kitchensurfing

„du wirst bekocht“ stand in der einladung, und die bitte, einen guten wein mitzubringen. zuhause bei der kekstesterin habe ich mich dann nicht nur über die anderen gäste gefreut, sondern auch auf das sehr, sehr große und dunkelrot-saftige stück entrecôte vom irischen rind, dass da auf ihrem küchenbrett lag, untern den händen eines freundlichen koches, den ich nicht kannte, ein weiterer gast, dachte ich, der das kochen übernehmen würde. gutes fleisch, mit feinen, weißen fettadern, der koch säbelte mit einem großen messer dicke streifen davon ab. hmmm. es sah nach einem richtigen essen aus, eine tüte carnaroli-reis lag auch auf dem tisch, fleisch und risotto = mindestens zwei gänge, das gildet in meinen unverwöhnten kreisen schon als eher ernstgemeintes dinner. mit koch sieben menschen in der wohnung, aber nur 6 plätze am tisch gedeckt? aber ja doch: kitchensurfing heißt das projekt für gastgeber, die sich mit ihren gästen den ganzen abend amüsieren wollen, ohne dafür in ein restaurant zu bitten oder die freunde die ganze zeit neben sich in der küche an der backe zu haben. der koch kommt zu ihnen nach hause, mit zutaten und fehlenden pfannen oder küchengeräten (ich hab zum beispiel nix, um irgendetwas zu flambieren, ich bin aber auch um fonduegeschirr, spargeltöpfe und pfannkuchengeräte herumgekommen, weil ich jahreland immer dieselbe zeitung abonniert habe), er hat einen plan, ein menue und viel spass an dem, was er tut. wir bekamen ein excellentes essen serviert, thomas hat jeden gang kurz erklärt, und ist dann bei einsetzendem aah- und ooh- lauten wieder in der küche verschwunden, um den nächsten gang vorzubereiten. es war so lecker, zwischenzeitlich wollte ich kurz den koch heiraten, aber der ist natürlich an seine küche vergeben.

unser menue, nur um mal einen eindruck zu vermitteln:

Kräuterblattsalat
mit Zuckerschoten, Schluppen und Crostini mit Erbse und Ziegenkäse
Spargel-Limettenrisotto
Geeiste Melonensuppe mit rosa Beeren
Tranchen vom Entrecôte mit grüner Sauce und Pilzmix
Avocado Creme Brûlee

die küche sah danach aus, als wäre zuletzt eine putzfrau dringewesen. sehr, sehr feine idee alles. es gibt menues für viele anlässe (muttertag!)

 

15:00

himmel sehr grau, licht dämmrig, drei uhr nachmittags. ein zwilling hat 39,5° fieber, ist ein bisschen aufgeregt darüber, trinkt tee, geniesst den kühlen lappen auf der stirn und hat es sich mit decke auf dem sofa gemütlich gemacht, vor batman auf watchever, der andere geht zu einem freund. emma bleibt vor dem kranken auf dem boden liegen, der große sohn flucht und jauchzt abwechselnd über einer partie fifa ’13,  „ich bin grad sehr gereizt und kurz davor, den rechner zu zerschlagen. nicht lachen, mama! geh lieber schnell raus“ – eltern von teenagern werden verstehen, warum mich das freut. ich sitze im sessel, auf einer bildschirmhälfte alte serien, auf der anderen schwärmereien von so männern über alte gitarren, dazu milchkaffee. der moment, an dem nichts fehlt und die baustellen alle nicht zählen, ich freu mich über meine lebenserfahrung, ohne die ich solche nachmittage vielleicht nicht als das wahrnehmen könnte, was sie sind: perfekt.

