Schreibakt inhibited

Die Kammer ist so unaufgeräumt, sagte der Große neulich.  Kein Wunder, es liegen dort vier Iso-Matten und eine fünfte zur Reserve, 3 1/2 Schlafsäcke, ein oder zwei Zelte, diverse Toaster, Gummistiefel und Winterschuhe, Flossen und Schlittschuhe, Bettwäsche für ein  Familienfest, sämtliche Reisetaschen, all mein Werkzeug samt Maschinen, Zubehör diverser abgelegter Sportarten – mit anderen Worten notwendiges Material für ein Familienleben. Wenn ein paar weniger hier wohnen, kann ich im Prinzip wieder eine Speisekammer darin unterbringen.

Das war nur ein Versuch. Meine Schreibzeit ist immer abends kurz vorm einschlafen, und seit mein iPad hinüber ist, müsste ich dazu noch einmal an den Schreibtisch zurück, woran mich abends die Schwerkraft effektiv hindert. Das hier ist alles ins Handy diktiert, es funktioniert theoretisch wunderbar, es fehlt aber sehr die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben. Ich müsste hier sozusagen druckreif diktieren, bei Formbriefen kein Problem, aber beim entspannten ins Blaue schreiben, zurückgehen, löschen, umstellen ist das zweigleisige, das mechanische Tippen und das Worte suchen und finden im Hirn schlecht übersetzbar ins reine Sprechen. Außerdem müsste ich dabei auf die Kleinschreibung verzichten, die mir doch am Herzen liegt.

zeige postyogal meinen wert der pessimistischen („mit 60 sind die alle in der dialyse“) ärztin im kreis, obwohl es sie nicht interessiert und ich es gar nicht will- alte konditionierte compliance, als ob ich den bösen blick von aussen vermissen würde, seitdem alle immer so freundlich sind. wie die gut antrainierten muster so vor sich hinlaufen, parallel und unbemerkt, nur unter einsatz des bewusstseins aufzuhalten.

lost sheep

rückzahlbare unfallversicherung für die kids läuft bis zum ende des 17. lebensjahres, den betrag bekommen wir aber erst ende des 19. lebensjahres ausbezahlt, versicherung läuft aber nicht weiter – wtf? sie behalten die summe einfach, um ein bisschen spass damit zu haben. ich soll der allianz so einen kram unterschrieben haben? genauso ernüchtert bin ich vom brief einer privaten rentenversicherung, die mir pro monat eine rente von euro 22 pro eingezahlte 10.000 € garantiert.

leerstellen

ob sich die leute wohl mehr an das erinnern, was man geschafft hat, oder mehr an das, was nicht gelungen ist? ob es neben den eigentlichen themen, neben der ausgelebten persönlichkeit nicht noch etwas verborgenes gibt, wie ein mitlaufender streunender hund, der immer noch futter bekommen hat, wenn keiner hinsieht, obwohl eigentlich kein platz für ihn da war.

wie sehr filtert meine wahrnehmung das selbstbild des anderen? vielleicht gehört zum abschiednehmen auch dazu, den anderen so zu erinnern, wie er sein wollte, im besten licht. den toten als vollendet begreifen, in jedem sinn.

(die freundschaft als erinnerung, es ist ja keine beziehung mehr möglich, es wird zum selbstgespräch)

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doc buelle lebt nicht mehr. anfang november ist er verstorben, in seiner wohnung in wuppertal, genaueres weiß ich noch nicht. ich vermisse ihn, seinen ungeheuren lebens- und liebeshunger, seine intelligenz, seinen stil. die tiefe sensibilität. er war bestimmt, wie eine freundin sagte, ein wirklich guter arzt, er ging den dingen auf den grund, mit oft schonungsloser ehrlichkeit, sich selber und anderen gegenüber. seine wunderbaren komplimente. jorge raimond bülle, du wirst mir fehlen, und deinen freunden und frauen auch.

che la terra ti sia lieve, lieber freund.

kw 29

freude über die tapeten an den wänden der motels bei supernatural, eins pro episode. ich will nicht wissen, warum ich mir das angucke.

am zeugnistag ruft der vater an und erkundigt sich. gespräche, bei denen die kinder fast nichts sagen, weil er die meiste zeit redet. „ja“, „nein“.

letzte gitarrenstunde. wird mir fehlen. die grundlagen reichen, um allein weiterzumachen, sonst war ja nichts, rien de rien.

lieder schreiben.

manhattan geguckt, über den letzen konflikt gefreut, bei dem gut und böse nicht zuzuordnen waren, der film hat sich auch nicht entscheiden müssen. sie haben diskutiert und nicht geschossen, eine wohltat, wobei dann am ende natürlich eine atombombe fällt und alle gesprächskultur ad absurdum führt.

die zigarette danach.

