wild und grau

… sind die zeiten.

am wochenende nach einer unangenehmen, eventuell aber auch rein koffeinbedingten panikrunde in meinen üblichen situation-pragmatismus gerutscht, der fehlenden eingriffsmöglichkeit geschuldet. belese mich über bannon und seinen machthunger und verfolge mögliche gegenstrategien der restregierung, der cia oder der heimatschutzbehörde. der fbi ist ja wohl draussen. ob es überhaupt noch möglich sein wird, kann ich nicht beurteilen, was tun, wenn gerichtsbeschlüsse einfach ignoriert werden? warum überhaupt dieser ganze aufruhr, warum hat er es so eilig mit der dekonstruktion der demokratie? als wären wir in einem marvel-film. es macht nur sinn als testangriff, als probe aufs exempel.

zuviele fragezeichen, liegt auch an eigener politischer unbelesenheit. der atlantic setzt als hauptantrieb gier voraus, und stellt sich eine autokratie vor, ein relativ mildes bild (italien grüßt), lässt aber den rechten rassistischen ideologen bannon völlig außen vor. anders yonatan zunger, er sieht mehr auf die ideologischen aspekte und entwirft etwas viel dunkleres, aus der sicht einiger bereits jetzt angegriffener wie der muslime oder der latinos.

man müsste die bösen jungs wahrscheinlich kapern und hinter gittern setzen, die ganze üble bagage, und darauf hoffen, dass die tea-party noch nicht ganz aufgewacht ist nach der langen existenz als splittergruppe. die republikaner geben bisher ein bestürzendes bild ab.

ich bedauere meinen mangel an staatsphilosophischer und volkswirtschaftlicher bildung, habe auch keine zeit, da jetzt noch aufzuholen. ich hoffe, die zeiten gestatten so eine lücke weiterhin. hab mich wieder beruhigt jedenfalls. der dezember war ein blöder zeitpunkt, mit dem twittern anzufangen, weil da andauernd neue texte hochkommen.

(nur notiert, um die guten links zu sammeln, wer noch was hat, gerne in die comments)

zu feiern gibt es heute (außer der wunderbaren kitty koma) den geburtstag von christian frederick martin, im jahr 1796 in markneukirchen geboren, von dort anfang des 19.jh nach new york emigriert, hat sich dort als gitarrenbauer selbstständig gemacht, in deutschland war das wegen restriktiver zunftbestimmungen schwieriger. heute werden bei martin guitars die besten massengefertigten gitarren der welt gebaut, von martins ur-ur-urenkel. 6 generationen, die jüngste ist eine tochter und darf selber entscheiden, ob sie dem vater folgen will, sie ist ca. 12 jahre alt. geschichten von emigranten.

(ich habe mich in meinem leben schon in drei martins verliebt, zwei davon waren männer, die sind zu anderen lieben weitergezogen, die dritte ist eine lady aus fichte und palisander, und gibt viel mehr zurück, als sie von mir bekommt, mit meinen unsortierten januarhänden. eine hd 28. true love.)

ärger mit pcs. tl;rl: geht unten weiter. ärger mit pcs interessiert am tag danach nichtmal mehr mich selber. löschen ist aber auch irgendwie unhöflich, not?

es sind viel zu viele dinge an einem tag, der große aufgespannte fächer, unter den alles will, ferien, eine herausforderung für alleinerz. berufst. mütter.

ich sitze also im berliner januar herum, und schaue nach meinen feinheiten, den farben, den wünschen, dem punkt, an dem alles sich bündelt und zu etwas gutem werden kann. muss lernen eigentlich, aber es bleibt nix haften, alles rutscht ab und verschwindet im unwesentlichen, und es kommt nichts zurück. streusandbox ist das passende symbolbild.

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12-24gr pro tag

todestag jährt sich bald, zum 13. mal. er war auf einer party und ist bei der rückkehr auf sein boot vom steg gekippt, fast ertrunken, lag noch 5 wochen im koma nach ca. 10min unter wasser. bis dahin war es über viele jahre immer gutgegangen, die autofahrten nach der weinflasche, die geschichten, die erst dann so langsam ins bewusstsein kommen, wenn man sie mehr als einmal hört, oder wenn der unfall dann passiert ist.

ich hab einige freunde, die an einem abend 3 bis 5 bier wegkippen (hier kippen 3 bears), ihre augen glitzern danach ein bisschen mehr, der gang wird einen tick schwerer, die ersten meter auf dem fahrrad haben kleine kurven, aber es scheint mir völlig normal, es sind männer, wir gehen ja aus, und sie vertragen mehr als ich, ich bin ja frau und diabetikerin, alkohol ist sehr gefährlich fûr mich. ich kenne trockene alkoholiker, die offen darüber reden, aber niemanden, der noch mitten drin steckt.

