22. januar 2021

ich habe einen leeren wäscheständer. seit tagen.

plane schon, bettdecken, gardinen und winterjacken zu waschen. das leben allein ist so viel weniger aufwand, das verwundert mich sehr. die stille ist im kopf angekommen, versinke vollkommen in eigenen gedankengängen zwischendurch. yoga war diesmal besser, aber meine beweglichkeit schwindet allgemein schneller als früher, das prophezeien einem ja alle, das das so ist beim älterwerden, aber es erstaunt mich wie etwas fremdes an mir, wie das andere, dabei bin ich das, in allem, und ich merke es nur bei sport, weil ich wohl meinen radius unbewusst soweit eingeschränkt habe, dass es mir im alltag nicht mehr auffällt. eine art unbemerkte ganzkörperschonhaltung, und die macht bestimmt vorm kopf nicht halt, das darf nicht sein, ich hoffe, dass körper und geist da jedes noch schön für sich bleiben. merke ein zunehmendes bewusstsein für bewegungsabläufe, auf den boden setzen, bücken, heben, niederknien, balancieren, all das hat jetzt einen platz in meiner selbstwahrnehmung, weil ich den körper spüre, während er sich bewegt. war früher nie so. werde das älterwerden akzeptieren müssen als etwas, das kommt und bleibt und nicht mehr weggehen wird. kann aber auch am winter liegen. überhaupt habe ich ja eh noch keine ahnung, sind doch die leute erst mit 60 alt, und mit siebzig, und so weiter, immer nur ein jahr auf einmal älter.

habe mir vorgenommen, an der stange in einem der türrahmen den klimmzug zu üben, bekomme stand heute durch armeskraft nicht mal die füße vom boden. werde berichten, wie lang das dauert. bin drauf gekommen, weil ich mir diese stange jetzt aneignen möchte, sie gehört den jungs, die können einen haufen klimmzüge, ich hab das nie versucht. könnt ihr das?

nach einem mittelguten tag abends einen chartreuse gegönnt, ein hammerzeug, nach einem text in der nyt gekauft, kann die einzelnen kräuter des geheimrezepts nicht rausschmecken, ein likör, oregano scheint drin, rosmarin vielleicht, aber in der summe schmeckt es intensiv und rund, nicht trennbar, wirklich wie ein elixir. meine mutter trinkt immer zwischendrin einen enzian, vielleicht wird das mein enzian.

freue mich übers bernie- sanders-meme, weil es so glorios harmlos und gut ist und die leute so einen spass dran haben, weil diese vereidigung für solche memes platz bietet, sie einlädt, anders als bei t., wo alles nur bedrohlich und auf diese alberne art pompös war. jetzt reden wir über die frauen, die mäntel, die dichterin und die rede von biden, es ist so wohltuend und normal.

denke noch darüber nach, wie ich so schnell wie möglich an eine impfung kommen könnte. bis mai scheint mir eigentlich zu lang, besonders, wenn sich die mutation wie gerade berichtet so schnell verbreitet. es ist ärgerlich, dass es so lange dauert, und für mich nicht ganz nachvollziehbar, vielleicht zuviel bürokratie? und zuwenig impfstoff natürlich.

partner in spe

wir sollen schön sein, und jung, zumindest jünger, mit glattem hals und feinen gelenken, unser hintern soll sich sehen lassen können, das haar soll schwingen oder einen sitz haben, der von heute ist und den sie ebensogut schon mal in einer zeitung gesehen haben könnten, die männer, die uns suchen. die jahre soll man uns nicht ansehen, oder nur im charmanten detail, paar lachfalten gehen immer, wir sollen zwingend schlank sein, nicht „normal“, nein, schlank, und uns weiblich kleiden, gerne, also freiwillig, wann immer wir können, und bitte nicht im langen wollkleid! denn dann müssen sie nicht nachdenken, dann sehen sie das, was sie schon immer im kopf hatten, die frau, die all diese traumbilder und wünsche und filmrollen verkörpern tut, ohne es zu merken, die frau, mit der sie sich gerne zeigen, die in ihren freundeskreis passt, um die sie beneidet werden, die sie beschützen können und ein bisschen betüddeln, obwohl sie eigentlich überhaupt nichts braucht, weil sie total unabhängig ist, vor allem finanziell, die sich und ihnen keine blösse gibt, die frau, die sie nicht wieder verlassen wird, mit der alles auf neu sein kann. und weil die suche eine weile dauert und doch nicht so leicht von der hand geht, suchen sie auch in sexportalen, nach sex ohne bedingungen und ohne folgen, nur fürs vergnügen, dort schreiben sie ihre wünsche auf, detailliert teilweise, und müssen überhaupt nicht mehr romantisch klingen, und da ist es plötzlich völlig egal, wie die frau aussieht, aussehen nebensächlich, figur nicht so wichtig, du kannst gern etwas älter sein, dicke willkommen, hauptsache es kommt zur sache.

ja, das hat mich gewundert, weil ich auch auf dem partnerbörsenparkett immer dachte, die männer wollen für den sex eine schönejungeschlanke frau haben, dabei ist es ihnen für den sex gar nicht so wichtig, wie schönjungschlank wir sind. da ist es ziemlich egal. da müssen wir nur da sein, und dann sieht man weiter. aber als partnerin reicht guter sex nicht, er ist vielleicht nicht einmal so wichtig, oder wichtig, aber nicht alles. da geht es auch um den status, also um projektion, zumindest bei der suche, da geht es um viel mehr, um das große ganze, um ihr bild auf der großen bühne, und die liebe ist bestimmt auch willkommen, wenn sie dabei ist, aber für die liebe müssen wir erst durchs nadelöhr passen.

