fast

fast einen alten käfer cabrio gekauft, es war mein erstes auto, schwarz, von 1974, mit dem konnte man alles machen. es gibt sie noch, sie fahren noch, der boxersound macht immer noch glücklich, das geräusch meines heutigen autos würde ich wahrscheinlich nicht einmal wiedererkennen. war mit ihm zum skifahren, von berlin aus, mit 3 freunden, kann das sein? ich weiß noch, dass ich da nachts immer die batterie ausbauen und mit ins bett nehmen musste, aber ansonsten hat mich der hinterradantrieb durch jede kurve gebracht. ich bin mit ihm über einen verschlammten waldweg gebrettert, um irgendeinen mann zu beeindrucken, ich weiß das noch, diese total euphorische sicherheit im umgang mit meinem auto, aber an den mann erinnere ich mich nicht mehr so genau. in den ersten berliner jahren habe ich immer alle damit nach hause gebracht, ich bin mit ihm sobald es ging über die grenze nach ostberlin und mit freunden verbotenerweise durch brandenburg getuckert, das war am anfang so, man durfte die stadt nicht verlassen, und es war ungaublich toll, ins umland zu fahren. obwohl so ein gefährt eigentlich eine sie ist, das käferchen steht jetzt bei meiner schwester in der toskana und heisst giuditta, ich hatte auch damals ein italienisches kennzeichen und war mir sicher, dass kein schwein mich anhalten würde, aber nervös waren wir schon irgendwie, das weiß ich noch. ich weiß auch noch die gesichter der grenzer am übergang bornholmer strasse, ich mit offenem verdeck und so einem unschönen ha!-flattern im herzen.

wenn die zwillinge über 150cm hoch sind und keine autositze mehr brauchen, dann mach ich das.

c.t.

and the seasons they go round and round

immer das gefährdete.

im sommer die klaren momente, kurze folgenlose gewissheiten, sagen wir mal über die welt und die dinge, neulich tomi ungerer in einem biopic: die gegenwart ist eine dünne, wie sagte er, nicht flatternd, aber sowas in der art, zitternd vielleicht, eine zitternde membran zwischen der vergangenheit und der zukunft, das widerstrebt mir, es ist doch die ganze vergangenheit immer dabei, ich bin eine marionette, die an 1000 feinen fäden hängt.

die momente, an denen man plötzlich loskommt und nichts mehr weiß. mögen sie bleiben.

summertime.

prince 2010

prince_1
block VI

ganz oben höre vom kind ich das leise ah!, als wir den ersten blick ins rund der waldbühne werfen können. wir sitzen oben, block VI, eine stunde lang, essen, trinken, elias fragt mich, ob die musik denn noch lauter wird, wenn der prince kommt. wir treffen nachbarn und sehen noch ein paar andere kinder, aber der rest des publikums ist eher aus meiner altersgruppe. ich bin total zufrieden, kind ist überwältigt sagt schon cool, die abendsonne ist immer noch heiß, es sind über 30 grad. dann endlich sieht man p aus dem wald kommen, weißer anzug, nach seiner schlagzeugerin und einem herrn, der mundharmonika spielt, der funke fliegt sofort, nach ein paar sekunden hat er uns am haken.

nach anderthalb songs stehen alle, mein kind zuerst (vorher: mama, können wir nicht zu den ärzten gehen oder so, die sind doch auch alt) plötzlich sagt prince, wir sollten näher kommen, und wie an fäden gezogen stehen die leute auf, klettern aus dem abschnitt raus und laufen die treppen runter, mein sohn flitzt an mir vorbei, komm mama, er ist wendig und schnell, ich laufe ihm einfach hinterher, nach einer minute stehe ich mit ihm
10 meter von der bühne entfernt, im staub, neben einem mann, der uhr und love-armband von cartier trägt. ein haufen publikum ist bis auf die bühne gelaufen und tanzt direkt neben den künstlern ein paar stücke mit, bis sie wieder heruntergebeten werden. prince spielt lauter alte sachen, aber so mit improvisationen, rhythmus und zitaten durchsetzt, so verspielt, leicht und treibend, dass man sie nicht immer gleich erkennt. er ist vollkommen alterslos.

prince_2
freak out!

die waldbühne ist voll, nur an den seiten gibt es leere stellen, die stimmung ausgelassen und fröhlich. elias springt die ganze zeit mit, manchmal nur ein paar meter vom bühnenrand entfernt, die leute neben ihm wollen ihn auf die schultern nehmen und ganz nach vorn bringen, aber er will lieber nicht. wenn es ihm zu laut wird, geht er für eine weile plastikbecher suchen und kriegt so zwischendrin auch noch 25euro pfandgeld zusammen, einen pro becher. er bemerkt die ganzen paradiesvögel schon, die vielleicht 50zigjährige in enger ledermontur, mit ketten überall, den mann in jesusgewändern mit tätowierter brust, die bedröhnt herumschwankenden, die jungen türken in lila mit gold, die wunderschönen schwulen, bei denen man sich wünscht, dass die haare nicht gefärbt sind, den beamtentyp mit gelbem jacket und großen goldenen broschen auf den schultern und auf dem bauch. purple rain als zugabe, man erkennt die harmonics in den ersten takten, aber er lässt sich noch 10 minuten zeit, bis er mit dem text und dem thema rausrückt. elias ist abwechselnd total hingerissen und total müde, nach der zweiten zugabe werde ich leider leider vom kind vom platz gezogen. auf dem weg zur s-bahn hören wir die nächsten zugaben, und da ist das konzert schon 3 stunden alt.

