kw 3, magdeburg

wochenende mit freundinnen, wir kennen uns seit vor unseren zwanziger jahren, das heisst seit ca. frühachtziger. meine beiden besten freundinnen sind vor ein paar jahren nach magdeburg gezogen, unabhängig voneinander, beide aus beruflichen gründen, sehr vermisst, die wollten wir zusammen besuchen. wochenende mit fünf frauen, viel leben zu erzählen. sehr intensiv und lustig, es gab einen eimer köstlichen borschtsch, den ich ab sofort dauernd essen will. kinder und hunde haben wir zuhause gelassen.

sehr verguckt in den dom von magdeburg, er liegt mitten in einem sehr gesichtslosen neubauviertel, magdeburg wurde genau heute vor 72 jahren in 30 minuten in schutt und asche bombardiert, es ist kaum was übriggeblieben, auch der dom wurde getroffen. wir sind in der kälte hindurchspaziert, er ist ein paradies für kuhis, ein schatz neben dem anderen, und dazu der wunderbare kreuzgang. baubeginn war 955, der schlussstein im turm wurde 1520 gesetzt, dann kam luther und der dom wurde evangelisch, danach hat der dreißigjährige krieg 1631 magdeburg zerstört, der dom wurde wieder katholisch, aber geplündert und verwüstet. das gebäude  diente eine zeitlang als schafstall, schinkel wollte ihn abreißen, könig friedrich willhelm III hat ihn dann restaurieren lassen, da wars schon das 19. jh., ab 1869 diente er wieder als evangelische kirche. die gesamte geschichte der region hat dort spuren hinterlassen, jeder krieg, jeder konflikt hat etwas zerstört, aber es hat auch jede kunstepoche werke erschaffen, mit einem schwerpunkt auf wirklich aufregend schöner bildhauerei. das taufbecken soll laut kunstführer aus dem römischen 2. jahrhundert stammen, sie sehen, ich kann das selbst gar nicht glauben.

im chor steht eine der ersten europäischen skulpturen eines afrikaners, von 1250, sie stellt einen der namenspatrone des domes dar, den heiligen mauritius.

oder die kanzel! sie ist mit einem sehr feinen und verspielten alabasterrelief bedeckt, incl. kleiner frösche und einem igel, sie stammt aus der spätrenaissance. der künstler hieß christoph kapup, das netz kennt nur diese kanzel von ihm. einige der arbeiten sind wirklich so schön, dass man sofort bücher drüber schreiben will, ausdruckstark und humorvoll, eine freude.

an einem tisch sitzt eine magdeburgerin und erzählt, von herrscher zu herrscher springend, von kunstwerken und anekdoten durcheinander. er sieht kühl und etwas karg aus, wenn man reinkommt, aber ein genauer blick wird sehr belohnt. und er steht vor allem immer noch, nach über 1000 jahren.

mit den freundinnen viele gespräche, die mich immer auch ein bisschen still machen, weil ich so wenig weit gekommen bin. vielleicht ist das aber auch eine ansichtsache, bei der ich halt („einfach“) mich selber umdeuten muss. bis dahin identifiziere ich mich sofort mit einer der törichten jungfrauen in einer seitenkapelle des domes, auch sagenhafte 767 jahre alt. das ging den freundinnen aber auch so.

ich hab ja vor allem viel verschiedenes gemacht, es war halt alles nicht betriebswirtschaftlich oder sonstwie nachhaltig. habe zb ’89 einen verlag gründen wollen, mit ostberliner germanistikstudentinnen, als gmbh, das hat damals kaum was gekostet, und wir wollten unbedingt neue literatur. als die ostberlinerinnen, darunter eine namhafte regisseurin (irgendwas mit film wars, aber an den namen kann ich mich nicht erinnern, kurzifix! muss mal wühlen gehen.) abgesprungen sind, weil sie die 5000 mark in unsicheren zeiten lieber nicht in den sand setzen wollten, hab ich es halt auch nicht weiter verfolgt, oder mir neue partner gesucht. die partnerin hat sich dann in einen schweden verguckt und ist ausgewandert, in ihrer wohnung in der novalisstrasse war ich dann zur untermiete, ab 1990, drei außenwände und gasomat und telefon mit geteilter schnur übern hinterhof. 40dm.