grela/federico

IMG_0998

gestern auf facebook kurz mit jemandem gechattet, die dann loswollte, zum tango! tango hab ich im ernst noch auf platte, aber ich weiß nicht, wo sie stehen, hier oder woanders, hab mal einen meter LPs nach italien mitgenommen, und da stehen sie nun. die eine kassette gesucht und gefunden, die ich noch habe, einsam unter lauter dvds und cds. ohne hülle. federico und grela sind drauf, kennen sie diese vage erinnerung a einen ohrwurm und wie das hirn versucht, sich mit haut und haar in diese vergessene form zu legen, als wärs erst gestern gewesen? aber sie ist weg, denn ich bin nicht davidzwilling, dem jede melodie wieder einfällt, egal was los ist.

grela finde ich überraschend auf itunes, aber das ist ein anderes stück, lange nicht so perfekt wie das alte, ich hab ja die kassette seit 18 jahren nicht mehr gehört. stellen sie sich eine nacht im meistersaal vor, morgends um 3 oder vier, die meisten sind schon gegangen, sie sind müde und der alkohol hat sich gelegt, sodass sie besser durch die kurven kommen, es ist zu spät für alles und immer noch zu früh, um allein nachhaus zu gehen, da kommt aus einer dunklen ecke charles bronson, und geht durch den fast leeren saal zur bar, das nächste stück beginnt, es ist der grela, sie stehen auf und fragen ihn einfach, sie müssen das tun, ganz schnell, weil jeder ungetanzte takt dieser milonga nie wieder kommen wird, und sie will nur mit genau so einem mann getanzt werden, am besten auf einem staubigen boden unter alten glühbirnen, aber hier ist jetzt halt parkett, eine riesenfläche, draußen ist es still und dunkel, denn der potsdamer platz ist noch gar nicht gebaut. die milonga ist lässig und sehr aromatisch, mit feiner klasse, wie der tänzer, der sie sonst nie auffordern würde, aber es ist nacht, und niemand sieht zu, und der mann sagt „ja, warum denn nicht“, und sie werden leicht und genau, er reißt ein paar witze, er tanzt besser als sie, und er ist so gut, dass sie das nicht merken, er macht nur ein paar schnelle andeutungen, was möglich wäre, und lehnt dabei kurz seine stirn an ihre.

diese kassette wurde mir geschenkt von einem, der es sich, als er dann arzt geworden war, noch einmal anders überlegt hat und doch lieber eine tangoband gegründet hat, diese hier.

nein, das geht nicht weg, der tango, der ist eingeschrieben und simmert tief drinnen so vor sich hin, fast vergessen, aber hey, nur fast, wie die anderen schönen dinge. ich erinnere auch nicht mehr genau, ob es so war oder anders, die nächte waren ja genauso dunkel wie heute, aber sie waren viel länger.

 

basic skills

die gesellschaft auf einem anderen planeten, die alles mit fein differenzierter musik ausdrückt, das abstraktionsniveau über die jahrtausende verfeinert, eine kultur, die so viele opern hat wie unsere filme, die ohren zentraler als der blick, das leben eine große sinfonie, schönheit ist ein klang. getwittert wird wirklich, in 12 noten oder 3 takten, die helden habe alle das absolute gehör. diskriminiert werden die unmusikalischen,  aktivisten treten dafür ein, dass jede stimme schön ist, nicht nur die voluminösen, umfangreichen volltöner, auch die krächzigen, leisen, unsicheren. das hören von geschichten ist dort weit verbreitet, es gibt hörbücher und lesungen, ein paar aus guter familie können selber lesen, die begabten davon auch schreiben, aber das zählt als eine knopflochblumenwissenschaft. texte zu schreiben lernt nur, wer einen besonderen drang dazu verspürt, literaturgeschichte ist was für spezialisten, grammatik nur für nerds.

gut, die kindererziehung läuft als fuge oder kanon, soweit trägt das bild noch, aber seriously finde ich es traurig, dass in unserer sprachwelt die musikalische erziehung nicht einfach so im schulunterricht mitvermittelt wird. im gymnasium der kinder gibt es 12jährige, die keine noten lesen können, die kids sollen in ihren „keyboardzeiten“ immerhin kurze stücke komponieren, können die dann in der mehrzahl aber nicht aufschreiben, das stört auch keinen weiter. aufnehmen, gut, aber wenn der strom mal ausfällt? bleibt doch nüscht vom menschen, abgesehen von müll und kultur.