(das positive daran, wenn es denn so ist, vielleicht irre ich mich ja kolossal und hab wieder nur vorurteile, und kann nur einem schönen runden gedanken nicht widerstehen, aber wenn da was dran ist, dann könnte ich, wenn mir diese art kontakt belieben würde, wahrscheinlich sex bis ins hohe alter haben, solange es dabei bleibt. das würde mich beruhigen und den zeitdruck nehmen, weil ich irgendwann bestimmt mal wieder sex möchte)

5. dezember 2020

4 minuten, bevor ich mit dem hund los will, einen blogpost anfangen, weil mir grade danach ist. vorher marktrunde mit beiden zwillis, sehr schön, stimmung aber angeschlagen, weil ich sehr gestresst bin wegen einer sache in der nächsten woche, ein zwilling eigentlich mehr lernen wollte, der andere noch keine wohnung und keine nachhilfe für seine mathe-vorlesung in analysis gefunden hat, die er braucht, weil die bescheuerte uni ausgerechnet die übungen nur als präsenzkurse stattfinden lässt, er ist am anfang ein paar mal mit airbnb in halle geblieben oder bei freunden, hat aber trotzdem zuviel verpasst. letzte woche einen negativen test für einen zwilling, jetzt von freunden gehört, die seien gar nicht so zuverlässig, ich möchte aber meiner ärztin vertrauen. kurze verunsicherung, bisschen nervös, andrerseits ist meine erkältung (die ich vom getesteten zwilling hatte) wieder weg bis auf ein kratzen in den bronchien. mein sicherster indikator ob krank oder gesund ist sowieso mein insulinbedarf, und der ist nicht mehr erhöht. also denke ich nicht mehr drüber nach. neben dem stress momente großer rührung, wenn die zwillis beide da sind, und wenn der weihnachtsteller mit mandarinen, lebkuchen und dominosteinen wie früher innerhalb von einem nachmittag geleert wird, bis auf die mandarinen. wohnung schlecht geputzt und mit schon wieder zuwachsenden büchertürmen, gestartet durch die bücher, die der g.-zwilling beim auszug nicht mitgenommen hat, und die wachsen ja autonom weiter, aber ich sehe das grade nichtmal mehr in meinem tunnelblick. sauber mache ich dann zum 3. advent.

viel spass am adventspodcast mit frau herzbruch und frau novemberregen, ich denke über die themen tatsächlich immer noch ein bisschen nach, anders als bei zeitungstexten, die mit der letzten zeile meistens verschwinden, und lächle ihnen hinterher.

das altersthema aus dem 4. türchen begleitet mich schon eine weile, es wird im idealfall auf etwas mit freunden hinauslaufen, die singles, die ich kenne, wollen das alle tun. niemand will allein sein im alter, das finde ich interessant, wo wir doch jetzt alle mehr oder weniger zufrieden alleine sind. vielleicht kommt auf uns eine bewegung zu, die das single-glück auch im alter verteidigen wird? es besteht natürlich die frage, wann „das alter“ eigentlich anfängt, ich schätze, ab 70 kann man es nicht mehr verleugnen, aber weiß es ja auch nicht. ich habe eigentlich nur finanzielle sorgen, weil meine rente voraussichtlich unter 500€ betragen wird, habe noch versicherungen laufen, aber viel wird da wohl auch nicht bei rumkommen, erben werde ich vielleicht noch ein bisschen, aber eher sowas wie den persianer, den mir meine mutter gestern mitgegeben hat, oder silberleuchter und das ein oder andere bild. das finanzielle scheint mir kein problem, dass man mit nachdenken lösen kann, sondern nur mit mehr geld, also mehr geld verdienen, meinte ich, und das wird schwierig. ich habe noch ein paar assets, die ich aber an die goldjungens weitergeben, und nicht schnöde verleben will. habe immerhin letzhin wieder im lotto gewonnen, 11€, das war schön.

3. november 2020

gestern abend hatte ich gerade meinen hund umgoogelt, weil sie besonders oft pullern muss gerade (sie hat um vier uhr nachts vergeblich um ausgang gebettelt und dann einen see in die küche gesetzt, armes mädchen. ein vorteil der wahl: heute nacht werde ich wach sein und kann sie runterbringen).

(grmbl-absatz:) … als dann über die repubblica der push-hinweis auf das attentat in wien hereinkam, hab auf twitter ein video der repubblica verlinkt, in dem man aus einem fenster auf einen platz guckt, während schüsse fallen. nach dem hinweis von frau novemberregen auf die bitte der wiener polizei, keine videos zu zeigen, den tweet gelöscht, weiter auf der seite der repubblica geblieben, die einen videofeed gezeigt hatte, von einem anbieter, den ich nicht kannte. hab ein paar minuten gebraucht, um seine unterirdischheit zu bemerken, sie haben dort nämlich ein kurzes video laufen lassen, in dem ein mensch erschossen wurde. habe hingesehen, das beim gucken vor mir entschuldigt mit dem bedürfnis, das geschehen zu verstehen, und habe das video, das wie gesagt auf der seite einer eigentlich rechtschaffenen zeitung lief, dann erst nach dem nächsten schnipsel abgeschaltet, nachdem nämlich ein reporter dort erklärt hat, er habe es „leider nicht geschafft“, „näher“ an einen der orte des attentats heranzukommen. dann gewechselt zum orf, der professionell und gut berichtet hat. werde mich bei der repubblica beschweren, weil sie mir das urteil über den boulevardscheiss überlassen hat, die repubblica ist eine der schnellsten zeitungen, die ich kenne, das ist manchmal nützlich, trotzdem darf das journalistische urteilsvermögen dadurch nicht vollkommen außer acht gelassen werden. wenn ich ungefilterte hinweise sehen will, schaue ich auf youtube nach, nicht auf einer redaktionell betreuten seite. einself. (/grmbl)

es sind 5 menschen erschossen worden, einer davon ein täter. wieviele es insgesamt waren, ist noch nicht klar, ob noch welche herumlaufen, ist auch nicht klar. sie wollten vor dem lockdown zuschlagen, heißt es. ein wiener hat aus dem fenster gerufen: „schleich di, du oaschloch“, mehr muss über den mörder nicht gesagt werden eigentlich. 4 unschuldige opfer, 5 katastrophal zu ende gegangene leben. testosteron und wahn und wut.

