B

Foto

berlin ist wunderbar. es ist sehr groß, und bei der partydichte zum sommeranfang fallen einige davon gelegentlich auf ein und denselben abend, so dass man beim partyhoppping zeit finden muss, sich auf andere gäste, andere musik und andere nachspeisen einzustellen. gestern aber genügte der abstand zwischen beiden parties nicht mal, um wieder zu atem zu kommen, vier stöcke runter, vier stöcke rauf, dazwischen nur ein paar meter. die gäste lagen weiter auseinander als die parties, die einen kenn ich von ganz früher, die anderen sind die neuen freunde der letzten paar jahre, bei ihnen bin ich zuhause, beim glam in der hollywoodschaukel, zwischen modeste und lucky.

um drei zuhause, zuviel kippen geschnorrt, nicht gesungen, aber auch nicht getanzt. heute mit dem besuch aus wien dann noch ein stück von der sternfahrt mitgefahren, leider ohne avus und ohne die kinder, aber auch so aufregend, ampelfrei vom westkreuz bis fast zum brandenburger tor, das überraschendste dabei ist die ruhe, man hört nur das rauschen und sirren der räder auf dem asphalt, und das geplauder der radler. vor der oper dann plötzlich kein durchkommen, herr barenboim steht dort auf einem großen podest und spielt mit dem kompletten orchester der staatsoper, wir hören noch die letzten takte von sacre du printemps unter heller frühsommersonne, was ich weiß, weil ich es gegoogelt habe, radeln weiter, nehmen noch einen frozen yogurt und legen eine pause ein, bevor wir heute abend wieder in die nacht gehen bei einem konzert im grünen salon, andreas albrecht stellt dort seine neue cd vor. jetzt ist es nachmittag und die sonne glitzert in den bäumen, gemerkt: die ganzen sommer davor sind heut auch zu sehen, wie flußkiesel durch den boden eines dicken marmeladenglases.

 

kunst kaufen können

mir sind die künstler, die ich mag, zu teuer geworden. die preise auf den messen beginnen inzwischen bei 4 – 5000, da ist es schon ziemlich wichtig, dass der künstler seinen preis halten kann, spontankäufe machen da keinen spass mehr, man muss diese unverhältnismäßigkeit aushalten oder genießen können, die behauptung von luxus, gegen den tod in der ferne und die armut der anderen, well, mit der kunst gerät man schnell OT.

in berlin gibt es gerade eine sehr schöne alternative zum großen kunstcasino, eine große auswahl an arbeiten für menschen wie dich und mich, die weder geld noch platz zu verschenken haben: anonyme zeichnungen werden für 150 euro das stück verkauft. sie passen auf ein din a 4 blatt und damit in jeden freien halben meter. und, blogger-bonus: eventuell hat herr schneck da selbst auch mitgemacht, weiß ich aber nicht.  es sind ein paar schöne arbeiten dabei.

kitchensurfing

„du wirst bekocht“ stand in der einladung, und die bitte, einen guten wein mitzubringen. zuhause bei der kekstesterin habe ich mich dann nicht nur über die anderen gäste gefreut, sondern auch auf das sehr, sehr große und dunkelrot-saftige stück entrecôte vom irischen rind, dass da auf ihrem küchenbrett lag, untern den händen eines freundlichen koches, den ich nicht kannte, ein weiterer gast, dachte ich, der das kochen übernehmen würde. gutes fleisch, mit feinen, weißen fettadern, der koch säbelte mit einem großen messer dicke streifen davon ab. hmmm. es sah nach einem richtigen essen aus, eine tüte carnaroli-reis lag auch auf dem tisch, fleisch und risotto = mindestens zwei gänge, das gildet in meinen unverwöhnten kreisen schon als eher ernstgemeintes dinner. mit koch sieben menschen in der wohnung, aber nur 6 plätze am tisch gedeckt? aber ja doch: kitchensurfing heißt das projekt für gastgeber, die sich mit ihren gästen den ganzen abend amüsieren wollen, ohne dafür in ein restaurant zu bitten oder die freunde die ganze zeit neben sich in der küche an der backe zu haben. der koch kommt zu ihnen nach hause, mit zutaten und fehlenden pfannen oder küchengeräten (ich hab zum beispiel nix, um irgendetwas zu flambieren, ich bin aber auch um fonduegeschirr, spargeltöpfe und pfannkuchengeräte herumgekommen, weil ich jahreland immer dieselbe zeitung abonniert habe), er hat einen plan, ein menue und viel spass an dem, was er tut. wir bekamen ein excellentes essen serviert, thomas hat jeden gang kurz erklärt, und ist dann bei einsetzendem aah- und ooh- lauten wieder in der küche verschwunden, um den nächsten gang vorzubereiten. es war so lecker, zwischenzeitlich wollte ich kurz den koch heiraten, aber der ist natürlich an seine küche vergeben.