ich hab ein bissken klavier gespielt als mädchen und viel gesungen in diversen chören, konnte demnach noten lesen, allerdings weder vom blatt spielen noch sofort fehlerfrei singen, aber ich habe recht genaue vorstellungen von tonverläufen, sagen wirs mal so. sonst nix, keinerlei kenntnisse über tonarten, ihre unterschiede und gemeinsamkeiten, zwischen dur- und mollakkorden konnte ich nicht unterscheiden, vom quintenzirkel hatte ich nichts, nichts und nochmal nichts gehört. meine teilhabe an der musik bis aufs singen eher passiv, aaaber: bei all den angeboten im netz zählt da jetzt keine ausrede mehr, es gibt apps für jeden schritt.

 

IMG_0642nagut, ich übe das notenfinden meistens so:

IMG_0641

viel vergnügen macht zb musicopoulos, weil da viele verschiedene aspekte geübt werden können, vom schlichten notenlesen auf klavier, gitarre, bass oder violine bis zu fragen über ionische, dorische und andere modi, erst kann man die erklärung lesen, leider weiß auf grau, dann gibts testreihen für alle möglichen lernschritte. liefert eine gute grundlage, glaube ich, auf englisch! ich hätte so gern ein paar deutsche sachen für die jungs.

musicopoulos bietet auch einen ear trainer an, das würde ich mir zur abwechslung auch mal für zb reimschemata wünschen. gibts schon, oder?

 

IMG_0644

von octavian bin ich noch ein wenig überfordert, aber ich habs verstanden inzwischen: es zeigt alles zu allen tonarten. schon praktisch, wenn man dann mal soweit ist.

 

IMG_0643

spass haben wir auch mit read rhythm, grad weil man als anfängerin viel mehr im ton drinhängt und der rhythmus schnell mal aus dem blick gerät. die app ist sehr einfach aufgebaut und zeigt erschreckend fein, wann ich im takt bin und wann nicht mehr, und wie wenig genau mein „ungefähr richtig“- gefühl in wahrheit trifft.

 

IMG_0639

sehr schlicht und für diese angenehmen leeräume im kopf kurz vorm einschlafen: note-a-lator, mit übungen zum erkennen von akkorden und tonarten, nebenbei wird das gehör geschult. auch viel basales wissen, ein kenner der materie langweilt sich dort bestimmt schnell, aber ich habe den unterschied zwischen verschiedenen akkordarten (zb dur/moll/vermindert/erweitert) tatsächlich dort hören und nicht nur verstehen gelernt.

(ich kann mir immer noch nicht merken, wo auf dem griffbrett die noten liegen, ich kanns mir mit den fingern erschließen [e-f-g-a- usw.], aber es sitzt noch nicht, wobei, für die e und a – seite schon, merk ich grad beim drübernachdenken, na immerhin, es geht voran. das klavier, mit 9 oder so gelernt, sitzt da bombensicher, ist aber auch viel viel einfacher. nichts geht übers frühe anfangen, im ernst, schulen.)

 

IMG_0638

große freude schöner g auch an der liebevollen app von der deutschen grammophon, die beethovens neunte auseinandernimmt und  kommentiert und dabei vier einspielungen vorstellt, man kann hin-und herspringen und sie direkt vergleichen, sehr großartig, mit komplettmanuskript oder einzelstimmen. ich hätte sowas gern für die großen werke der anderen b’s, bach, brahms, bruckner – die neunte hört ja niemand einfach so. das WO würde ich grad noch mal kaufen, vielleicht von richter, herreweghe und gardiner? die sind halt nicht alle bei der DGG.

