während ich am schreibtisch sitze und auf einen die ordnung verdeckenden haufen von firewirekabeln, netzteilen und adaptern schaue, dabei den kabeln zu folgen versuche, also nicht mit dem blick, eher mit dem herzen, weil alles grade überall hin kann, das ganze zubehör wie beim aufräumen beseite gelegt und nicht ineinander verstaubt, weil ich sie erst gestern beim suchen dahin gepackt habe, aber es ist ein dünner und durchschaubarer haufen unordnung, gerade genug, um eine minute hineinzustarren, und dabei läuft nebenher auf dem rechner ein insektenhorrorfilm, ich stelle mir vor, wie die schauspieler während der drehpausen kein einziges mal über den film geredet haben, ich wollte wenigstens ein bisschen dekadenz, und sonst gibt es nur diese wochenshow, deren sketchwesen mich zwar angenehm, aber nicht genügend adrenolytisch befremdet, noch ein wesen mit beinen und ektoskelett. vielleicht würde es ja schon helfen, den schreibtisch umzudrehen, sodass ich die bücher sehen kann beim beschäftigt sein, jaja, der heimweg ist lang.

mit gesumm

der vater, der mir immer dieses spontane ja, oho, achje – gefühl verursacht, wenn ich ihm auf dem schulweg begegne, und der nach einem kleinen und total überraschendem flirt über schokoladenvorlieben an der supermarktkasse mich gar nicht mehr ansieht, sogar durch mein grüßen hindurchguckt, als wäre jede geste zuviel, jedes lächeln befrachtet mit dingen, die man dem lächeln nicht ansehen kann. manchmal paranoide sorge, dass mein single-dasein mir in riesigen warnbuchstaben irgendwo dranklebt, wo ich es nicht sehen kann. oder es ist bloss der normale restringierte code bei hiesigen gesellschaftlichen kontakten, die angst vor assoziativem, vor möglichkeiten und bildern, die nicht feststehen, die nichts bedeuten, das soziale kein klangteppich mit dichtem feingewebtem flor, mit farben, figuren und mit einem haufen reiner freude vor allem, sondern eine hängebrücke mit abgrund li und re. immer nur von haustür zu haustür, keine fehltritte, ach daher tragen die alle immer turnschuhe! hey, was weiß denn ich. bin etwas gelangweilt.

lamentela

also, der TANGO, wie konnte ich nur ohne? wißt ihr, was man alles tanzen kann, sicher in der musik und in armen, und dann den rücken heben in den freiraum hinein, ein ganz klein wenig, eigentlich nur in gedanken, aber der mann bekommt es mit und gibt mich frei in diese kleine mitte, immer ein volt vor dem takt, ta-ta-ta-ta läuft man übers parkett, die ganzen vielen schritte werden geradeaus hineingetanzt in die milonga, lauter glatte schnörkel, oder auch spöttische, du willst uns schnell, milonga, morgens um 3? ha, da hält mich die hand im rücken, ein lachen, paar synkopen ganz still stehen, in spannung und mit heißem atem, die einspielung unterlaufen, aber nur kurz, obwohl ich immer gar nicht weiß, ab wo es schritte sind, also nicht mehr hand oder rücken oder so, der übergang intention in bewegung ist ein nervending der körper untereinand.

atmen und gehen, mehr ist das nicht mit dem tango, der ist eine sprache eben, und man kann sie tanzen, der mann wiegt seine arme manchmal ganz ein bisschen, das ist ein metawiegen, ein kommentar, und und genialerweise kann man die augen zumachen dabei.

sie tanzen anders heute, sagt mein tänzer, den ich auch seit 7 jahren nicht gesehen habe, schau sie dir an, sie schwitzen, es ist immer noch ein dritter dabei, ein zuschauer, und richtig fliegen die beine der damen hoch um ihre knie herum, es sieht aus wie der bewegungswirbel im comic, das mag ich nicht mehr so, sagt er, ich will die frau spüren beim tanzen, und das ist natürlich auch scharmant, weil das gewirbel, also das krieg ich nun wirklich nicht hin so aus dem nichts.

