dt1 und seine wirren

bisschen auf kriegsfuss mit meinem körper, mein stoffwechsel lässt sich trotz der sehr fein dosierbaren insulingaben durch aaps nicht steuern. er benötigt mal 140%, mal 80% des eingestellten insulins, ohne vorwarnung springt der bedarf oft innerhalb eines tages um. ich brauche trotz des hin-und hers insgesamt nur noch halbsoviel insulin wie vor 2 jahren, was mir wurscht sein könnte, ich lebe ja nicht in den usa.

heute den ganzen tag über 200 gewesen, keine ahnung, warum. insulinbedarf heute auf 140%, inzwischen bin ich wieder unten durch aaps, das mich zum glück jede nacht wieder auf normalnull bringt. ich sollte eine ahnung haben, ich muss korrigieren, es ist frustrierend, immer nur hinterher zu jagen, mit korrekturen, die dann stunden brauchen, oder einfach gar nicht anschlagen, weil wieder irgendein dummes kackhormon in einer etwas anderen dosierung im umlauf ist. wechseljahre bestimmt, oder erhöhter insulinbedarf, weil dochnochmal menstruation, ich werde es merken, hinterher natürlich. oder irgend ein anderes problem, aber meiner ärztin fällt nix ein, sie testet dies und das, „vielleicht ändert sich grade mal wieder alles“, na super, sage ich, und lächle, wie immer. andrerseits hatte ich schon immer einen brittle-diabetes, launisch und spontan. mein anderes auge hat jetzt auch eine kleine netzhautveränderung, bisher war nur auf einem ein bisschen was zu sehen. das auf und ab hat folgen, es fällt mir schwer, das zu vergessen.

ich reagiere täglich anders auf kohlehydrate, essensplanung klappt kaum, mal gebe ich insulin 10 minuten nach dem essen, mal vorher, mal eine halbe oder viertel einheit mehr, mal anderthalb weniger, ob dosierung und zeit gestimmt haben, merke ich immer erst nachher, wenn das essen im blut ist, wenn es also meistens mal wieder nicht so läuft, wie erwartet. habe am anfang der chaoszeit, im letzten jahr, noch alles systematisch durchgetestet, aber erfolge und misserfolge waren fast nie reproduzierbar, also mache ich es jetzt eher nach intuition, die genauso oft funktioniert wie nicht funktioniert, ergebnis also das gleiche wie mit der systematik. habe abgenommen, weil ich versuche, mit sehr viel weniger kohlehydraten auszukommen, und darüber oft das essen einfach vergesse.

die katheder der pumpe machen es auch nicht leichter, gestern hat ein frisch gesetzter einfach kein insulin durchgelassen, es kam mir entgegengeschossen, als ich die verbindung schlauch/nadel gelöst habe, um nach dem rechten zu sehen. die pumpe, die ich nutze, eine dana rs der firma sooil, ist mechanisch auf dem stand der siebziger-achtzigerjahre, hat einen dämlichen luer-eingang mit rechtsgewinde, auf die all die tollen erprobten katheder nicht passen, ich muss also proprietäre des pumpenherstellers nutzen, die nichts taugen. fauche deshalb heute bisschen vor mich hin hier, ein rant, der auch nichts ändern wird.

habe grade meine alte pumpe wieder aus dem schrank geholt und update mein erstes loopgerät, den kleinen intel edison in der ticktackdose, nicht so anwenderfreundlich wie die aaps-app mit ihrer feinen oberfläche im handy, aber dafür nutzbar mit der super angenehmen und nur 15 jahre alten medtronic 722. grad läuft das update übers terminal, so angenehm, wenigstens etwas, dass ich machen und ändern kann.

wobei, sehe ich grade, das update hängt, irgendwas ist „failed“. aber was? heissa, wochenende.

oder einfach, wie jedes jahr gerne, den januar komplett abschaffen.

devise: grrr.

