sommer 1987

ich war verliebt und es war schön. der mann hieß f., ich weiß nicht mehr, wie wir zusammenkamen, weiß nicht mal mehr genau, wie lang wir zusammenwaren. ich wohnte damals als letzte mieterin in einem hinterhaus in der wrangelstr., alle anderen waren schon ausgezogen, das haus sollte renoviert oder abgerissen werden, irgendsowas. es war sommer, im winter würde ich ausziehen, denn die heizung ging schon nicht mehr. ich hatte wenig geld und einen heißhunger auf diese rosane fleischwurst aus dem supermarkt, mit muskatnuss drüber gerieben, aß das täglich, konnte gar nicht glauben, dass mir etwas so leckeres noch nicht früher eingefallen war, oder dass nicht jeder dauernd fleischwurst mit muskat haben wollte, erdbeeren waren der andere glücksbringer, ich glaube, noch nicht bei den karls-hütten, erinnere mich aber null daran, wo ich überhaupt eingekauft habe damals, außer bei bolle natürlich. bioläden gab es auch noch nicht.

ich war noch nicht lange wieder in berlin (bin hier geboren und mit 5 weggezogen) und hab auf der suche nach ärzten bei den unikliniken angefangen, hab mich bei einem arzt in der pulsklinik vorgestellt, weil es für diabetikerinnen schwierig ist, eine gute verhütung zu finden. meine periode war unregelmäßig, meistens viel zu oft, ich war genervt, alle 3 wochen ging es los, dann mal ein paar wochen gar nicht, ich wollte eine pille, weil ich damit die meisten probleme los werden würde. der arzt klärte mich auf, dass die pille bei typ einsern nicht ratsam sei, das würde er nicht machen, er sagt mir, ich würde sowieso nicht schwanger werden können mit meinem kurzen zyklus, ich sollte mich wieder melden, wenn ich ein kind wolle, weil dann müsste man was machen. okay, dachte ich, war erleichtert und dachte nicht mehr weiter drüber nach, wurde erst mißtrauisch, als neben der muskatwurst auch der gedanke an saure gurken einen heißhungerreflex auslöste.

ich suchte mir eine frauenärztin in neukölln, stellte mich vor und ließ mich testen. bingo! noch in den ersten 12 wochen, was ich denn tun wolle, fragte sie, mit dem diabetes sei es ja nicht so einfach. ich hatte ein paar jahre vorher von einer ärztin gehört, ich solle lieber keine kinder bekommen, weil „was sollen ihre kinder mit einer blinden mutter?“, hatte diesen satz betrauert und beschlossen, mich nicht danach zu richten. trotzdem wollte ich mit 22 kein kind. der mann, der eigentlich, wie mir ein freund mitgeteilt hatte, total gegen abtreibungen war, wollte auch kein kind, oder keins mit mir, zumindest nicht dieses kind. die ärztin schickte mich ins krankenhaus neukölln, ich weiß gar nicht mehr, ob ich vorher eine beratung hatte oder nicht, es war aber kein aufwand. das einzig wirklich unangenehme am eingriff war der arzt, der mit ein paar studenten, alle in meinem alter, in den raum kam, als ich schon auf dem stuhl lag, und fragte, ob ein paar praktikanten dabei sein könnten. ich habe nicht nein gesagt, weil ich dazu nicht in der lage war, ich war halt aufgeregt, fühlte mich aber extrem scheiße dabei. die pumpe musste ich abnehmen, hatte sehr hohe werte danach, die keinen weiter gekümmert haben. nach ein oder zwei tagen war ich wieder zu hause. ach ja, eine frau neben mir im zimmer, die einen teilweisen abbruch hatte, wo das kind nicht ganz geboren war, sehr grausam, die weinte und litt. f. kam mich besuchen, die beziehung ging ich glaube in den monaten danach auseinander, nicht wegen dem abbruch, es war einfach vorbei. der f. hat in den jahren danach noch drei kinder bekommen, sogar ein viertes, ungeplantes, das hat er mir erzählt, als ich in vor ein paar jahren mal in meinem kiez getroffen habe. wir haben glaube ich nicht mehr drüber geredet, aber hatten auch kein bedürfnis danach, ich erinnere es aber nicht mehr. es war jedenfalls eine klare entscheidung. ich denke manchmal an das kind und zähle es dazu, im stillsten kämmerlein bin ich eine frau mit 4 kindern.

als ich 2000 mit den zwillingen schwanger wurde, hatte ich riesige angst vor der schwangerschaft. die erste mit dem großen war sehr schwierig, ich bin andauernd unterzuckert, musste einen hba1c von 5 halten aus sorge vor schäden beim kind, bin umgekippt und ein paarmal im krankenhaus aufgewacht, große angst davor, dass der große schäden davontragen würde. es gab noch kein cgm, ich habe andauernd getestet, hatte eine wunderbare betreuung, auch in der pulsklinik, bei einem großartigen arzt, dr. rott, der immer genau das richtige getan und gesagt hat.

der große war anderthalb, als ich wieder schwanger wurde, es ging ihm gut, aber. meine frauenärztin (eine neue im neuen kiez) hat mir gesagt, es sei eine hochrisikoschwangerschaft, wie die erste, aber vermutlich nicht schlimmer. ich könne die schwangerschaft auch beenden, wenn ich angst hätte, ich würde sicher schnell wieder schwanger werden. ich bin dann mit dem mann zu einer beratung gefahren, das war pflicht, ich glaube, es war eine diakonische, und habe dort mit einer frau gesprochen, ich erinnere mich leider nicht an das gespräch. es lag nicht am gespräch, dass ich die kinder behalten habe, aber die totale entscheidungsfreiheit, die mir und dem mann gegeben wurde, hat mir diesen weg möglich gemacht. ich schreibe „und dem mann“, weil er dabei war die ganze zeit, aber es war zuallererst meine entscheidung, ich wäre ernsthaft gar nicht auf die idee gekommen, dass es irgendjemanden außer mir selber etwas angehen könnte. wenn der vater die kinder gewollt hätte, ich aber nicht, hätte ich mich überzeugen lassen? ich weiß nicht, was passiert wäre. das ist auch so eine sache, die frau erleben muss, mit einem kind im bauch ist alles anders, alte überzeugungen sind nicht mehr relevant, es liegen plötzlich ganz neue, unbekannte karten auf dem tisch. es verändert alles, grundlegend.

nach dem gespräch wurde es sehr schnell sehr klar, dass ein abbruch nicht in frage kommt. zwei gesunde embryos abtreiben, nur weil ich lieber nur eins hätte, mir nur eins zutraue, das war undenkbar. es waren ja wunschkinder, zwei für den preis von einem, aber ich brauchte die freiheit, die mir meine ärztin gegeben hat, ich musste auch zu dieser selbstverständlichkeit selber hinfinden. sie war nicht gegeben, sie ist nicht da, wenn es dein leben, dein körper, deine gesundheit ist, dann muss es dein ganz eigener weg zu einer entscheidung sein, dann ist selbst der moralisch eindeutig richtige weg nicht sofort zugänglich. ich bin der ärztin bis heute dankbar.

die zwillingsschwangerschaft war dann vollkommen problemlos, stabilerer blutzucker, keine schweren hypos, alles easy, ich war ein entspanntes raumschiff und habe es genossen. als hätte der körper sich inzwischen dran gewöhnt.

die neuköllner ärztin habe ich in den 2000ern noch mal beim tango getroffen, als ältere dame, im estudio sudamerica in der brunnenstrasse. ich habe sie begrüßt, mich vorgestellt, ihr von meinen kindern erzählt und mich für die unkomplizierte hilfe bedankt, die ich damals von ihr bekam. sie hat sich erinnert, und hat sich gefreut.

der staat hat bei keiner entscheidung, bei keinem dieser wege zum kind und gegen das kind irgendeine rolle gespielt. warum auch? es geht ihn nichts an. ich wäre gar nicht auf die idee gekommen, es könne ihn etwas angehen, nichts ist mir näher als mein körper, meine geschichte, meine persönlichkeit. mein kind, schon der vater ist weiter entfernt. es macht mich wirklich wütend, wie in den usa der staat diese zutiefst privaten entscheidungen übernimmt, er mischt sich ja nicht nur ein, er übernimmt sie vollkommen, über das leben von frauen und kindern, und männern ja auch. das ist zutiefst missbräuchlich und übergriffig.

