das himbeerreich

wir sitzen in zweiten rang erste reihe und können gut sehen, das theater ist voll bis auf den letzten platz, der januar ist ideal für einen theaterhype, die platea ist voll mit männern, die aussehen wie peter handke und frauen, die aussehen wie wir, nicht mehr taufrisch, ordentlich lippenstift, aber nach wie vor voller liebe fürs theater. ich war auch ein bisserl hungrig auf das cozyschmozy theaterlicht, meine letzte premiere ist schon wieder ein paar wochen monate her.

veiel ist ein redlicher autor, er wirkt frei von allem, was nicht direkt mit dem text oder film zusammenhängt, veiel hat diese unglaublich absurden arbeitsansichten von modernen bankiers auf die bühne gebracht, problem war natürlich: die kannte man schon, wie sie nichts produzieren außer gewinnen, wie sie sich unglaublich ernst und wichtig nehmen und immer so tun, als hätten sie stress, leistung und gewinn erfunden, aber nee, das sollte glaub ich gar nicht dargestellt werden, sondern was? je nun. der zynismus wg. der milliarden hier und der armut dort, der irre galopp der investmentbanker, die gier und ein bisschen der sex, das system, das so riesig wirkt, die macht.

das geld blieb abstrakt, es wurde immer abstrakter im lauf des abends, ob jetzt mit 1 oder mit hundert miliarden gespielt wird, die summen sind nicht vorstellbar, wie einer auf der bühne sagte, „bis hundert oder vielleicht tausend ist unser gehirn in der lage, aber ab dann…“. diese bewegung mochte ich sehr, diese ablösung des geldmachens vom sinn,  ich konnte mich im lauf des abends über die summen gar nicht mehr aufregen,  geld schien als willkürliche übereinkunft leer und lebensfern, das mochte ich sehr und hab kurz versucht, mir die summe von 100 milliarden steinchen oder muscheln oder perlen vorzustellen, und wie solche geldmengen eben nur noch als zahl funktionieren. die figuren auf der bühne hätten auch über platinum reden können. war das jetzt regieabsicht oder nur ein persönlicher ausweg aus dem gezeigten wahnsinn?

ich mochte diese verschiebung, weil mir sicherer wurde, wir und unsere milliarden reellen zellen gegen die milliarden als, weiss auch nicht, binäre behauptung, aber den bühnenmenschen blieb natürlich gar nichts, wenn sie von ihrer geldgeilheit mal runterkommen, sie wurden immer dünner und leerer, keine entwicklung, kein drama außer dem gesetzten, keines, das auf der bühne stattfand.

gern gesehen hätte ich eine absurdisierung bestimmter anlageformen („produkte“), die, wie einer auf der bühne sagte „kein mensch mehr durchschaut“, es ist mir nur noch sprachlich nachvollziehbar, wer da auf wen wettet, ein trockenes grammatikgerüst. dieses absurde hätte ich gerne gesehen, entweder als entwicklung oder als zustand, aber dazu müsste man den kram ja auch wieder ernstnehmen. das kann nicht gesund sein. pollesch hätte das anders inszeniert, aber veiel wollte bestimmt nicht, dass wir angerührt und mit diesem leicht nagenden glücksgefühl nach hause gehen, mit dem polleschen aufruhr, der mich immer ein paar tage offen hält.

nachher auf der premierenfeier fehlte den zuschauern das theatralische, veiel hat die interviews eben nachsprechen lassen. als dokumentartheater hatte es dann aber wieder zuwenig tiefe. es gab ein paar als chor aus dem off vorgetragene kindheitserinnerungn der banker, mit armut, nazis, gewalt glaube ich zu erinnern, als chor ebenso wenig verändernd und veränderbar, das stimmt als regieansatz alles, biodetails als kleine postkarten bei der einrichtung dieser bombenegos, die unser geld bewegen, aber und, frag ich mich dann. man hörte gier, zynismus  und ich hab mir die abläufe des crash gerne nochmal angehört, aber natürlich nicht mehr davon verstanden als damals, also wirklich menschlich verstanden.

schönste szene: als diese stuttgarter schauspielerin sich matthes aus den schoss setzt, und er ihr auf den hintern klatscht, in einer geste, die so hilflos wie herabwürdigend wie verzweifelt ist, andrerseits auch wieder zwischen schrecklich und gääähn, dass der einzige kontakt zwischen der karrierefrau und den karrieremännern einer der wechselseitigen ausbeutung ist. das bühnenbild mochte ich auch, es sah aus wie das innere eines bankschließfaches, die aufzüge fuhren nur nach oben (die protagonisten berichten bei ihrem untergang), kein versteck, keine einrichtung, nur funktion.

strassenecke

„was schaut ihr denn da, kinder?“
„eigentlich etwas relativ dummes.“
der fortschritt ist die akzeptanz; ich gehe aus und bin nicht da, um vorzulesen, noch was zu wissen, lichtaus durchzusetzen, alle wissen, dass sie heimlich tv gucken werden, weil mir die energie fehlt, um die fernbedienung ins auto, den schlüssel in den briefkasten zu packen, oder in den tiefkühler, oder unter die blumenkästen. man muss es klar sagen: der kulturhunger der mutter ermöglicht den kindern kulturlosigkeit, auf perfekte weise, weil sie es im geheimen tun können. ich habe ihnen gesagt, wenn sie erben wollten, müssen sie vorher alle meine bücher lesen. „okay“ sagt gregor.