heute am schreibtisch, im selfcare-modus, blutzucker spinnt nach wie vor schlecht berechenbar. versuch, mit einem gut geplanten tag und nutellatoast der beängstigenden weltlage beizukommen. heute abend zoom-yoga im fast leeren zimmer vom g.-zwilling, darauf freue ich mich, auch wenn sich mein körper grad anfühlt, als sei er 10 jahre zu alt für 2020. danach die wahlfolge von west wing gucken.

um ortszeit 13 uhr öffnen die wahllokale in den usa, ich hoffe so sehr, dass ich mich ab mittwoch nicht mehr dauernd mit den bescheuerten usa herumärgern muss. die mediale dauerpräsenz von trump ist so, als wäre man gezwungen, dauernd die bild zu lesen. es macht einen krank und es beleidigt den verstand, die moral, die sinne, all das, was mich als person ausmacht, jeden tag neu. ich versuche also, dem phänomen mit verstand beizukommen, kann ursachen erkennen und verstehen, aber werde mit all dieser wahrnehmung dauernd volle fresse gegen die wand gefahren, weil ich nichts daran ändern kann, denn gegen gier, skrupellosigkeit und rassismus, und brutalität, und verantwortungslosigkeit in all ihren erscheinungsformen, hilft politik nur dann, wenn ihr system als demokratie handlungsfähig bleibt. darum machen die letzten berichte über den versuch, die auszählung der briefwahlergebnisse zb in pennsylvania illegal zu machen, mich so fertig, obwohl es eine kalte klare linie dorthin gibt. immerhin wurde der versuch vom supreme court verhindert, aber die wahl ist ja noch nicht rum. ach wären wir doch in einem james bond, wo die welt noch gerettet wird! aber bond ist ja auch schon tot.

außer denken und hektischem bloggen kann ich ja nichts tun, das ist zumindest aktiver als das reine fühlen. die usa haben ja seit vietnam immer wieder erbitterte proteste ausgelöst, es hat mich aber nie so fertig gemacht wie die trump-ära, das liegt sicher am klimawandel, der für immer und für alle stattfinden wird, aber auch an der empfundenen machtlosigkeit* angesichts der übermacht des „kapitals“, dieses schietegaltum, das weder auf die rechtslage noch auf die wahrheit rücksicht nehmen muss, wenn ich das mal so formulieren darf als unbedarfte ex-geisteswissenschaftlerin. das ist teil des problems, dass ich es als unbesiegbar und unabänderlich wahrnehme, der frühere kampf gegen, was weiß ich, den nato-beschluss, die atomwaffen, die atomenergie, den krieg im iran, das hat sogar spass gemacht, alles konflikte, wo man zwar auf der seite der verlierer stand, aber im vertrauen auf demokratische entscheidungsfindungen eben immer nur des zeitweiligen verlierers. angesichts des machtmissbrauchs der regierung in den usa fühle ich mich ähnlich hilf- und machtlos wie angesichts der vergangenheit, die ja nu wirklich unabänderlich ist, wo ich zwar verstehen und nachvollziehen will, aber eben nichts mehr tun kann, und das geschehene nur noch betrauern und verarbeiten muss. die wut passte oben nicht mehr in den satz, irgendwo nach machtmissbrauch und vor vergangenheit, die ist immerhin ein zeichen fürs jetzt. ach ja, ein weg in die selbstwirksamkeit wär toll, ums mal pädagogisch zu sagen. handlungsfähig werden.

*dieser gedanke wird ausgeführt in dem buch von donatella di cesare, von der politischen berufung der philosophie oder s.ä., das ich immer noch nur in auszügen gelesen habe. falls t. gewinnt, lese ich es ganz!

vielleicht ein beliebiges anderes land auswählen, mit dem ich mich befassen kann? ich fühle mich co-dependent. neuseeland, island?

omg, schon wieder so lang. sorry. ich plappere. es sind aufregende zeiten.

15. juli 20

mal wieder ein datingportal benutzt, mit ein bisschen scham, weil ich immer noch single bin, und weil es prokrastinativ ein schlechtes zeichen ist. lauter nachrichten gefunden, aus den letzten wochen, hoffe ich, und nicht monaten. ein paar beantwortet, einer reagiert, meldet sich dann aber nicht mehr, um das date zu bestätigen. erleichterung. meine einstellung ist zwischen se son rose fioriranno und I prefer not to.