24. april 2022

der unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten cello ist wirklich überraschend. beim ersten höre ich die suite und mag die wärme und den klang des instruments, freue mich über die melodie. beim zweiten ist sofort alles anders, jeder ton ist klarer, genauer, hat mehr tiefe und raum, ist viel komplexer, dabei ganz leicht und fein, eine ganze dimension kommt dazu, das instrument hat eine eigene stimme, die alles zusammenhält, sich nicht aufdrängt, aber ich höre sie und habe respekt. dieses gefühl werde ich nicht mehr vergessen. alles stimmt, alles fügt sich, so soll es sich auch im leben anfühlen, wenn etwas wirklich gut ist, ein klares erkennen (das ist es).

bin grad erkältet, habe bei andauernd negativem schnelltest absurd hohe blutzuckerwerte, brauche fast dreimal soviel insulin wie sonst. das passiert eigentlich nie. das fatale hinterhersein bei stoffwechsellagen. frust, weil es auch mit den tollen systemen nicht besser wird, es geht halt mit meinem körper nicht. meine ärztin ist da stellvertretend für die medizin bei all meinen fragen oder vermutungen nur so „ja, das kann natürlich mal sein“, liefert immer nur freundliche antiklimax. vielleicht komme ich langsam ins leibärztïn-alter (das gendern liest sich hier aber doch verwirrend, ich sehs ja ein) und brauche jemanden, der alle meine werte, vitamine, hormonlagen in beziehung zum diabetes kann und zu allem eine idee hat, wie das internet.

balkon in betrieb genommen beim fertiglesen des lesegruppen-buches, anything is possible von elizabeth strout, sehr besonders. immer wieder bücher, auf die ich nie gekommen wäre, das ist mit das schönste an diesen treffen, wobei ich ehrlich gesagt immer noch kaum lese. ob die lesezeit vorbei ist? wie ist das passiert? ich habe keine disziplin und heutzutage bräuchte ich welche, gegen netflix und co., früher war das lesen der einzige ausweg.

zwischendrin behaglichkeit wg dem ´job, der so sinnvoll ist, dem regelmässigen lohn, dem alltag mit seiner struktur. wie ich morgens früh mit emma die erste runde drehe, auf dem heimweg vom job beim rewe einkaufe, dafür eine schöne radtasche gekauft habe, am samstag putze, abends erschöpft bin. dann fällt mir der krieg wieder ein, dauernd, ist das normal?

die zwillis sind 21 geworden, bis jetzt sind diese 21 jahre viel länger bei ihnen als bei mir. die kids haben mich beweglich gehalten, dafür musste ich gar nichts tun und habe mich daran gewöhnt, aber ich war natürlich jung. trotzdem nehme ich meine nachlassende kraft bis jetzt als persönliches manko wahr, nicht als normale alterserscheinung. neulich einem älteren elternteil gesagt, 60 sei das neue 40, aber das ist natürlich blödsinn, das altern beginnt unabänderlich mit anfang 50, vorher sind es eher nuancen, danach wird alles graduell immer nur schwieriger. also vom körper wegdenken, im kopf beweglich bleiben, mich an erfahrung und selbsterkenntnis und whatnot freuen, geht alles, aber als frau gibt es einfach eine dramatische zusatzdimension, grade als single. ich hab mich dran gewöhnt, im spiegel sehe ich mein altern noch nicht so, ich habe auch okaye gene, nur wenn ich gelegentlich bei heller sonne aus der nähe im handybildschirm gespiegelt werde: senkrechte falten an den lippen, wtf., und die vielen feinen linien, trotz hohem lichtschutzfaktor in den letzten jahren. es ist ein fortdauernder prozess, es wird nicht wieder weggehen, das stört mich gar nicht so, aber bis jetzt ist es auch noch ein akt der entfremdung, weil das selbstbild langsamer altert, oder anders, eben kumulativ und nicht destruktiv. jedes bild mit falten ist ein weiteres in der langen reihe aus eigen- und fremdwahrnehmungen, mit und ohne foto, und irgendwann sind es dann mehr alte als junge. wie schnell die zeit wirklich vergeht, sehe ich am hellgrauen haaransatz an den schläfen, der andauernd wieder da ist, dabei hab ich doch grade noch … keine ahnung, ob mein haar ohne nachfärben ganz oder nur teilweise grau wäre, auf den gefühlt intensiven verjüngungseffekt mag ich noch nicht verzichten. erwarte dann schockaltern ab 60 oder 65 oder so, aber die grenze wird sich bestimmt weiter magisch nach hinten verschieben, wenn ich, wenn wir dann noch da sind.

meine mutter, mit 87, über ihre freundin, 85: die ist viel jünger als ich.

(ich-sattes laber-rhabarbern, bitte um vergebung. im kopf durch den krieg so einen grundton von alles ist eitel, dann plappere ich eben ein wenig.)

somatismen

mitten in der woche nach greifswald gefahren, zu einer theaterpremiere. die freundin hat irreparabel inszeniert, ein stück von sergej gößner fürs junge theater, mit zwei großartigen schauspielern, hauke petersen und philipp staschull. zwei teenager mit behinderung, einer nach unfall, der andere nach ms, und wie sie sich begegnen, der eine schon seit jahren krank, der andere in der ersten phase nach dem unfall. wild, schnell, dabei charmant und zart, es gab keine phrasen, keine betulichkeit, die beiden jungen schauspieler ganz traumwandlerisch in ihren nuancen. ein schnelles stück, in dem viel passiert. superbühnenbild, mit traumwolken, die von den akteuren heruntergeholt werden, von yvonne marcour. danach premierenfeier, ohne publikum, in meckpomm gilt ja noch corona. die bühnenbildnerin trug ein schwarzes oberteil im stil der boss-bluse, von der neulich mal die rede war, aber mit weniger falten und halblangen armen, sehr elegant und viel frischer im stil als das teil von boss. seitdem denke ich darüber nach, mal wieder mehr auf meine optik zu achten.

(a propos, heute brief von der krankenkasse, „Aus einer der letzten Dokumentationen ihrer Arztpraxis geht hervor, dass das Thema Schädigung der Augen für sie interessant sein könnte.“ – hatte überweisung zur jährlichen untersuchung mitgenommen. diese sendungen scheinen wie eine art spam zu funktionieren, ich wette, da hat kein mensch drübergelesen.)

am nächsten tag mit dem auto der freundin ans meer gefahren, herumgelaufen, versucht, da total im jetzt zu sein, das kann ich ganz gut inzwischen. es hat geregnet, luft und wasser, der weite blick zum horizont, ich war 60 minuten da und es fühlte sich an wie ein halber tag. der blick aufs meer führt zu ruheinseln in meinen schläfen, als hätte ich die augen geschlossen dabei, so eine stille und leere, eine entspannung, die sonst nur im schlaf gelingt.