veränderung

sie haben einen großen modernen kinosaal in der anlage, einen 12m-pool, eine offene bibliothek mit tischen, lampen und einem relativ aktuellen katalog. die wohnungen („appartments“ sagen sie dort, das große ganze immer mitintendiert) sind zwischen anderthalb und drei zimmern groß, der speisesaal ist schön eingerichtet, die richtigen lampen, sehr freundliches personal, geradezu fröhliches personal. die älteste bewohnerin ist 106, sagt uns die frau, die meiner mutter alles zeigt, die jüngste mitte sechzig, der schnitt liegt beim alter meiner mutter, bei 85 jahren, das ist nicht ohne, nicht ohne, wo ich selber doch nur einen menschen in dem alter kenne. wir bleiben zum mittagessen. die bewohner auffallend elegant, mit gold und silber geschmückt, feine wolle, die männer in sakko und hemd, einer im lodenjanker, weißes haar, niemand färbt es sich noch ab alter x. meine mutter ist noch eher blond, vielleicht ist das ein einzugsritual, der abschied von der vergangenheit? ist nicht mehr und wird nicht mehr werden. paar rollatoren, „aber die sind dann auch schon 20 jahre hier, sind hier alt geworden“, paar rollstühle. mich würde glaube ich die ganze eleganz stören, das gediegene, ich empfinde das als zur schau gestellten wohlstand, ein auffälliges gleiche-unter-gleichen, vielleicht nur, weil ich nicht dazugehöre mit meinem einen kaschmir im regal, diese menschen haben halt einfach kein h&m im schrank, die können sich das ja nicht aussuchen, nicht mehr aussuchen, ihr leben hat die feine kleidung hinter ihnen angehäuft. sie kennen es nicht anders. die frauen sehen interessant aus, ihre verschiedenheit fällt mir auf, sehen sich doch alte leute oft ähnlicher als jüngere, weil ihr alter das erste wahrgenommene ist, von meinen zarten 50plus jahren aus betrachtet. ich bilde mir ein, ihnen ihre guten leben ansehen zu können, weiß aber nix natürlich. vielleicht waren sie einfach besonders schön, und nicht besonders interessant, im alter fällt das ein bisschen ineinander. sie bringen bestimmt einen großen teil ihres lebens mit, wenn sie in so einen alterssitz umziehen, und müssen viel zurücklassen, wie das eben so ist.

ein bisschen kreuzfahrt war das heute, wo die leute aus ihren kleinen kabinen immer in abendgarderobe erscheinen.

meine mutter passt da hinein und wieder nicht. „diese ganzen alten tanten“, sagt sie, es fällt ihr aber dann noch auf, dass sie selber dazugehört. männer gibt es deutlich weniger. ihre berufe kann ich frauen und männern nicht ansehen, kann ich aber bei gleichaltrigen auch nicht gut. ein mann sieht noch ein bisschen nach baumogul aus, auch wenn der körper hinter dem dominanten kinn schon zu verschwinden beginnt, bei damen würde ich nie nach baumogulinösem suchen, da sehe ich eher akademische berufe. die paare unterhalten sich miteinander, nicht alle, einige reden nur einen satz zum menue. die menschen sind ja zuhause dort, ich weiß nicht, ob der repräsentative anteil der eigenen existenz in den hintergrund tritt, wenn man jeden tag im restaurant isst. finde ich interessant, welchen preis so eine normalität hat, sicher hält es die leute auch beieinander, wie jedes ritual.

eine bekannte, die dort schon lebt seit ein paar jahren, rät meiner mutter zum hinwarten, vermisst ihre wohnung und vielleicht auch die realität, oder sie ist ihre einsamkeit dort nicht losgeworden, und dann ist das endgültige noch dazugekommen. es hängt vielleicht davon ab, wie wichtig das zuhause für die identität ist, wie sehr man die sehr pragmatischen grundrisse und die neubauödnis wahrnimmt im lebensalltag. wie es einem geht vorm umzug. aber schöne holzböden auf den balkonen.

ich will dauernd „im alter“ schreiben: so ist das eben im alter, weil darauf alles hinausläuft, so einen lakonismus, die akzeptanz des todes. die zimmer werden frei, wenn jemand gestorben ist, das wissen ja alle, da zieht keiner mehr aus, da sind sich alle bewohner gleich, vielleicht werden sie deshalb alle mit namen angesprochen, bei jeder begegnung, weil angesichts des großen gleichmachers der namen ans leben als einzelner und einziger erinnert, das die menschen ja hier auch noch leben, zu ende leben, päng, da ist er wieder, der tod. dieser aspekt macht mir auch noch schwierigkeiten, glaube ich, dass die mutter als ewige präsenz an einen ort umziehen will, an dem nix mehr ewig währt. ihr sicher auch, bei aller norddeutschen resolution. das verfliegt aber auch wieder beim dort herumlaufen, sobald man sich daran gewöhnt hat, im alltag ist eh mehr gegenwart, das ende fern wie immer. bei abwesenheit von schmerz und not, natürlich. oder nicht? bin ich gespannt drauf.