really?

bei ihm haben wir auch nichts gemerkt, nicht das ausmaß des problems. wir haben uns gerne täuschen lassen, glaube ich, und wir werfen es uns immer noch vor. hätten wir intervenieren können, oder müssen? ich weiß nicht, ob es für ihn ein problem war, oder einfach normal, der alkohol ein getränk und durstlöscher wie andere auch? die selbstwahrnehmung ändert ja noch gar nichts. sie lächeln dann ein bisschen, freuen sich vielleicht insgeheim über die mengen, die sie aushalten können, und haben ganz unbemerkt immer was im haus, und sowieso einen haufen anderer sorgen, die das trinken so einladend machen. die sind wichtig, nicht das bisschen alkohol. klar, zum mittagessen einen wein, dient der verdauung, nachmittags vielleicht ein bierchen zischen, weil es so warm ist? ein prosecco mit den freundinnen, zum aperitiv? ein whisky vor dem ausgehen, weil man sich den verdient hat, den guten talisker? es könnte sein, dass ihr alle schon auf dem weg seid, dass schon ein stück gewöhnung hinter euch liegt. die alkoholfreien tage werden immer seltener, ohne dass es euch auffällt. nur ein paar radler! das ist für die verdauung! und ihr müsst es nicht mal euch selber gestehen, wenn der alkohol in euren getränken mehr freude bringt als deren geschmack oder die gesellschaft, in der ihr trinkt.

12gr alkohol täglich (pdf, 100 seiten) gelten als unbedenklich bei frauen, bei männern das doppelte. das sind o,3l bier pro tag für uns, ein halber liter bei männern. für frauen ein kleines glas wein, nur 0,12l, bei männern geht ein viertelliter. wer das jeden tag tut, ist aber schon nicht mehr in der ganz grünen zone und sollte mal ein paar wochen aufhören. sobald man sich das vornehmen muss, und es sich nicht mehr von alleine ergibt, muss man auf dem fragebogen zur einschätzung der gefährdung ein kreuzchen machen. vielleicht nimmt man es sich gelegentlich vor und vergisst es dann wieder, weil gerade soviele geburtstage sind, und der juni so lockt, oder weil es wenig schöneres gibt als einen campari-o bei hellem licht auf dem balkon? bei den rosen, und soweiter? bingo. ihr zählt schon mit.

wobei ich nicht weiss, ob das schon ungesund ist, ob es eine klare grenze gibt, ab der alkohol wirklich gesundheitlichen und gesellschaftlichen schaden anrichtet. ich halte schon den moment für kritisch, wenn der verzicht einen etwas kostet, wenn sich der alkoholkonsum in klitzekleinen einzelnen schritten im leben einrichtet, wie ein parasit, den man eingeladen hat. es scheint, als ob es erst deutlich bergab geht, sobald die abhängigkeit die regie übernimmt, sobald also die dosen erhöht werden müssen und schon vormittags getrunken wird, oder sobald man trinkt, um betrunken zu werden, aber die grenzen scheinen auch da fließend, abhängig von geschlecht, konstitution, umfeld und vielleicht auch der qualität des stoffes (die in zwei jahren von ca. mitte zwanzig auf optische mitte vierzig zersoffene frau, die mit ihren billigschnäpsen vor dem supermarkt sitzt, leise schwankend). wobei ich dann ehrlicherweise auch meinen umgang mit dem internet als nicht mehr ganz suchtfrei erkennen muss.

passt bitte auf euch auf! shit happens, und es ist kein putsch, sondern eine langsame machtübernahme.

 

„everything you have“

DSC_0123das konzert war gut besucht, aber es gab schon noch leere plätze. die beiden kommen raus und fangen sofort an zu spielen, ganz intensiv, nichts passt mehr drumrum. nels cline spielt sonst bei wilco, nicht als frontman, auch julian lage scheint lieber nur im spielen präsent, es ist wie bei klassischen konzerten, eine hommage mehr an die musik als an die musiker. die beiden künstler auf einer art trip, sie spielen als zwei unabhängige stimmen mit je eigener geschichte zusammen, cline erkenne ich in den schnellen, lauteren akkorden wieder, er treibt und provoziert, lage in der (mich, ich hör halt mit mehr mit dem herz als mit dem kopf) immer wieder vollkommen überraschenden auflösung ins schöne, in kleine verspielte melodien, für die man sich middle england kaufen könnte, wie douglas adams mal von irgendeinem knopfler-heuler gesagt hat. die beiden gucken vor sich hin, lage mit diesem flow-lächeln, dass ich sehr charmant finde, cline wirkt gebannt irgendwie, manchmal kleben ihre blicke für ein paar sekunden aneinander.