in der bibliothek der freundin herumgeguckt, ein buch zur körpersprache gefunden (ich glaube, dieses), dort erst die bewegungsmuster von kleinkindern nachgelesen, dann berichte von therapeutInnen über ihre klienten. sehr faszinierend alles. vielleicht ist die stille meines körpers ein symptom und nicht einfach eine phase, der rückzug aus bedürfnissen. dinge, in denen ich gern besser wäre, haben ja alle einen anker im körperlichen. ich spiele fast keine gitarre mehr, ist ja auch ein mangel des körpers, der aufstehen sollte, die gitarre nehmen, sich wieder hinsetzen, zu spielen beginnen könnte, weil es wohltuend ist. oder zu tanzen beginnt, oder klimmzüge übt. wie aktivierend bewegung ist, merke ich ja durch das fahrradfahren und herumlaufen und allgemein das viele hin- und her im berufsalltag. die kiste mit prokrastiniertem mal vom körper her denken, und nicht von der psyche. ich hatte so ein ping! im bewusstsein dabei. irgendwas ist da. interessant.

nehme meinen körper meistens über den diabetes wahr, der andauernde und häufig frustrierende beschäftigung einfordert, es gibt gründe dafür, wenn es wieder mal nicht gut läuft, seit fast 2 jahren die wechseljahre, usw. usw., und jede idee hilft immer nur einen moment. ein instrument lernen wäre bewegung, entwicklung, ein weiter wurf, ein einsatz, aus dem etwas entstehen soll. das traue ich mir und meinem körper gar nicht mehr zu. vielleicht sollte ich wirklich wieder üben.

auf der rückfahrt waren ukrainerinnen im zugabteil, wollte ihnen irgendwie ein zeichen der unterstützung geben, aber kam mir dann blöd vor. einmal gingen zwei sicherheitsleute mit einer uniform und warnwesten durch den zug, große, breite junge männer, und haben leute irgendwas gefragt, weiß nicht was es war, vielleicht ging es um die impfausweise? da haben sie sich kleiner gemacht, weggesehen, vielleicht hab ich mir das aber auch eingebildet. bei der kartenkontrolle haben sie dem schaffner ihre pässe gezeigt, er sagte: das geht in ordnung

4. märz 22

heute frei, ich mache übers lange wochenende einen kurzbesuch beim großen in trier, also eigentlich ist es, was besuche bei kindern angeht, schon ein langbesuch, aber ich habe mich wo eingemietet und bleibe nicht in der wg vom sohn. er will mich vom zug abholen, was mich rührt. jetzt froh, dass ich erst nach 10 uhr fahre, die letzten tage waren richtig anstrengend, ich konnte gestern nicht mehr packen und habe jetzt zeit dafür.

grade gelesen, dass am hauptbahnhof eine große menge an freiwilligen helfern die flüchtlinge empfängt, die dort rund um die uhr ankommen, genau wie 2015. besonders die früh- und nachtschichten können wohl laut einem twitterer (nicht mehr gefunden leider) noch unterstützung gebrauchen. benötigt werden übersetzerInnen, gutscheine für drogerien und supermärkte, geladene powerbanks, und natürlich unterkünfte. der g.-zwilling will mit kumpels vor oder nach dem clubbesuch hingehen, in berlin öffnen sie dieses wochenende wieder.

die kriegsängste sind nicht mehr nur diffus, ich verdränge sie bewusst. gestern wurde ein atomkraftwerk beschossen, also da gibt es keine grenzen mehr. ich habe insulin für ein paar monate im haus (brauche sehr wenig, das heißt also nicht so viel) und ein paar vorräte. wird die welt dieses wochenende untergehen oder erst ein bisschen später? ich tippe auf später und nehme nicht alles mit. was für finstere zeiten. außerdem macht mir der hund sorgen und ich freue ich mich auf die zugfahrt und die freien tage. ich fühle mich wie ein kaleidoskop, mit lauter nicht zusammenhängenden mustern.

kw 4-5/22

immer noch ärgere ich mich über die höchste betriebskostennachzahlung meines lebens, ausschließlich für wasser, das in berlin besonders teuer ist. vor zwei jahren wurden in die wohnungen des hauses wasserzähler eingebaut, vorher haben wir das irgendwie pauschal bezahlt. jetzt musste ich für 3 personen 800€ wasser nachzahlen, was mir immer noch unfassbar viel vorkommt. in berlin kostet der kubikmeter inclusive abwasser und aufbereitung und regenwasser ca. 5€ pro m3, fast doppelt soviel wie in anderen bundesländern. in zukunft werden die energiepreise einen immer höheren anteil an den lebenskosten haben, da muss ich mich irgendwie drauf einstellen, ich jedenfalls werde nur noch duschen.

im lesekreis großartiges buch gelesen, girl, woman, other von bernardine evaristo. 12 frauen, erzählt über die verbindungen, kontakte und beziehungen, die sie miteinander haben, über generationen und länder, auch über konflikte und krisen hinweg. die nähe zwischen müttern und töchtern hält viele dieser geschichten zusammen, das hat mich dann fast aufgeregt, weil es zu schön ist, sind doch heutzutage viele mutter-tochter-bindungen eher durch entfremdung und desinteresse gekennzeichnet. bei evaristo sind alle diese tollen frauen irgendwie vernetzt, wissen voneinander, so wie wir von unseren freundinnen wissen, was sie machen, mit wem sie zusammen sind, wieviele kinder sie haben und so weiter. ich habe wesentlich mehr freundinnen als freunde, muss mal nachdenken, wann sich das so entwickelt hat.

habe zu spät mit dem lesen angefangen, wie immer, aber bin dann so durch die 500 seiten durchgeflogen, mühelos. sehr besonderes buch.

eine geschichte beendet, die mich durch die letzten monate begleitet hat. es fühlte sich nicht mehr richtig an, wenn ich alleine war, war er weg, es war zuwenig für die nähe, die dann ja doch teil des geschichtendingens ist. liegt vielleicht auch am onlinedaten, wo die gefühle ja nicht voraussetzung des treffens sind, sondern im besten fall daraus entstehen. aber nach wieviel zeit? tagen, wochen, monaten? ich habe mein herz aus den augen verloren dabei, das hat sich zurückgezogen und einfach nichts mehr gesagt, nicht ja und eben auch nicht nein.

viel in meiner wohnung, schon wg corona, aber auch, weil ich nach dem job nicht mehr viel machen möchte. angenehme selbstgenügsamkeit entwickelt, auch wenn sich dabei ein bisschen alles nur noch im kreis ums bekannte dreht. halt, nee, das liegt am tiefen winter, am dunklen februar, an den ewigen nasskalten paargradfuffzig, die hier den tag füllen, und dann der großen, alles haltenden, alles still machenden dunkelheit, die immer noch den halben nachmittag vertilgt. blabla. winter total satt habe ich.

in den letzten monaten eher unabsichtlich meine ernährung auf kohlehydratarm umgestellt, weil ich trotz tollster algorhythmen meine postprandialen berg- und talfahrten nicht in den griff bekommen habe. die habe ich natürlich trotzdem noch, weil ich immer mal wieder so einen heisshunger auf eine gute butterstulle bekomme, aber eben nicht mehr täglich. seitdem fast 5kg abgenommen, fast beängstigend, aber ich fahre jetzt auch täglich mit dem rad zur arbeit und laufe dort 4-6000 schritte am tag, das kommt ja noch dazu. jetzt bisschen sorge, dass ich zur ziege mutiere, die polster überall sind ja weichzeichner im alter.

gestern einen totalen freudeflash gehabt, als an einer ampel plötzlich der d.-zwilling im auto neben meinem saß, sehr unmittelbar und überwältigend. das war wirklich schön.