„sie denken darüber nach, sich zu verändern?“ fragte die mitarbeiterin und rät zur baldigen entscheidung. wenn man schon pflegestufen hat, wird man wohl nicht mehr genommen, lieber sind ihnen aktive senioren, die die arbeit des kulturrates zu würdigen wissen, ende des monats kommt walter momper und erzählt von der wende, ein film mit burt lancaster wird gezeigt, es gibt lesungen und konzerte. eine wasserreise und eine landreise pro jahr, „sehr begehrt“.

 

tempi passati

lese grade „la versione di fenoglio“ von gianrico carofiglio, wie alles von ihm sehr angenehm zu lesen, ein gespräch mit lauter unerwarteten wendungen und assoziationen, so eine spielerische intelligenz, dinge, die ein paar seiten lang wirken wie eine art surplus für den handlungsverlauf (ich hielt das buch für einen krimi), wie ein schriftstellerischer luxus, den der erfolgreiche autor sich leisten kann, bis ich merke, es ist gar kein krimi, sondern ein nachdenken über wahrheit und lüge, erfahrung und alltag bei der polizeiarbeit und, natürlich im leben überhaupt.

will es gleich dem großen schicken, aber es ist noch nicht übersetzt. oft wirken texte schön, klar und durchdacht, wenn ich sie in originalsprache lese, und werden wohlfeil und bisschen küchenpsychologisch, wenn ich sie auf deutsch vor mir habe, das könnte hier auch passieren, mal schaun, mal sehn.

eine stelle, in der ein vom smog braun gewordenes haus beschrieben wird („Il tizio abitava in una palazzina anni Cinquanta annerita da un velo di smog che dava un senso di grande malinconia.“, S. 41) – sofort bilder von mailänder smogtagen im kopf, von genau solchen häusern, dieses dunkle braungrau.

meine vergangenheit unterscheidet sich in allem von meinem jetzigen leben, sogar die sprache war eine andere. das ist gut, weil es den abschluss erkennbar macht, und befremdlich, weil das alte so unüberschrieben weiterexistiert, nicht vom leben neu besetzt wird. in solchen bildern erlebe ich mich als ganz jungen menschen, fast unverfälscht von sentimentalitäten, als wiedererkennen: so war es. alles äußere ist anders,  nur ich bin natürlich ganz unzeremoniös (da ist jetzt doch etwas sentimentales in dieser wortwahl) immer dieselbe.

freundschaftsbuch

ein dickes großes buch mit leeren seiten, dichtung und wahrheit steht drauf, es ist elegant, silbergrau mit schnitt. ob wir, seine alten freunde, da erinnerungen reinschreiben könnten, dinge, die wir noch wissen, für sein kind, jetzt ein vorschulkind. er ist im letzten jahr gestorben, unter unklaren umständen, drogen und polizei waren mit ihm spiel, es ging ihm nicht gut in den letzten jahren, das haben wir alle mitbekommen. er war in meiner klasse, etwa so alt wie ich. ich werde eine seite schreiben, ein paar erlebnisse und bilder, würde aber gern allgemein etwas dazu sagen, wie er war früher, oder: wie es war mit ihm früher, in der zeit, als wir noch jungen und mädchen waren und nicht teenager oder junge erwachsene. dass er in den achtzigern ein liebevoller und freundlicher und lebenslustiger mann gewesen ist. es gibt einen großen unterschied zwischen diesen erinnerungen und dem jetzt, er ist nicht gut umgegangen mit sich und auch nicht mit dem kind, ich war natürlich nicht oft dabei, aber ich habe ihn mit kind oft unbeherrscht und laut und grob erlebt. wird er dann im umgang mit seiner familie nicht noch öfter so gewesen sein? mit seinen freunden war er anders, mehr wie früher. das weiß ich natürlich alles nicht und schreib auch nichts drüber, das ist nicht meine aufgabe. ich weiß nicht, was das kind später erinnern wird von seinen ersten lebensjahren. mein satz dazu: ich weiß, dass es später nicht immer leicht mit ihm war, aber früher (…). und das es sich melden kann, wenn es mag.

