wie ich

wie ich sonntag abend im netz durch die staaten gereist bin, ein traum von mir: mit den jungs zusammen über den teich und einmal von ost nach west, bisschen flanieren auf dem übergang zwischen „jungs“ und „söhne“, der hier grade mit hochdruck beginnt, eine gemeinsame lange tour, solange sie erstens noch mitkommen wollen und zweitens noch nicht alle über 12 sind, der kindergrenze bei flugpreisen. dabei die kleinstädte abgegoogelt, die landschaften gesehen, die strassen vorgestellt. habe früher land- und strassenkarten gelesen an solchen herbstabenden, ich habe große und kleinere masstäbe im regal, alte und neue karten, welche, die schon mit in den ländern waren und reine traumkarten, vor google earth habe ich karten gekauft von den weltgegenden, die ich noch sehen möchte, am liebsten in diesem sehr weltläufigen spezialgeschäft. die netzreisen sind dagegen fast ein schock, weil man sich nichts mehr vorstellen muss, es ist alles da, alles abgrasbar mit wenigen klicks, man kann sich die motels aussuchen und weiß, was es zu essen geben wird, und wie die hoteliers so drauf sind. ein bisschen eine guilty pleasure und genauso mitreissend.

new york muss dabei sein, als startpunkt, dann rüber zum gran canyon, gerne auch der antelope-canyon, ein ort, von dem es auch solche bilder gibt, die hitze, die länge der fahrten. entweder untenrum über die route 66, dann könnte ich in oklahoma pioneer-woman besuchen gehen, und dann nach den canyons die küstenstrecke von l.a. bis san francisco mitnehmen? oder soll ich ganz anders eine nördliche ost-west-strasse auswählen und kann so vielleicht auch yellowstone besuchen, unterwegs dann diese ganzen unbekannten städte, habe außerhalb von filmbildern keinerlei vorstellung von all diesen amerikanischen provinznestern. oder die loneliest road in america auf der route 50, aber die müsste ich dann wahrscheinlich ganz durchfahren und würde bestimmt verlorengehen und im staub verdursten. als ziel san francisco oder los angeles, städte, die mich eigentlich wegen ihrer bildpräsenz weniger interessieren als die strecken dorthin. dann lieber las vegas angucken und dort die differenzen vermissen.

auf der reise durch die nacht schließlich überraschend in meeteetse hängengeblieben. es gibt darüber im netz mehr als in der welt, wie es scheint.

bücher

ein amerikanischer antiquar und antiquitätenhändler hat ein buch aus dem 19.jh zu einem preis online, der gefühlt mindestens 10mal höher sein müsste. ich suche seit vielen jahren immer mal wieder danach, eher ein ritual inzwischen, ich kaufe sofort und vermute einen kommafehler oder so etwas, drücken sie mir die daumen bitte. (der händler wirbt mit der zahl seiner bücher, und nicht mit ihrer qualität. immer die hoffnung, dass einzigartige seltene bücher vom clerk einfach so aus dem regal gezogen und verpackt werden, wenn sie bezahlt worden sind, aus einem regal in einer großen lagerhalle unter californischer sonne, am stadtrand, die regale durchnumeriert und nach kategorien geordnet, ich finde „bullfighting“ und „bugs“ genauso wie „stereoscopes“ und die klassischen militaria- und geschichtsthemen, die ecke mit den belletristischen raritäten hoffentlich eher am rand, nicht so umsatzstark. das absurde an eigenen wertmasstäben, wie traurig ein kleiner weltfreier teil von mir immer ist, wenn andere diese bücher auch haben wollen, wie ich mich freue, wenn andere mich belächeln wegen meiner erstausgaben.)

auf der suche

auf der suche nach ein paar dylan-zeilen für einen freund, der krebs hat und sich fürchtet, vollkommen gebannt mit der volltextsuche auf der seite gespielt. wie sich die lp dreht, wenn der song anläuft. gedacht, ich sollte ihn anrufen, statt sms zu schicken. ihn angerufen. danach doch noch die sms, weil das gespräch so hin- und herhopste, von seinem rückenmark zu den freunden über die chemio über die mütter und zum wetter und wieder zurück, kein atmen möglich, ich kann ihn nicht fragen, ob er angst hat, aber wozu auch? natürlich hat er angst. ich will ihm sagen, „es ist alles gut, soll ich kommen?“, aber ich krieg das nicht durch das telefon. so ein heiteres lächeln, kokon aus hoffnung und sicherheit, er hat sich sein kostüm gewählt, und hey, who am I. ich sollte unbedingt hinfahren. aber es ist so weit.