(die begeisterung noch tatsächlich aufgeschrieben und nicht nur gedacht, jetzt grad nur das betrunkene rausgestrichen, aber es ist natürlich wie jeder gute zustand eine ja/nein-geschichte, schwörst beschreibbar. man steckt in einer ganz mühelosen dynamik, die einen musikalischen Raum durchmessen kann, wortwörtlich, mit schritten, und ihn dabei vollkommen erfasst. das ist, wie man sich vielleicht vorstellen kann, eigentlich ist das glück.)

brille

heut früh beim brötchen kaufen fährt ein mann mit kapuzenpulli auf einem fahrrad an mir vorbei. er fängt an zu klingeln, als er auf meiner höhe ist, und guckt mich an. denke ich, ach, ein guter tag. ruft der mann mir zu: ruhnke oder fielmann? – und fährt gackernd weiter. (fällt mir ein, vor vielleicht 15 jahren bin ich mal mit einem mann frühmorgens in dessen dachwohnung gelaufen, auf dem letzten treppenabsatz stand mit großer schrift quer über die wand: mein letzter wille- ne frau mit brille)

auf der piste

der weg in den herbst führt mitten durch schokolade. die letzten tage ohne die kinder waren voll mit aufsteigenden schmutzigen blasen, die ich nicht haben wollte, die in die nächsten monate aber nicht mehr hineinpassen werden, trauer, müdigkeit, mürber grauer kram, den man einbauen sollen könnte müssen wird in den hektischen alltag, bisschen heiße wut über meinen ort in der geschichte, ein nichtort, den ich nicht mag grade, es ist ein platz der reaktion und organisation, in dem jeder morgen mit himbeermarmelade mit einem großen weggucken bezahlt werden muss, in dem es keine blicke gibt und kein schweigen und eigentlich auch kein erkennen, ach, da könnte man ja auch rauchen wieder, oder nicht, denke ich, aber es schmeckt nicht mehr richtig, und das ärgert mich, alles mehrschichtig und übertüncht, und dieses diamantharte winzige jetzt, das wie ein käfer auf dem rücken liegt und kräfte saugt, zu nichts nutze, immer schon vorbei, vertan, und (…)

nichts passiert von alleine, glauben sie mir das mal so, und außerdem zahlt man für jede erbse, und der gewinn hängt am horizont, far away, hauptsache woanders und nicht hier, und andere leute beschreiben ihn, natürlich freu ich mich dann zb über herbstmelancholie bald in den ganzen weblogs, die sätze mit blättern und kühle und dem gekippten licht, aber es ist so vollkommen egal hier, wieviel kälter der herbst wird, ich fürchte die tage nur in ihrer nackten zeitqualität, ihrer fülle an minuten und gnadenlosen linearität, die kinderlogistik, die unsicherheiten bei jobs und menschen, die müdigkeit, das verdammte alleinsein, die ganze verantwortung im umgang mit den söhnen, das ewige immer zuhören und verstehen, jede regung muss man verstehen immer, obwohl man ja so manchmal doch lieber laut schreien, aber wozu, und die irre rezeptionsfläche, die ich bieten muss, die tonnen bedürfnisse, in denen meine nicht sichtbar sein werden, in die ich meine einmimetisieren werde, eine gute pasta, heyklar, sowas reicht mir, ein whísky, ein text, ein abend mit freunden, mehr brauch ich nicht, es hat 10 tage gedauert, um das ans licht zu lassen (naja und eine kleine unterzuckerung, die macht auch immer durchlässig), jetzt sitz ich hier und muss den scheiß auch noch feiern, finally me, bevor das wieder wegrutscht, in freundliches auskommen, in gespräche über dinge, witze und oddio, dabei geht es um (…)

option 1

in letzter zeit ein paar mal anderen und über diesen umweg auch mir meinen merkwürdigen status versucht zu erklären: in einer affäre, aber trotzdem noch operativer single. mir selber scheinen ganz pragmatisch die lebensumstände von größerer relevanz als die gefühlslage, die genauer zu ergründen kaum lohnt bei dieser abmachung, ja aber ist es denn eine abmachung, das bis-hier-und-nicht-weiter, oder doch einfach die erkenntnis, dass diese art liebe nicht reicht für diese art leben, eine ins faktische versteckte einsicht? oder wächst liebe erst gar nicht, wenn die überzeugung so fest ist, es gäbe keinen platz für sie?– es glatt auslaufen lassen, keine widerhaken ausfahren, den herzenshunger auf die beziehung unberührt lassen, der ist nicht gemeint hier, und trotzdem schmeckt es großartig. aber die gefühle! sagen die freunde, ich könnte das nicht, wie soll das gehen, du wirst dich verlieben! nein, sage ich, oder ja, warum auch nicht, es gibt seit dem aufkommen der liebesheirat so eine romantische vergötterung der liebe als einer himmelsmacht, vor der man sich immer gleich platt auf den boden werfen muss, dabei hat sie doch ohne die elemente dauer, alltag und gegenseitigkeit kaum verankerungen im realen. sie geht wieder weg.
das herz schwankt kurz und man schließt die augen, weil das gesicht des anderen plötzlich präsent scheint, mit der wärme und der nähe und mit diesem blick, ja, es wird blaue flecken geben, vielleicht auch größere. ich habe sowieso klarere erinnerungen an den umgang mit liebeskummer als an den mit der liebe, sie sind abrufbarer und haben einen rezeptregister eingebaut, whisky, schokolade, freundinnen, neue männer.und dann sagt der teil von mir, den ich als schöner und stärker imaginiere: ja, aber es hat funktioniert! die maschine ist aus, die immer die projektionen macht, der mann ist bald weg und du glaubst ihm, dass er das will. es könnte klappen. über die keimende melancholie total erleichtert sein, sonst wäre diese effizienz doch erschreckend. (neulich eine alleinerziehende mutter auf dem schulweg, als ich ihre organisation bewundere: „ja aber will ich das später sagen von meinem leben: es war gut organisiert?“)
verdacht: mit traumwandlerischer sicherheit von eigenen bedürfnissen absehen, weil sie einem so unrealisierbar scheinen, aufgegeben haben, erleichtert sein darüber, dass das kämpfen nicht lohnt. ich kenne diesen blinkenden funken auf der rückseite der logistik genau: die angst, das es doch nur darum gehen könnte, nicht genug geliebt zu werden. die unruhe, ob man selber noch so richtig lieben kann, ob man nicht doch wie früher sich werfen sollte in die unvernunft, ohne seil und notfalls ohne den anderen. ob man liebe noch übersetzen kann in den alltag. mit dem blinken prima leben können, es für menschlich und nicht für neurotisch halten. überhaupt eigentlich ein prima leben haben.
aber.