unser menue, nur um mal einen eindruck zu vermitteln:

Kräuterblattsalat
mit Zuckerschoten, Schluppen und Crostini mit Erbse und Ziegenkäse
Spargel-Limettenrisotto
Geeiste Melonensuppe mit rosa Beeren
Tranchen vom Entrecôte mit grüner Sauce und Pilzmix
Avocado Creme Brûlee

die küche sah danach aus, als wäre zuletzt eine putzfrau dringewesen. sehr, sehr feine idee alles. es gibt menues für viele anlässe (muttertag!)

 

books&dioptrien

berlinbooklovers ist eine sehr charmante idee von der bloggerin und übersetzerin (oder umgekehrt) hinter love german books: menschen werden mit ihrem lieblingsbuch fotografiert, wer mag, kann sie kontaktieren. sonst nix, keine fragen vor allem, keine hundertausend fragen, kein algorhythmus, nur: ein buch. ich werde da auch mitmachen, irgendwann in den nächsten wochen habe ich einen fototermin. von der wahl des buches hängt natürlich einiges ab, sie fällt mir eher schwer, vielleicht nehme ich ein handbuch zu deutschen porzellanmarken oder sowas, an dem ich auch irgendwie hänge, nicht nur, weil es in einem kindergartenhellblau gehalten ist.

nota zu okcupid: es fehlt ein auswahlpunkt „dioptrien“. würde gern nur noch männer mit >3 anschreiben, nimmt mir die befangenheit, wobei hier das englische „self-conscious“ leider genauer passt, obwohl: bei den älteren erledigt sich die nahsicht ja sowieso von alleine.

 

gilgamesh

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die erste oper für die zwillinge. gregor saß neben dem mischpult und fand den platz toll, die jungs gebannt und begeistert die ganze zeit, sie haben am längsten von allen geklatscht, gut, war ein wette bei ihnen zum schluss, aber sie haben noch die ganze rückfahrt geredet und gutgelaunt beim interpretieren mitgemacht. die frau im langen schwarzen glitzerkleid, ob sie eventuell den tod dargestellt haben könnte, frage ich. nein, sagt david, seiner meinung nach eher die angst vor dem tod, am ende sei sie ja wie die anderen gekleidet gewesen, als gilgamesh seine angst verloren hätte, und sei nicht mehr zu erkennen gewesen.

wir erwachsenen fanden die musik eher so lala, die songs zu sehr nach der horror vacui-methide (bei dem verschreiber immer matilda im kopf) – methode geschrieben, rhythmisch und melodisch wenig differenziert, fast alles laut und zu schnell, aber die inszenierung hat die kids abgeholt, wo sie waren und sehr viel daraus gemacht, der regieteil des projekts war sehr gelungen also.

die faszination darüber, dass ein ca. 4000 jahre alter text so mühelos lesbar und zeitgenössisch bleibt.