26. april 21

wg. diabetes bei meiner hausärztin, im warteraum nur 3 leute, wie bei der impfung. während der 10 minuten, die ich dort warte, kam ein mensch ohne termin und wollte sich einfach mal anmelden, um eine hausärztin zu haben. wenn nichts anliegt, könne er sich auf eine warteliste setzen lassen, es kann aber september werden, meinte die ärztin. vielleicht meinte sie auch die warteliste für impfungen, ich hab das ja nur am rande mitgehört. die sprechstundenhilfe führt drei telefonate mit impfwilligen. es rufen die ganze zeit menschen an, die eine impfung wollen, das praxisteam hört sich die geschichten an, sie haben aber nur genug stoff für die eigenen patienten, das steht auch auf der webseite. sie wissen mitte der woche, so sagt es eine der arzthelferinnen am telefon, welche und wieviele impfungen sie in der nächsten woche zur verfügung haben werden, können sich das wohl alles nicht aussuchen. sie haben keine zeit mehr für die patienten, die sonst kommen würden, „und dann müssten wir im prinzip noch mal 6 wochen alles dicht machen, wenn die zweite impfung drankommt“, dann sagt sie noch: „wenn wir das durchhalten.“

ich bin guter dinge, hänge aber ein bisschen in der luft. es wird so zeit, wieder feste strukturen zu haben, bei mir sind anfang mai die drei wochen nach der 1. impfung rum, dann darf ich wieder unter die leute. das wochenende auf halbmast verbracht, obwohl ich eigentlich rund um die uhr staubsaugen müsste, weil emma einen heftigen fellwechsel hat, eine große tüte mit collieflaum ging schon an den wollladen, sie sieht zart aus ohne das felltutu überm hinterteil.

gestern kurz vorm abendessen haben mir die kinder gefehlt, da sind sie früher nach den vaterwochenenden immer wieder aufgekreuzt, aber das ist schon wieder ein paar jahre her, es ist vorbei. habe dann auf whatsapp mit ihnen herumgealbert und mir lustige bildchen angeguckt, aber ich höre die geschichten von freunden, wenn einer der sprösslinge aus irgendwelchen gründen für ein paar monate wieder zuhause einziehen muss, inzwischen mit einer gewissen inneren bereitschaft, sagen wirs mal so.

30. märz 2021

letzte woche mails an meine ärztin und briefe per einschreiben an behörden losgeschickt, um schneller an eine impfung zu kommen, mir albern dabei vorgekommen, trotzdem sehr angenehm, endlich irgendetwas tun zu können. gestern früh rief eine arzthelferin an und kündigte an, dass sie sich melden würden, wenn es impfungen gäbe, es ist eine der praxen, bei denen geimpft werden soll, es würden aber trotzdem noch die kv-prioritäten eingehalten. ich versuche, einen zeitraum zu erfragen, ohne erfolg. als ich „ein paar wochen“ sage, widerspricht sie nicht. das ist eigentlich gut, aber ich bin ungeduldig geworden. sie impfen wohl astrazeneca, das gegen die neuen varianten aus südafrika und brasilien gar nicht mehr gut helfen soll, also vielleicht besser auf einen brief von der kv warten und moderna oder biontech auswählen? heute heißt es wiederum, dass astrazeneca in berlin nur noch an leute über 60 verimpft werden soll. ich weiß gar nicht mehr, ob ich mich im wechselbad der gefühle grade im heißen oder kalten wasser befinde. jedenfalls erzählt eine freundin, die bei der kv arbeitet, dass langsam bewegung in die sache kommt, und rät zu geduld auf den letzten metern, aber die kv ist ja noch bei priorität 2, und ich bin 3 (in den usa wurden wir gerade hochgestuft) – aus dem berliner umfeld höre ich von immer mehr impfbenachrichtigungen, für partner und kinder von pflegefällen, für hochgewichtige und krebskranke, aber auch für leute, die überhaupt keinen impfschein erwartet haben. ich hoffe also weiter, aber es bleibt alles in der hauptsache im ungefähren.

heute früh mit dem d.-zwilling einen test gemacht, mit 45min schlange stehen, hinter einer frau mit recht tief hustenden kleinkindern im kinderwagen, die kids ohne masken, sie mit. abstand auf über 2 meter erhöht, trotzdem unsicher gefühlt. die kids dürfen ja in berlin schon mit normaler erkältung nicht mehr in die kita, mit so einem husten schon gar nicht, ich weiß nicht, wie und wo solche mäuse gestestet werden können, für die zentren sind sie wohl zu jung, oder durften mit dem husten eh nicht mit rein. nur die mutter hat sich testen lassen.

ich habe schon gelesen, dass wir alle eben „mit dem virus leben“ müssen und die impfungen durch die variationen vermutlich immer nur für einen gewissen zeitraum sicherheit verschaffen können. wie mir vor 10 jahren freund guido sagte, als ich ihm auf der abfahrt vom see noch mal schnell im krankenhaus besucht hatte: „sie haben mir gesagt, ich muss einen weg finden, mit dem krebs zu leben“, und er eine woche später tot war, natürlich, was alle wussten, wobei sich dieser vergleich unpassend anfühlt, aber ich kenne die fomulierung nur aus dem medizinischen bereich.

dort bedeutet sie, dass alles menschenmögliche versucht wurde, es keinen weg gibt, die krankheit zu heilen, und man also die symptome therapiert, so gut es eben geht, und hoffen wir das beste, im notfall an die ecmo. mich ärgert das ein bisschen, es wurde ja nicht alles versucht, nicht einmal ein voller lockdown, dann ist so eine formulierung irgendwie unstatthaft. wie wenn ich als diabetikerin sagen würde: ich nehm zwar insulin, aber ich achte nicht auf mein essen, und blutzuckermessen ist für paranoiker. das wäre fehlende compliance.

heute die beiden halbschwestern der jungs kurz zu gast gehabt, das war schön, ich freue mich so, dass die kids über 2 etappen eine großfamilie bekommen haben, die mädels hatten schon corona und sind also mit masken safe. so lange keine gäste mehr gehabt, sogar die notfallkekse waren alle. außerdem den balkon eingeweiht, mit tee und buch in die sonne geblinzelt, nach dem schon heut nacht ein blendend weißer vollmond den tag erhellt hat, wenn auch zu früh.

(hmpf-text übers impf-theme. nichtmal lieder.)

das mit den impfungen macht mich wütend, es bringt mich zumindest auf. gleichzeitig fühle ich mich lächerlich, wenn ich mich darüber beklage, weil so viele, die in größerem ausmass gefährdet sind, sich auch nicht impfen lassen können. die reihenfolge der impfungen, nach alter, risiko etc. erscheint mir ein notwendiges werkzeug, um ein knappes gut zu verteilen, die triage ist eben das angemessene mittel, um zuerst die gefährdeten zu erreichen. dass es schlaumeier, abkürzer und gefalleneintreiber gibt, stört mich auch nicht, ich bin ja in italien aufgewachsen. aber ich kann nicht nachvollziehen, warum es in deutschland nicht genug impfstoff gibt, wie bei einem so wichtigen thema entscheidungsprozesse zu lange gedauert haben, zu wenig und zu spät bestellt wurde*, und warum der herumliegende impfstoff nicht einfach an andere verimpft wird. da hat jemand mist gebaut, und alle machen weiterhin mist, keiner kümmert sich, trifft entscheidungen, übernimmt verantwortung, wie frau modeste es heut sehr schön auf twitter formuliert hat. was für eine chance das hätte sein können, aber nee, es wird einfach verdaddelt.