18:00, der moment, zu dem ich nachher wieder ausgehen will, rückt gefährlich nahe. heut früh um kurz vor fünf aus dem taxi gestiegen, nach einer notte inebriante im bauch von kreuzberg, es war plötzlich vier, ohne dass ich aus dem fluss gefallen bin, ich, wir, eine schöne nacht.

einen film von claire denis gesehen, sehr elegantes und durchkomponiertes kino, durch- nicht im sinne von zu dichter oder strapazierender komposition, sondern mit einer entspannten führung, die nichts außer acht lässt und musik, text und figur sprechen lässt, nicht immer gleichzeitig, so wie manche erinnerungen sich zusamensetzen aus melodien, gerüchen und einzelnen blicken, nichts davon selbsterklärend, jedes eine notwendige dimension. wie in einem traum, alles mit einer selbstverständlichen logik, und als zuschauerin suche ich nach dem rahmen und den gesetzen, in denen diese logik bestand haben könnte, man sammelt informationen die ganze zeit, und tut das mit gleichbleibender aufmerksamkeit, weil man die situation nur als verallgemeinerung (bürgerkrieg in afrika) kennt und nicht als konkrete biegung hinter einer kurve, als mimik, als antwort auf die frage: „wohin gehören sie?“. boh. bin noch nicht ganz wach. aber sie vertraut ihren entscheidungen, es ist ein merkwürdig leiser film, als hätte sie ihn alleine gemacht, in einem gestus des vor-sich-hinerzählens, auch die sehr indiskrimierte gewalt im film, was meine ich? – gleichgültige gewalt, (kindersoldaten werden erstochen, eine biblische szene eigentlich) wurde durch einen blick vermittelt, so wie man beim reden abgleiten kann in nebensätze, die kein verb und kein subjekt mehr brauchen. well, toller film.

sechs uhr vierzig! wie kann ich mich schnell auffitten?

brennstoff

whiskywahl dieses jahr relativ schnell, mal gucken, wann er ankommt*. den jungen achtjährigen caol ila wiedergekauft, der war am schnellsten alle, er ist frisch und ein bisschen limonig und grün, auf eine abgerundete weise unprätentiös, am ehesten mal ohne inner trara zu trinken. dann einen edradour, weil ich in einer kindergeschichte einen alten schottischen namen verwenden wollte (don’t ask), und bei wikipedia unter eadred den hinweis auf eine distillerie gefunden habe, und ein name mit eigener brennerei natürlich nicht zu toppen ist – wenn der brand trinkbar ist. und wegen der schottischen fahne auf der flasche. dazu einen 25 jahre alten highland park, im hyatt probiert, sehr gemocht. bei den alten etwas teureren immer die anlageoption als ausrede, aber ich muss sie dann natürlich doch trinken über den winter.

apropos anlage: der 21jährige lagavulin für damals ca. 220 €, den ich letztes jahr ganz knapp nicht mehr gekriegt habe, der kostet heute über 500. bei mir hätte er das jahr aber eh nicht überlebt.

*kam superschnell über nacht! jetzt schreckt der winter nicht mehr.

fast

fast einen alten käfer cabrio gekauft, es war mein erstes auto, schwarz, von 1974, mit dem konnte man alles machen. es gibt sie noch, sie fahren noch, der boxersound macht immer noch glücklich, das geräusch meines heutigen autos würde ich wahrscheinlich nicht einmal wiedererkennen. war mit ihm zum skifahren, von berlin aus, mit 3 freunden, kann das sein? ich weiß noch, dass ich da nachts immer die batterie ausbauen und mit ins bett nehmen musste, aber ansonsten hat mich der hinterradantrieb durch jede kurve gebracht. ich bin mit ihm über einen verschlammten waldweg gebrettert, um irgendeinen mann zu beeindrucken, ich weiß das noch, diese total euphorische sicherheit im umgang mit meinem auto, aber an den mann erinnere ich mich nicht mehr so genau. in den ersten berliner jahren habe ich immer alle damit nach hause gebracht, ich bin mit ihm sobald es ging über die grenze nach ostberlin und mit freunden verbotenerweise durch brandenburg getuckert, das war am anfang so, man durfte die stadt nicht verlassen, und es war ungaublich toll, ins umland zu fahren. obwohl so ein gefährt eigentlich eine sie ist, das käferchen steht jetzt bei meiner schwester in der toskana und heisst giuditta, ich hatte auch damals ein italienisches kennzeichen und war mir sicher, dass kein schwein mich anhalten würde, aber nervös waren wir schon irgendwie, das weiß ich noch. ich weiß auch noch die gesichter der grenzer am übergang bornholmer strasse, ich mit offenem verdeck und so einem unschönen ha!-flattern im herzen.