 

 

unhappy victories

in der nyt einen sehr gut geschriebenen langen artikel über eine klage gegen die firma dupont gelesen, die den stoff pfoa (eine art schmiermittel, ua für die herstellung von teflon-beschichtungen verwendet, ähnlich wie bpa, soweit ich das verstanden habe) ungefiltert in die umwelt entsorgt hat, obwohl der konzern genau über seine hohe giftigkeit bescheid wusste, und zwar aus eigenen studien. liest sich wie ein roman, und die sache ist nur aufgrund eines aus einer mischung aus überheblichkeit und mangelndem durchblick verursachten fehlers des unternehmens zur klage gekommen. unglaubliche und sehr, sehr finstere folgen der gier.

(habe eine teflonpfanne mal im ofen vergessen, als der an war, den gestank haben wir tagelang nicht wegbekommen, seitdem nur noch unbeschichtete pfannen, zum leidwesen der spiegeleifans im haus. man entkommt diesem zeug aber nichtmal als vollöko auf dem land.)

 

x ist eitel*

wie eine übermäßige ausgabe sowohl belohnung als auch last sein kann, setzen sie einfach ihren eigenen kaufbaren herzenswunsch ein, etwas nicht lebensnotwendiges, das auch einfacher möglich wäre, und nehmen weiterhin an, das geld dafür sei da, aber nicht leicht wiederverdienbar, ein polster für waschmaschinen oder autoreparaturen, sowas.

einerseits gönne ich mir etwas, erfülle mir einen wunsch, werde mich jeden tag daran erfreuen, andererseits verdienen solche fixierungen eine portion mißtrauen, weil die differenz zwischen ausreichend („läuft“) und übertrieben („wow“)  so sehr mit bedürfnissen gefüllt ist, die mehr in der beziehung zur welt als der zur sache ihr zuhause haben. ich habe ein paar solcher wünsche, z.bsp. nach einem neuen rad. ich habe ja eins, es ist 18 20 jahre alt und die gänge springen, aber es fährt und fährt, bergauf und bergab, aber so ein neues, mit heilem lack, trommelbremsen und rund laufender mechanik? ich besitze sogar ein zweitrad von bianchi, das fährt auch, ein klares flanierrad ohne platz für einkaufstüten – allerdings ist es quasi osmotisch in den besitz des großen sohnes übergegangen, steht in seinem zimmer und wird von ihm betreut.

sonst habe ich solche fragen beim kauf teurer appleprodukte, wo es andere für ein drittel gibt, die auch funktionieren, nee, ist vielleicht kein gutes beispiel, weil bei apple der irrationale anteil am wert deutlich höher ist, vielleicht besser: eine leica, wenn es auch eine fuji täte – ich meine also dinge, die nur ich nutze, die in preiswerter (alles drin, in dem wort) version ihre funktion genauso erfüllen, wo also eine freude am luxus teil des begehrens ist, wo allein das wahrnehmen der unterschiede in der leistung schon wieder eine nur den spezialisten und ästheten mögliche form der distinkion erfordert. gildet nicht für apple, für alle android-geräte bin ich inzwischen zu blöd, habs versucht.

oder eine feine gitarre von martin, auch so ein irrationaler wunsch, obwohl ich noch kaum spielen kann, bestimmt mag ich die firma schon wegen ihres namens, er hat den vollen, warmen und bisschen traurigen klang vergangener lieben, beide martins konnte ich weder kaufen, noch spielen oder gar behalten.