*frau arboretum hat das thema im kommentar noch mal recherchiert. es gibt nachvollziehbare gründe für die verzögerungen, da hab ich nicht gut genug gesucht.

der virus ist womöglich einfach nicht gefährlich genug, die regierungen der länder können den einfach durch die bevölkerung durchlaufen lassen, und es ist ein wahljahr. ich möchte trotzdem lieber nicht erkranken, nicht bei dem irren aufwand, den ich für mein überleben die ganze zeit eh schon betreiben muss, aber das ist allen zuständigen egal, die verantwortung trägt immer der nächste in der reihe. dann gibt es pressekonferenzen, sie reden und reden, und dann öffnen sie die schulen und kindergärten, und die frisöre und die buchläden. ich komme mir albern vor, wenn ich das verstehen will, es ist vielleicht einfach nicht darauf angelegt, verstanden zu werden, es geht immer nur um begrenzte lokale ziele und abläufe, terminierte zahlen, nicht um das große ganze, also die verhinderung der infektionen, zerocovid. die relativ geringe sterblichkeit erfordert keine härteren massnahmen, das ist jedenfalls meine hilfserklärung. den stressjob mit den schweren fällen haben die mediziner*innen und pflegekräfte, und die interessieren sowieso niemanden.

mich macht das müde. liebe und verantwortung zeigen sich in dem, was du tust, nicht in dem, was du sagst, und hier handelt gefühlt gar keiner. ich kann als einzelne so wenig tun, ich renne hinterher mit meinen masken, immer schön mit abstand und gewaschenen händen, entwickle darüber so eine schräge und als bürgerin ungewohnte selbstwahrnehmung als jemand, der ignoriert und vergessen wird, das klingt dramatisch, aber es geht eben ums überleben, nicht um eine steuernachzahlung, ich möchte dieses blöde virus lieber nicht bekommen. es ist existentiell. kam einfach ein bisschen unerwartet, da von meinem staat im stich gelassen zu werden, nachdem er da erst so die verantwortung an sich gerissen hat, der staat, den ich sonst nur als bürokratisches system und abstraktum wahrnehme, eine entität, für die ich mit meinen steuern bezahle. bestimmt morgen oder so werde ich all das wieder wegrationalisieren, aber bis dahin kann ich es überhaupt nicht nachvollziehen, was da von staatlicher seite alles nicht passiert.

letzte woche (das posting liegt hier schon eine weile rum) sollten diabetiker schneller geimpft werden, aber nur, wenn sie ganz schlecht eingestellt sind, weil es da wohl statistiken gibt. das hat die berliner senatorin aber nicht erwähnt in ihrem interview, also haben sich diabetiker (auch ich) an ihre ärztinnen gewandt mit der bitte, ihnen eine bescheinigung auszustellen. die soll an die kassenärztliche vereinigung gehen, die sie dann ans einwohnermeldeamt weitergibt, und von dort sollten dann die die impfcodes kommen. die kv hat dann schnell eine meldung an die ärztinnen geschickt, mit der bitte, bloss keine atteste auszustellen, weil niemand bei ihnen weiß, wie sie weiter vorgehen sollen, nicht mal die datenrechtliche frage ist geklärt. heilloses durcheinander, jedenfalls doch keine impfung für diabetiker.

es wird wohl irgendwann klappen, in der einen oder anderen gruppe werde ich mich impfen lassen können, was mit allen anderen ist, steht in den sternen, und die varianten kommen ja munter weiterhin ins land.

es ist halt für alle die erste pandemie, eine zum üben. ich denke, es hat nicht geklappt. die nächste wird kommen, und ich hoffe, sie wird nicht tödlicher als diese, oder doch tödlicher, und dann gründlicher bekämpft? hmm.

(heute überall menschentrauben unterwegs, alle sind unter der woche nachmittags draussen, anteil der ansteckenderen varianten heute bei 44% – lieber masken aufbehalten.)

irgendwie unbefriedigender text, den ich nie wieder lesen werde, aber was solls.

20. januar 21

frustrierender morgen nach schönem abend mit guten freunden. ich war eingeladen, trug ein abendkleid, es gab antipasti und gulasch und wein, und vor allem spannende gespräche bei tisch mit freunden, nicht familie, das hatte ich seit august nicht mehr. die freunde sind sehr eingebunden in ihre projekte, habe sie ein bisschen beneidet um ihre film, funk und medien- berufe, an denen ich mich ja auch mal versucht habe. wenn ich mit diesen anderen formen des arbeitens so in kontakt komme, wackelt meine pragmatische entscheidung, mich beruflich der kinderbetreuung zu widmen. sie wackelt, weil ich heute früh nach dem frühstück mal wieder in eine kleine hypo geraten bin, obwohl ich endlich dachte, die insulingabe zum frühstück hinbekommen zu haben, ich arbeite mich daran ja schon jahre ab, es war endlich gut, pp auf 160, dann wieder auf 100, ohne höhen und tiefen, bis es dann halt nicht mehr gut war, denn es gilt: ydmv (your diabetes may vary). gründe kann ich nur vermuten, vielleicht habe ich gestern zu viel gegessen und der magen war noch beschäftigt, so dass das frühstück nicht schnell genug ins blut gekommen ist, oder hormone, irgendein nicht vorhersehbarer scheiss ist es ja immer. in diesen lagen wird mein gut gepflegtes rationales geschirr kurz brüchig, und ich spüre die sehnsucht nach einem anderen leben intensiver, in dem ich meine fähigkeiten sämtlich nutzen kann, sie gefördert und gewünscht und bezahlt werden (die leute, die so leben, lachen jetzt wahrscheinlich, aber ich will diese momente in acque limpide würdigen, in denen mir ein klarer blick auf meiner seele grund gelingt), und ich nicht nur irgendwie funktionieren muss, in dem ich nicht alles selber managen muss wie meinen stoffwechsel. ja, laber rhabarber. aber jetzt ist alles wieder gut, bz bei 89↗︎, frisur hält.

kurz überlegt, mich beim roten kreuz als impfhelferin anzumelden, um ev früher eine impfung zu bekommen, dafür hätte ich den diabetes unterschlagen müssen. sie nehmen nur leute ohne risikostatus. ich habe die wahl, entweder den masken zu vertrauen, oder auf die impfung zu warten, im mai, sagt eine webseite, und bis dahin nicht zu arbeiten. was soll ich tun? mit dem mutierten virus ist das eine blöde lage.

der 20. januar ist endlich da, ich hoffe, nie wieder was von trump zu hören, und wünsche mir, dass die usa endlich wieder aus meiner wahrnehmung verschwinden, es sei denn für kultur und landschaft. er hat heute noch den faschisten bannon begnadigt. mögen sie alle verloren gehen in der geschichte, und vergessen werden.

schon vor der amtseinführung was drüber zu schreiben hat was von einer beschwörung, in der hoffnung, die sache hätte sich damit erledigt und die befürchtungen vor unruhen gleich mit.

habe aus einem blog (welchem? ich such noch danach) die idee übernommen, täglich ein paar stichworte aufzuschreiben, über den tag, bisher sind es sätze, halbe seiten und ganze seiten geworden, macht großen spass. über die banalen einstiege mit wetter, essen, blutzucker, erledigtes habe ich eine wahrnehmung von genau diesem einen tag, wo ich doch pandemiebedingt manchmal den wochentag nicht sofort weiß. ich schreibe auch gespräche auf, mit wem und worüber, erinnere mich an die tagebuchmeter meines vaters, voll mit solchen notizen, unlesbar für mich, sie sollen vielleicht wirklich nur für einen selber lesbar sein. obwohl, im bad liegt eine dicke anthologie mit zitaten aus (veröffentlichten) tagebüchern von allerlei ehemals bekannten leuten, nach datum sortiert, das ist sehr lesbar. im netz geht das irgendwie nicht, ich glaube, diese texte müssen wirklich als private texte geschrieben worden sein, um interessant zu werden, und interessant zu bleiben. das haptische vergnügen an notizbuch und füller ist sowieso schon grund genug für diese übung.

beim suchen nach leerem notiz- & tagebuch den jahreskalender mit zitaten aus tagebüchern und blogs wiedergefunden, erinnert ihr euch? es gab mal eine ausstellung über tagebücher, kuratiert vom museum für kommunikation frankfurt. auf der berliner ausstellung war ich mit einigen altbloggern, doc buelle war dabei, der kid glaube ich auch. der kalender ist zeitlos und bleibt einsatzfähig, da könnte man sein leben lang immer nur die besonderen tage vollschreiben und hat am ende eine art best of eines lebens, kategorie frei wählbar.