kw weiss nimmer

beim vietnamesen ums eck gibt es grosse büchsen mit mangopüree, mit milch und yoghurt und einem hauch zimt wird daraus im nu wunderbares mangolassi, ein grosses kinderglück! man benötigt nicht einmal einen mixer, ein löffel genügt zum umrühren. und ich bin da nie drauf gekommen, musste erst die nachbarin von erzählen, als wären wir provinz.

ein zwilling ist neulich vor der schule allein zum arzt gegangen, um sich einen splitter herausschneiden zu lassen. ich hatte einen klaren ochnöö-moment, als er mit einem küchenmesser in der einen und mit pflaster in der anderen hand auf einem bein abends um neune vor mir stand. muss ja nicht alles selber machen. der arzt hat wider erwarten nichts i.s. von „das hätte deine mutter aber wirklich alleine … “ kommentiert.

der zeitpunkt im jahr, an dem die diversen über den winter angesammelten haufen in der wohnung sich selbständig machen, keine durch logik gegebenen verortungen mehr, diese feine schwelle zur ernsthaften unordnung, wenn man beim suchen überall nachsehen muss, ungelesenes nicht mehr nur auf dem schreibtisch, socken zwischen den sofateilen, hier gürtel, die über nacht zu eng geworden sind, auf dem hundehaus taschenlampen und wärmflaschen, ein beunruhigend großer kabelsalat vorm kleiderschrank, altbatterien im kartoffelkasten. finde nix mehr wieder. leider erstmal keine zeit zum ausmisten.

freitags nach einer 30std.- woche um 15uhr zuhause und das kurznickerchen ruft, eigentlich steht der hausputz noch an, morgen lieber besuch, morgen abend das gilgamesch-abenteuer, ich bleibe also besser in bewegung und erledige noch den großeinkauf, hund und menschen. in einer umkleidekabine einen rundumblick auf mich as i am ergattert, sehr ernüchtert nix gekauft, weil wozu? ab jetzt nur noch schuhe. bei real eine mutter mit vier kleinen kindern hinter mir in der schlange, ob ich meinen einkauf auf ihre payback karte? klaro. sie hat das gleiche fake-gucci-portemonnaie wie ich, wir grinsen uns an, oder war ihres echt? als ich um fünfe mit vollem wagen vorm haus parke, wollen die kinder alle grad los, zum klavier, zu einem kumpel und (-vergessen), halte sie auf und lasse sie beim hochtragen helfen, sie tun es fröhlich schimpfend und schnatternd. emma setzt sich im hausflur vor die tüte mit dem hundefutter und freut sich, ihr schwanz geht hin und her, hin und her. wie immer freitags total erledigt und mit jeder zelle im leben zuhause, zufrieden. einen caol ila.

 

wahl oder pflicht

kurzbios in den medien: „wahlberliner„* – immer den pflichtberliner dazugedacht, aber sogar die wehrflüchtigen hatten ja eine wahl, waren nicht die ostberliner die letzten ohne freien wohnsitz? menschen, deren betriebe nach berlin auswandern und die ihren jobs folgen müssen, gab es es ja seit dem bonn-umzug auch nicht mehr so häufig. wahrscheinlich verbindet man als wahlberliner mit der stadt viele hoffnungen mit schwankender realisierbarkeit, weil zufall, auswahl und gelegenheit teil des konzepts sind, anders als bei berlinwahlen, wo all das vermieden wird. dabei meint es seit kennedy glaub‘ ich eher das ausmass der identifizierung, als wappen und konsequenz, plus den kleinen trotz aus (westberliner) mauertagen, als man mit der stadt auch noch das fehlende umland und das bedrückende wissen um die ddr in kauf nehmen musste, wie heute das morsche und spröde. mochte irgendwie die früheren wahlberliner lieber, die noch nicht den kapitalistischen lebenstil suchten, oder wie das heisst, wenn man nicht nur genug, sondern viel geld machen will, aber bestimmt haben die bloss keine kurzbios in der presse und es gibt noch genauso viele von ihnen wie immer – klar, muss nur mal meinen freundeskreis durchgehen.

ich mag meine stadt sehr, die mischung aus hoffnung und kreativem, das neben- und ineinander von lebensentwürfen, wie ideen hier noch immer wichtiger sind als geld. anyway sind nur die kinder echte pflichtberliner. ich habs gut, ich bleibe überall berlinerin, weil hier geboren.