ohne jugend und schönheit ist es schwierig, jemanden zu finden, glaube ich, ich sollte schickere fotos machen lassen, denn darauf kommt es an, weil das bild ja der haken ist, nicht der text, und die männer alle so gestrickt sind im schutz der anonymität, wage ich mal zu behaupten. ich bin vom typ her eher fürs zufällige kennenlernen, wie es früher war, serendipity ist mein königreich, aber in rl gab es in 8 jahren ungelogen nicht einen single, es sind alle vergeben, es großes paradoxon bei all den singlefrauen überall. es hat jedenfalls auch in tollen gesprächen mit männern keine auch nur kleine geste der kontaktaufnahme gegeben, wobei ein satz wie „vielleicht sieht man sich ja mal wieder“ eine fette geste wäre, und mein versuch einer kontaktaufnahme landet dann in awkward silences oder sie holen sich schnell was zu trinken. schräg. alle schlecht erzogen, echt, ist doch wahr! in italien ist das unglaublich anders, da habe ich auch in meinem alter noch dauernd irgendwelche spielerischen flirts und dates, auch wenn ich nur 3 wochen im jahr da bin. (oder deshalb, raunt der schelm?)

in den datingportalen wollen sie sex, antworten mit fertigtexten, verstummen, wenn ich mehr als sie zurückschreibe, ich vermute, sie wollen sex wie teenager, die noch nie welchen hatten, als wäre der sex das eine, was ihnen dauernd zusteht im leben und besonders im onlinedating, als sei der sex das eine, womit all der verlust und die einsamkeit geheilt werden kann, ohne zu privat zu werden, ohne in den spiegel sehen zu müssen, und sie hoffen, es sei selbstverständlich, dass sich eine frau um ihren schwanz kümmert, als sei das der hauptertrag der aufklärung, etwas, das sie einfordern können, und vielleicht sind die jungen, schmalen körper der noch nicht gealterten frauen da ein sicherer hafen auch für ihre selbstwahrnehmung? andrerseits glaube ich den daten, es ist halt einfach so, auf eine auch wieder angenehm unkomplizierte weise. ich schaue mir natürlich auch gern schöne körper an und finde sie attraktiv, aber ich will dann keine beziehung mit ihnen, nicht einmal sex. teenager alles.

hab im alten blog nach einer alten zeit gesucht, weil ich etwas vergessen hatte, den satz gefunden: „man muss ja einen kleinen teil der seele unbedeckt lassen, sonst merkt sie es nicht, wenn sich etwas bewegt“, ihn albern gefunden, dann gemerkt: diese art poetisches denken hilft tatsächlich immer noch.

habt ihr alternativen zu datingportalen? mein dilemma: mir fehlt eigentlich grad gar nichts, nichtmal sex, aber ich fürchte, dass ich bald zu alt bin für partnerschaften mit männern, und die 70jährigen sind mir auch zu alt. vielleicht gibt es keinen unterschied zwischen diesem zu alt und dem zu alt der typen, die lieber eine 25jährige hätten? hmm.

ach, alles zuviel aufwand. und wenn es jetzt nicht fehlt, warum soll es dann später fehlen?

16. mai 2020

heute früh nochmal kurz mein schrottiges rad gecheckt, weil ein ausflug mit zwei freundinnen anstand. nach zwei stunden ist es zu spät für den großeinkauf, dafür fährt das rad wieder, klappert nur noch vorne, mit einem einzelnen fast angenehmen dengelton, wenn das lose schutzblech gegen die gabel schlägt. ich versuch den großeinkauf in auszügen („nur notwendiges“) zu delegieren und fahre los.

die radtour war anders als erwartet, wider erwarten konnte ich nur den ersten und zweiten gang meiner dreigangnabe benutzen, weil es die ganze zeit bergauf ging. prenzlauer berg eben! die freundinnen haben mich in den botanischen garten pankow gebracht, wo wir nach ihrem acker schauen wollten. eine initiative hat dort kreisbeete angelegt, ca. 20m im durchmesser, in der mitte steht jeweils ein wasserhahn mit automatik, der in abständen kreisförmig wasser sprüht. die kreise sind in tortenstücke zerteilt, die man pachten kann, sie werden nach einem system bepflanzt, teils vom anbieter, teils von den pächtern, es gibt blumen, gemüse, kräuter hintereinander. es sind vielleicht zwei handvoll leute auf den beeten, jäten, pflanzen, mulchen oder ernten, zb rauke und spinat. ich bekomme ein radieschen direkt aus dem boden, knackig und scharf. auf der wiese daneben ruhen vier weitere kreise für ein oder zwei jahre, bis sich der boden erholt hat. sehr cool. ich hatte so etwas schrebergartenmäßiges erwartet, stattdessen ist es ein reines nutzfeld, die pächter kommen zum arbeiten, liegestühle sehe ich keine. aber für beschauliche samstagnachmittage kann man ja den umliegenden park verwenden. schön für familien, weil die kinder so karotten, pastinaken oder kartoffeln schon am grünzeug erkennen lernen und einen einblick in dinge wie pflanzfolgen bekommen. das gemüse genügt wohl für eine familie über den sommer, je nach appetit und pflanzglück, es klappt ja nicht immer alles. eine gewisse disziplin müssen die nutzer mitbringen, auch beim ernten, die freundinnen erzählen von einer zucchini, die einmal den verkehr aufgehalten hat, so monstergroß ist sie geworden. faszinierend.

danach noch kuchen und kaffee im ehemaligen gewächshaus, den wir unter freiem himmel an tischen essen, bisschen fröstelig ist es. auf der heimfahrt geht es rätselhafter weise ebenfalls nur bergauf, ich spüre lauter vergessene nervenenden im allerwertesten. die freundin erzählt von ihrem geplanten sommerurlaub, mit dem rad von hier nach wien und weiter nach athen, ich denke, puh, aber du hast mehr gänge, ich hab nur drei, davon praktisch nur zwei zu verfügung! freue mich sehr, als wir wieder zuhause sind und ich mich vom sattel entfernen kann. den d.-zwilling gefragt, ob er einkaufen war, er sagt nein, der g.-zwilling hätte gehen wollen, der g.-zwilling sagt nein, der d.-zwilling habe gehen wollen. der d.-zwilling hat immerhin eier und äpfel vom markt geholt, allerdings übereinander im rucksack, was nicht gutgegangen ist. muss also noch mal scheuchen. abends couscous und eine weinschorle, ein zwilling geht aus, der andere nicht. gelernt habe ich den unterschied zwischen grade aus der erde kommendem möhrengrün und unkraut, und dass es unter umständen erstmal eine weile nur bergauf gehen wird, wenn ich wie geplant wieder mehr sport machen werde.