ich freue mich total, dass ich für elias den masstab so hoch setzen konnte. er weiß das aber noch nicht. das war sein allererstes konzert.

b. klemm

Barbara Klemm, Artistinnen 1974
ⓒ B. Klemm, „Trapezkünstlerinnen, Rostock 1974“

barbara klemm wird heute 70 jahre alt. sie hat eins meiner liebsten fotos geschossen, vor jahrzehnten mal als postkarte in einem laden in kreuzberg gefunden und dann durch die ganzen berliner wohnungen mitgenommen. ich bin über das bild auf sie aufmerksam geworden, in der faz ist sie mir nie so aufgefallen, und die autorennamen in zeitungen merke ich mir ja auch nie, überhaupt sind mir die journalisten als personen, also als autoren mit einem ouevre, erst durch das netz aufgefallen, vorher waren es artikel in einem eher synchronen zusammenhang. bei frau klemm habe ich mich dann bemüht, mir ihren namen zu merken und nach ihren bildern zu suchen, aber die fotografin ist sehr diskret in den bildern. ihre straßenbilder haben eine ziemliche wucht.

als ich mit dem bloggen anfing, wollte ich das trapez- foto in den header einbauen, ich hatte frau klemm sogar angerufen und um erlaubnis gefragt, ich hab ihr auf den ab gesprochen und sie rief zurück, als ich gerade auf dem weg zu oktoberdruck ins treppenhaus ging, bei denen ich einen job hatte ( – oder nein, halt, das kann nicht sein. vor 5 jahren war oktober schon an die warschauer strasse umgezogen, ins erdgeschoss, und dieses telefongespräch auf einem arbeitsweg, da ging es um eine richtige geburt, die meines sohnes, und es war mein arzt, der mir riet, sofort einleiten zu lassen, am 30.12.1998, 2 wochen vor termin, obwohl ich früher an dem tag noch bei ihm in der klinik gewesen war, er hatte es sich anders überlegt, und ich brauchte vielleicht 6 stufen, um mich überzeugen zu lassen, weil ich dem arzt so sehr vertraute. es war kalt, ich ging schnell. erinnerungen ploppen beim auftauchen, eine in die andere. hab ich den job noch beendet damals? das weiß ich nicht mehr.

telefonate an bestimmten orten, woraus bestehen diese erinnerungen? muss es beim gespräch einen gedanken über den ort gegeben haben, ein kommentar, ein zusätzliches und verankerndes metazeichen, oder gehört das zu den flüssigen dingen, die der kopf umdisponieren kann, wenn die erinnerten ereignisse in kontakt miteinander kommen, also hier die beiden geburtstage? der ort als surplus, als kriterium, dessen erkenntnisgewinn während dem ereignis auch vom zufall abhängt, danach aber von der psyche, das gefällt mir. so muss astrologie entstanden sein.)

frau klemm war damals überrascht und sagte, hmm, ist mir nicht so recht, aber machen sie nur, hmm, doch, ja, ist okay. dann habe ich es nicht gemacht. das bild rockt mich aber immernoch, leider auf dem markt nie einen abzug gefunden.

„Das Lederetui besticht nicht nur im Design, sondern schützt zuverlässig vor Stößen, Erschütterung und Abnutzung. Die Kanten sind vernäht und gewährleisten hohe Stabilität. Außen elegant und schlicht gehalten, ist die Leather Pouch Innen mit einer innovativen Pull-to-release-Technik ausgestattet, dank der Sie das iPhone 3G / 3GS schnell und einfach herausziehen und benutzen können.“

(ob der autor das nur als relation wahrnehmbare winzige hochgefühl, dass einen beim durchqueren von all den merkwürdigen sätzen einholt, die sich manchmal vor den feierabend stellen, einfach weil sie zum ende kommen, oder weil sie eben wie die bunte plastiktüte ihren zweck erfüllen, einen inhalt zu transportieren, zumindest bis nach hause, eher bei „die kanten sind vernäht“ hatte oder bei dem „innovativ“? ich fand „die kanten sind vernäht“ ziemlich klasse. bei „pull-to-release-technik“ hat ihn die demut verlassen.)