*ich verwende lieber startpage als google, obwohl ich mir dabei albern vorkomme, harmlos, wie ich bin. man möchte glatt ein paar gefährliche dinge suchen im netz, wie in dem ollen witz mit dem ami, der seiner mutter in england nicht beim umgraben ihres gartens helfen kann und ihr einfach einen anonymen brief schickt, dem er einen plan über im garten verbuddelte waffen oder so beilegt.

 

aplomb

ein bekannter erzählt von seinen schwierigkeiten, ein künstlerisches projekt auf die beine zu stellen, weil die leute, die er anspricht, sich nicht mehr melden, nicht schnell genug arbeiten, kein risiko eingehen wollen. weiß nicht, welcher aspekt davon sein projekt am ehesten verhindert, aber die unhöflichkeit bei desinteresse ärgert ihn am meisten.

kenn das von mir selber, grad ein anspruchsvolles projekt sozusagen weiterziehen lassen und nicht eingestiegen, weil mein erfolg zweifelhaft und der megastress wahrscheinlicher waren, diese projekte, für deren durchführung man erst ein paar grundlegende persönlichkeitszüge ändern müsste, die man aber eh schon immer mal angehen wollte, warum also nicht mit bezahlung und richtig druck? wie das ein oder zwei ticks zu kleine perfekte kleid. schon bei so leichten entscheidungen den zweifel, ob ein größeres oder mit bisschen wahn angeheiztes selbstvertrauen da nicht mehr genützt hätte, anstatt der langen erfahrung mit dingen, die eher nicht so gut klappen. einsicht oder resignation?

(aplomb jetzt mal so als vergessene tugend. im ballett meint es auch die fähigkeit, in einer bewegung innehalten zu können, ohne schwanken, mit eleganz. wie gern könnte ich das, innehalten, schon weil man dann die bewegung davor zulassen kann, wie ja überhaupt die selbstkontrolle viel mehr sinn macht, wenn man damit bewegung gestaltet und nicht nur stillstand moderiert.)

andrerseits die erkenntnis, wie sehr vielgründig ein gelingen oder misslingen ist, wie beim yoga, wo manchmal sogar die krähe gelingt, also ein oder 2 sekunden lang, wieviele der so unterschiedlichen zyklen in körper, seele und geist da gleichzeitig im lot sein müssen – also bei nicht-daueryogis wie mir, wahrscheinlich ersetzt regelmässige praxis einen haufen dieser notwendigen sychronizitäten. aber nicht vollkommen. ich denke da viel drüber nach, weil mein diabetes mich dazu zwingt, diese zyklen so viel als möglich wahrzunehmen, aber warum zbsp. der gleichgewichtssinn mal gut und mal nicht vorhanden ist – der mensch ist ein wunderwerk an komplexität. vielleicht ist ein ständig umkippender baum ein zeichen dafür, dass grundloses auf einem bein stehen dem kleinhirn gerade nicht notwendig erscheint, es ist ja offensichtlich, dass bewusstsein und restmensch nicht immer dieselben dinge gut finden –  trotzdem klappt es in der nächsten stunde hervorragend, auch wenn man nicht heimlich mit dem kleinen finger an der wand lehnt.

politiker

heute das interview von lauer in der taz sehr lustig und bisschen beunruhigend, soviel strom und paranoia, als sei er keine interviews gewöhnt, eigentlich nichtmal dialoge generell, jeder satz eines anderen als minenfeld, voll mit diesen kleinen tretminen. oder es ging ihm um etwas ganz anderes dabei, ein altes und vielleicht privates thema,  die fragen und umstände des interviewers kommen gar nicht zu ihm durch, die beiden bewegen sich auf zwei vollkommen unterschiedlichen ebenen. als müsste er nur mit genau diesem generischen interview etwas beweisen, irgendwas wichtiges, hat aber den den faden verloren, schon vorher, es wirkt wie eine einzige übersprungshandlung.

ich lese aber auch fast nie politiker-interviews, vielleicht gehören die auf genau diese weise interessant, dabei menschlich schwierig und thematisch ins leere zielend.