strassenecke„: die ersten seiten erinnern mich an die, die ich war, als ich jahnn gelesen habe, ich finde das sofort wieder in mir, es ist alles da („Alle Menschen denken einmal im Morgengrau zwischen Schlaf und und Wachen oder zufällig in einer dünnen Stunde bei einem Glas Absinth oder als sie sich entkleiden, das Hemd von der Haut abheben oder als die Strassenbahn in den Schienen knirscht, sie denken an sich wie der Geist an sie gedacht, als er sie bildete. Durch sie hindurch und in sich hinein. Und die Gedanken sind dolchartige Eisen […]“ und so weiter, dann übermannt ihn der expressionismus, bin hin zum „fettes spratzendes Höllenfeuer“ und solche dinge, dieses hemmungslose sich-ernst-nehmen, das man heute in literarischen texten nur noch mit dem autoren-ich und seinen wahrnehmungen tut und nicht mehr mit der gesamten welt.)

das stück sei nicht erzählt worden, lese ich in der kritik einer aufführung von 1994, das jugendtheater (wusste ich nicht vorher, ich hab „P14“ nicht wahrgenommen in der ankündigung, sie hätten aber auch einfach „jugendtheater“ hinschreiben können, die hanseln) hier tut das auch überhaupt nicht, leider, einigen schauspielern hätte ich ein bisschen mehr schauspiel schon zugetraut. der abend war interessant zumindest, volksbühne dritter stock, ein vollkommen leerer raum (bühnenbild bert neumann, der hatte wohl keine zeit) mit je drei stuhlreihen an den schmalen enden, die kids sind großartig textsicher, laufen herum und haben die beiden verwendeten darstellerischen möglichkeiten spielend im griff: monotones bisschen zu schnelles vortragen ohne körperbeteiligung und hemmungsloses brüllen, beides fordert zuschauer mit extrem guten ohren und zenmässiger konzentrationsfähigkeit, weil der text so unzeitgemäß dicht und gewaltig ist, auch die handungsverläufe sind sehr vielfädrig. am ende öffnen sie die 4 fenster des raumes, zum theatervorplatz hin, und machen das licht aus, es leuchten nur noch die lampen von draussen, auch die gehen irgendwann aus, niemand spricht noch, man sitzt im dunkeln, friert und hat keine ahnung, ob sie durch sind mit dem text. das publikum sass am ende sehr gutwillig minutenlang herum, bevor jemand mit dem beifall begonnen hat. ich mochte das, nur das restlicht von der stadt im raum, theater und stadt beide dabei, plus das magische eines unbespielten theaterraumes. wie ein schlafzimmer, das stück schläft wieder, denkt man so ein bisschen verträumt und guckt aus dem fenster in den berliner nachthimmel.

ich konnte mich trotz guter absichten (hh jahnn!) nicht immer auf den text konzentrieren und habe nicht verstanden, warum die regisseurin das so inszeniert hat. oder haben die kids das alleine entschieden? ein paar sätze dazu auf dem programmzettel wären hilfreich gewesen. ich wollte nicht rausgehen bei so jungen leuten, einer war noch vorm stimmbruch, aber versucht war ich schon. die ganze jahnnsche sprachgewalt und meinungsdichte wurde wegmonologisiert – oder eben niedergebrüllt.

Boh„, sagt der italiener dazu. schnell nach hause radeln, hund lüften, die kinder ins bett schicken, „mama, wie spät ist es denn jetzt genau?“ „23:06“ „okay, dann schlaf ich jetzt.“

basislager

zuerst kommt gar nichts. eine lange, lange weile hört man es rumsen von hinter der bühne, dann kommt klavier. in den ersten minuten fühlt es sich an wie eine yoga-übung, einatmen, ausatmen, sich langsam auf einen anderen taktgeber einlassen: marthaler.

sechs oder sieben szenen in grönland, alle in einem basislager, einer von viehbrocks vergessenen funktionsräumen, bisschen alte turnhalle, bisschen schulungsraum am stadtrand. ein schutzraum in grönland, naja, warum nicht, diese bühnenbilder sind wirklich nicht an orte gebunden, aber ich hätte mir mehr natur gewünscht irgendwie, mehr außen statt dem ewigen abgewohnten innen.

andrerseits entsteht das theater bei den beiden (marthaler/viehbrock) sowieso mehr im kopf als auf der bühne, man muss die augen gar nicht immer offen haben dabei.

es könnte mein eigenes basislager sein, so voller leiser stimmen, ein paar theorien und liedern auf grönländisch, mit einem overheadprojektor, der nach langer einrichtungszeit eine unklare silhouette in fischform zeigt.