a bis z

in den letzten wochen habe ich meine bücher sortiert, nach alphabet, dabei alle doppelten reihen und stapel mit eingenordet. es war mühsam und hat lange gedauert, das aussortieren ging mit der zeit leichter, ich hab gemerkt, dass ich ein kind meiner zeit bin und eher auf neuere als auf ältere autoren verzichte, wenn ich mich weder an den/die autor/in noch an den inhalt erinnere, hab ich das buch rausgenommen. es sind sehr viele geworden, sie liegen im flur gestapelt, ich darf sie nicht wieder anschauen, bis ich einen abnehmer finde, will aber auch nicht drüberfallen, das wird also eine herausforderung.

beim bücher räumen bilder im kopf, wie die wohnung irgendwann einmal einem entrümpler überantwortet werden wird, für den all das nur gewicht und aufwand ist, oder meinen kindern, die auch nur ein paar autoren davon kennen und wenig behalten werden, vermutlich, wer weiß schon, wie sie sich entwickeln. wir leben in der gegenwart, für die gegenwart. sentimental geworden, den klardenkenden d.-zwilling in ein gespräch ziehen wollen über die vergänglichkeit, aber er hat mich gleich wieder auf den weg gesetzt („entscheide einfach, wieviel platz du brauchst“).

hinter einem zugestellten bild ein din a3 – großes fotobuch entdeckt, dream house von gregory crawson, auf den bildern lauter interieurs mit menschen drin, die menschen sind schauspieler wie tilda swinton oder william h. macy. auf jedem bild scheint gerade etwas passiert zu sein, oder wird gleich passieren, aber wir wissen nicht, was es ist. der blick darauf wirkt voyeurhaft, sie haben spannung, wirken wie filmstills, mitten aus einem geschehen heraus. in keinem der zimmer stehen bücher. gedacht, dass bei mir die bücher die geschichten erzählen, hunderte, andauernd, und keine ist ein geheimnis, keine erlangt bedeutung durch mein unwissen über das, was war oder sein wird. ich muss sie nur öffnen und weiterblättern.

dt1 und seine wirren

bisschen auf kriegsfuss mit meinem körper, mein stoffwechsel lässt sich trotz der sehr fein dosierbaren insulingaben durch aaps nicht steuern. er benötigt mal 140%, mal 80% des eingestellten insulins, ohne vorwarnung springt der bedarf oft innerhalb eines tages um. ich brauche trotz des hin-und hers insgesamt nur noch halbsoviel insulin wie vor 2 jahren, was mir wurscht sein könnte, ich lebe ja nicht in den usa.

heute den ganzen tag über 200 gewesen, keine ahnung, warum. insulinbedarf heute auf 140%, inzwischen bin ich wieder unten durch aaps, das mich zum glück jede nacht wieder auf normalnull bringt. ich sollte eine ahnung haben, ich muss korrigieren, es ist frustrierend, immer nur hinterher zu jagen, mit korrekturen, die dann stunden brauchen, oder einfach gar nicht anschlagen, weil wieder irgendein dummes kackhormon in einer etwas anderen dosierung im umlauf ist. wechseljahre bestimmt, oder erhöhter insulinbedarf, weil dochnochmal menstruation, ich werde es merken, hinterher natürlich. oder irgend ein anderes problem, aber meiner ärztin fällt nix ein, sie testet dies und das, „vielleicht ändert sich grade mal wieder alles“, na super, sage ich, und lächle, wie immer. andrerseits hatte ich schon immer einen brittle-diabetes, launisch und spontan. mein anderes auge hat jetzt auch eine kleine netzhautveränderung, bisher war nur auf einem ein bisschen was zu sehen. das auf und ab hat folgen, es fällt mir schwer, das zu vergessen.

ich reagiere täglich anders auf kohlehydrate, essensplanung klappt kaum, mal gebe ich insulin 10 minuten nach dem essen, mal vorher, mal eine halbe oder viertel einheit mehr, mal anderthalb weniger, ob dosierung und zeit gestimmt haben, merke ich immer erst nachher, wenn das essen im blut ist, wenn es also meistens mal wieder nicht so läuft, wie erwartet. habe am anfang der chaoszeit, im letzten jahr, noch alles systematisch durchgetestet, aber erfolge und misserfolge waren fast nie reproduzierbar, also mache ich es jetzt eher nach intuition, die genauso oft funktioniert wie nicht funktioniert, ergebnis also das gleiche wie mit der systematik. habe abgenommen, weil ich versuche, mit sehr viel weniger kohlehydraten auszukommen, und darüber oft das essen einfach vergesse.

die katheder der pumpe machen es auch nicht leichter, gestern hat ein frisch gesetzter einfach kein insulin durchgelassen, es kam mir entgegengeschossen, als ich die verbindung schlauch/nadel gelöst habe, um nach dem rechten zu sehen. die pumpe, die ich nutze, eine dana rs der firma sooil, ist mechanisch auf dem stand der siebziger-achtzigerjahre, hat einen dämlichen luer-eingang mit rechtsgewinde, auf die all die tollen erprobten katheder nicht passen, ich muss also proprietäre des pumpenherstellers nutzen, die nichts taugen. fauche deshalb heute bisschen vor mich hin hier, ein rant, der auch nichts ändern wird.