ich mag ideen eh lieber als umsetzungen.

bowie

warmer abend mitten in der woche. sie haben von ihren bowies erzählt, die künstlerin femi baumbach und die verlegerin frau frohmann, beim zuhören ist die ganze zeit wieder lebendig geworden, die musik damals in unseren köpfen und in den zimmern, wie nah diese und überhaupt musik am wirbelkanal war. das ist heute so anders, als wäre man mal fisch im ozean gewesen und würde jetzt regelmässig ins hallenbad gehen. beim zuhören mich dran erinnert, wie wichtig und unbeliebig in diesem plusquamperfekt die grenzen waren, das innen und außen, dazugehören, nicht dazugehören, und wie einfach sich das in der musik ausleben ließ, ein klares ja oder nein. bowie war anders, er hat damit gespielt, war alles hintereinander, ist durch viele rollen gegangen, er hat mich damals glaub' ich eher irritiert mit dieser freiheit. oder ist das schon wieder ein blick von heute in die vergangenheit, war er früher auch immer nur das eine? weiß ich nimmer. ich mochte aber das nicht bedrohliche daran (ich hatte angst vor kiss und ac/dc, konnte das laute und brüllende daran nicht ironisch oder als sexiness sehen), es wirkte so spielerisch und albern und mühelos, und musik war doch etwas ernstes, ganz oder gar nicht, das meiste war sogar hochpolitisch und wurde laufend gesungen. wir waren sehr ernst mit all unseren entscheidungen, ich hatte anfang der achtziger eine sehr ernstgemeinte dauerwelle.

holger schulze hat mit auf dem sofa gesessen und seinen text zu bowie angekündigt, in seiner rede fügte sich alles ganz klar und elegant ineinander, als könne man anders gar nicht über bowie schreiben, sehr magischer moment.

ich hatte ja ein bisschen angst vor zu abstrakten ansätzen, weil ich meinen großen dabeihatte, den frischesten und jüngsten bowiefan des abends. überflüssige sorge, vor allem weil ja caro buchheim dazu aufgelegt hat (ausrufe-ausrufe-ausrufezeichen). ich habe sie also endlich kennengelernt, sie hat sich sofort herzen lassen, ein strahlender mensch im glitzerkleid, bringt mich jetzt beim schreiben noch zum lächeln, und sie hat die wunschtitel vom großen aufgelegt! er hätte fast getanzt.

nach dem programm war ich noch etwas uncool und habe mich ein paar leuten vorgestellt, die ich sonst nur aus der ferne bewundere, nämlich den veranstaltern des abends, und hab mich gleich selber wieder wie in fanzeiten gefühlt. (zur zeit eh laufend momente totaler uncoolness, schiebe ich wie alles auf die wechseljahre – nee, stimmt nicht. probe das ein bisschen als lebensform, muss vielleicht noch das exzentrische darin bearbeiten, aber hej.) ruhepuls und ronsens wissen ja schon von meinem fantum, die waren auch dabei. sehr feiner abend, vielen dank!

(aufgeschrieben für die stattkatze)

 

KW 51

der angriff auf den weihnachtsmarkt bringt mehr wut als trauer. die blinde aggression, die gleichgültigkeit gegenüber dem wertvollsten, das rohe daran. es sind kinder auf solchen märkten unterwegs, familien, menschen, die mit äußerster gewalt zu opfern gemacht werden sollen, eines konflikts, der nur in den köpfen der mörder existiert. natürlich kriegt niemand berlin klein. die sorge, dass diese form der gewalt nur in ganz großem massstab zu verhindern ist, über bildung, chancengleichheit, dass dieser wechsel eine aufgabe für generationen ist, weil gewalt und angst da auf wirklich schlimme weise mittel wie zweck sind. gewalt als agenda, die macht und der endsieg irgendeiner auf angst gebauten herrschaft stehen weit hinten in der zweiten reihe. weiß es aber auch nicht genau, natürlich, es ist ja unvorstellbar. vielleicht ist es ja bei kriegen immer so und es ist bloss seit den großen kriegen immer weiter gegangen mit dem tabubruch gewalt. nicht mehr nur offizielle gegner, jeder kann zum gegner werden. meine hoffnung, dass dieses wegschleifen der hemmschwelle gegen das morden doch noch aufwand bedeutet, also verhinderbar ist.

