contest

der eine zwilling flucht mittellaut vor sich hin, seine stimme gewinnt langsam an tonlage und rhythmus, er gerät ins singen, 4/4 auf der drei, der andre zwilling, der beschimpfte, singt nach einer weile „halt dein maul, halt dein maul, halt dein maul“, 3/4 auf der eins, über einen quartakkord. der moment, wenn sie beide das ein, zwei minuten lang vor sich hin machen, und es gut klingt: pure magic.

 

kw mai

ausflug am ersten mai ohne ein einziges kind, keins hatte lust, alle woanders, mit freunden, deren kinder auch alle unterwegs sind, das unrenovierte schloß petzow am schwielowsee angeschaut, tief verwunschen, das parkett trüb, die türkisgrüne samttapete am boden, die hoffenster nur angelehnt, eine riesige linde im innenhof, unter der wir alle sitzen werden in 20 jahren, um uns unsere geschichten zu erzählen. fast unbemerkt hat die phase begonnen, in der die kinder eigene wege gehen, wie sich dann das familienbild plötzlich verändert und öffnet zu einem rahmen, der anders zusammenhält. anderes zusammenhält? beides. die jungs genießen es, entscheiden zu können, die grenzen werden neu gesteckt – aufräumen nach wie vor, mitkommen nicht immer, das austesten der grenzen läuft im gespräch und in der diskussion, dabei müssen wir lernen, das überzeugt werden nicht mit aufgeben identisch ist.

(sitzt man dann und salbadert so herum in friedlicher maientrunkenheit, dabei knallen schon wieder die türen, aber es gab diesen moment, in dem alles glatt war, grad eben noch)

heilandkirche

auf einem der pfeiler am eingang zur heilandkirche in sacrow steht zu unserer überraschung das hohelied, 1 cor 13, gut lesbar, der bau ist ja grad mal 170 jahre alt. sich vorstellen, wie ein paar meter von diesem text enfernt 40+ jahre lang die mauer stand, natürlich ist der brief älter als diktaturen und steht fester in der zeit als die moderne, er stört ja auch nicht weiter, aber selbst diese verspielte und romantische kleine kirche in 1a-lage kann ihn nicht kleiner machen, er setzt sich mühelos  in beziehung. … und hätte der liebe nicht, so wäre ich nichts steht da, zeitlos auf eine übersehene weise.

unter blühendem flieder zurück zum auto, der park funktioniert mit seinen wiesen und sichtachsen wunderbar, lammfromm nehmen wir emma an die leine und unterhalten uns über die kirschblüte, die kinder, das leben, als flaneure, spaziergänger mit allem im rücken, das biedere als entspannung. it works. wir werden alle älter.

gilgamesh

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die erste oper für die zwillinge. gregor saß neben dem mischpult und fand den platz toll, die jungs gebannt und begeistert die ganze zeit, sie haben am längsten von allen geklatscht, gut, war ein wette bei ihnen zum schluss, aber sie haben noch die ganze rückfahrt geredet und gutgelaunt beim interpretieren mitgemacht. die frau im langen schwarzen glitzerkleid, ob sie eventuell den tod dargestellt haben könnte, frage ich. nein, sagt david, seiner meinung nach eher die angst vor dem tod, am ende sei sie ja wie die anderen gekleidet gewesen, als gilgamesh seine angst verloren hätte, und sei nicht mehr zu erkennen gewesen.

wir erwachsenen fanden die musik eher so lala, die songs zu sehr nach der horror vacui-methide (bei dem verschreiber immer matilda im kopf) – methode geschrieben, rhythmisch und melodisch wenig differenziert, fast alles laut und zu schnell, aber die inszenierung hat die kids abgeholt, wo sie waren und sehr viel daraus gemacht, der regieteil des projekts war sehr gelungen also.

die faszination darüber, dass ein ca. 4000 jahre alter text so mühelos lesbar und zeitgenössisch bleibt.

kw weiss nimmer

beim vietnamesen ums eck gibt es grosse büchsen mit mangopüree, mit milch und yoghurt und einem hauch zimt wird daraus im nu wunderbares mangolassi, ein grosses kinderglück! man benötigt nicht einmal einen mixer, ein löffel genügt zum umrühren. und ich bin da nie drauf gekommen, musste erst die nachbarin von erzählen, als wären wir provinz.

ein zwilling ist neulich vor der schule allein zum arzt gegangen, um sich einen splitter herausschneiden zu lassen. ich hatte einen klaren ochnöö-moment, als er mit einem küchenmesser in der einen und mit pflaster in der anderen hand auf einem bein abends um neune vor mir stand. muss ja nicht alles selber machen. der arzt hat wider erwarten nichts i.s. von „das hätte deine mutter aber wirklich alleine … “ kommentiert.

der zeitpunkt im jahr, an dem die diversen über den winter angesammelten haufen in der wohnung sich selbständig machen, keine durch logik gegebenen verortungen mehr, diese feine schwelle zur ernsthaften unordnung, wenn man beim suchen überall nachsehen muss, ungelesenes nicht mehr nur auf dem schreibtisch, socken zwischen den sofateilen, hier gürtel, die über nacht zu eng geworden sind, auf dem hundehaus taschenlampen und wärmflaschen, ein beunruhigend großer kabelsalat vorm kleiderschrank, altbatterien im kartoffelkasten. finde nix mehr wieder. leider erstmal keine zeit zum ausmisten.