aber ist das nicht auch ein entwicklungstillstand, abhängig sein von zukunftsangst, bleibe ich nicht stecken in so einem blöden protestantismus, die nachhaltigkeit immer, das sicherheitsdenken, soll ich nicht doch mal einfach kapital raushauen, kopfüber ins wertesystem eintauchen und mich wärmen lassen von nutzloser nicht vollständig nutzbarer verschwendung? überlege ich grad. ich möchte im grunde wissen, ob es einen tragfähigen grund für luxus gibt – oder nur im sinne einer verschwendung als feier der vergänglichkeit, als potlatsch? luxus als schönheitsreserve, das ist auch ein feiner grund, wir lieben schönheit, in jeder form, und den überfluss als freiheit von notwendiger mühsal. die selbstbestätigung durch schöne dinge, überhaupt die möglichkeit, etwas schönem nahe zu sein, gern auch in demut, oder was immer eben übrigbleibt nach einem leben im leben. das ist mehr als genug, aber.

zumindest bei rädern, gitarren und kameras ist der hohe preis im handwerk und materialien nachvollziehbar, zu sagen wir mal zwei dritteln? das letzte drittel ist irrational und prestige, weiß ich aber nicht genau, mehr oder weniger je nach gewinnmarge. man kann ja sicherlich schon das profitstreben selber als im kern irrational verstehen. bei apple, nunja, man erkennt sie noch, die magie.

vielleicht löst sich auch der wunsch im zuge des nachdenkens darüber in luft auf, und der damit stillbare mangel (an luxus, nicht an rädern) ebenfalls, er ist ja vielleicht einfach aus anderen bereichen herübergeschwappt, bis dann der ganze herzenswunsch als verschiebung sozusagen durchsichtig wird und eh nicht ganz erfüllbar, und der bedarf dann pragmatisch mit etwas preiswertem gestillt wird, wenn es notwendig wird, und keinen tag früher. die mühe, symbolische mit reellen werten zu vergleichen

auch blöd. ohne glamour.

luxus, darauf wird es hinauslaufen, muss man sich leisten können, ohne der ausgabe mehr als ein paar tränen nachzuweinen, und luxus beginnt dort, wo der wert nicht mehr nur aus der sache oder dem nutzwert erklärbar ist, bei armen menschen ein bisschen früher als bei den reichen.

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*alter text vom april ’14, wieder rausgekramt, denn inzwischen habe ich so eine supergitarre, ich hab sie nicht geklaut und nicht geschenkt gekriegt, sagen wirs mal so. und ja, ich erfreue mich jeden tag daran, nein, ich spiele sie nicht jeden tag, ich könnte sie wieder verkaufen, und das geld sinnvollem, wie anwälten oder nachilfelehrern für die jungs oder einem loverboy für mich. über den umgang mit dieser gitarre bin ich mir nicht im klaren, ich sollte sie verkaufen, will es aber nicht, da gilt der text oben noch, herz gegen den rest. ich kann ja stattdessen im notfall erstmal den füller verkaufen, aber das bringt auch wieder ärger. das alte fahrrad fahre ich aber immer noch, bergab und bergauf.

 

o2: can’t do

verstehe eigentlich nicht, warum o2 sich auf so eine großveranstaltung wie das lollapalooza nicht irgendwie vorbereiten kann. gibt es keine mobilen sendemasten oder so etwas? die netzabdeckung war nicht nur schlecht, sie war einfach gar nicht vorhanden. kein anruf möglich, 11 stunden lang, wie in einem betonbunker unter der erde, kein netz sowieso, gerade wenn man mit kindern unterwegs ist vollkommen inakzeptabel. auch sms waren kaum zu versenden, man musste wie früher mit der antenne in der hand über das gelände laufen, das glück hat dann für vielleicht eine sms genügt, gleichzeitig kommen die von den kindern vor stunden geschickten nachrichten geballt an, eine minute später heisst es wieder: zustellung nicht möglich. wirklich eine zumutung, dann sieht man neben sich im grössten gedränge vor der seeed-bühne die menschen stehen, die (wohl mit einer telekom-anbindung) munter und lebhaft nachrichten verschicken und selfies hochladen.

(mit den netzanbietern ist es halt klar eine zwei-oder dreiklassengesellschaft, ich kann mir vier telekomverträge für mich und die jungs schlicht nicht leisten, das ärgert mich schon lange – wobei vielleicht die preisdifferenz geringer ist als die der qualität.)