schwer abzuschütteln so eine bluttat kurz vor weihnachten. bin anderthalb stunden vor der tat mit frau ziebarth da entlanggefahren, um die q-damm-lichter anzugucken. sie kommt mir zuliebe mit, ich mache das nur ihr zuliebe, ein perfektes höfliches gleichgewicht also, darüber hätte ich lieber geschrieben. jeder hätte da sein können, so banal es ist. tröste mich mit der hebammen-show auf netflix. sie bringt die ewige heutige leier der totalen selbstverantwortung wieder auf den boden der tatsachen (gut, bissken zuviel tünche, aber das muss mich nicht stören): es geht nicht alleine, erstens, zweitens: die liebe.

davidzwilling sollte eine kurzgeschichte schreiben, nach einem bild, dass ihnen die lehrerin gegeben hat. er hat sie auf meinem rechner geschrieben und die seite offengelassen, ich habs natürlich gelesen. es ist richtig gut. einer der jungs kann schreiben, der rhythmus stimmt, die bilder, er hat in einer einseitigen geschichte einen wirklich eleganten wendepunkt und eine auflösung untergebracht, gefühl, bilder, eine geschichte. große, warme freude und dankbarkeit. das ist mein hauptgeschenk, aber sagen sie ihm das nicht!

zuviel geschenke für die jungs gekauft. mach ich immer. wie jedes jahr tue ich so, als ob sie diesmal leider nur irgendwas praktisches kriegen und halte es wie immer solange durch, bis sie mir glauben, oder bis ich ihnen glaube, dass sie mir glauben. also ziemlich blank und hoffe, es kommt nichts dazwischen in den nächsten monaten. mit gregorzwilling den baum geholt, er trägt ihn locker über der schulter und hat die andere hand in der hosentasche dabei.

der große wird volljährig am ersten januar. unglaublich. er macht eine party bei uns, ich werde mit dem hund bei meiner mutter sein, und hoffe, er schafft es, nur seine geladenen gäste reinzulassen. dummerweise hat es sich schon herumgesprochen. für seine party bekommt er ein catering und natürlich mein vertrauen, aber vielleicht engagiere ich ihm noch einen türsteher.

 

 

 

howe gelb im b-flat am 27.11.16

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ich geh dann halt nach vorne und mach eben selber ein paar bilder mit dem handy, dachte ich mir so, wenn gaga nicht dabei ist, hab dann aber eine halbe stunde gebraucht, um überhaupt von der treppe runter in den raum zu kommen, so heillos überfüllt war das b-flat. meine freundin d., die mich dahin mitgenommen hat, war auch verwundert. gelb war in grauer vorzeit mal kurz calexico, oder so ähnlich, und bewegt sich seitdem, wie d. erzählt, in einem wundersamen netzwerk von musikern. auf dieser tour ist er mit zwei dänen allein unterwegs, einer am bass, einer am schlagzeug.

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neben uns der jüngste zuschauer. er ist zu musik von gelb auf die welt gekommen, vor etwa 4 wochen, und liegt jetzt ruhig und winzig im tragetuch an seinem vater. einmal gibt er kurz laut „was this a cat? no? it was a baby!“, sagt gelb von der bühne, und wir sollen bitte leise klatschen, um das baby nicht zu stören.

die musik ist wirklich zum kinderkriegen, auf die bajoranische weise, wenn sich jemand erinnert (ds9 ist jetzt komplett auf netflix! das wird hart.), dabei spielerisch und frei um die worte herumlaufend, mit einem lächeln, als wär der song auf seiner reise eben an einem fels in der wüste von arizona angestoßen und müsste kurz woanders lang.

er hat sonst in berlin immer gitarre gespielt, sagt d., heute hat er meistens das klavier vor der nase, erst in der zweiten hälfte holt er sie, zum glück, die klaviersachen sind homogener, anschmiegsamer, da ist die musik mehr begleitung der songs, mit der gitarre ist es eine eigene zweite stimme, in den abfolgen genauso so überraschend wie die texte, ohne jetzt zu erschrecken, es sind kleine zäsuren und akzente und verschiebungen. „the guitar is an animal, a piano is a city“ sagt er dazu, und die city schien mir (hey, who am i) mehr background, das animal ein echter partner.