8. januar 2021

(aussichten vom berg. pic: der große)

ich hatte ja vor, über meine ersten wochen alleine ausführlich zu berichten, mit tipps für andere eltern in der ersten phase des leeren nests, mit hoffentlich unerwarteten einsichten über das leben mit und dann ohne kinder. ich habe am ersten tag alleine zu hause aufgeräumt und geputzt und die leeren, ruhe ausstrahlenden oberflächen im haus genossen, besonders die in der küche, auf der waschmaschine und den esstischen. ich habe alte schuhe weggeworfen und liegengebliebene pullover gewaschen, ich habe mir schön den tisch gedeckt und ein für eine person gekochtes gericht gegessen, von dem viel übriggeblieben ist, aber ich lerne das noch. mit all dem habe ich erst 4 tage nach auszug des letzten zwillings anfangen können, weil der große sohn 4 tage länger geblieben ist (online-uni). dann habe ich es genau einen tag lang genossen, bis überraschend der d.-zwilling wieder da war, weil er was mit bank und einwohnermeldeamt erledigen muss, klar, und natürlich war sein bett frisch bezogen und ich hatte ingwer im haus, den er grad knollenweise im tee zu sich nimmt. das bettzeug für den anderen zwilling, der eben grade auch noch überraschend auftauchte, hatte ich aber nicht vorbereitet. zusammenfassend lässt sich sagen: so schlimm ist der auszug der kinder nicht, am anfang bemerkt man ihn gar nicht. erste empfehlung: in den ersten wochen keinesfalls auf den großeinkauf verzichten, notfalls den tiefkühler füllen.

ich bin selber gespannt, wie es weitergeht.

ich muss entscheiden, ob ich einen job mit kindern suchen soll oder nicht. ich suche ja schon länger, habe in der bio meinen diabetes stehen, und natürlich mein alter, daran könnte es liegen, dass nichts zurückkommt, und daran, dass alles sowieso geschlossen ist oder nur für die notbetreuung offen bleibt. oder es ist die post, die für alles wochen länger als erwartet braucht, ja, es gibt immer noch viele stellenanzeigen mit postanschriften. war aber auch ganz froh darüber, aus gründen der vorsicht, weil mir corona schlecht einschätzbar scheint. aber jetzt werde ich den diabetes wieder rausnehmen (ihn also wie sonst erst beim gespräch erwähnen) die entscheidung selber treffen, statt sie dem ag in spe schon im vorfeld zu überlassen. mit masken und vorsicht und händewaschen, ich will und muss dringend weiterkommen in einem lieblingsprojekt grade, alles bisschen suboptimal, aber ich bleibe optimistin.

auf die impfung warten wäre leichter, wenn man wüsste, wann es eine geben wird.

vorgestern abend fassungslos und gebannt bei der stürmung des kapitols zugesehen, nach einem tag brav am schreibtisch. konnte nicht wegschalten, cnn lief, das dauernde reden und analysieren der moderatoren hilft dabei, das geschehen zu verarbeiten, vor allem reden die so schnell, wie die eigenen gedanken kreisen. geschichte wird gemacht. kann nicht abschätzen, ob t. noch rausgeschmissen wird in seinen letzten paar tagen, das wichtigste scheint mir, ihn und seine komische familie von weiterer politischer aktivität fernzuhalten, vielleicht kann man ihn mit was anderem beschäftigen, ihn in einem spiegelsaal einsperren, oder auf einer jacht mit sexrobotern. 147 republikaner haben trotz der meute im kapitol am widerspruch festgehalten, das scheint mir nicht ausschließlich durch karrierismus oder einen mangel an rückgrat erklärbar, das wird in der situation zu antidemokratischem politischen handeln, unentschuldbar eigentlich. wo die wapo sagt „democracy dies in darkness“ kann man jetzt ganz unelegant einwenden, dass „broad daylight“ es besser trifft, und „vor laufender kamera“, soviele selfies. auch: wie schnell sowas passiert, 3 stunden symbolischer akt, alles ist anders. einen tag später lavieren all die leute drumrum noch weiter, diskutieren, räumen auf, starten aufrufe, kündigen, wie man das halt so macht in zivilisierten gesellschaften, und die meute ist längst wieder ungestört nach hause gegangen, von keinem polizisten aufgehalten. dem t. wird nichts geschehen. 5 tote. ein bisschen mehr verhaftungen hätte ich mir gewünscht.

31. dezember 2020

(kein meer in diesem jahr)

ich könnte ja zum ersten mal überhaupt einen jahresfragebogen posten, dabei einfach alle fragen mit „nein“ beantworten. es war ein jahr mit wenig welt und sehr wenig geld, man redet ja in d immer noch selten über geld, selbst im freundeskreis, erst wenn keins mehr da ist, muss man reden. hat man früher auch über gesundheit und beziehungen so wenig geredet, ist nur das geld als tabuthema geblieben? dann hätte sich ein zentrales wertesystem zu wenig bewegt.

viel familie, mit lektüre, aber andere als sonst, wenig bücher, viel, sehr viel nyt und new yorker, ich habe eine art abhängigkeit entwickelt, mein erster klick morgens am handy öffnet die nyt. es ist die beste zeitung der welt, soweit ich das beurteilen kann. the atlantic hab ich erst dieses jahr entdeckt, das wurde auch zeit, nachdem es das magazin schon über 180 jahre gibt. danach lese im sinn von checke ich die repubblica, dann den tagesspiegel, der sich auch sehr gemacht hat in diesem jahr. abos habe ich für die nyt und den new yorker, je 8€ und ca 5€ im monat. früher™ war ich allmorgendlich auf spon, so zum tageseinstieg, aber der ist mir inzwischen viel zu bildlastig und sensationslustig.

übermorgen zieht der d.-zwilling aus, was ich nach kräften verdränge, auch weil ich weiß, dass ich diesen abschied erleben muss, um ihn zu verstehen. in den letzten anderthalb wochen waren alle zuhause, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich das fast 20 jahre lang gemanaged habe, aber die jungs sind auch umhergesaust wie eine tüte mücken, ohne ziel und komma. heute packt der d.-zwilling seinen kram, bin gespannt, ob die kisten entgegen der mütterlichen meinung doch reichen.

jetzt ist es gelaufen, alle drei fertig er- und bald, übermorgen, am samstag! ausgezogen, der rest wird anekdote. anders als in italien findet das alleinerziehen in deutschland keine große beachtung, es ist normal, niemand reagiert drauf oder fragt nach. in italien habe ich immer eine reaktion bekommen dafür, das mochte ich eigentlich, meine selbstwahrnehmung geht da mit, in italien fühle ich mich toll deswegen, hier ist es eher so what? ähnlich wie beim diabetes eigentlich. ich bin für mehr gefühle.

grade ist es still in der wohnung, der d.-zwilling sucht noch kisten, der große ist leider ohne hund raus. mir ist eingefallen, dass ich mir seit september die haare entgrauen will und es bis jetzt gelassen habe, weil wozu? jetzt mache ich das halt noch und kann frisch gefönt ins neue jahr gehen, wie sich das gehört.

ich kann die zimmer der zwillis neu einrichten, wenn ich dann in ein paar monaten wieder geld dazu übrig habe, werde also wieder ein schlafzimmer haben. eine wand wird eine tapete bekommen, so ein jammer, dass es 5qm nicht mehr gibt! ich tendiere zu dieser hier, der raum geht zum hinterhof und ist dunkel, ich brauche farbe, es soll aber licht bleiben und nicht zu dominant wirken. an die stirnseite des (zu kaufenden) bettes, die wand gegenüber in irgendeinem hellen bianchi-blaugrün. habe leider dunkelholzige möbel für den raum, kleider- und mahagonischrank, mal sehen, was dazu passen wird. auf die tapezierte wand freue ich mich richtig.

ich hoffe, die impfgeschichte wird in berlin keine ber-geschichte. so richtig gut organisiert scheint es bisher nicht, genau wie der umgang mit dem homeschooling, der an den lehrern und lehrerinnen hängenbleibt. in komplett neuen situationen geht es halt nicht irgendwie dann doch gut, wie immer, jetzt grade schafft es berlin nicht, genügend impfstoff zu organisieren und die leute zügig duchzuimpfen. die stadt hat scheints keine ressourcen übrig.

ich wünsche ihnen allen von herzen ein schönes neues jahr, ich hoffe, es wird ein leichteres. vielen lieben dank fürs lesen und kommentieren!