cline beantwortet in einem yt-interview eine frage nach dem schwebezustand beim spielen so: „It just happens when everything comes together, and I’m so immersed in the sound, and in the experience of playing, that i feel like I am sort of disappeared“. lage hat einen kleinen hang zu virtuosen läufen, die mehr für sich stehen und dem song eher etwas wegnehmen, die aufmerksamkeit besetzt halten, das liegt an seiner jugend, denke ich, das legt sich bestimmt noch, obwohl ich sie live ganz gern höre, sie geben eine gewisse befriedigung, wie eine gelöste matheaufgabe, jetzt mal blind verglichen, ich kann kaum mathe.

glücklich macht mich aber immer die melodische auflösung, das wiedergefundene thema, und der weg dahin. oder ist beim jazz der weg wichtiger als die auflösung? na, bestimmt nicht trennbar. viele momente, wo ich nichts anderes mehr wahrnehme, besonders bei der ersten zugabe, jemand hat das stück ein paar tage vorher auf derselben tour aufgenommen. bei mir ein merkwürdig tiefenentspannter zustand vollkommener offenheit, gemerkt: auch mit 50 kann man noch wieder einsteigen ins jazzhören, wenn es ein paar emotionale brücken dahin gibt, bei mir: wenn andere traditionen hörbar sind, bluegrass, country, rock als vertraute basis, und ein bisschen fantum.

(yoga ausgefallen. schreib ich halt mehr.)

nach der zweiten zugabe stellen sie ihre gitarren ab, das publikum, bestimmt einige nerds dabei, stellt sich so nah wie möglich an die bühne und knipst die instrumente. lage spielt an dem abend eine manzer (linda manzer ist eine kanadische gitarrenbauerin, wie mir einer der nerds erzählt, sie hat auch das vielhalsige, irgendwie äußerst tiefergelegte ding für pat metheny gebaut.) lages gitarre heißt wie der club, blue note, sie klang sehr toll, but who am I. sie hatten kleine verstärker (finde noch ein bild) mit auf der bühne, „ganz einfache geräte, nur so um die 300€, aber was sie damit machen!“ sagte mein abendflirt nachher bei der geschnorrten zigarette. wir reden über die konzerte, auf denen wir waren, über die mailänder szene, die in zu geringer dichte erschienen ist. er zeigt mir all seine gitarren auf dem handy, es ist warm, wir rauchen soviel es geht, weil er seine kippen nicht mitnehmen will. am ende fragt er mich nach meinem namen, als einer von zwei männern an dem abend.

sie sollten unbedingt nach berlin kommen auf der nächsten tour, sage ich lage nach dem konzert, als die beiden zurück kommen und mit dem publikum plaudern. ihre agentur mache einen bogen um berlin, sagt er, es gibt wohl gute gründe dafür. die agentur ist aus der band wilco heraus entstanden, bei der cline seit 12 jahren spielt, die band kommt jedenfalls im november nach berlin. aber lage spielt ja auch mit anderen, er kennt die berliner jazzfestivals, ich empfehle ihm das hiesige publikum, obwohl ich es ehrlich gesagt gar nicht mehr kenne, meine jazz-zeiten sind über 20 jahre her, denke aber, die hörer wachsen immer nach. ich kann natürlich nicht widerstehen (hey, es ist eine geschichte) und erzähle ihm, von wo ich gekommen bin für das konzert. er freut sich und wirkt schon ein bisschen baff, ich bekomme ein strahlendes lächeln, „I hope it was worth it!“, sagt er, gibt mir die hand und bedankt sich für mein kommen. er ist der zweite, der nach meinem namen fragt, bestimmt für die unterschrift auf der cd. vielleicht aber auch nicht.

gespräch mit cline und lage

ein stück gibts auf youtube

er ist ein kinderstar, so lese ich auch seine fast übertriebene bescheidenheit, etwas entschuldigendes, so ein „sorry, ich bin eben so gut, ich fühle aber mit dir“.

fascinating.