sehr schöner abend, bisschen voll wars, aber große freude über die neuentdeckung. der mann lebt dank seiner nichtberühmtheit sehr entspannt mal in aarhus und mal in tucson, und er macht dabei laufend musik, hat über 50 platten veröffentlicht. freu mich drauf, da reinzuhören.

wir sitzen noch eine weile, während der saal sich leert, die musiker laufen herum, gelb kommt babygucken, die dänen sind von frauen umgeben, und erzählen ihnen sicherlich geschichten von der wüste, von der musik und vom leben auf tour.

howe gelb interview

 

nett und anonym

mich bei tellonym angemeldet, um hotelmama zu reservieren, weil der name so schnell weg ist normalerweise. wie damals auf twitter. bisschen tut es mir ja leid, das hotelmama auf twitter so hartnäckig die klappe hält. ich bin da hin- und hergerissen zwischen meiner wunschidentität als coole halbintellektuelle großstädterin und meiner realen existenz als eher nicht relevante fünfzigerin ohne karriere oder, oder, ach, ich sag mal: oder ähnlichem. ist mir neulich erst aufgegangen, verbunden mit der frage, wann das nichtgelebte endlich mal abgetrauert ist, denn dann könnte ich als serienguckerin und comicleserin und frau mit einem mehr banalpoetischem zugang zur welt endlich entspannt vor mich hin twittern! wär doch was. so abstrakte metaprobleme hab ich beim bloggen zum glück gar nicht, als wär twittern öffentlicher. gibt es eingentlich beschreibbare unterschiede zwischen weiblichem und männlichem twittern? witz, aphorismen, aphrodisiaka, befindlichkeiten, minitheoreme, je vielseitiger, desto lieber lese ich.

diese neue seite ist eigentlich ein bisschen pubertär, oder nicht? der erfinder ist ja auch erst 19, oder war es grade noch. meiomei.

die rückseite von komplimenten und geständnissen ist ja denunziation, aber ich glaube dem macher, dass da nix böses dahintersteckt, wie postsecret nur für dich. muss es mal den jungs zeigen, aber in deren umfeld twittert keiner, auf instagram sind sie auch nicht unterwegs, facebook dient ihnen glaube ich mehr der repräsentation als der kommunikation, da geht eh nur der heimliche zettel in der schultasche, und so wichtig ist es dann auch wieder nicht, um dafür ein risiko einzugehen.

ist es nicht eine eher ostdeutsche eigenschaft, mit meinungen, vor allem mit kritik, hinter dem berg zu halten? vielleicht aus stasizeiten, wo unpassende oder unerfreuliche äußerungen den menschen existenziell gefährdet haben, mein eindruck (und meine erfahrung): diese zurückhaltung, das schweigen und rumdrucksen hat sich in die neuzeit gerettet, das gefühl der bedrohlichkeit von kritik ist vielleicht unhinterfragt in allgemeine höflichkeitsregeln diffundiert.

ich kriege mich nicht mehr auf 140 zeichen, fürchte ich, wird alles immer langwieriger hier.

in italien gibt es eine charmante art, alles in komplimenten mitzuteilen,  das kompliment gehört zur eloquenz dazu, ist kein kommunikativer sonderfall mit alarmzeichen, keine wasserscheide, nichts, was die strömung aufhält oder ändert. es wird elegant in die normalen kommunikationsformen integriert, es ist ein kleines geschenk, eine höflichkeit, man gibt damit nicht den schlüssel zum innersten heiligtum aus der hand, man macht das gegenüber nicht zum alleinerben damit, meistens ist es auch kein heiratsantrag, nichtmal versehentlich. wer niemals komplimente macht, nimmt sich zu ernst, glaube ich. ich vermisse die komplimente im kalten dunklen berlin (slow und jorge, an mein herz!), darum mach ich da mit. eine woche oder zwei.

na, mal gucken.

