strahlende gesichter beim zwillingsgeburtstag, 10 jahre ist ein wunderbares jungenalter, alles geht, man kommt auf jeden baum, mit dem rad auf jeden berg, der schwerpunkt ist noch schön niedrig, immer mehr wird alleine erledigt, das lernen ist frei von angst und druck, das hormonchaos noch eine ewigkeit weit weg, alles ist zeitlos mit 10,  jeder nachmittag, jedes buch, jedes eis, alles ist noch für immer. als mutter wie jedes jahr bisschen gerührt daneben stehen und wissen: die kinder sind das beste, das schönste und liebste, und so weiter, dann geschenkpapier wegräumen, noch schnell die alten gelben gummistiefelchen für das mitgekommene 3jährige halbschwesterchen gesucht, und dann die dicken stummen tränen des großen trocknen, der geschenke aufrechnet und natürlich nie so tolle sachen und nie soviel und überhaupt … bevor ich ihm die tasche packe für den reiterhof, wo er die woche im heu und im stall und auf pferderücken verbringen wird. alles in butter.

am herd stehen, kartoffeln für püree schälen, dabei vor einem richter mühelose stringente begründungen dafür parat haben, dass der exmann eigentlich ***, in der rede fast spielerisch werden können, fast sicher, obwohl so etwas überhaupt keinen interessiert, so eine eindringliche rede aus der gummizelle, schon gar kein gericht. weiter machen, spüren, wie die wut härter wird. sie wird trocknen wie kuhscheisse, die kann ich dann im winter verfeuern.

ich habe angst vor den nächsten jahren bekommen, das hatte ich noch nie.

yoga macht einen wunderbaren bewegungshunger im körper, befreit die nervenbahnen, es ist aufregend, wie sich zentimeter für zentimeter erkenntnis einstellt, die abläufe bekommen einen sinn, den der körper schneller versteht als der immer noch „hä? was jetzt? mooment mal“ brummelnde verstand, bis man den ausschaltet.

gemerkt, dass ich wieder größer werden muss, in der trauer ritualisierender, vielleicht einen ring für jede niederlage, ein tattoo für jeden schritt ins freie, eine markierung, die sichtbar ist und nicht weglächelbar. eine bewaffnung.

prince 2010

prince_1
block VI

ganz oben höre vom kind ich das leise ah!, als wir den ersten blick ins rund der waldbühne werfen können. wir sitzen oben, block VI, eine stunde lang, essen, trinken, elias fragt mich, ob die musik denn noch lauter wird, wenn der prince kommt. wir treffen nachbarn und sehen noch ein paar andere kinder, aber der rest des publikums ist eher aus meiner altersgruppe. ich bin total zufrieden, kind ist überwältigt sagt schon cool, die abendsonne ist immer noch heiß, es sind über 30 grad. dann endlich sieht man p aus dem wald kommen, weißer anzug, nach seiner schlagzeugerin und einem herrn, der mundharmonika spielt, der funke fliegt sofort, nach ein paar sekunden hat er uns am haken.

nach anderthalb songs stehen alle, mein kind zuerst (vorher: mama, können wir nicht zu den ärzten gehen oder so, die sind doch auch alt) plötzlich sagt prince, wir sollten näher kommen, und wie an fäden gezogen stehen die leute auf, klettern aus dem abschnitt raus und laufen die treppen runter, mein sohn flitzt an mir vorbei, komm mama, er ist wendig und schnell, ich laufe ihm einfach hinterher, nach einer minute stehe ich mit ihm
10 meter von der bühne entfernt, im staub, neben einem mann, der uhr und love-armband von cartier trägt. ein haufen publikum ist bis auf die bühne gelaufen und tanzt direkt neben den künstlern ein paar stücke mit, bis sie wieder heruntergebeten werden. prince spielt lauter alte sachen, aber so mit improvisationen, rhythmus und zitaten durchsetzt, so verspielt, leicht und treibend, dass man sie nicht immer gleich erkennt. er ist vollkommen alterslos.

prince_2
freak out!

die waldbühne ist voll, nur an den seiten gibt es leere stellen, die stimmung ausgelassen und fröhlich. elias springt die ganze zeit mit, manchmal nur ein paar meter vom bühnenrand entfernt, die leute neben ihm wollen ihn auf die schultern nehmen und ganz nach vorn bringen, aber er will lieber nicht. wenn es ihm zu laut wird, geht er für eine weile plastikbecher suchen und kriegt so zwischendrin auch noch 25euro pfandgeld zusammen, einen pro becher. er bemerkt die ganzen paradiesvögel schon, die vielleicht 50zigjährige in enger ledermontur, mit ketten überall, den mann in jesusgewändern mit tätowierter brust, die bedröhnt herumschwankenden, die jungen türken in lila mit gold, die wunderschönen schwulen, bei denen man sich wünscht, dass die haare nicht gefärbt sind, den beamtentyp mit gelbem jacket und großen goldenen broschen auf den schultern und auf dem bauch. purple rain als zugabe, man erkennt die harmonics in den ersten takten, aber er lässt sich noch 10 minuten zeit, bis er mit dem text und dem thema rausrückt. elias ist abwechselnd total hingerissen und total müde, nach der zweiten zugabe werde ich leider leider vom kind vom platz gezogen. auf dem weg zur s-bahn hören wir die nächsten zugaben, und da ist das konzert schon 3 stunden alt.

ich freue mich total, dass ich für elias den masstab so hoch setzen konnte. er weiß das aber noch nicht. das war sein allererstes konzert.