ich freu‘ mich über weitere empfehlungen zur vermittlung der grundlagen, für kinder und für mich.

creta

ein nachmittag tief in den achtzigern, keine erinnerung an etwas anderes als diesen klumpen ton, 2 handvoll. es wird ein samstag gewesen sein, drumherum wahrscheinlich die familie, jeder für sich, am lago, der schreibtisch geht auf den dunklen hinteren garten raus, die lampe war nicht an und ich weiss noch, wie das licht durch die zimmertür auf den hellen ton fiel. es gab noch keine form, das material war fest und sehr dicht, mit ganz feiner textur, es hat in der gegend über viele jahre eine gut laufende keramikindustrie gegeben, die am ende nur noch waschbecken und kloschüsseln hergestellt hat. wasser auf die finger, der ton wird nachgiebiger und kommt den händen entgegen, nach einer weile gab es eine direkte verbindung zwischen material und licht und kopf, ohne jede redundanz, es war alles eins, ohne jede unsicherheit wussten die finger, wohin es geht, vollkommen mühelos. es wird eine kleine figur, beim arbeiten habe ich jeden muskel und knochen ihres rückens, jede linie des körpers in den fingern und händen, bin restlos und mit jeder zelle aufgehoben im flow. er dauert ein paar stunden und ist seitdem ein verlässlicher masstab für glück, ich hab so etwas noch ein paar mal gehabt, beim tango und in ein paar nächten, bei einigen texten, selten bei der arbeit. die figur beim aufräumen gerade wiedergefunden, sie lag seit jahrzehnten in einer schublade, in blisterfolie eingewickelt. sie ist noch fast heil, ungebrannt,  viel kleiner, als ich sie erinnert habe, sie hält ihr versprechen nicht wirklich. ich werde sie wieder wegpacken zu den anderen schätzen und sie lieber so sehen wie damals, an ihrem ersten tag. (plüsch. well, november.)

DSC_0569

grade sehr zufrieden mit fast allem. der maijuni summt und wärmt bis in die körpermitte, die tage sind voll und sausen so durch, die vögel zwitschern und ich gucke in bäume, wenn ich auf meiner liege liege. manchmal der verdacht, als ob alle anderen mehr eigenes in die welt setzen, mir fehlt das grade nicht einmal. ich habe alles hier bei mir. diese momente totaler zeitlosigkeit, gestern und heute nicht sichtbar, es ist juni bis zum horizont. nichtmal lust, irgendwas für die männersuche zu tun, obwohl man im anspruchsvollen berlin sehr viel dafür tun sollte, aber bei jedem ausgehen hohe schuhe? immerzu diese leise aufgeregtheit in sich herstellen, die es zum kontakten auf parties oder veranstaltungen braucht. och. nö. ich bin grundentspannt. alles groovt herum, mit den freunden und den texten, die ich ab und zu zur hälfte lese, mal wieder mit der m. essen gehen vielleicht, oder das stressige baby von v. ein bisschen wiegen und spazierenfahren, oder mit den mädels vom sport in den prater. neulich einen kuss in einem taxi geschenkt gekriegt, um 2 uhr morgens, das war nett. summertime.

kate

die ersten stücke durch geglaubt, mit den freunden zu synchen grade, mit kate in den ohren, wir gehen jeder für sich, bei mir freude, dabeizusein, kitty, glam, lucky und die anderen zu kennen, sonst wäre es ein morgen zuhause geworden mit der cd, den kindern vorträge haltend, ich weiß ja auch nicht, was das ist mit mir und kate bush, aber sie war einzigartig und eigen in einer zeit, als freilich noch alles einzigartig war, nichts davon ist verloren gegangen über die jahrzehnte, die bekannten songs machen nicht sentimental, man ist ganz mühelos wieder drin, genau da, wo eben nur kate bush sein kann, die tiefe ist da, aber man fliegt darüber, ganz leicht, pling. ich hab die alten stücke nicht im ohr, aber sie klingen neu, sind dichter geworden, die jahre ein gewinn. in der weiten berliner nacht ein unerwartetetes it’s me- ding, die luft schmeckt süss, es gibt raum genug für alles, ich schnorre ne kippe von lucky, dann singt sie weiter, und natürlich syncht man auch mit sich selber die ganze zeit, still me, still here. später liege ich auf dem stein und suche meine sterne, alle da, man muss sie nicht sehen. das leben ist schön.