KW 52

gregorzwilling baut aus lego nach, wie der drache aus dem goldsee auftaucht. davidzwilling findet plötzlich alles doof, will alles anders haben und sich mit dem, was ist, nicht begnügen („ich will das so nicht! es soll alles anders werden!“). dann baut er ein wasserflugzeug mit lego.

wie der große plötzlich zweien nach hause bringt und das nichtmal erzählt.

die großen veränderungen werden an kleinen redundanzen sichtbar, als stromschnellen, wie sich die kinder einen stil suchen, der ihr größerwerden aushält und in dem sie noch herumtanzen können, vom kind zum jugendlichen and back, der eine im selbstzitat, der andere in nietnagelneuem aufruhr, der große im stillen auskosten von erfolg. mein blick auf ihn wechselt manchmal mitten im satz, der teenager, der 185cm große junge mann. bei ihm wechselt das auch noch, mit quecksilbriger eleganz.

wie ich nach einer wirklich schrecklichen woche mit meiner mutter in einem laden in der danziger lande, und sie mir einen nicki kauft, und dann ist eine weile lang alles gut, in so einer heiteren gleichzeitigkeit von hellsichtigkeit und regression, ein paar meter lang. nicht billig, leichtfüßig.

die verkäuferin fragte, ob ich emmas fell mit ei wasche, weil es so glänzt. jau, sage ich. in den achtzigern, dann diese shampoowerbung in den neunzigern, jetzt beim hund. sie ist ton in ton mit der geschichte der waren im geschäft, kleidung als found footage.

 

 

(ein film mindestens)

das bild am ende des postings erkennen, den film wieder im kopf haben, deswegen weiter lesen, die meinung des autors über prairie home companion teilen, erleichtert in einen anstrengenden tag gehen. es ist viel wichtiger, karten für den eröffnungsfilm der berlinale ’14 zu kriegen. shape your memories. (über luckys blogrolle irgendwie)

 

dudamel in der philarmonie

der stravinsky ist frisch und lustig, ich werde den trägen und verschneeregneten dezembertag los beim zuhören. dann schuberts vierte symphonie, nicht seine stärkste, wie der begleiter weiss, ich weiss das nicht und höre sie heute zum ersten mal, dirigiert vom salvadorianer dudamel. sie hört sich frisch und gewaltig an, mit einer spannung und einem fluss, den keiner meiner schubertaufnahmen hat, die ich allerdings selten höre, bei schubert bleibe ich natürlich immer in den kleineren klavierstücken und den liedern hängen, und schu.'s vierte hängt ordentlich hinter der vierten von lvb, die beliebteste zu seinen lebzeiten, wie wikipedia weiss. dudamel spielt sie nach der pause (die man statt in der sektschlange lieber komplett im plattenladen im foyer verbringen sollte, gabs den früher auch schon? erinner ich gar nicht ) und nach einem zweiten stravinskystück, darin ein eher halsbrecherisches flötensolo, der typ mit der goldenen querflöte, wie heisst er gleich? berühmter solist, ach, die lückenhafte bildung immer. er hier! pahud.