habe grade meine alte pumpe wieder aus dem schrank geholt und update mein erstes loopgerät, den kleinen intel edison in der ticktackdose, nicht so anwenderfreundlich wie die aaps-app mit ihrer feinen oberfläche im handy, aber dafür nutzbar mit der super angenehmen und nur 15 jahre alten medtronic 722. grad läuft das update übers terminal, so angenehm, wenigstens etwas, dass ich machen und ändern kann.

wobei, sehe ich grade, das update hängt, irgendwas ist „failed“. aber was? heissa, wochenende.

oder einfach, wie jedes jahr gerne, den januar komplett abschaffen.

devise: grrr.

nachtrag: nach all dem frust bin ich auf meine alte pumpe und den vorherigen pancreas-algo ausgewichen, auf dem kleinen edison explorer, einfach, um alles mal versucht zu haben. lief ein paar tage, dann hat das rig den dienst versagt, diverse versuche inclusive neuem flashen und neu aufspielen des programms haben nicht geholfen, der funkchip ist wohl hinüber. habe ich wieder auf die neue pumpe und aaps gewechselt. openaps hat eine großartige funktion für fortgeschrittene user, genannt autotune, da rechnet das programm anhand der werte der letzten tage eine verbesserte basalrate aus und wendet sie an. nichtim verlauf eines tages für je eine halbe stunde veränderten raten, die die eingestellte basalrate um den wert x erhöhen oder erniedrigen, sondern eine grundsätzlich neue. openaps hat mir mit autotune über den tag verteilt insgesamt 2 einheiten zusätzlich errechnet, von ca. 15ie auf ca 17ie täglich, mein stoffwechsel ist damit wesentlich besser eingestellt, die sensitivität hat das programm dabei weiter erhöht, von 130-180 auf 200 (eine einheit insulin senkt meinen blutzucker um 200 mg/dl). diese höheren basalraten habe ich übernommen in aaps, heute und gestern waren die werte stabiler und weniger alpenartig. erstaunlich. kann aber auch sein, dass mein insulinbedarf einfach mal wieder ansteigt, weil irgendwas. jedenfalls, wie immer: try just a little bit …

selber tag, abends: sofort nach dem text ist der wert wieder gestiegen, ohne erkennbaren grund. habe den frisch gesetzten katheder nach 2h ununterbrochenem steigen wieder gewechselt, bei 250mg/dl, er schien vorne verknickt, dämlicher teflon-kath des pumpenherstellers sooil. dann stahlnadel an anderer stelle, danach und seitdem sinkt der spiegel, ist aber erst bei 170 um halb acht. keine kohlehydrate mehr gegessen. sensitivität auf 158%, von 160% heute morgen. vor drei tagen war es 140%, vor einer woche 95. rätsel. jetzt wage ich ein paar scheiben knäcke mit kram, komme was wolle! knäcke, dass ich inzwischen im bett essen kann, ohne krümel in den bh zu bekommen.

 

veränderung

sie haben einen großen modernen kinosaal in der anlage, einen 12m-pool, eine offene bibliothek mit tischen, lampen und einem relativ aktuellen katalog. die wohnungen („appartments“ sagen sie dort, das große ganze immer mitintendiert) sind zwischen anderthalb und drei zimmern groß, der speisesaal ist schön eingerichtet, die richtigen lampen, sehr freundliches personal, geradezu fröhliches personal. die älteste bewohnerin ist 106, sagt uns die frau, die meiner mutter alles zeigt, die jüngste mitte sechzig, der schnitt liegt beim alter meiner mutter, bei 85 jahren, das ist nicht ohne, nicht ohne, wo ich selber doch nur einen menschen in dem alter kenne. wir bleiben zum mittagessen. die bewohner auffallend elegant, mit gold und silber geschmückt, feine wolle, die männer in sakko und hemd, einer im lodenjanker, weißes haar, niemand färbt es sich noch ab alter x. meine mutter ist noch eher blond, vielleicht ist das ein einzugsritual, der abschied von der vergangenheit? ist nicht mehr und wird nicht mehr werden. paar rollatoren, „aber die sind dann auch schon 20 jahre hier, sind hier alt geworden“, paar rollstühle. mich würde glaube ich die ganze eleganz stören, das gediegene, ich empfinde das als zur schau gestellten wohlstand, ein auffälliges gleiche-unter-gleichen, vielleicht nur, weil ich nicht dazugehöre mit meinem einen kaschmir im regal, diese menschen haben halt einfach kein h&m im schrank, die können sich das ja nicht aussuchen, nicht mehr aussuchen, ihr leben hat die feine kleidung hinter ihnen angehäuft. sie kennen es nicht anders. die frauen sehen interessant aus, ihre verschiedenheit fällt mir auf, sehen sich doch alte leute oft ähnlicher als jüngere, weil ihr alter das erste wahrgenommene ist, von meinen zarten 50plus jahren aus betrachtet. ich bilde mir ein, ihnen ihre guten leben ansehen zu können, weiß aber nix natürlich. vielleicht waren sie einfach besonders schön, und nicht besonders interessant, im alter fällt das ein bisschen ineinander. sie bringen bestimmt einen großen teil ihres lebens mit, wenn sie in so einen alterssitz umziehen, und müssen viel zurücklassen, wie das eben so ist.

ein bisschen kreuzfahrt war das heute, wo die leute aus ihren kleinen kabinen immer in abendgarderobe erscheinen.