strahlende gesichter beim zwillingsgeburtstag, 10 jahre ist ein wunderbares jungenalter, alles geht, man kommt auf jeden baum, mit dem rad auf jeden berg, der schwerpunkt ist noch schön niedrig, immer mehr wird alleine erledigt, das lernen ist frei von angst und druck, das hormonchaos noch eine ewigkeit weit weg, alles ist zeitlos mit 10,  jeder nachmittag, jedes buch, jedes eis, alles ist noch für immer. als mutter wie jedes jahr bisschen gerührt daneben stehen und wissen: die kinder sind das beste, das schönste und liebste, und so weiter, dann geschenkpapier wegräumen, noch schnell die alten gelben gummistiefelchen für das mitgekommene 3jährige halbschwesterchen gesucht, und dann die dicken stummen tränen des großen trocknen, der geschenke aufrechnet und natürlich nie so tolle sachen und nie soviel und überhaupt … bevor ich ihm die tasche packe für den reiterhof, wo er die woche im heu und im stall und auf pferderücken verbringen wird. alles in butter.

wenn einem die signatur in einer aus den usa gekauften erstausgabe irgendwie mädchenhaft vorkommt, mit großen anfangsbuchstaben, fast versalien (sofort gedacht naja, die ausgabe ist doch etwas ramponiert und war ziemlich preiswert, vielleicht hat da die tochter des antiquars, der autor ist ja schon lange tot – ) und dann findet man einen brief des autors im netz und die unterschrift ist in der linienführung identisch, das |oh| und das |wp|, der schreibfluss und die endbuchstaben, alles gleich. die initialen benutzt er nicht im brief, sie sind vermutlich eine geste des erfolgs oder teil eines beruflichen ethos‘, private und öffentliche unterschrift. ein schönes buch, hochdruck, fast ungelesen, mit einem langen roten haar darin, im leselicht ganz leise glimmend, und drei vollgeschriebenen notizblättchen.

frau a bis z

mit gregorzwilling einen spontanen geburtstagsbesuch bei frau ziebarth gemacht, die heute 89 jahre alt wird. ich bin etwas unsicher, ob oder ob nicht, hab aber dann dem gefühl vertraut und der erinnerung daran, dass sie sich eigentlich immer gefreut hat. ich bringe blumen und 2666 mit, dass sie beim letzten besuch noch nicht kannte, aber es liegt bereits auf dem buchstapel unterm nachtisch und ist das nächste in der reihe, „natürlich lese ich das“, ich habe die hoffnung, dass sie es aufgrund von meiner begeisterung gekauft hat. sie ist jetzt bei claude lanzmann, zum zweiten mal, weil das ende einen neuen blickwinkel auf den anfang gegeben hat.

