in den tiefen der blogs

wenig schöneres, als in den tagen zwischen den jahren mit ein paar büchern und einem tee im warmen zu sitzen, während es draussen immer noch dunkel ist. kitty koma und graf typo haben wunderbarerweise eine anthologie mit vielen lieblingstexten aus weblogs zusammengestellt und in einem e-book veröffentlicht, sie selber beschreiben es so:

Es werden Gräber gegraben, Joints gebaut und Ateliers verwüstet. Liebe, Geburt und Tod kommen vor. Väter, Mütter und Großmütter treten auf. Gartenzwerge spielen eine geheimnisvolle Rolle. Man gedenkt früherer Zeiten, guten und schlechten, erfindet aus Zufall bahnbrechendes, wandert aus oder spaziert einfach nur am Strand entlang.

das buch gibt es zunächst als kostenlosen download, später wird es bei independent-buchportalen zu finden sein. ab sofort läßt es sich unter http://edition.barnimkante.com/ im epub- und für kindle im mobi-format herunterladen.

die QR-codes lassen sich auf einen gutschein drucken und sind ein kleines last-minute-geschenk. aus diesem blog ist auch was dabei.

 

a romance, vergessen

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„The rationalism of analytic logic has divided erotic emotion into fixed conventional types, popular opinion offering one set of categories, fashionable psychology offering another. As a matter of fact, each encounter of two amorists creates a unique universe. No existing generalisation, whether of the wise or of the unwise, covers or ever will cover a tenth part of its thrilling phenomena. In one respect this love-making by Dye's Hole was the most childlike that the spot had ever witnessed; in another it was the most cerebral. The nervous exitement manifested by these two was so free from traditional sentimentality and normal passion, so dominated by a certain cold-blooded and elementary lechery, that something in the fibrous interstices of the old tree against which they leaned was aroused by it and responded to it.“

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so ist der text die ganze zeit, er hält die zeit auf, ein herumsummen in der abstraktion, die alles aufnehmen will, jede regung und jeden windhauch, der alles belegbar ist. wie ein hohes, schwankendes schiff, das über sand gezogen wird, weil das meer grad nicht da ist, und man sitzt die ganze zeit oben beim captain und sieht keinen grund. eine flucht ins konzeptionelle, dabei mitleidslos genau. die allmachtsphantasien solcher autoren, die der lebenserfahrung und der feinheit ihrer leser nichts überlassen wollen, sie müssen alles ding- und seefest machen, wollen es eigentlich gar nicht aus der hand geben und sind dabei auf eine hilflose weise unlustig. ich mag die behäbigkeit dieses romans eigentlich ganz gern, er ist etwas zu handlungsfern und personenreich, aber die umfassende beschreibbarkeit seiner welt hat auch etwas tröstliches. powys soll ein sehr talentierter redner gewesen sein, hat sich damit auch mal seinen lebensunterhalt vedient, hätt ich zu gern mal gehört. vielleicht hatte er da eine größere leichtigkeit.

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das buch kommt daher wie eine vergessene diva, die noch nicht aufgeschnittenen seiten, oben mit goldschnitt, der dicke lederrücken, die wertigkeit, deren glanz irgendwie nie notwendig war, der roman hatte keinen erfolg, das leder-konzept für die beletage passt ganz gut, auch die vergeblichkeit dieses ruhmstrebens ist da mituntergebracht. anspruch, buchdruckerkunst, ein gewaltiger roman: ein schönes und bissken trauriges ding. ein papiermesser habe ich nicht, es darf weiter ungelesen bleiben.

 

die kleinen bücher

dagegen die lieblingsbücher, allesamt vollkommen unpompös:

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bei erscheinen eben ein taschenbuch unter vielen anderen, danach gelesen und auf tischen und regalen abgelegt, ein bisschen eselsohrig, die gedichte vollkommen zeitlos und klar. von montale gibt es auch so einen band wie den powys, mit schnick und schnack, doppelt so teuer, seit jahren unverkauft. da kaum habenwollen, nur dieser fast mechanische, herzlose und an inhalten kaum interessierte teil des sammelns, der im objekthaften aufhört. weil montale teil des lesealltags ist und als repräsentationsobjekt nicht nutzbar ist, der sträubt sich.

DSC_0342-klein1benns todesjahr. haben die sich eigentlich gelesen, weiß das jemand? ja, montale schon.