meine mutter passt da hinein und wieder nicht. „diese ganzen alten tanten“, sagt sie, es fällt ihr aber dann noch auf, dass sie selber dazugehört. männer gibt es deutlich weniger. ihre berufe kann ich frauen und männern nicht ansehen, kann ich aber bei gleichaltrigen auch nicht gut. ein mann sieht noch ein bisschen nach baumogul aus, auch wenn der körper hinter dem dominanten kinn schon zu verschwinden beginnt, bei damen würde ich nie nach baumogulinösem suchen, da sehe ich eher akademische berufe. die paare unterhalten sich miteinander, nicht alle, einige reden nur einen satz zum menue. die menschen sind ja zuhause dort, ich weiß nicht, ob der repräsentative anteil der eigenen existenz in den hintergrund tritt, wenn man jeden tag im restaurant isst. finde ich interessant, welchen preis so eine normalität hat, sicher hält es die leute auch beieinander, wie jedes ritual.

eine bekannte, die dort schon lebt seit ein paar jahren, rät meiner mutter zum hinwarten, vermisst ihre wohnung und vielleicht auch die realität, oder sie ist ihre einsamkeit dort nicht losgeworden, und dann ist das endgültige noch dazugekommen. es hängt vielleicht davon ab, wie wichtig das zuhause für die identität ist, wie sehr man die sehr pragmatischen grundrisse und die neubauödnis wahrnimmt im lebensalltag. wie es einem geht vorm umzug. aber schöne holzböden auf den balkonen.

ich will dauernd „im alter“ schreiben: so ist das eben im alter, weil darauf alles hinausläuft, so einen lakonismus, die akzeptanz des todes. die zimmer werden frei, wenn jemand gestorben ist, das wissen ja alle, da zieht keiner mehr aus, da sind sich alle bewohner gleich, vielleicht werden sie deshalb alle mit namen angesprochen, bei jeder begegnung, weil angesichts des großen gleichmachers der namen ans leben als einzelner und einziger erinnert, das die menschen ja hier auch noch leben, zu ende leben, päng, da ist er wieder, der tod. dieser aspekt macht mir auch noch schwierigkeiten, glaube ich, dass die mutter als ewige präsenz an einen ort umziehen will, an dem nix mehr ewig währt. ihr sicher auch, bei aller norddeutschen resolution. das verfliegt aber auch wieder beim dort herumlaufen, sobald man sich daran gewöhnt hat, im alltag ist eh mehr gegenwart, das ende fern wie immer. bei abwesenheit von schmerz und not, natürlich. oder nicht? bin ich gespannt drauf.

„sie denken darüber nach, sich zu verändern?“ fragte die mitarbeiterin und rät zur baldigen entscheidung. wenn man schon pflegestufen hat, wird man wohl nicht mehr genommen, lieber sind ihnen aktive senioren, die die arbeit des kulturrates zu würdigen wissen, ende des monats kommt walter momper und erzählt von der wende, ein film mit burt lancaster wird gezeigt, es gibt lesungen und konzerte. eine wasserreise und eine landreise pro jahr, „sehr begehrt“.

 

tempi passati

lese grade „la versione di fenoglio“ von gianrico carofiglio, wie alles von ihm sehr angenehm zu lesen, ein gespräch mit lauter unerwarteten wendungen und assoziationen, so eine spielerische intelligenz, dinge, die ein paar seiten lang wirken wie eine art surplus für den handlungsverlauf (ich hielt das buch für einen krimi), wie ein schriftstellerischer luxus, den der erfolgreiche autor sich leisten kann, bis ich merke, es ist gar kein krimi, sondern ein nachdenken über wahrheit und lüge, erfahrung und alltag bei der polizeiarbeit und, natürlich im leben überhaupt.

will es gleich dem großen schicken, aber es ist noch nicht übersetzt. oft wirken texte schön, klar und durchdacht, wenn ich sie in originalsprache lese, und werden wohlfeil und bisschen küchenpsychologisch, wenn ich sie auf deutsch vor mir habe, das könnte hier auch passieren, mal schaun, mal sehn.

eine stelle, in der ein vom smog braun gewordenes haus beschrieben wird („Il tizio abitava in una palazzina anni Cinquanta annerita da un velo di smog che dava un senso di grande malinconia.“, S. 41) – sofort bilder von mailänder smogtagen im kopf, von genau solchen häusern, dieses dunkle braungrau.

meine vergangenheit unterscheidet sich in allem von meinem jetzigen leben, sogar die sprache war eine andere. das ist gut, weil es den abschluss erkennbar macht, und befremdlich, weil das alte so unüberschrieben weiterexistiert, nicht vom leben neu besetzt wird. in solchen bildern erlebe ich mich als ganz jungen menschen, fast unverfälscht von sentimentalitäten, als wiedererkennen: so war es. alles äußere ist anders,  nur ich bin natürlich ganz unzeremoniös (da ist jetzt doch etwas sentimentales in dieser wortwahl) immer dieselbe.