wenn die zwillinge über 150cm hoch sind und keine autositze mehr brauchen, dann mach ich das.

c.t.

and the seasons they go round and round

immer das gefährdete.

im sommer die klaren momente, kurze folgenlose gewissheiten, sagen wir mal über die welt und die dinge, neulich tomi ungerer in einem biopic: die gegenwart ist eine dünne, wie sagte er, nicht flatternd, aber sowas in der art, zitternd vielleicht, eine zitternde membran zwischen der vergangenheit und der zukunft, das widerstrebt mir, es ist doch die ganze vergangenheit immer dabei, ich bin eine marionette, die an 1000 feinen fäden hängt.

die momente, an denen man plötzlich loskommt und nichts mehr weiß. mögen sie bleiben.

summertime.

prince 2010

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block VI

ganz oben höre vom kind ich das leise ah!, als wir den ersten blick ins rund der waldbühne werfen können. wir sitzen oben, block VI, eine stunde lang, essen, trinken, elias fragt mich, ob die musik denn noch lauter wird, wenn der prince kommt. wir treffen nachbarn und sehen noch ein paar andere kinder, aber der rest des publikums ist eher aus meiner altersgruppe. ich bin total zufrieden, kind ist überwältigt sagt schon cool, die abendsonne ist immer noch heiß, es sind über 30 grad. dann endlich sieht man p aus dem wald kommen, weißer anzug, nach seiner schlagzeugerin und einem herrn, der mundharmonika spielt, der funke fliegt sofort, nach ein paar sekunden hat er uns am haken.

nach anderthalb songs stehen alle, mein kind zuerst (vorher: mama, können wir nicht zu den ärzten gehen oder so, die sind doch auch alt) plötzlich sagt prince, wir sollten näher kommen, und wie an fäden gezogen stehen die leute auf, klettern aus dem abschnitt raus und laufen die treppen runter, mein sohn flitzt an mir vorbei, komm mama, er ist wendig und schnell, ich laufe ihm einfach hinterher, nach einer minute stehe ich mit ihm
10 meter von der bühne entfernt, im staub, neben einem mann, der uhr und love-armband von cartier trägt. ein haufen publikum ist bis auf die bühne gelaufen und tanzt direkt neben den künstlern ein paar stücke mit, bis sie wieder heruntergebeten werden. prince spielt lauter alte sachen, aber so mit improvisationen, rhythmus und zitaten durchsetzt, so verspielt, leicht und treibend, dass man sie nicht immer gleich erkennt. er ist vollkommen alterslos.

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freak out!

die waldbühne ist voll, nur an den seiten gibt es leere stellen, die stimmung ausgelassen und fröhlich. elias springt die ganze zeit mit, manchmal nur ein paar meter vom bühnenrand entfernt, die leute neben ihm wollen ihn auf die schultern nehmen und ganz nach vorn bringen, aber er will lieber nicht. wenn es ihm zu laut wird, geht er für eine weile plastikbecher suchen und kriegt so zwischendrin auch noch 25euro pfandgeld zusammen, einen pro becher. er bemerkt die ganzen paradiesvögel schon, die vielleicht 50zigjährige in enger ledermontur, mit ketten überall, den mann in jesusgewändern mit tätowierter brust, die bedröhnt herumschwankenden, die jungen türken in lila mit gold, die wunderschönen schwulen, bei denen man sich wünscht, dass die haare nicht gefärbt sind, den beamtentyp mit gelbem jacket und großen goldenen broschen auf den schultern und auf dem bauch. purple rain als zugabe, man erkennt die harmonics in den ersten takten, aber er lässt sich noch 10 minuten zeit, bis er mit dem text und dem thema rausrückt. elias ist abwechselnd total hingerissen und total müde, nach der zweiten zugabe werde ich leider leider vom kind vom platz gezogen. auf dem weg zur s-bahn hören wir die nächsten zugaben, und da ist das konzert schon 3 stunden alt.