saisonale übergänge

erstaunlicher erschöpftseinsstatus. kenne ich nicht von mir, alles stresst, dauernd schlechtes gewissen, weil ich termine verschieben muss, die nur mit noch mehr stress zu schaffen sind, druck auf der brust, wach um vier, gereizt, kein überblick, mein zen ist futsch. vollzeit plus familie schaffe ich nicht, das ist schon wieder frustrierend. alter ist ein faktor, bin älter, als ich aussehe und jünger, als ich mich fühle, heute 54, und noch immer keine verdammte menopause. der job mit kleinkindern fordert auf akustisch intensive art, mir fehlt auch das denken noch immer, es läuft fast alles über intuition und erfahrung, aber nach ein paar richtigen sätzen von freunden kann ich besser damit leben, in einem kindergarten zu arbeiten. dass also eigentlich fast alles gut ist, muss ich mir grade noch stück für stück zusammenpuzzeln, es trägt noch nicht. freue mich sehr auf die freien wochen am see. ohne kids, die allein zuhause oder unterwegs sind, noch nie so viel zeit ohne kinder verbracht, vielleicht gehts mir dann doch nicht gut damit, eine trockenübung vor den auszügen wird das.

détaché

es ist mir heut zwischendurch mit ein paar |plings| wieder eingefallen, warum ich so schlecht aus dem mögen wieder herausfinde.

ich erinnere mich an ganz früher, als die beziehung zu meinen nächsten erwachsenen eine fluchtbereitschaft enthielt, eine vorsicht, wie ich nie ganz selbstvergessen war, und wie wir in der liebe gehalten wurden, wenn mal wieder was schief gegangen war, wegen seiner kindheit, seinem stress, seiner erziehung, immer aus gründen, die nichts mit uns zu tun hatten, und wir mögen bitte hingehen und ihm sagen, dass es uns leid tut, weil er so drunter leidet. ich bin während der eskalation deeskalierend bis unsichtbar, danach verständnisvoll bis ironisch, so habe ich es gelernt, es ist mir erste natur inzwischen.

normbereich

blick auf den holzkörper der gitarre vom sohn gibt wohlbefinden. palisander, in der maserung eine schattierung von zartbitter auf nougat.

arbeite zuviel. bin so erledigt abends, schlafe sofort ein, noch vorm abendessen, muss mich dann mühsam wieder in gang setzen, spätestens um elf bin ich platt. gleich bisschen dummes gefühl ggü all den selbstverständlichen arbeitsbienen mit 50-60h-wochen, allein – das bin ich nicht. ist vielleicht auch ein stoffwechselproblem, mein insulinbedarf sinkt seit ein paar monaten, ich nehme ab, kann mich schlecht konzentrieren. ich freu mich zwar, dass ich zahlen habe und nicht nur gefühle, aber meine nette ärztin ist keine hilfe und weiß nichts zu sagen, und sie denkt natürlich auch nicht weiter. vielleicht ist einfach mal wieder alles im wandel. unbefriedigend.

heute auf einem 50. fast der gesamte freundeskreis ist inzwischen durch, nur mek, die kekstesterin und frau modeste fehlen noch, als nächstes, fällt mir da auf, kommen die 60. geburtstage. so froh, kinder und einen hund zu haben, die halten mich wenn nicht jung, so immerhin in bewegung, und meine freunde natürlich.

mann fehlt nach wie vor nicht, auch weil es im alltag keine situationen mehr gibt, wo mir ein mangel auffiele, es ist einfach zu lang her. grad neulich im gespräch mit freundin darüber, wieviel arbeit ein mann machen würde, lieber heute entspannt kaffee im bett trinken und im alten pyjama noch mal umdrehen, das ginge ja ev auch mit mann, aber das scheint mir schon nicht selbstverständlich. er müsste schon eine bereicherung sein, niemand, den man in kauf nimmt, um nicht partnerlos zu sein, dabei pflegeleicht, ein lustiger, sexyer, lebensliebender, kinderreicher, der durch hoch und tief gegangen ist und weiter läuft, einer wie ich eben (ich lache nicht).

sucht man nicht sein ebenbild? das gewünschte ebenbild, das geglättete, ohne neon, das überlebt habende. der schöne traum („der schöne traum von dir/ aber du, in der zeit, verletzlich, verführbar, sprachlos.“, so geht das gedicht von chr. meckel dann weiter. immer beides). wenn er dann gleich noch die dichtungen im bad …

manchmal träume ich von wildem sex auf eine nicht bildhafte weise, als mögliche hingabe, mit männern, auf die ich mich im traum freue. aber morgens ist es dann auch wieder gut. ich bin zufrieden, dass die bedürfnisse noch irgendwo existieren, wer weiß, wann ich die noch brauchen kann.