1

auf der suche nach so einer hotelduschhaube für die zweite läuseshampookur beim großen eine schublade mit seifen wiedergefunden. war ich da mal? im hassler, dem einzigen hotel in rom, gelegen am kopf der spanischen treppe, direkt neben der trinità dei monti, mit einer dachterasse, von der einem die ganze stadt zu füssen liegt. fernweh. nein, es war anders, ich wollte damals gerne, aber es war nicht so sehr wichtig. ich fand das hassler sogar ein bisschen fremd und altertümlich, ich hatte noch keinen sinn für diese ganz bestimmte wunderbare staubigkeit berühmter alter hotels, aber meine eltern wohnten dort, mein vater bekam irgendeinen preis verliehen und wurde da einquartiert, und ich habe nur ein paar kaffees genommen auf der terasse, und einen aperitiv. sie hatten oben auf den tischen solche panoramakarten aus schwerem papier, geklappt, auf der die shilouetten der ganzen gebäude und kirchen beschriftet waren, ich fand das übertrieben und hatte so eine echte kleine verzweiflung angesichts der überwältigenden geschichtsdichte dieser stadt, jedes haus hat eine, mein vater konnte all diese zeichen lesen und hat sie immerzu erzählt, die papstzeichen über den türen, die kirchen, die viertel, er war fremdenführer in rom, als junger mann. jede andere stadt wird dann plötzlich unsichtbar, das passiert mir jetzt nicht mehr, wenn ich mal wieder da bin, ich habe viel mehr substanz inzwischen hier in berlin, ob es das ist? aber früher wollte ich da wohnen und nicht im kalten norden. genau: ich schlief bei frau pallenberg auf dem sofa, direkt neben so einem vollbärtigen freundlichen jungen architekten, mit dem ich über libeskind gesprochen habe, der wohnte da wohl auch eine weile und hat mich beeindruckt, weil er so einen lebensplan hatte, egal was ich ihn fragte, er hatte eine antwort. ich mochte ihn, und wir gerieten ins fahrwasser der poesie und sprachen über montale, glaube ich, weil das möglich war damals. am nächsten tag sind wir meine schwester besuchen gegangen, die in der bar della pace gejobbt hat, bevor sie ihren mann und ihre kinder bekam, das muss mindestens 15 jahre her sein also.

eine alte seife.

im grunewald („berliner forste“) an einem sonntag nachmittag total allein gewesen, auf schmalen schlammigen pfaden, immer weg von der avus, dann komplett verlaufen. gelegentlich ein pferd. auf einer abgeholzten lichtung mit struppigen gestrüppen dann plötzlich lauter kaum angezogene männer hinter büschen. wo gehts denn zum teufelssee? frage ich und man weist mir die richtung, ich laufe weiter stun-den-lang auf den pfaden, bis mich das vertraute clickern der walkingstöcke wieder auf den rechten weg zurück bringt. der teufelssee ist genauso wie in den achtzigern! nackte und weniger nackte unter 30 und über 50, dazwischen angezogene mütter mit ihren nackten kindern, ein potpourri durch die zeiten. früher war die wiese größer. not? (wie ich da mal lag mit einem ex, aber wir mochten uns irgendwie noch, vor jahrhunderten, wir lagen nebeneinander und unsere kleinen finger gerieten aneinander, ich weiß noch, wie ich dabei auf so eine leicht genervte weise oh no dachte, und dann folgte ein mehrwöchiger salat. das waren natürlich andere sommer damals.)

viertelstunde

das nur-beim-ausgehen-rauchen ist nur gesund, wenn man nur alle zwei wochen ausgeht, jetzt hab ich heut schon wieder, prater mit freundin und kindern, der pratersommer, man kennt die speisekarte auswendig nach ein paar wochen sommer, nudelsalat mit leberkäs, ein bierchen, ein cool aussehender vater zeichnet sein kind, er hat einen richtigen zeichenblock dabei, ein klemmbrett, stifte, ich überlege, mal zufällig vorbeizugehen, weil es ein block ist und kein notizbuch, die blätter fliegen im wind, das kind wie grade aus den zwanzigern hierher teleportiert, mit stoffwindel und kleiner weißer schiebermütze, meine zwillinge mit einer ungeheuren energie auf so einer riesenschaukel, man mag gar nicht hinschauen, einen tisch weiter setzt sich dieser mann hin und sieht immer noch so aus, dass ich plötzlich aus dem gespräch falle und gerne eine weile hinschauen würde (ist das eigentlich normal, an sowas zu denken, also an möglichkeiten, wünsche und chancen, wenn man einen besonderen mann in reichweite hat? man liest so wenig drüber. es ist wie ein schneller und autonomer sinn, er sagt eigentlich nur ja oder nein, der immer neben und unter dem gespräch hin-und herfließt, mal schneller, mal langsamer, synchron und diachron, verknüpfungen findend und suchend, zusammenhänge, begründungen, kleine fröhliche seifenblasen, frei, eine ständige interferenz, die abstände, blicke und sätze hinaufschleudert in die anderen dimensionen, wo sie verloren gehen, weil sie nicht gebraucht werden, weil sie nicht kommuniziert werden in der wirklichkeit, in der die sonne blendet und untergeht und ich nach hause muss mit meinen kindern.) – den mann grüße ich seit ein paar jahren, er grüßt zurück, wir sind nachbarn mehr oder weniger, der wär doch was, meint die freundin, nein, sage ich, anderes kaliber, dann reden wir wieder über schulen und politik und die sommerferien, die kindsväter und den sport und dass es bei yoox grad lauter sandalen gibt, falls das alles länger so bleibt, so großartig, mein ich jetzt.