5. dezember 2020

4 minuten, bevor ich mit dem hund los will, einen blogpost anfangen, weil mir grade danach ist. vorher marktrunde mit beiden zwillis, sehr schön, stimmung aber angeschlagen, weil ich sehr gestresst bin wegen einer sache in der nächsten woche, ein zwilling eigentlich mehr lernen wollte, der andere noch keine wohnung und keine nachhilfe für seine mathe-vorlesung in analysis gefunden hat, die er braucht, weil die bescheuerte uni ausgerechnet die übungen nur als präsenzkurse stattfinden lässt, er ist am anfang ein paar mal mit airbnb in halle geblieben oder bei freunden, hat aber trotzdem zuviel verpasst. letzte woche einen negativen test für einen zwilling, jetzt von freunden gehört, die seien gar nicht so zuverlässig, ich möchte aber meiner ärztin vertrauen. kurze verunsicherung, bisschen nervös, andrerseits ist meine erkältung (die ich vom getesteten zwilling hatte) wieder weg bis auf ein kratzen in den bronchien. mein sicherster indikator ob krank oder gesund ist sowieso mein insulinbedarf, und der ist nicht mehr erhöht. also denke ich nicht mehr drüber nach. neben dem stress momente großer rührung, wenn die zwillis beide da sind, und wenn der weihnachtsteller mit mandarinen, lebkuchen und dominosteinen wie früher innerhalb von einem nachmittag geleert wird, bis auf die mandarinen. wohnung schlecht geputzt und mit schon wieder zuwachsenden büchertürmen, gestartet durch die bücher, die der g.-zwilling beim auszug nicht mitgenommen hat, und die wachsen ja autonom weiter, aber ich sehe das grade nichtmal mehr in meinem tunnelblick. sauber mache ich dann zum 3. advent.

viel spass am adventspodcast mit frau herzbruch und frau novemberregen, ich denke über die themen tatsächlich immer noch ein bisschen nach, anders als bei zeitungstexten, die mit der letzten zeile meistens verschwinden, und lächle ihnen hinterher.

das altersthema aus dem 4. türchen begleitet mich schon eine weile, es wird im idealfall auf etwas mit freunden hinauslaufen, die singles, die ich kenne, wollen das alle tun. niemand will allein sein im alter, das finde ich interessant, wo wir doch jetzt alle mehr oder weniger zufrieden alleine sind. vielleicht kommt auf uns eine bewegung zu, die das single-glück auch im alter verteidigen wird? es besteht natürlich die frage, wann „das alter“ eigentlich anfängt, ich schätze, ab 70 kann man es nicht mehr verleugnen, aber weiß es ja auch nicht. ich habe eigentlich nur finanzielle sorgen, weil meine rente voraussichtlich unter 500€ betragen wird, habe noch versicherungen laufen, aber viel wird da wohl auch nicht bei rumkommen, erben werde ich vielleicht noch ein bisschen, aber eher sowas wie den persianer, den mir meine mutter gestern mitgegeben hat, oder silberleuchter und das ein oder andere bild. das finanzielle scheint mir kein problem, dass man mit nachdenken lösen kann, sondern nur mit mehr geld, also mehr geld verdienen, meinte ich, und das wird schwierig. ich habe noch ein paar assets, die ich aber an die goldjungens weitergeben, und nicht schnöde verleben will. habe immerhin letzhin wieder im lotto gewonnen, 11€, das war schön.

3. november 2020

gestern abend hatte ich gerade meinen hund umgoogelt, weil sie besonders oft pullern muss gerade (sie hat um vier uhr nachts vergeblich um ausgang gebettelt und dann einen see in die küche gesetzt, armes mädchen. ein vorteil der wahl: heute nacht werde ich wach sein und kann sie runterbringen).

(grmbl-absatz:) … als dann über die repubblica der push-hinweis auf das attentat in wien hereinkam, hab auf twitter ein video der repubblica verlinkt, in dem man aus einem fenster auf einen platz guckt, während schüsse fallen. nach dem hinweis von frau novemberregen auf die bitte der wiener polizei, keine videos zu zeigen, den tweet gelöscht, weiter auf der seite der repubblica geblieben, die einen videofeed gezeigt hatte, von einem anbieter, den ich nicht kannte. hab ein paar minuten gebraucht, um seine unterirdischheit zu bemerken, sie haben dort nämlich ein kurzes video laufen lassen, in dem ein mensch erschossen wurde. habe hingesehen, das beim gucken vor mir entschuldigt mit dem bedürfnis, das geschehen zu verstehen, und habe das video, das wie gesagt auf der seite einer eigentlich rechtschaffenen zeitung lief, dann erst nach dem nächsten schnipsel abgeschaltet, nachdem nämlich ein reporter dort erklärt hat, er habe es „leider nicht geschafft“, „näher“ an einen der orte des attentats heranzukommen. dann gewechselt zum orf, der professionell und gut berichtet hat. werde mich bei der repubblica beschweren, weil sie mir das urteil über den boulevardscheiss überlassen hat, die repubblica ist eine der schnellsten zeitungen, die ich kenne, das ist manchmal nützlich, trotzdem darf das journalistische urteilsvermögen dadurch nicht vollkommen außer acht gelassen werden. wenn ich ungefilterte hinweise sehen will, schaue ich auf youtube nach, nicht auf einer redaktionell betreuten seite. einself. (/grmbl)

es sind 5 menschen erschossen worden, einer davon ein täter. wieviele es insgesamt waren, ist noch nicht klar, ob noch welche herumlaufen, ist auch nicht klar. sie wollten vor dem lockdown zuschlagen, heißt es. ein wiener hat aus dem fenster gerufen: „schleich di, du oaschloch“, mehr muss über den mörder nicht gesagt werden eigentlich. 4 unschuldige opfer, 5 katastrophal zu ende gegangene leben. testosteron und wahn und wut.

heute am schreibtisch, im selfcare-modus, blutzucker spinnt nach wie vor schlecht berechenbar. versuch, mit einem gut geplanten tag und nutellatoast der beängstigenden weltlage beizukommen. heute abend zoom-yoga im fast leeren zimmer vom g.-zwilling, darauf freue ich mich, auch wenn sich mein körper grad anfühlt, als sei er 10 jahre zu alt für 2020. danach die wahlfolge von west wing gucken.

um ortszeit 13 uhr öffnen die wahllokale in den usa, ich hoffe so sehr, dass ich mich ab mittwoch nicht mehr dauernd mit den bescheuerten usa herumärgern muss. die mediale dauerpräsenz von trump ist so, als wäre man gezwungen, dauernd die bild zu lesen. es macht einen krank und es beleidigt den verstand, die moral, die sinne, all das, was mich als person ausmacht, jeden tag neu. ich versuche also, dem phänomen mit verstand beizukommen, kann ursachen erkennen und verstehen, aber werde mit all dieser wahrnehmung dauernd volle fresse gegen die wand gefahren, weil ich nichts daran ändern kann, denn gegen gier, skrupellosigkeit und rassismus, und brutalität, und verantwortungslosigkeit in all ihren erscheinungsformen, hilft politik nur dann, wenn ihr system als demokratie handlungsfähig bleibt. darum machen die letzten berichte über den versuch, die auszählung der briefwahlergebnisse zb in pennsylvania illegal zu machen, mich so fertig, obwohl es eine kalte klare linie dorthin gibt. immerhin wurde der versuch vom supreme court verhindert, aber die wahl ist ja noch nicht rum. ach wären wir doch in einem james bond, wo die welt noch gerettet wird! aber bond ist ja auch schon tot.