alleinbleiben

nach ein paar hinweisen auf twitter grey’s anatomy 15/19 geschaut, obwohl die serie nur noch schlümmste telenovela ist – die szene mit der wall of women hat mich erwischt, vor allem, die ernsten blicke, nur die präsenz, ohne kommentar, dieses: wir sind hier, alle frauen sind hier. wahrscheinlich, weil ich in diesen situationen immer vollkommen allein war. mit den männern, auch danach, also in den minuten unmittelbar nach der gewalt. meine kinder waren jedesmal auch da, es hat das alleinsein nicht verändert. männer können tun, was sie wollen, und sie nehmen unser selbstbild mit, ohne dafür zu bezahlen, weil wir ihnen vertraut haben und danach eine lange weile uns selbst nicht mehr vertrauen können. ich hab keinen der beiden angezeigt, ich konnte nichts beweisen, inzwischen ist es eine verwachsene tiefe narbe, aber ich zeige sie immer noch nicht gerne. wie alle narben bleibt sie. es ist das alleinsein in der situation, das die angst so groß macht, die nachher nicht mehr zu einem passt, die ich kenne aus kindertagen, die mich zum opfer macht, mir für ein paar heillose momente und tage die persönlichkeit und die geschichte nimmt, bis der schock sich legt und wieder alltag ist. diese angst verzeihe ich den männern nicht, die fassunglosigkeit. man ist allein, man bleibt allein.

kw 1

über den jahreswechsel zu einer freundin ins polnische gefahren, eigentlich wegen der netten gesellschaft, aber die einladung kam besonders gelegen, weil ich so emma aus dem lärm holen konnte. wir haben gut gegessen, haben viel über uns, die hunde, die kinder, die arbeit, die männer geredet und um null uhr eher pflichtschuldig kurz angestossen. am ersten januar kleinen spaziergang an die oder gemacht, die freundin lebt in einem paradies, völlig naturbelassene landschaft. zuhause noch mit kuchen den großen gefeiert, der am 1.1. seinen 20. geburtstag hatte.

gemerkt, dass ich mir nix längerfristiges vornehme, nur so ein- bis drei- monatsziele. ich möchte die ersten 20 seiten von „fundamental algorithms“ verstehen, weil mich mein verstehen der ersten paar seiten so verblüfft hat,  ich hab es es nicht für möglich gehalten. mal schaun, ob ich diese faszination auf die mathematik übertragen kann.

werde meinen 50.  diaversary irgendwie feiern, am 1. februar, weiß noch nicht genau, wie. mit freunden natürlich.

mir ist erst jetzt aufgefallen, dass nicht mein gewicht dauernd um mehrere kilo herumwackelt, sondern meine waage. ich hab sie von meinem diabetesbedarfsladen geschenkt bekommen, als ich noch in neukölln wohnte, in den achtzigern.

seitdem ich vg-wort-zählmarken nutze, vermute ich bei vielen blogtexten eine extrinsische motivation für die länge („Genügend: nein, 400 fehlen“).

 

wut

besuch in der villa liebermann zur ausstellung, über eine stunde wartezeit, kaffee mit schlechtem kuchen, großartiges ambiente mit blick auf den wannsee, großen räumen, kaminen. in der schlange zur kaffeetheke  mache ich dauernd genervte kommentare, schon fast giftige, ein bisschen zu laut für ganz leise. davidzwilling gleicht aus, lenkt ab, versucht, meine laune zu heben, das alarmiert mich ziemlich, habe ich doch einen ganzen dunklen see an erinnerungen daran, wie ich die launen meines vaters und die stimmung meiner mutter versuche vorherzusehen und ihnen ausgleichend zuvorzukommen, von mir ist nichts übriggeblieben in diesen momenten, ich war nur noch reaktion. kann den fokus, den zündfunken meiner wut am sonntag nicht ausmachen, sie richtet sich scheinbar gegen das museum, gegen die ganze wohlerzogene gelassenheit im umgang mit der wartezeit, ich bin voller wut gegen den sichtbaren reichtum der anderen museumsbesucher, ihre zurückhaltung, ihr leises geplauder über kulturelle dinge. ich bin sogar wütend auf die großkalibrigen automobile, mit denen sie anreisen, die damen schmal und stilisiert – nein, einfach mit lebenslangem selbstverständnis gut gekleidet. ich bin wütend auf das eine paar, vater und sohn, freundlich im umgang miteinander, ohne die kleinste geste des missmuts über den lauf der dinge, ihrer zufriedenheit mit sich selber gar nicht mehr bewußt, sie nie hinterfragend.  ich fühle mich auffällig anders, war seit einem halben jahr nicht mehr beim friseur und man sieht es, graue schläfen, rausgewachsener schnitt, fühle mich schon durch aufmachung nicht dazugehörig und nehme den wohlstand der anderen als filzwand war, die jede energie von außen beim einschlag vernichtet (das war jetzt eine merkwürdige formulierung), und von innen hört man nichts. meine mutter passt da hin, zumindest äußerlich, ich würde es gerne, und weiß weder warum, noch warum der verlust so akut ist. erst jetzt fällt das so starke bild von den beiden ab, sie sind eben eine familie, die am sonntag ins museum geht, keine repräsentanten einer  utopie.