die schauspieler kommen am anfang dick vermummt herein und entkleiden sich dann viele schichten lang, das hat mich auch berührt im solar plexus, ich habe eigentlich fast genausoviel an, wenn ich von draussen reinkomme.

lieblingsstelle, außer all den wunderschönen, stillen chören in fast jeder szene, als ob man sie nur im kopf hören würde, ein innerer hafen (leise und pärt-artig, ich habe nur wenige stücke erkannt) – war bettina stuckys sehr stimmhaftes aah auf einen vortrag über polare kosmogonie, den sie sich nach ihrer arie „es gibt kein bier auf hawai“ anhören musste.

oder die übersetzung eines gesellschaftlichen miteinanders ins gestische, wie die körper vom typischen – zum beispiel vorgeschobene frauenbeine auf highheels, lässige männerstehposen – ins parodistische geraten, quasi wider willen, und dabei die ganze zeit handys durch die gegend kicken, das war wild und lustig und ich habe mich voll wiedererkannt.

die leute hinter mir beim rausgehen meinten: das war ja der langweiligste marthaler-abend jemals. fand ich okay, weil man eine gewisse leise art von schönheit auch nicht mit jedem idioten teilen will.

ich will auch mal nach grönland.

also es war deutlich mehr was für die eltern, so als bühnen-ergebnis, wurde aber von meiner liebsten annette, die auch eins der sogenannten labore betreut hat, darüber aufgeklärt, dass der akademie-gedanke eine der hauptsachen bei der winterakademie ist, inzwischen ein absouluter renner bei den akademischen mittelstands-eltern. es gibt zuwenig solcher projekte in der stadt, eigentlich nur die leute vom gripstheater – und eben die winterakademie. hmhmmm dachte ich mir so als reines publikum. kleine grundschulkinder rennen mit goldfolie bekleidet über die bühne der parkaue und brüllen immer gold! gold!, sehr sweet. dann am ende noch ein absolut professionelles puppentheater, auf den punkt, musik stimmt, ton stimmt, die texte sind in ordnung, habe leider nur 5 von den insgesamt 10 stücken sehen können. in einem ein junge, typ adrian brody mit 10, der ein totales leichen- und weltungergangspanorama erzählt hat, sehr zielstrebig, auf einem overhead-projektor, die figuren waren ernie und bert nach arbeit im atommüll oder so, am ende waren alle tot. ich hätte ihn sofort adoptiert, den lütten, das stück war wirklich eigen.

das konzept geld ist ja erstmal total überzeugend und notwendig so als kinderthema. ich werde nächstes jahr meine kinder auf jeden fall auch dort unterbringen wollen, das thema soll netzwerk sein, aber ich weiß nicht genau, weswegen. akademie! bildung, sicher, es sind brave und behütete kinder, die dort auf der bühne stehen, was ist mit den anderen, den kreuzberger und neuköllner kids, die niemand ins theater trägt? es geht halt nicht immer alles. annette hat einen debattierklub mit deutlich pubertierenden auf die beine gestellt, neben mir im publikum der mann von der theaterzeitung, oder was macht er inzwischen? auch ein freund, der bei den „und wofür sind sie?“- fragen immer für den fortschritt und das wachstum gestimmt hat, die kinder waren für die beständigkeit und das bewahren der werte so als weltrettungsgedanke, sollen sie auch, einer muss ja die welt retten. das essen war ausgezeichnet, alles bio, bionade war auch als sponsor dabei, die kinder haben mich gerührt natürlich, stimmbruch! mein gott. meine sind ja auch so, gute absichten, wir sind so als eltern ja randvoll mit guten absichten für unsere kinder, aber ein bisschen neben der realität ist es schon, oder nicht?

nachher bei minus 10 grad mit der freundin über die verschneite frankfurter allee nach hause radeln, plaudern, um 10 uhr abends, wir retten auch eine welt, zumindest die berliner projektewelt, und uns selber, thats something, wie ich zu oft denke in letzter zeit.

kate

die ersten stücke durch geglaubt, mit den freunden zu synchen grade, mit kate in den ohren, wir gehen jeder für sich, bei mir freude, dabeizusein, kitty, glam, lucky und die anderen zu kennen, sonst wäre es ein morgen zuhause geworden mit der cd, den kindern vorträge haltend, ich weiß ja auch nicht, was das ist mit mir und kate bush, aber sie war einzigartig und eigen in einer zeit, als freilich noch alles einzigartig war, nichts davon ist verloren gegangen über die jahrzehnte, die bekannten songs machen nicht sentimental, man ist ganz mühelos wieder drin, genau da, wo eben nur kate bush sein kann, die tiefe ist da, aber man fliegt darüber, ganz leicht, pling. ich hab die alten stücke nicht im ohr, aber sie klingen neu, sind dichter geworden, die jahre ein gewinn. in der weiten berliner nacht ein unerwartetetes it’s me- ding, die luft schmeckt süss, es gibt raum genug für alles, ich schnorre ne kippe von lucky, dann singt sie weiter, und natürlich syncht man auch mit sich selber die ganze zeit, still me, still here. später liege ich auf dem stein und suche meine sterne, alle da, man muss sie nicht sehen. das leben ist schön.