ich freue mich total, dass ich für elias den masstab so hoch setzen konnte. er weiß das aber noch nicht. das war sein allererstes konzert.

b. klemm

Barbara Klemm, Artistinnen 1974
ⓒ B. Klemm, „Trapezkünstlerinnen, Rostock 1974“

barbara klemm wird heute 70 jahre alt. sie hat eins meiner liebsten fotos geschossen, vor jahrzehnten mal als postkarte in einem laden in kreuzberg gefunden und dann durch die ganzen berliner wohnungen mitgenommen. ich bin über das bild auf sie aufmerksam geworden, in der faz ist sie mir nie so aufgefallen, und die autorennamen in zeitungen merke ich mir ja auch nie, überhaupt sind mir die journalisten als personen, also als autoren mit einem ouevre, erst durch das netz aufgefallen, vorher waren es artikel in einem eher synchronen zusammenhang. bei frau klemm habe ich mich dann bemüht, mir ihren namen zu merken und nach ihren bildern zu suchen, aber die fotografin ist sehr diskret in den bildern. ihre straßenbilder haben eine ziemliche wucht.

als ich mit dem bloggen anfing, wollte ich das trapez- foto in den header einbauen, ich hatte frau klemm sogar angerufen und um erlaubnis gefragt, ich hab ihr auf den ab gesprochen und sie rief zurück, als ich gerade auf dem weg zu oktoberdruck ins treppenhaus ging, bei denen ich einen job hatte ( – oder nein, halt, das kann nicht sein. vor 5 jahren war oktober schon an die warschauer strasse umgezogen, ins erdgeschoss, und dieses telefongespräch auf einem arbeitsweg, da ging es um eine richtige geburt, die meines sohnes, und es war mein arzt, der mir riet, sofort einleiten zu lassen, am 30.12.1998, 2 wochen vor termin, obwohl ich früher an dem tag noch bei ihm in der klinik gewesen war, er hatte es sich anders überlegt, und ich brauchte vielleicht 6 stufen, um mich überzeugen zu lassen, weil ich dem arzt so sehr vertraute. es war kalt, ich ging schnell. erinnerungen ploppen beim auftauchen, eine in die andere. hab ich den job noch beendet damals? das weiß ich nicht mehr.

telefonate an bestimmten orten, woraus bestehen diese erinnerungen? muss es beim gespräch einen gedanken über den ort gegeben haben, ein kommentar, ein zusätzliches und verankerndes metazeichen, oder gehört das zu den flüssigen dingen, die der kopf umdisponieren kann, wenn die erinnerten ereignisse in kontakt miteinander kommen, also hier die beiden geburtstage? der ort als surplus, als kriterium, dessen erkenntnisgewinn während dem ereignis auch vom zufall abhängt, danach aber von der psyche, das gefällt mir. so muss astrologie entstanden sein.)

frau klemm war damals überrascht und sagte, hmm, ist mir nicht so recht, aber machen sie nur, hmm, doch, ja, ist okay. dann habe ich es nicht gemacht. das bild rockt mich aber immernoch, leider auf dem markt nie einen abzug gefunden.

„Das Lederetui besticht nicht nur im Design, sondern schützt zuverlässig vor Stößen, Erschütterung und Abnutzung. Die Kanten sind vernäht und gewährleisten hohe Stabilität. Außen elegant und schlicht gehalten, ist die Leather Pouch Innen mit einer innovativen Pull-to-release-Technik ausgestattet, dank der Sie das iPhone 3G / 3GS schnell und einfach herausziehen und benutzen können.“

(ob der autor das nur als relation wahrnehmbare winzige hochgefühl, dass einen beim durchqueren von all den merkwürdigen sätzen einholt, die sich manchmal vor den feierabend stellen, einfach weil sie zum ende kommen, oder weil sie eben wie die bunte plastiktüte ihren zweck erfüllen, einen inhalt zu transportieren, zumindest bis nach hause, eher bei „die kanten sind vernäht“ hatte oder bei dem „innovativ“? ich fand „die kanten sind vernäht“ ziemlich klasse. bei „pull-to-release-technik“ hat ihn die demut verlassen.)