beim letzten stück und höhepunkt des abends, bei der vierten von lvb sind orchester und dirigent wie frisch verliebt, alles schwingt und spricht miteinander, im ersten satz das adagio ist wunderschön, zart, verhalten und kompakt, und dann leider schnell vorbei, ein kurzes thema, gleich aufgelöst in den, äh, was immer dann kommt, aber ich trauere ihm ein paar takte lang hinterher. dudamel ist dem orchester immer ein halbe bis ganze sekunde voraus, wir sitzen im h-rang und sehen dem dirigenten ins gesicht, seine locken fliegen, er ist nur zwischen den sätzem kurz ruhig und ausdruckslos im gesicht, sonst sind mimik und bewegung ein fortlaufender kommentar zur musik, er tanzt seinen beethoven. bin gespannt auf die kritiken, das tänzerische mögen bestimmt einige nicht, dudamel hat die 4. schon etwas verwalzert. der begleiter moniert zu leise bläser im dialog streicher/bläser, meint aber, das sei auch eine erfahrungssache, der dirigent ist schliesslich erst zarte 32 jahre alt. hab ich nicht gehört, mich haben dynamik und eleganz umgehauen, aber ich habe bisher auch eher ohren für vokalmusik gehabt, vielleicht noch klavierkonzerte, die grossen orchestersachen brauchen so eine gewisse leere und öffnung, weil sie so raumgreifend daherkommen, da kann ich ja noch reinwachsen. früher war ich viel häufiger in der philarmonie und erinnere mich an diese kleinen aufblinkenden hoffnungen von körper, seele oder geist, es möge jetzt auch mal zu ende gehen mit dem satz, das nachlassenwollen der konzentration, gestern war ich die ganze zeit gebannt dabei. gut, er hat ein schönes gesicht und eine richtige dirigentenhaarpracht, schwarze locken, die er sehr dekorativ und energiereich herumwirbeln lässt, das auch, aber es war wirklich die musik, dudamel hätte gern noch ein oder zwei symphonien draufgeben können. toller abend. es gibt das konzert vom nikolausabend demnächst in der digital concert hall zu sehen, wir waren einen tag später dort.

 

junger herbst & alte lieder

last summer days, wies aussschaut, das wochenende, also das letzte, an dem ich kein mal an den herbst denken musste.  am freitag  einem großen liedermacher zuhören dürfen, in einem lauschigen theater, er sass mit nur ein oder zwei metern  abstand vor uns auf der bühne, allein am klavier, und der mann kann jeden raum füllen, den man ihm öffnen mag, viele seiner texte haben diese magie, sie wirken wie gemacht für den moment, den zustand, was immer man eben dabeihat an so einem abend. danach das riesenglück gehabt, mit dem künstler und seinem volk noch eine weile in der nacht herumzusitzen und über dies und jenes zu plaudern bei einem bier oder zwei, weil eine freundin von mir eine freundin von ihnen ist. dann kam ich nach hause und wollte eigentlich eventuell noch beim sommerfest nebenan vorbeischauen, dort lebt nämlich einer meiner liebsten verlage, und die literaturmenschen standen auch noch herum, dunkel gekleidet, schmal und jung, ins gespräch vertieft, auf dem bürgersteig, ich habe mein rad bei ihnen abgeschlossen und hörte, ungelogen, wie ein mann zu einer frau sagte, mit impetus: „ja, emotionen!“, es hörte sich an wie die schaumkrone einer langen welle, da kann man dann eh nicht mehr einsteigen und ich liess es gutsein mit der nacht – aber es war ein guter schwung durchs wochenende.

und es ging weiterhin rund, was herz- und kopffutter angeht,  gestern habe ich viva la libertá gesehen, es gab ein kurzes dreitages-festival im babylon mit filmen aus dieser speziellen ecke zwischen dem lazio und der toscana, ich sass da also mit frau kopffüssler und liess mich überraschen. der film sehr sehr schön, so spielerisch elegant wie komisch und traurig, ein federleichter film über dieses eigentlich tragische italien, bitte ansehen, wenn ihr die möglichkeit habt. das drehbuch ist wunderbar, zurückgenommen auf eine haiku-art, die hauptfigur wird von valeria bruni tedeschi geliebt, im film, für die jeder mensch schwach werden sollte, wenn er noch augen im kopf hat. der drehbuchautor war ebenfalls geladen und hat fragen beantwortet, er hat gesagt „il cinema non riesce a cambiare il mondo“, aber besser macht es sie ja doch. erinnert an die großen zeiten des römischen kinos. mit fellini.