sie trägt ein kostbar besticktes indisches kleid mit kleinen spiegeln darin und erklärt gregor, dass diese spiegel die geister fernhalten sollen. „das müssen aber sehr kleine gespenster sein“ sagt gregor und fragt dann, ob das kleid auch zu ihren kunstwerken gehört. „ich habe das vor vielen jahren in indien gekauft“, erzählt sie, „also ja, kann man sagen“. gregor beginnt unversehens, in einem gewählteren tonfall zu sprechen, benutzt vornehme wörter wie „selbstverständlich“ „vorzüglich“ und „ausgefallen“ und spricht langsamer als sonst, in auffällig vollständigen sätzen, weil die sprache die vielfalt und die farbenpracht ihrer großartigen sammlung aufnehmen will, wir sitzen in einem raum, in dem die schätze bis hinauf unters dach stehen, dicht an dicht, ein ding neben dem anderen. ich kenne das auch von mir, man will antworten auf all die schönheit und die vielen geschichten, die man alle nicht kennt und kennen will, wenn man hier sitzt, ich versuche dann immer, mein weltwissen zu aktivieren, frühgeschichte, mythologien, frühe religionen, weil die dinge der sammlung nicht art pour l’art sind, sondern immer auch durch eine funktion im alltag der künstler verankert waren, manchmal nur lose, wenn pracht und funktion sich nicht ganz entsprechen. vielleicht sind sie noch verbunden, wer weiß das schon, ich denke immer, sie reden alle noch, ich kann die sprachen bloss nicht.

ich kenne niemanden, der so gerne lebt, liebt und liest wie sie, sie findet auch nach jahrzehnten alles wieder in ihrem kopf, vergisst kaum etwas, vielleicht weil ihr geist vor den dingen nicht haltmacht, sie sammelt kunstobjekte, statuen, figuren, kästchen und porzellan, viele rätselhafte gegenstände aus rituellen abläufen, religiöses und sachen aus dem alltag, einfach alles, wo die hersteller ausser der funktion auch noch etwas anderes im sinn hatten, wo geschichte, erinnerung, kultur und handwerk zusammenkommen und etwas schönes entstanden ist. die sammlung ist sehr groß, also wirklich sehr groß, wenn man sie fragt, kennt sie von allen objekten die geschichte. es ist schön, wie sich über die ganze welt verstreut die symbole wiederfinden, bestimmte tierarten, linienführungen, materialien.

sie hat für ihre party mit freunden wie jedes jahr ein thema ausgewählt, diesmal ist es „statthalter“, und erklärt gregor, wie die steinzeitmenschen zuerst mit ihren händen gegessen hätten, dann eine hand nachgebildet haben, und sie zeigt einen sehr alten löffel in der form einer hand, der löffel sei ein statthalter der hand. sie zeigt uns löffel aus allen gegenden und zeiten der welt, kunstvolle finnische hochzeitslöffel, an einer kette zusammenhängend, alles aus einem einzigen ast geschnitzt, aus billigem holz geschnittene löffel mit kreuzen und einer hand am stiel, im 1. wk von gefangenen geschnitten, ein jadelöffel, gregor soll ihn an die wange halten, „und?“ fragt sie „na, da sind noch mehr muster eingeschnitten“ sagt er, und sie erklärt, dass die moleküle bei jade so dicht zusammenstünden, dass sie kälter bleibt als die umgebung, und wir halten den löffel nochmal in den händen, stimmt, er ist kühler als der raum. ein löffel mit dem grabmal des dichters rumi als relief in der laffe, aus konya, mit koransuren geschmückte löffel aus anderen arabischen ländern, eine chinesische reiskelle aus bast, kleine elfenbeinlöffelchen für salz mit winzigen figuren, es sind insgesamt über 50 stück. wir sitzen vor ihr auf dem boden, die pracht ausgebreitet um uns herum auf dem teppich, sie erzählt von jedem, wo sie ihn her hat, wir fassen sie an, ich bin nervös bei gregor und sage ihm, sei vorsichtig, aber frau z. meint sehr resolut „nein, der gregor kann das wunderbar, er soll sie sich genau angucken“. zum schluss kommt aus der basttasche noch eine kleine dose mit winzigen taschenmessern, vielleicht 7mm das kleinste, die man richtig aufklappen kann.

nach anderthalb stunden verabschiede ich mich, ein bisschen mit schlechtem gewissen, weil wir einfach reingeschneit und so lang geblieben sind, aber sie ist eine wirkliche sammlerin, die ihre schätze sehr gerne zeigt und sich freut, wenn man auch anfassen und wissen will. gregor ist im laufe des nachmittags vom „sie“ immer mehr ins „du“ gerutscht, er sagt beim abschied: „du sammelst bestimmt weiter so fleißig, und wenn wir das nächste mal kommen, hast du noch mehr sachen“.

