegenständen (grabsteinen, super) wie staub, sodass am ende eigentlich alles geschichte hat, die mit gefühlen und bedeutungen nicht geizt. nur darin ist das buch ähnlich wie das internet, es steht alles drin, aber bov hat netterweise eine auswahl getroffen.

die beiden gesellen nebeneinander, gegenwart und vorgeschichte, weg und ziel, der weg natürlich nur noch privat, das jetzt mehr als die summe, und wie das gegenwärtige immer siegen will, stärker und sicherer als die ganzen blöden vorgeschichten, die familien, und so viel zahlreicher und vielseitiger, und wie dann trotzdem die alten geschichten sehr lebendig und schmerzhaft ans licht kommen, (bei bov in superschönen kleinen hellen sätzen, in denen die ebenen sich verbinden dürfen, beide in frieden, sprache und welt, da steckt das auktoriale ego drin, dachte ich, aber hey, who am i) obwohl man sie, wie die icherzählerin, lieber komplett ergooglen würde.

buch macht bisschen traurig, weil ich nachher echt tagelang das gefühl hatte, alles sei flucht (im s.v. alles ist eitel), also der auch sprachschatz und der wissenspool dienten nur der flucht, und man dann erst einen kuchen backen muss, um die welt der alternativen nicht zu laut werden zu lassen.

mit gesumm

der vater, der mir immer dieses spontane ja, oho, achje – gefühl verursacht, wenn ich ihm auf dem schulweg begegne, und der nach einem kleinen und total überraschendem flirt über schokoladenvorlieben an der supermarktkasse mich gar nicht mehr ansieht, sogar durch mein grüßen hindurchguckt, als wäre jede geste zuviel, jedes lächeln befrachtet mit dingen, die man dem lächeln nicht ansehen kann. manchmal paranoide sorge, dass mein single-dasein mir in riesigen warnbuchstaben irgendwo dranklebt, wo ich es nicht sehen kann. oder es ist bloss der normale restringierte code bei hiesigen gesellschaftlichen kontakten, die angst vor assoziativem, vor möglichkeiten und bildern, die nicht feststehen, die nichts bedeuten, das soziale kein klangteppich mit dichtem feingewebtem flor, mit farben, figuren und mit einem haufen reiner freude vor allem, sondern eine hängebrücke mit abgrund li und re. immer nur von haustür zu haustür, keine fehltritte, ach daher tragen die alle immer turnschuhe! hey, was weiß denn ich. bin etwas gelangweilt.

blätter

seit einer woche liegt auf meinem esstisch ein großer dicker bücherstapel, von gregorzwilling dort deponiert, bewegen verboten, er sollte nämlich „blätter pressen“ für die wände seiner klasse. gestern abend will er die blätter in die schultasche umpacken, aber sie sind verschwunden, ins nichts, kein blatt weit und breit. große dicke tränen bei gregor, kummer bei mir, langes durchforsten aller umliegenden dicken bücher, ich überlege schnelles diskretes blattholen vom platz, da steht eine wunderschöne rote eberesche, und man kann sie ja notfalls trockenfönen, oder? was waren das denn für blätter, frage ich, völlig ratlos ob ihres verschwindens, ganze oder stückchen, große oder kleine? „ganz normale“ sagt das kind, noch immer unter tränen und sehr traurig, „so rechteckige. aus deinem drucker.“

war die lehrerin wohl nicht deutlich genug.

nachlassen des drucks, entspannung, eigentlich gehts doch gut. das hier und jetzt ist ja mehr als nur eine alternative. wünschenswert wäre eine leichtgängigere verschiebung vom sein aufs haben, es ist immer wieder ein echtes bergaufgefühl dabei, das muss doch nicht sein.

als erstes kauf einer echten superwasserdichten winterjacke für die winterlichen hundespaziergänge! teuer! mit napoleontasche, wobei es eventuell schon nur dadurch zu spät sein könnte, dass man solche wörter kennt.

lamentela

also, der TANGO, wie konnte ich nur ohne? wißt ihr, was man alles tanzen kann, sicher in der musik und in armen, und dann den rücken heben in den freiraum hinein, ein ganz klein wenig, eigentlich nur in gedanken, aber der mann bekommt es mit und gibt mich frei in diese kleine mitte, immer ein volt vor dem takt, ta-ta-ta-ta läuft man übers parkett, die ganzen vielen schritte werden geradeaus hineingetanzt in die milonga, lauter glatte schnörkel, oder auch spöttische, du willst uns schnell, milonga, morgens um 3? ha, da hält mich die hand im rücken, ein lachen, paar synkopen ganz still stehen, in spannung und mit heißem atem, die einspielung unterlaufen, aber nur kurz, obwohl ich immer gar nicht weiß, ab wo es schritte sind, also nicht mehr hand oder rücken oder so, der übergang intention in bewegung ist ein nervending der körper untereinand.

atmen und gehen, mehr ist das nicht mit dem tango, der ist eine sprache eben, und man kann sie tanzen, der mann wiegt seine arme manchmal ganz ein bisschen, das ist ein metawiegen, ein kommentar, und und genialerweise kann man die augen zumachen dabei.

sie tanzen anders heute, sagt mein tänzer, den ich auch seit 7 jahren nicht gesehen habe, schau sie dir an, sie schwitzen, es ist immer noch ein dritter dabei, ein zuschauer, und richtig fliegen die beine der damen hoch um ihre knie herum, es sieht aus wie der bewegungswirbel im comic, das mag ich nicht mehr so, sagt er, ich will die frau spüren beim tanzen, und das ist natürlich auch scharmant, weil das gewirbel, also das krieg ich nun wirklich nicht hin so aus dem nichts.

(die begeisterung noch tatsächlich aufgeschrieben und nicht nur gedacht, jetzt grad nur das betrunkene rausgestrichen, aber es ist natürlich wie jeder gute zustand eine ja/nein-geschichte, schwörst beschreibbar. man steckt in einer ganz mühelosen dynamik, die einen musikalischen Raum durchmessen kann, wortwörtlich, mit schritten, und ihn dabei vollkommen erfasst. das ist, wie man sich vielleicht vorstellen kann, eigentlich ist das glück.)