 

Kommentare:

kittykoma – 12. April, 23:22
mit der liebe und der nähe der kinder liebt es sich unabhängiger. das macht stark, aber es ist irgendwann vorbei, wenn die kinder aus dem haus sind. die gefahr besteht, dann plötzlich ganz verletzbar zu sein.

Casino – 13. April, 09:16
das stimmt! noch nie so drüber gedacht, dank. dann hab ich noch 10 jahre spielwiese, das wäre doch schön. und so als coole fuffzigerin ist dann hoffentlich die hornhaut perfektioniert und der bedarf sublimiert, es gibt dann bestimmt auch weniger gelegenheiten für diese art von verletzungen – man könnte dann kurze fast weiße haare tragen, wieder rauchen, yoga machen und ein flacheres auto fahren als jetzt.

slowtiger (Gast) – 13. April, 21:34
In 10 Jahren kannst du dann diesen coolen Filmemacher besuchen, der dir immer Spaghetti kochen will.

Casino – 14. April, 08:13
Gut, er hat ein Date.

jorge (Gast) – 14. April, 17:43

alles kommt zu der, die warten kann

@casino: ich kann dir versichern, dass coole fünfzigjährige zwar tatsächlich oft graue kurzhaarfrisuren tragen und u.U. etwas flachere autos bewegen und über etwas mehr freiraum, als mit 30, verfügen – die idee, dass dann hornhaut auf der seele und die sublimierung von bedürfnissen angesagt sind, kann ich aus eigener lebenserfahrung absolut nicht bestätigen … wait and see 😉

es wird allerdings auch nicht leichter, die liebe und die tatsache, dass man sich doch immer wieder platt auf den boden wirft.
no fear – vernunft ist wichtig, aber es ist auch noch niemand an einem aufschluchzen gestorben.
jede liebe zählt.

Casino – 15. April, 06:47
oh mann. ich hatte echt gehofft, dass es irgendwann mal aufhört. in meinem alter sollten leute angekommen sein und nicht mehr so auf der suche. (sorry. aber danke für dein kompliment)

kid37 – 15. April, 10:04
(Manchmal denke ich, der Glaube ans „Ankommen“ ist wie „Hoffnung“ nur eine weitere Plage aus Pandoras Büchse.)

jorge (Gast) – 15. April, 17:49
@kid: genau das glaube ich inzwischen auch

jorge (Gast) – 14. April, 23:12
ach ja, auch beim fünften durchlesen wieder erkannt, wie ehrlich du bist in der selbstanalyse und im niederschreiben der gefühle und fakten, so präzise.
du schreibst so gut und so berührend, darf ich doch sagen, oder?

 

 

with love

gestern trotz letzter sommerwärme ins kino gegangen, to rome with love angesehen – der saal war fast ausverkauft, den dritten abend hintereinander. die leute haben es geliebt, es wurde die ganze zeit gelacht und gegluckst, überall lächelnde gesichter beim rausgehen. ich habe fünf! freunde und bekannte getroffen. woody allen, der alte ganove. film ist ein bisschen weise und ziemlich aberwitzig blödsinnig, auf eine souveräne is-jetzt-auch-egal-weise. schöner film. ich liebe natürlich rom, da ist mein vater aufgewachsen, da lebt meine schwester, es ist ein sehnsuchtsort der art, wo man niemals hinziehen wird.