prince 2010

prince_1
block VI

ganz oben höre vom kind ich das leise ah!, als wir den ersten blick ins rund der waldbühne werfen können. wir sitzen oben, block VI, eine stunde lang, essen, trinken, elias fragt mich, ob die musik denn noch lauter wird, wenn der prince kommt. wir treffen nachbarn und sehen noch ein paar andere kinder, aber der rest des publikums ist eher aus meiner altersgruppe. ich bin total zufrieden, kind ist überwältigt sagt schon cool, die abendsonne ist immer noch heiß, es sind über 30 grad. dann endlich sieht man p aus dem wald kommen, weißer anzug, nach seiner schlagzeugerin und einem herrn, der mundharmonika spielt, der funke fliegt sofort, nach ein paar sekunden hat er uns am haken.

nach anderthalb songs stehen alle, mein kind zuerst (vorher: mama, können wir nicht zu den ärzten gehen oder so, die sind doch auch alt) plötzlich sagt prince, wir sollten näher kommen, und wie an fäden gezogen stehen die leute auf, klettern aus dem abschnitt raus und laufen die treppen runter, mein sohn flitzt an mir vorbei, komm mama, er ist wendig und schnell, ich laufe ihm einfach hinterher, nach einer minute stehe ich mit ihm
10 meter von der bühne entfernt, im staub, neben einem mann, der uhr und love-armband von cartier trägt. ein haufen publikum ist bis auf die bühne gelaufen und tanzt direkt neben den künstlern ein paar stücke mit, bis sie wieder heruntergebeten werden. prince spielt lauter alte sachen, aber so mit improvisationen, rhythmus und zitaten durchsetzt, so verspielt, leicht und treibend, dass man sie nicht immer gleich erkennt. er ist vollkommen alterslos.

prince_2
freak out!

die waldbühne ist voll, nur an den seiten gibt es leere stellen, die stimmung ausgelassen und fröhlich. elias springt die ganze zeit mit, manchmal nur ein paar meter vom bühnenrand entfernt, die leute neben ihm wollen ihn auf die schultern nehmen und ganz nach vorn bringen, aber er will lieber nicht. wenn es ihm zu laut wird, geht er für eine weile plastikbecher suchen und kriegt so zwischendrin auch noch 25euro pfandgeld zusammen, einen pro becher. er bemerkt die ganzen paradiesvögel schon, die vielleicht 50zigjährige in enger ledermontur, mit ketten überall, den mann in jesusgewändern mit tätowierter brust, die bedröhnt herumschwankenden, die jungen türken in lila mit gold, die wunderschönen schwulen, bei denen man sich wünscht, dass die haare nicht gefärbt sind, den beamtentyp mit gelbem jacket und großen goldenen broschen auf den schultern und auf dem bauch. purple rain als zugabe, man erkennt die harmonics in den ersten takten, aber er lässt sich noch 10 minuten zeit, bis er mit dem text und dem thema rausrückt. elias ist abwechselnd total hingerissen und total müde, nach der zweiten zugabe werde ich leider leider vom kind vom platz gezogen. auf dem weg zur s-bahn hören wir die nächsten zugaben, und da ist das konzert schon 3 stunden alt.

ich freue mich total, dass ich für elias den masstab so hoch setzen konnte. er weiß das aber noch nicht. das war sein allererstes konzert.

fahren auf schneebedeckter strasse, das autotermometer zeigt -4° grad c, der bauch schleudert schon ein bisschen. in mir ruht ein kleiner rennfahrer, der sich bei schnee und glätte vollkommen zuhause fühlt, das lenkrad liegt ganz locker in der hand, wenn mein gentrimobil beim bremsen und anfahren ins schlingern kommt. (winterreifen? muss ich das wissen?)