heut früh hat frau moseron auf twitter pianoman erwähnt, den halben morgen hatte ich den ohrwurm. maurenbrecher hatte sein konzert auch mit einem der alten großen songs beendet, ich hör die anders, seit ich ein bissken musiktheorie ins system kriege und all die schönheit beschreibbar wird, immer bei den liedanfängen versuchen, den aufbau rauszuhören, wie dann nach ein paar takten die musik gewinnt und die synapsen alle folgen, la la di di da.

horvath in comic sans

hinweg unter schneeregen auf dem fahrrad, kein eis immerhin, und ich behalte im kopf, dass ich in viertelstundennähe zu ein paar der großen deutschen bühnen lebe. wir sind müder und vom winter angenagter als neulich beim veiel und kommen noch ein  bisschen fast zu später. ich stehe irgendwann gysi im weg, ohne ihn im gegenlicht zu erkennen, erst später, als er in der selben reihe wie wir sitzt, immerhin fallen ein paar blicke (nur frauen verstehen das, oder, wie der strizzi im stück einmal sagt: „scheiss 50jährige“).

lustig war es eigentlich erst hinterher, nach dem stück in der schlange zum freibier, wo ich mit der freundin und anderen ein paar mal hin und her gewechselt bin, zwischen schönem regieeinfall und einziger, nicht tragfähiger idee, das liegt am thalheimer, der bühnenbild und text so reduziert hat, dass ich auch die figuren eingekocht und bisschen überzeichnet wahrnehme, ich muss mich nicht einfühlen in sie (thalheimer selber sieht das anders, ist aber bei mir nicht angekommen. wahrscheinlich bin ich dumm), sie reden und bewegen sich wie im comic, mit ausrufezeichen. ich mag, wie sie sich bewegen,   wie in kleinen gifs tanzt, zappelt und windet sich jede anders, parodiert dabei sich selber, das gegenüber oder das, was gerade gesagt werden soll, während die marianne auf diesen gnadenlosen horvath-schienen in den untergang rauscht. das war ziemlich frisch und modern, als ob diese alten schicksale (frau verlässt blöden bräutigam, liebt einen taugenichts, kriegt ein kind, wird verlassen, muss nackttanzen, kind stirbt, muss am ende zum bräutigam zurück, absolut niemand hat mitleid mit ihr, selbst beim autor bin ich mir nicht sicher.) wie marionetten über die bühne bewegt werden müssten, mich hats bisschen an rtl erinnert, wo auch immer schicksale produziert werden mit immergleichen abläufen. die bühne war leer und dunkel, ein tisch mit stühlen, die kostüme 30erjahre, nur der metzger war extrem blutig, damit man sieht, wie extrem blutig seine und überhaupt die menschliche fantasie ist.

2 schönste momente: einmal will oskar eine bonbonschachtel schenken und kriegt sie nicht aus der jacke, ein tolles bild dafür, wie einer nicht aus seiner haut kann. und die großmutter, die der marianne den tod ihres kindes mitteilen will und dabei ins tanzen gerät, weil die häme gesiegt hat, erinnert mich an die eine wunderschöne szene im film elizabeth, wo ihr körper sich auf den krieg freut, ganz leise. die beiden szenen lohnen den abend. geärgert haben mich die dauernden ausrufezeichen in körper- und gesprochener sprache. ich bin doch nicht blöd!

der regisseur kommt gefühlt 10 mal auf die bühne beim schlussapplaus, seine schauspieler hat er dabei felsenfest im griff, die sehen nicht besonders glücklich aus, thalheimer guckt dabei kein einziges mal ins publikum.

ich mochte horvath bei marthaler lieber und thalheimer bei den webern.