einen tag später fallen die puzzlestücke zueinander. schon in der villa hatte ich thomas mann im kopf, die liebe meines vaters für autor und texte, das großbürgerliche als bewußte lebensform und ambiente, es war die selbstverständliche bildung, die ihn anzog, glaube ich, bildung als garant für ein zivilisiertes miteinander, seine wahlfamilie, als abstand zu allen anderen bei gleichzeitiger wahrnehmung aller anderen durch den blick des künstlers, das wollte er zeitlebens sein, ein schon immer dazugehöriger, und war es nie, als von der mutter erst zugunsten eines ewigen nazis verlassener, später nach rom nachgeholter hochintelligenter junger mann. sein leben war wie der letzte satz grade, immer die eigenschaften vorneweg, die kann man sich aussuchen und anerziehen, das subjekt im schatten hinterhergezogen, es bleibt verborgen und gehört nie ganz dazu, wird nicht gesehen. er hat sich ein leben ausgesucht und es gelebt, kultur, karriere, literatur, wohlstand, mit voller wucht, und es hat nie gereicht. er ist nie ganz weggekommen von der frühen verlorenheit, vielleicht hat ihn das so wütend gemacht, in der wut war alles andere egal, seine kinder, seine erfolge, da war er ein junge, der trotz der prügelstrafen von vater und stiefvater wütend war und blieb. ich habe am sonntag diese wut gelebt, als einen gleißenden kern, der die öffentlichkeit nicht scheut, und konnte sie vollkommen verstehen. es fühlte sich richtig an.

(huch. ich wollte ganz was anderes schreiben.)

 

c/o

vielleicht bleibt viel mehr so wie es war, nur der weg an die oberfläche wird länger, jeden tag ein stückchen. die sensorischen wege von der menge an bekannten und unbekannten leuten zu einem gesicht, dass ich sehen kann, sehen-nichtsehen, das war nett, aber es war hauptsächlich nichtsehen. wir alle drumrum ein paar jahrzehnte älter geworden, die brüche sind verarbeitet, die brüchigkeit haben wir im griff, eine müßige differenz. meine ist mir noch im weg. müde und nüchtern nach hause. (parties)

… und jeder Ort ist hier.

aus Ursula Ziebarth: Hexenspeise, Verlag Günther Neske Pfullingen 1976

ich kann mein nachdenken über ihre sammlung schlecht fokussieren, auch weil in ihrem zimmer überall etwas steht oder liegt, in reihen über- und hintereinander,  würde gern in reihungen schreiben, komma an komma an komma, damit nichts verloren geht. es ist ein schatz im romantischen sinne, wie die schätze im indiana jones-film, eine unübersehbare menge von einzelnen dingen. sie sind einander ähnlich, weil man ihnen das handwerk noch ansehen kann, die nähte, die perlen und muscheln, (- schon wieder reihungen), die spuren vom schnitzmesser. sie sind farbenfroh und meistens eher nicht so abstrakt.

sie hat sie ihr ganzes leben lang gesammelt, ich habe sie nie gefragt oder gefragt (wahrscheinlich, es ist ja  naheliegend) und die antwort wieder vergessen, womit sie angefangen hat, oder ab wann es eine sammlung wurde. vielleicht eine antwort auf den verlust ihres elternhauses in der bombardierung berlins, oder einfach faszination an schönen dingen, das behaltenwollen mehr als das habenwollen, glaube ich. die schönheiten nicht mehr aus der hand geben müssen. 60 jahre später hat es sich ausgewachsen zu einer welterfahrung, einem wissensberg, der eben nicht metaphorisch erfahren wird, sondern tatsächlich da ist, vorhanden, anfassbar.