freundschaftsbuch

ein dickes großes buch mit leeren seiten, dichtung und wahrheit steht drauf, es ist elegant, silbergrau mit schnitt. ob wir, seine alten freunde, da erinnerungen reinschreiben könnten, dinge, die wir noch wissen, für sein kind, jetzt ein vorschulkind. er ist im letzten jahr gestorben, unter unklaren umständen, drogen und polizei waren mit ihm spiel, es ging ihm nicht gut in den letzten jahren, das haben wir alle mitbekommen. er war in meiner klasse, etwa so alt wie ich. ich werde eine seite schreiben, ein paar erlebnisse und bilder, würde aber gern allgemein etwas dazu sagen, wie er war früher, oder: wie es war mit ihm früher, in der zeit, als wir noch jungen und mädchen waren und nicht teenager oder junge erwachsene. dass er in den achtzigern ein liebevoller und freundlicher und lebenslustiger mann gewesen ist. es gibt einen großen unterschied zwischen diesen erinnerungen und dem jetzt, er ist nicht gut umgegangen mit sich und auch nicht mit dem kind, ich war natürlich nicht oft dabei, aber ich habe ihn mit kind oft unbeherrscht und laut und grob erlebt. wird er dann im umgang mit seiner familie nicht noch öfter so gewesen sein? mit seinen freunden war er anders, mehr wie früher. das weiß ich natürlich alles nicht und schreib auch nichts drüber, das ist nicht meine aufgabe. ich weiß nicht, was das kind später erinnern wird von seinen ersten lebensjahren. mein satz dazu: ich weiß, dass es später nicht immer leicht mit ihm war, aber früher (…). und das es sich melden kann, wenn es mag.

saisonale übergänge

erstaunlicher erschöpftseinsstatus. kenne ich nicht von mir, alles stresst, dauernd schlechtes gewissen, weil ich termine verschieben muss, die nur mit noch mehr stress zu schaffen sind, druck auf der brust, wach um vier, gereizt, kein überblick, mein zen ist futsch. vollzeit plus familie schaffe ich nicht, das ist schon wieder frustrierend. alter ist ein faktor, bin älter, als ich aussehe und jünger, als ich mich fühle, heute 54, und noch immer keine verdammte menopause. der job mit kleinkindern fordert auf akustisch intensive art, mir fehlt auch das denken noch immer, es läuft fast alles über intuition und erfahrung, aber nach ein paar richtigen sätzen von freunden kann ich besser damit leben, in einem kindergarten zu arbeiten. dass also eigentlich fast alles gut ist, muss ich mir grade noch stück für stück zusammenpuzzeln, es trägt noch nicht. freue mich sehr auf die freien wochen am see. ohne kids, die allein zuhause oder unterwegs sind, noch nie so viel zeit ohne kinder verbracht, vielleicht gehts mir dann doch nicht gut damit, eine trockenübung vor den auszügen wird das.

détaché

es ist mir heut zwischendurch mit ein paar |plings| wieder eingefallen, warum ich so schlecht aus dem mögen wieder herausfinde.

ich erinnere mich an ganz früher, als die beziehung zu meinen nächsten erwachsenen eine fluchtbereitschaft enthielt, eine vorsicht, wie ich nie ganz selbstvergessen war, und wie wir in der liebe gehalten wurden, wenn mal wieder was schief gegangen war, wegen seiner kindheit, seinem stress, seiner erziehung, immer aus gründen, die nichts mit uns zu tun hatten, und wir mögen bitte hingehen und ihm sagen, dass es uns leid tut, weil er so drunter leidet. ich bin während der eskalation deeskalierend bis unsichtbar, danach verständnisvoll bis ironisch, so habe ich es gelernt, es ist mir erste natur inzwischen.

normbereich

blick auf den holzkörper der gitarre vom sohn gibt wohlbefinden. palisander, in der maserung eine schattierung von zartbitter auf nougat.

arbeite zuviel. bin so erledigt abends, schlafe sofort ein, noch vorm abendessen, muss mich dann mühsam wieder in gang setzen, spätestens um elf bin ich platt. gleich bisschen dummes gefühl ggü all den selbstverständlichen arbeitsbienen mit 50-60h-wochen, allein – das bin ich nicht. ist vielleicht auch ein stoffwechselproblem, mein insulinbedarf sinkt seit ein paar monaten, ich nehme ab, kann mich schlecht konzentrieren. ich freu mich zwar, dass ich zahlen habe und nicht nur gefühle, aber meine nette ärztin ist keine hilfe und weiß nichts zu sagen, und sie denkt natürlich auch nicht weiter. vielleicht ist einfach mal wieder alles im wandel. unbefriedigend.

heute auf einem 50. fast der gesamte freundeskreis ist inzwischen durch, nur mek, die kekstesterin und frau modeste fehlen noch, als nächstes, fällt mir da auf, kommen die 60. geburtstage. so froh, kinder und einen hund zu haben, die halten mich wenn nicht jung, so immerhin in bewegung, und meine freunde natürlich.

mann fehlt nach wie vor nicht, auch weil es im alltag keine situationen mehr gibt, wo mir ein mangel auffiele, es ist einfach zu lang her. grad neulich im gespräch mit freundin darüber, wieviel arbeit ein mann machen würde, lieber heute entspannt kaffee im bett trinken und im alten pyjama noch mal umdrehen, das ginge ja ev auch mit mann, aber das scheint mir schon nicht selbstverständlich. er müsste schon eine bereicherung sein, niemand, den man in kauf nimmt, um nicht partnerlos zu sein, dabei pflegeleicht, ein lustiger, sexyer, lebensliebender, kinderreicher, der durch hoch und tief gegangen ist und weiter läuft, einer wie ich eben (ich lache nicht).

sucht man nicht sein ebenbild? das gewünschte ebenbild, das geglättete, ohne neon, das überlebt habende. der schöne traum („der schöne traum von dir/ aber du, in der zeit, verletzlich, verführbar, sprachlos.“, so geht das gedicht von chr. meckel dann weiter. immer beides). wenn er dann gleich noch die dichtungen im bad …

manchmal träume ich von wildem sex auf eine nicht bildhafte weise, als mögliche hingabe, mit männern, auf die ich mich im traum freue. aber morgens ist es dann auch wieder gut. ich bin zufrieden, dass die bedürfnisse noch irgendwo existieren, wer weiß, wann ich die noch brauchen kann.