kw 43

bei herrn schneck festgelesen. würde gern hunderte leser dort hinbringen, aber mein blog ist grad scheintot, also bitte: verlinkt das weiter, weil es so gehen kann, mensch für mensch, im miteinander. buddenbohm, kaltmamsell?

herbstferien ohne licht, im halbdunkel. füttere vitamin d und versuche, das haus schön zu machen, also ohne machen, eher: schönzudenken, weil mir für alles andere die energie fehlt, ich bin ein sonnenmensch. wenig ausgegangen, einmal im kammermusiksaal eine jazzoper vor wenig publikum, schön frei in ihrer unbestimmbarkeit. take my otherness heißt sie, yesplease, denkt man, und wird aufmerksamer auf die otherness der frauen dort auf der bühne, liebevoller der eigenen gegnüber. die texte  plakativ und weniger komplex als die musik, es funktioniert aber, weil die eingängigkeit sich mit der vertonung reibt und weil man sowieso nur die englischen texte sofort verstehen kann. gesungen wird in allen möglichen sprachen, die künstlerinnen kommen aus „iran, georgien, ghana, albanien, china, spanien, taiwan, türkei und deutschland“ (programmheft) nachher gedacht: vielleicht sind diese art texte als zitat popkultureller frauensongs zu verstehen, wo stärke und freiheit in slogans aufgerufen werden? als ein weg der autosuggestiven selbstermächtigung, meine assoziation sind dabei die lieder, die von baumwollarbeitern gesungen wurden, um die arbeit erträglicher zu machen. die kompositionen waren aber aufregend, das wiedererkennbare wunderbar eingearbeitet in wirklich neues, bisschen bach, bisschen die jeweiligen musikalischen traditionen aufnehmend. hier wohl eine radiosendung über das projekt, irgendwie nicht verlinkbar.

aus: I Spy: Treasure Hunt, Walter Nick/ Jean Marzollo, Cartwheel Books
aus: I Spy: Treasure Hunt, Walter Nick/ Jean Marzollo, Cartwheel Books

gefreut über schreibtischbilder im netz, finde aber keine worte dafür (ernsthaft, meine sprache verschwindet, kennt das jemand? wo kann sie sein, wo ist das leck im system, oder ist das nur ein besonders gemeines symptom der herbstdepression? meine stimmung ist dabei gar nicht besonders mies, aber die sprache ist halt haupttor zwischen welt und geist, in beide richtungen, und grad ist es ein einspuriger bergweg mit pflastersteinen. es fehlt alles drumherum). hatten wir nicht mal mehr dieser arbeitsplätze in blogs? herr giardino hatte neulich mal eins bei twitter, aber die büroschreibtische bleiben halt systemimmanent hauptsächlich der effektivität verpflichtet.

das pokemonspiel ist schon wieder total out, sagen die jungs, vielleicht wünschen sie sich das aber auch bloss, weil die manie an ihnen vorübergegangen ist.

der große hört dauernd mozart oder vivaldi und räumt selbstständig die küche auf, mit mozart. er wird achtzehn in zwei monaten, unfassbar. man schenkt reisen im umfeld, den führerschein will er gar nicht so unbedingt, party wird gemacht, muss aber keine aufwändige all’italiana sein. er wünscht sich ein echtes altmodisches fotoalbum mit allen seinen bildern, ich vermute eine vorweggenommene wehmut vor dem imaginierten übermorgigen auszug.

jetzt in den tiergarten mit hund und kindern söhnen, arbeiten danach, wenn etwas luft durchgeatmet wurde.

holy grail guitar show 2016

es sind überwältigend viele gitarren zu sehen, und jede einzelne davon verdient wahrscheinlich eine eigene geschichte, die macher haben ja ihre meisterstücke mitgebracht. wie bei großen kunst-austellungen sortiere ich meinen überblick auf einer skala des habenwollens. in museen und gallerien such ich mir immer drei arbeiten heraus, die mich ansprechen, die ich näher heranlassen will, meistens, weil ich sie schon auf einer intuitiven grundlage begreife, bevor die auseinandersetzung mit dem kunstwerk-dingsda etwas fundiertes entstehen lässt. bin also offen für launen, hormone und subjektivität, wie sonst soll ein potentieller käufer bei 500 gitarren auch entscheidungen treffen? gitarren sind ja (fast immer) leichter zu verstehen. drei stück will ich mitnehmen wollen, nur drei sollen sich einprägen, und trotzdem hat sich auf platz drei eine ukulele eingeschlichen.