auf der beerdigung hat titus georgi (ein beuteenkel, wie ziebarth die kinder und kindeskinder von freunden nannte) das schön beschrieben, er sprach von den vielen verschiedenen wegen, mit denen menschen und kulturen mit denselben gegebenheiten umgehen, er hats viel schöner gesagt, aber in diesem sinne, und die große freude an diesem reichtum.  die verschiedenheit der dinge ist sowas wie ihr ankerpunkt in der sammlung, ein energieknoten, darüber gehen dann die türen auf in die vielen erscheinungsformen von volkskultur.

hat sie es geteilt mit ihren lieben? ihre männer hat sie immer geteilt, teilen müssen, die wollte sie nicht ganz, bei ihren dingen war das anders. sie hat uns manchmal schmuck zum anlegen gegeben, die krone bei david, oder ein schweres kollier, das mal kurz um meinen hals lag, aus afrika. sie hat diese sachen damit für einen moment auch wieder ihrem sinn übergeben, einen menschen zu schmücken und zu verwandeln, oder eine situation, und ich glaube, sie hat das mehr der sammlung zuliebe getan, ihr einen kurzurlaub im alltag gegönnt, und nur ein bisschen, um uns eine freude zu machen. schalen sollen gefüllt werden, bücher gelesen, mit löffeln soll gegessen werden.

der wert der dinge liegt auch in ihrer bedeutung im sozialen miteinander, oder in ihren repräsentativen eigenschaften, sie haben ein bein im symbolischen. wie die vielen dinge bei uns zuhause alle irgendwie nur auf uns zeigen, als familie oder status oder beruf oder persönlichkeit, vielleicht sogar die kunst, die ja eigentlich das andere ist, so wird durch die fülle und das disparate in ursel ziebarths sammlung die ganze zeit die tür aufgerissen und woanders hin gezeigt. mexiko!, südamerika! papua neuguinea! alles voller welt.

vollständigkeit ist etwas furchterregendes, oder nicht? könnte man eine sammlung wie die ihre abschließen, dann wäre die welt leer und die menschheit traurig. es gibt überall neues zu entdecken, neue geschichten, neue kunstfertigkeit, neue wunderbare figuren und gegenstände. auch wenn alle länder bereist waren, gab es  im ypsilon in der bayreuther strasse immer noch die chance auf einen glücklichen fund, einen neuen schatz. das sammeln ist eine lebensart, wie das leben geht die sammlung auch immer weiter, ursel ziebarth hat noch in der woche vor ihrem tod etwas neues erstanden. sammeln ist leben.

heute wurde sie beerdigt, es war sehr schön, ihre theaterfamilie hat sie verabschiedet, mit ansprachen und gesang, ihre freunde und alte berufkollegen waren auch dabei. bach und schubert. und eine trompete.

„… und jeder Ort ist hier.“ weiterlesen

ursel ziebarth ist nicht mehr.

frau ziebarth ist am 20. märz gestorben. die großartige, deren lebenshunger noch für weitere 100 jahre gereicht hätte. habs grad erfahren, ich habe letzte woche noch bei ihr geklingelt, weil ich sie zum theater abholen wollte. sie hat nicht aufgemacht. verabredet hatten wir uns 2 wochen davor, ich habe sie noch anrufen wollen vorher zur sicherheit, und sie ist nicht drangegangen. da war sie schon tot.

(mit ursel ziebarth im BE, festvorstellung zu ihrem 95. geburtstag. ich hab leider kein bild nur von ihr, und wollte mich nu auch nicht rausschneiden)

man könnte bücher über sie schreiben, aber das hat sie selber gemacht, über 2 dutzend, erst das letzte über ihre zweite heimat, nach der literatur und den menschengemachten schätzen, die sie gesammelt hat, endlich ein buch übers theater nämlich. das BE war ihr zuhause, bis reese kam, danach ist sie nicht mehr hingegangen, kann ich auch verstehen. das BE hat ihr eine echte ziebarth-gala gegeben zu ihrem 95., hermann beil, der dramaturg, hat mit seiner wunderbaren stimme aus ihren büchern gelesen in der box oben im theaterhof, herr müller hat ihr die treppen hoch geholfen und sie zu ihrem sitz gebracht, wenn sie kam, ein paar mal jede woche, jedenfalls solange peymann noch intendant war.