außer denken und hektischem bloggen kann ich ja nichts tun, das ist zumindest aktiver als das reine fühlen. die usa haben ja seit vietnam immer wieder erbitterte proteste ausgelöst, es hat mich aber nie so fertig gemacht wie die trump-ära, das liegt sicher am klimawandel, der für immer und für alle stattfinden wird, aber auch an der empfundenen machtlosigkeit* angesichts der übermacht des „kapitals“, dieses schietegaltum, das weder auf die rechtslage noch auf die wahrheit rücksicht nehmen muss, wenn ich das mal so formulieren darf als unbedarfte ex-geisteswissenschaftlerin. das ist teil des problems, dass ich es als unbesiegbar und unabänderlich wahrnehme, der frühere kampf gegen, was weiß ich, den nato-beschluss, die atomwaffen, die atomenergie, den krieg im iran, das hat sogar spass gemacht, alles konflikte, wo man zwar auf der seite der verlierer stand, aber im vertrauen auf demokratische entscheidungsfindungen eben immer nur des zeitweiligen verlierers. angesichts des machtmissbrauchs der regierung in den usa fühle ich mich ähnlich hilf- und machtlos wie angesichts der vergangenheit, die ja nu wirklich unabänderlich ist, wo ich zwar verstehen und nachvollziehen will, aber eben nichts mehr tun kann, und das geschehene nur noch betrauern und verarbeiten muss. die wut passte oben nicht mehr in den satz, irgendwo nach machtmissbrauch und vor vergangenheit, die ist immerhin ein zeichen fürs jetzt. ach ja, ein weg in die selbstwirksamkeit wär toll, ums mal pädagogisch zu sagen. handlungsfähig werden.

*dieser gedanke wird ausgeführt in dem buch von donatella di cesare, von der politischen berufung der philosophie oder s.ä., das ich immer noch nur in auszügen gelesen habe. falls t. gewinnt, lese ich es ganz!

vielleicht ein beliebiges anderes land auswählen, mit dem ich mich befassen kann? ich fühle mich co-dependent. neuseeland, island?

omg, schon wieder so lang. sorry. ich plappere. es sind aufregende zeiten.

2. november 20

ein schönes volles wochenende. noch eins mit großeinkauf, der g.-zwilling war wieder zu besuch, marktrunde mit dem d.-zwilling, um äpfel, eier und pasten zu kaufen. markt war voll, ein paar nasenmänner, sonst alle mit maske. lange hunderunde mit freundin, romanze gelesen, weil ich bei all den texten zu den usa, dem klimawandel und allgemein dem untergang des abendlandes etwas nur emotional packendes lesen musste, nichtmal serien gehen zur zeit, ich habe die neue folge discovery nicht zu ende gucken können, bin immer wieder raus zu den nachrichtenportalen. nicht gut, so bin ich gar nicht eigentlich. abends stew gekocht, den tisch im wohnzimmer gedeckt, dem ausgezogenen das familiengefühl mitgeben, als wäre es eine postkarte, es hat aber funktioniert, das system familie trägt. er sagt, es würde sich hier bei jedem besuch etwas anders anfühlen.

sonntags großes frühstück, lange schlange vorm bäcker um 10uhr. mein blutzucker ist die ganze zeit zu hoch, insulinbedarf um ein drittel oder mehr höher, das liegt auch bisschen an einer art fortbildung mit prüfungen, die ich grad absolviere, aber hauptsächlich an der weltlage. glaube ich, ich weiß es ja nicht, merke bloss die symptome, wer weiß, welche hormone da auch noch den üblichen ärger machen, vielleicht sind es ja auch noch die wechseljahre. ich bin aber bei tag 360, nach einem jahr ohne ist frau durch, heißt es, dann beginnen die heiteren jahre der postmenopause, bei der noch ein haufen schöner dinge verloren gehen können, u.a. die haare, die kreativität, die geschicklichkeit, die gelenke und die figur. bekomme jedenfalls fast keine guten postprandialen werte mehr hin, trotz allem, was ich weiß und kann. das erdet und lehrt demut. trotzdem gute laune.

nachmittags ist mir aufgefallen, dass die museen ab heut geschlossen sein werden und bin mit dem g.-zwilling noch mal in die gemäldegalerie. es war sehr voll, eigentlich ein gutes zeichen, dass die berliner nochmal kunst tanken, das mit dem abstand und den masken hat gut funktioniert. in der wandelhalle in der mitte der galerie findet eine eher finstere ausstellung statt, the last judgement scultpure von anthony caro, mit massiven strukturen aus holz, stein und metall, etwas bosch-artig, ohne das spielerische, humorvolle, lebensbejahende von bosch. sehr deprimierend, wirkte wie diese eingänge zur hölle in den indiana jones-filmen, wo pfeile, fallen und allerlei machenschaften den durchgang verhindern sollen.

ich wollte dem g. ein paar bilder zeigen, aber es war leider zu voll für einen ruhigen zugang. wollte mir ein meeruferbild von einem holländer ansehen, als trost für den dieses jahr ausgebliebenen blick aufs meer, habe es aber trotz mehrfachem herumsausen nicht finden können. jetzt hab ich es als bildschirmhintergrund, das funktioniert vielleicht auch. hatte freude an den bildern von üppigen gelagen und feierlichkeiten, überhaupt ansammlungen von menschen, daran dann doch gemerkt, dass mir was gefehlt hat in diesem jahr. das bild oben ist von einem joachim pantenier, „die ruhe auf der flucht nach ägypten“, von ca. 1520, mit seiner idyllischen landschaft hat es fast wehgetan, gibt es doch für die flüchtlinge von heute keinerlei hafen und keine ruhe mehr (es scheint verschiedene schreibweisen zu geben, im netz heißt es patinir, im museum patenier).

lustig die sprichwörter von brueghel, das bild ist mir vorher nie aufgefallen, habe fast keines erkannt. auf meinem kühlschrank hängt eine magnettafel mit einem verschwommenem foto und der aufschrift „leg dich lieber wieder hin“, den brueghel gab es als große postkarte im museumsshop, der wäre als fokussierhilfe und muntermacher vielleicht sinnvoll in den dunkeln morgenstunden, schade, zu spät.

ein unerwartetes geschenk war die ausstellung zum 300. geburtstag von piranesi, dessen römische veduten ich sehr liebe. habe nix davon mitbekommen, weil ich so fern der kunst war, was für ein glück, das noch erwischt zu haben, gemäldegalerie oder kupferstichkabinett zeigen ja alle paar jahre etwas von piranesi, diesmal ging es um wege und umwege seiner kreativität. auch hier wieder eine finstere folter-phantasie, mit einigen anderen kerker-bildern ein zentrales moment der austellung, zumindest haben sie eine ganze wand eingenommen. kann aber auch sein, dass mir das nur so auffällt mit meiner zzt. deutlich erhöhten grundunruhe.

heiliger bimbam! schon wieder soviel text. das liest doch keiner, aber zum kürzen hab ich jetzt natürlich wieder keine zeit. ich sehne mich auch nach meiner poetischen dichte und hoffe, ich finde sie wieder.

das noch: da hat doch 2014 ein begabter junger mensch aus kunstinteressierter familie einen ganzen haufen piranesi-zeichnungen identifizieren können? was für eine schöne geschichte.