 

and again:

du sollst nachts auf abebooks keine bücher kaufen, du sollst nachts auf abebooks keine bücher kaufen, du sollst nachts auf abebooks keine bücher kaufen, auch und besonders dann nicht, wenn es sich um eine signierte numerierte vorzugsausgabe vor der eigentlichen erstausgabe eines weitläufigen und ein bisschen verschrobenen monumentalromans von einem inzwischen nicht nur toten, sondern auch fast vergessenen autoren handelt. im schuber. auch nicht, wenn der dollar grad so steht. undund.

buchläden galore

ein neuer buchladen in der nachbarschaft wird eröffnet, sie bieten bücher aus kleinen unabhängigen verlagen an, der buchhändler sagt: jeweils die 10 lieblingsbücher der verleger, die reihen sind gefüllt, ich kenne fast nix und fühle mich unbelesen und mainstreaming. wagenbach als größter der kleinverlage ist auch dabei, von dort kommt das einzige buch, das ich besitze, „Ich nannte ihn Krawatte“ von milena michiko flasar, ich habe es, weil das titelbild an meiner wand hängt und der künstler (jörn grothkopp) mich zu einer lesung eingeladen hatte. das buchprogramm ist außergewöhnlich, die titel schön, und so weiter, mann, ich komme nicht darüber weg, dass ich kein einziges buch davon gelesen habe. liegt außer an meinem privatem weniglesetum auch an kleinen werbeetats und wenigen kritiken, hopefully, sage ich mal ganz egoistisch. eigentlich eine herausforderung für lange herbstabende, ich muss für buchgeschenke noch weniger laufen und kann mich beim entscheiden ganz auf die eindrücke der ersten seiten verlassen, das jungfräuliche von totally unbekannten büchern und autoren, die zeilen bis zum ersten naja lesen, wie selten bei einem buch alles stimmt, oder? so selten wie bei menschen, bei neuen kontakten immer der wunderbare weissraum, bis sie beginnen, von ihren berufen oder kindern zu sprechen, das ungestützte selbst.

sich einer auswahl anvertrauen, die weder dem markt noch dem profitwunsch folgen möchte, bis auf die partnerschaft mit dem verlag dittrich im nachbarzimmer – man wünscht ihnen, die nische möge größer werden, also nee, seufz, aber bleiben möge sie.

eine frau (sie fragte mich, ob ich auch aus „der branche“ käme, ich sage dann immer nein, ich bin leserin, oder publikum, oder hörerin) äußerte zweifel am konzept, also nicht an seiner qualität, sondern an seinen marktchancen, das ist immer der kamm, über den all diese projekte am ende müssen, im smalltalk zumindest, wenn man mit leuten drüber redet, der sie alle gleichmacht – hey, ich war noch dabei, als das anders war, die zeiten haben sich geändert und mein alter, aber „das reicht doch nicht“. (pollesch). es ist ein bisschen so, als würde man jeden lebensentwurf mit einem hinweis auf den tod kommentieren, well yes, does it matter?

er* stand für einen kurzen moment da, bier in der hand, funktionsjacke, blick sagen wir mal nicht verschlossen, als wäre er einfach ein mann, vor einer hauswand, und die nacht ist noch lang und das jahr noch nicht rum, und

um die neuziger im knaack-club, oder im frannz, grade den film über den prenzlauer berg 1990 gesehen, sentimental geworden, besonders wegen der gesichter und dem souveränen mangel an coolness bei den leuten.

bücher

ein amerikanischer antiquar und antiquitätenhändler hat ein buch aus dem 19.jh zu einem preis online, der gefühlt mindestens 10mal höher sein müsste. ich suche seit vielen jahren immer mal wieder danach, eher ein ritual inzwischen, ich kaufe sofort und vermute einen kommafehler oder so etwas, drücken sie mir die daumen bitte. (der händler wirbt mit der zahl seiner bücher, und nicht mit ihrer qualität. immer die hoffnung, dass einzigartige seltene bücher vom clerk einfach so aus dem regal gezogen und verpackt werden, wenn sie bezahlt worden sind, aus einem regal in einer großen lagerhalle unter californischer sonne, am stadtrand, die regale durchnumeriert und nach kategorien geordnet, ich finde „bullfighting“ und „bugs“ genauso wie „stereoscopes“ und die klassischen militaria- und geschichtsthemen, die ecke mit den belletristischen raritäten hoffentlich eher am rand, nicht so umsatzstark. das absurde an eigenen wertmasstäben, wie traurig ein kleiner weltfreier teil von mir immer ist, wenn andere diese bücher auch haben wollen, wie ich mich freue, wenn andere mich belächeln wegen meiner erstausgaben.)