„was ist dein lieblingsbuch?“ war fast ihre erste frage, als wir uns nach meiner rückkehr nach berlin irgendwann in den achtzigern neu beschnuppert haben, auf vermittlung meines vaters. sie war mit ihm befreundet, der in den 60zigern mit ihr im DIW gearbeitet hat, und kennt mich seit immer, also länger als ich sie kenne. mein gefühl war so eine mischung aus respekt und ratlosigkeit, was  so eine alte dame (ich war jung damals) denn mit mir anfangen könnte, und ich mit ihr. ich hab damals bulgakow genannt, meister und margerita, und sie war einverstanden und hat mich auf eine atemlose weise sofort in ein gespräch über literatur gezogen. lesen schien überhaupt das einzig notwendige nach den treffen mit ursel ziebarth. „was liest du?“ war in den jahren danach immer ihre erste frage. die bücher, die ich ihr zum geburtstag schenkte, lagen oft schon auf oder unter dem tisch in ihrem zimmer, ihre bücherwand war voll bis zum letzten quadratzentimeter.

vor ein paar jahren hatte ich mich vergriffen, und ihr sterben geschenkt, von knausgard. „da hast du meine souveranität überschätzt“, hat sie gesagt, und es mir wieder mitgegeben. ich hab dann einen anderen band der reihe gebracht, sie: „das buch ist interessant, aber viel interessanter wäre es zu verstehen, was du daran findest.“

ach ach.

in meinen theaterjahren habe ich sie auf den premieren getroffen, nicht nur im BE, sie war immer da. aus respekt vor den künstlern, oder generell aus respekt vor dem theater an sich, wollte sie sofort nach dem schlussapplaus keine meinungen hören, anders als ich, bei der dann immer alles rausblubbert.

die kategorie futility passt nicht zu ihr, mit all ihrer präsenz. hab ich den haken wieder wegemacht.

sie war eine neugiernase, wollte alles genau wissen, liebes- und arbeitsdinge, familie, freunde und kinder, ich glaube, auch wegen ihres sammlertums, und weil auch die ganzen lustigen geschichten ja dazugehören, liebschaften, abenteuer, chefs, nichts irdisches war ihr fremd. ihr bild vom menschen und von ihren freunden umfasste eben alles, also musste sie alles wissen, damit der mensch ganz und wahrhaftig da war. oder? ach. wenn ich sie danach fragen würde, sie würde einen klugen und pointierten satz antworten, der das thema elegant ad acta legt.

david mit krone, bei frau ziebarth im okt 15

die söhne haben sie kennengelernt, einer figur in ihrer wohnung die ohren abgebrochen („kann man reparieren, aber passt jetzt lieber auf“), auf ihrem brecht-stuhl gesessen und fragen gestellt. zum glück.

ihre sammlung. was schön ist: angesichts ihrer persönlichkeit war die sammlung nicht mehr so wichtig, sie war ein teil von ihr, aber nicht alles. ich trauere um sie, denn sie ist nicht mehr da, ihre sammlung wird ein zuhause finden, aber ohne sie sind es nur noch sachen, die geschichten zu all den dingen, das herz und die seele der gegenstände, die waren nur in ihrem kopf. wie ihr eine bestimmte statue eingefallen ist, oder ein kleiner löffel, oder ein stein, und dann hat sie oft gesagt „wir können ebensogut mal schnell hingehen“, um die statue selber in der hand zu halten, den stein ans licht. was man anfassen kann, ist da.

die ganze weite welt hat sie bereist dafür, „aber jedes land nur einmal“.

ihr langes, in wilden dutts und zöpfen hochgestecktes haar, schwarz bis zuletzt. die schönen kleider, mit spiegelchen, aus indien und den ländern, die sie bereist hat. die männer, denen sie ihr herz geschenkt hat, über die sie auch ein buch geschrieben hat, und die sich glaub ich würdig erwiesen haben.

ach, ach. ich war mir sicher, sie würde den tod überlisten können. mit dem tod kann man ja nicht verhandeln, aber für jemanden wie sie sollte es sowas wie eine ehrenrunde im irdischen geben, damit alles sich von ihr verabschieden kann. sie war einzig. ihr tod zieht und zupft und zerrt an der welt, sie war überall verwurzelt und hatte diese tausenden kleinen anker der welt in ihrem zuhause. ich hoffe, du hast sie bei dir, und auch etwas von uns. eine liebende ist gegangen. möge die erde dir leicht sein, liebe muschi. sehr traurig.

 

edit: ein wirklich schönes portrait im tagesspiegel, von johannes laubmeier

ein arg kurzer nachruf im tagesspiegel vom 17. april

ein gefilmtes interview mit ihr aus einer videoblog-reihe, einen monat vor ihrem tod