freitags nach einer 30std.- woche um 15uhr zuhause und das kurznickerchen ruft, eigentlich steht der hausputz noch an, morgen lieber besuch, morgen abend das gilgamesch-abenteuer, ich bleibe also besser in bewegung und erledige noch den großeinkauf, hund und menschen. in einer umkleidekabine einen rundumblick auf mich as i am ergattert, sehr ernüchtert nix gekauft, weil wozu? ab jetzt nur noch schuhe. bei real eine mutter mit vier kleinen kindern hinter mir in der schlange, ob ich meinen einkauf auf ihre payback karte? klaro. sie hat das gleiche fake-gucci-portemonnaie wie ich, wir grinsen uns an, oder war ihres echt? als ich um fünfe mit vollem wagen vorm haus parke, wollen die kinder alle grad los, zum klavier, zu einem kumpel und (-vergessen), halte sie auf und lasse sie beim hochtragen helfen, sie tun es fröhlich schimpfend und schnatternd. emma setzt sich im hausflur vor die tüte mit dem hundefutter und freut sich, ihr schwanz geht hin und her, hin und her. wie immer freitags total erledigt und mit jeder zelle im leben zuhause, zufrieden. einen caol ila.

 

15:00

himmel sehr grau, licht dämmrig, drei uhr nachmittags. ein zwilling hat 39,5° fieber, ist ein bisschen aufgeregt darüber, trinkt tee, geniesst den kühlen lappen auf der stirn und hat es sich mit decke auf dem sofa gemütlich gemacht, vor batman auf watchever, der andere geht zu einem freund. emma bleibt vor dem kranken auf dem boden liegen, der große sohn flucht und jauchzt abwechselnd über einer partie fifa ’13,  „ich bin grad sehr gereizt und kurz davor, den rechner zu zerschlagen. nicht lachen, mama! geh lieber schnell raus“ – eltern von teenagern werden verstehen, warum mich das freut. ich sitze im sessel, auf einer bildschirmhälfte alte serien, auf der anderen schwärmereien von so männern über alte gitarren, dazu milchkaffee. der moment, an dem nichts fehlt und die baustellen alle nicht zählen, ich freu mich über meine lebenserfahrung, ohne die ich solche nachmittage vielleicht nicht als das wahrnehmen könnte, was sie sind: perfekt.

fliegst du nun nicht in die nacht

grad beim aufräumen im alten weblog den fehlenden zauber für den januar wiedergefunden. die zwillinge, januar 2008:

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KW 52

gregorzwilling baut aus lego nach, wie der drache aus dem goldsee auftaucht. davidzwilling findet plötzlich alles doof, will alles anders haben und sich mit dem, was ist, nicht begnügen („ich will das so nicht! es soll alles anders werden!“). dann baut er ein wasserflugzeug mit lego.

wie der große plötzlich zweien nach hause bringt und das nichtmal erzählt.

die großen veränderungen werden an kleinen redundanzen sichtbar, als stromschnellen, wie sich die kinder einen stil suchen, der ihr größerwerden aushält und in dem sie noch herumtanzen können, vom kind zum jugendlichen and back, der eine im selbstzitat, der andere in nietnagelneuem aufruhr, der große im stillen auskosten von erfolg. mein blick auf ihn wechselt manchmal mitten im satz, der teenager, der 185cm große junge mann. bei ihm wechselt das auch noch, mit quecksilbriger eleganz.

wie ich nach einer wirklich schrecklichen woche mit meiner mutter in einem laden in der danziger lande, und sie mir einen nicki kauft, und dann ist eine weile lang alles gut, in so einer heiteren gleichzeitigkeit von hellsichtigkeit und regression, ein paar meter lang. nicht billig, leichtfüßig.

die verkäuferin fragte, ob ich emmas fell mit ei wasche, weil es so glänzt. jau, sage ich. in den achtzigern, dann diese shampoowerbung in den neunzigern, jetzt beim hund. sie ist ton in ton mit der geschichte der waren im geschäft, kleidung als found footage.

 

 

gleichzeitig zu bloggen

die schwierigkeit, gleichzeitig zu bloggen und video zu gucken, weil man zunehmend weitsichtig wird. in der videothek angesichts vieler interessant aussehender männer kurze scheu, den lauten mainstreamscheiss zu leihen, nach dem mir grad der sinn steht.

spazierengehen wie früher mit hund, dieses ziellose körperzentrierte laufen, den löchern im pflaster ausweichen, den menschen. es ist eine schwüle draussen, noch nicht schwer, ganz jung, sie wird nicht alt werden.

beim nachgoogeln der schauspieler von beginners über filmlisten und biographien lückenlose ketten bilden, vater/mutter von, mitgespielt in, verheiratet mit. fast alle haben kinder.

auf einer party am freitag die erwachsenen kinder der freunde sehen, junge männer und frauen inzwischen, mit grooming, bärtchen, ringen, klamotten, mit coolness. ich mit vier freundinnen in ein sofa gekuschelt im atelierraum des gastgebers, nachts über die kinder redend, die entwicklung, die zeit. auf der ersten party des abends waren die kinder noch klein und rannten im garten herum, hofidylle in weissensee mit wildschwein und kunst. das grundlegend andere, das leute ohne kinder haben, die gemeinsame basis bei menschen mit kindern, wie schön das ist, das selbstverständliche vertrauen und wissen.