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San Lorenzo Guitars; OD Guitars; Negrini Guitars; Volt Eletrics

„holy grail guitar show 2016“ weiterlesen

frust, sterne und gitarren

(weia, das blog rutscht mir aus dem fokus gerade. ich kann nicht mehr schreiben, nur noch beschreiben, damit verschwindet für mich neben der schönheit auch der erkenntnisgewinn. wenn ich auf diese neue art blogge, kommt nix neues dazu, soweit wie in diesen texten bin ich in meiner selbstwahrnehmung auch immer schon. ich weiß nicht, woran das liegt, es ist befremdlich. blogge also nur noch gelegentlich.)

versehentlich aufs horoskop geklickt, wirklich versehentlich, beim lesen zur sicherheit hart und spöttisch geworden, dabei nicht ganz souverän geblieben. immerhin aus der ironie bin ich rausgewachsen. ein unerbetener hinweis auf das leidige, ignorierte thema, die liebe ein ausgeleierter oller socken im kasten mit den anderen bedürfnissen und sehnsüchten, dabei denken: für dich ist es als abstraktion denkbar, für andere ist es daseinsform, der unterschied wie der zwischen kinder haben und nicht haben, oder gesund sein und krank, also umfassend, verästelt, wie zwischen sein und haben. also, freewill, du kannst mich mal.

dann doch lieber gitarren. die holy grail guitar show versammelt ein wochenende lang gitarrenbauer aus aller welt, kleine betriebe und einzelne handwerker, keine großen firmen. ich liebe diese verbindung aus handwerk, tradition und kunst, schönheit und klang. ich hoffe auf hingabe und ein paar besondere lebensläufe und will meinen mut zum probespielen zusammennehmen, vor allem werden viele musiker die schätze vorspielen, vor kleinem publikum. gespannt, ob ich die qualität und finesse überhaupt noch hören kann, oder ob es genügt, sie sich einzubilden.

georgie fisher und laura guidi im artliners

foto: gaga nielsen
foto: gaga nielsen

ein laden wie ein kleines wohnzimmer, vorne eine bar, hinten eine bühne. wer will, darf drauf, so lese ich das programm, aber heute feiern sie ihr 12 jähriges und haben ein paar special guests eingeladen. das publikum passt, ein haufen ältere -, klingt doof, sagen wir: erfahrene kämpen, männer wie frauen, sie kennen sich untereinander. jeder raucht tabak, kann mir beim anfragen die marke aussuchen, soviel luxus hab ich selten.

foto: gaga nielsen
foto: gaga nielsen

georgie fisher ist die erste auf der bühne, eine liedermacherin aus australien, zwischen mitte zwanzig und anfang dreissig schätz ich sie, eher jünger. sie kommt von der strassenmusik und hat ihr publikum im griff, also den teil, der zusieht und nicht an den drei tischen miteinander redet. die texte sind geschichten aus ihrem leben, über die liebe, die städte und die musik, sie sind in ordnung, und gute musik hat sie dazu geschrieben, mäandert damit an den texten entlang, es wirkt frei und leicht, wie grad erfunden. ihre stimme ist schön rauchig und ziemlich vielseitig, auf ihrer webseite beschreibt sie sich so: tabak, whisky, in honig getunkt. hab ich gleich einen schönen, alten lagavulin im kopf. hätte da gern mehr von gehört. sie hat cds dabei, für die ich ihr gerne hinterherlaufe, edel aufgemacht, mit einem gezeichneten wolf auf dem cover, mein eindruck so: sie meint das ernst mit der musik und ihr weg ist frei, hoffentlich, wär doch gemein, wenn solche frauen es nicht schaffen. heute beim hören gefällt mir ihre bühnenperformance aber besser, ohne drums und so weiter, ihre stimme hat genügend facetten und möglichkeiten, die begleitet sich selber am besten. auf der cd klingt ihre stimme weniger klar.

foto: gaga nielsen
foto: gaga nielsen

bei ein paar liedern auf der bühne kommt eine freundin dazu, wieder so ein stimmwunder, die italienerin laura guidi, sie singt auch eigene lieder, mit ein paar guten textzeilen über das leben mit tinder und mit viel love. sie hätte summertime singen können, die ganzen klassiker, hoffentlich versucht sie das mal. beeindruckend. gibt es viele solcher stimmen?

die anderen beiden acts hören wir nicht, weil wir draussen ins plaudern geraten sind, dabei den bewegungen von jungen demonstranten und einem grossen haufen polizeiwannen zuschauen konnten, hin und her, mal mit, mal ohne sirene. das pralle leben, dazu grillwürstchen und büffet für einsfuffzig. optimaler berlinabend. zuhause war ich schon um kurz nach zwölfe, von den zusammenstößen hab ich erst heut früh gelesen.

 

blixa bargeld und teho teardo in der volksbühne

Blixa Bargeld, Volksbühne, 6.6.16
foto: gaga nielsen

blixa bargeld und teho teardo in der volksbühne gesehen, die songs fast alle auf italienisch! sehr schön. ein mann, eine stimme. und seine kleine tochter vor mir in der ersten reihe, schaukelt hin und her, und wartet auf ihr lied.

im publikum die ganzen westberliner expunks, viele alte tattoos, viele italiener, wenig bekannte gesichter, neben eins hätte ich mich fast gesetzt, aber der platz war nicht frei. die stimmung vorher ein bisschen aufgeregt.

Teho Teardo, Volksbühne, 6.6.16
foto: gaga nielsen

die texte lakonisch und klar, so an der welt entlang, die begleitung durch teardo passt dazu, nimmt sich zurück, ist repetitiv bis monoton in der linienführung, es klingt aber nach einer entscheidung, als wäre alles andere schon gesagt oder gespielt. da stehen sie jetzt und können (da stehen sie jetzt und können anders, hätt ich fast) tun und lassen, was sie wollen.

Blixa Bargeld, VOlksbühne, 6.6.16
foto: gaga nielsen

musste an frühe blogs denken, natürlich, das ist ja mein liebster referenzrahmen für dies art text, denke, so könnte man auch ein paar der alten blogger vertonen (kann man das eigentlich noch nachlesen irgendwo? es ist alles weg.). klare sätze, wenig adjektive, unprätentiös, dabei trotzdem bischen elegisch, durch bargelds stimme und die vielen ausrufezeichen in teardos begleitung, der text ist nur ein element im konzept, ton, stimme und diese berliner juninacht tun genauso viel dazu. der mit zurückhaltendem drama  gesungene einfache satz – der mit nachdruck gesagte einfache satz – na, mir fehlt noch das richige bild. bei mir funktioniert das sofort, weil ich die ganzen szenen und momente wiedererkenne, die pioppi vor einem italienischen haus, von denen bargeld singt, die gegend hinter dem bahnhof in rom, die er beschreibt in seinem glitzeranzug. wie gut er italienisch spricht, auf der bühne mit weniger akzent als in den videos. er bleibt warm und bisschen ironisch-verspielt, mit seiner großen stimme, die jederzeit auch ganz anders könnte, wütend werden kann, ein raubtierorgan, mit dem er krieg oder frieden herbeibrüllen kann. drei zugaben, die mittlere für seine tochter, gesungen wie ein kinderlied, unbekümmert romantisch, over and over. und wie er zu ihr hinsieht beim singen, mit einem wirklich schönen lächeln.

Blixa Bargeld, Volksbühne, 6.6.16
foto: gaga nielsen

im hintergrund vier streicher live dabei, die waren beim spielen auch publikum, anfangs bisschen fremd, wie eine bestellte hochzeitsband, dann haben sie sich gewundert und gefreut beim spielen. die beiden hatten außerdem ein schwarzes cello mit einer cellistin (namen vergessen), ihr ganzer fankreis im publikum, und eine veritable baßklarinette auf der bühne. mehr jazz gucken muss ich.

gaga, krieg ich dafür wieder ein bild? (gaga verdanke ich den abend und einen platz in der zweiten reihe. sie kann sowas.)