(kleine vergängliche mahnung, tmi)

ich sage euch, liebe kinder, bevor ihr ernst macht mit euren partnern, schaut darauf, wie sie mit krisen umgehen, mit euch oder anderen. vermeidet unbedingt jähzornige. wenn ein erwachsener seinen jähzorn immer noch nicht im griff hat, hat er den schuß nicht gehört. achtet auf den tonfall in streitereien, schaut nach, ob sie generalisieren („du bist immer“) und ob sie so sind, wie sie sich selber sehen, ob selbstdarstellung und sein sich zumindest ein bisschen entsprechen, bei erwachsenen, ob sie ihre projektionen erkennen und einen entspannt-liebevollen umgang mit ihnen pflegen können, ob sie über sich lachen können. ob sie fragen stellen oder mehr selber reden.

(die ganz kontrollierten sind mir eigentlich genauso unheimlich, aber in die verlieb ich mich eh nicht, die machen mir bisschen angst.)

ach, genau weiß ich gar nicht, wie ich die misere hätte früher erkennen können. gab es zeichen? wo sind meine fehler gewesen, in den situationen, die dann zu handgreiflichkeiten geführt haben, nun, es gab natürlich keine, weil der fehler dann beginnt, wenn einer zuschlägt, alles vorher ist vielleicht schlecht gestritten, aber nicht übergriffig. klare grenze. hat der mann nie verstanden, dass ich da so reagiere, fand er immer übertrieben.

ist es vielleicht auch übertrieben, kommt sowas einfach vor in einer liebesbeziehung? nehme ich das und solche mails zu ernst? schlagt ihr euch manchmal, also jetzt nicht du, s., ich meine die anderen? ich mag die wehrlosigkeit nicht, in der ich dann stecke, die verteidigungshaltung, die mich stumm macht, weil ich autoritär aufgezogen wurde. wenn so eine situation der angst nicht sofort einrastet in einer sich ab dann munter weiter selbstbestätigenden unterlegenheit, ein mechanismus, den ich in anderen situationen ausheilen konnte, vielleicht kann man dann als liebender einfacher darüber hinweggehen, und sieht den anderen eben als choleriker, ohne das persönlich zu nehmen. wenn es nicht eine vorhandene kerbe trifft, sowas. oder ist das blödsinn? lohnt da die differenzierung, wie bei erdbeben, mit einer richterskala? kommt bestimmt darauf an, wie tief man drinsteckt. wenn ein mann (oder eine frau) ensthaft prügelt hilft natürlich nur anzeige und polizei, aber das meine ich hier nicht so. einfach zurückhauen hätte vielleicht genügt, dann ist die energie vielleicht aus der welt, wie in der kneipe, da darf man sich ja rituell prügeln, aber es bleibt ein bescheuertes doppelvielleicht, weil jemand, der grade die kontrolle verliert, bei gegenwehr womöglich noch weiter austickt, das will man ja nu auch nicht unbedingt herausfinden müssen.

ich konnte jedenfalls damit nicht leben, wollte ich nicht, hab ich dann ja auch nicht mehr. habe auch mit dem einen typen, der mal meine kinder geschlagen hat, nie wieder reden wollen, auch das können viele nicht nachvollziehen, aber bei dem ist es ja wurscht, ich muss ja nicht mit ihm reden, anders als mit dem ex.

hey, ich bin das letzte blümchem auf dem acker, licht und wärme, bitte danke. nein, ich bin die frau, die ihre drei kinder fast allein großzieht, 11einhalb jahre lang, und außerdem bin ich ein blümchen auf dem acker! das soll mir mal einer nachmachen.

mit ernst machen meine ich: kinder kriegen. es ist eine mindestens 18jährige zwangsbeziehung, wenn man kinder hat mit dem falschen mann, und die männer sind immer in der besseren position, also wenn man gemeinsam sorgeberechtigt ist und die beziehung der kinder zum vater nicht untergraben will. bah. mehr schreib ich jetzt nicht.

 

eins null

twoday

10 jahre hotelmama, wer hätte das gedacht. vielen dank fürs lesen und kommentieren und verlinken, für die freundschaft und für die drinks!

ein paar gute texte sind dabei, vielleicht kommen auch noch ein paar, ich bleib dran und mache einfach immer weiter. bloggen ist die perfekte form der öffentlicheit für solche wie mich.

city of darkness revisited

ich war 1990 mit meinen eltern in hongkong, für ein paar tage auf der durchreise zwischen japan und china. hongkong war eine aufregende zwischenwelt, schon das landen war einen tick zu spannend, rechts und links wasser, direkt davor großstadt, die walled city kowloon lag in der nähe des flughafens, andererseits liegt alles in der nähe von allem bei so dichter besiedelung. ich hab kowloon city damals nur von aussen gesehen, es war auf der liste der interessanten ziele für touristen, ich bin nicht auf die idee gekommen, hineinzugehen und war auch nicht besonders neugierig, weil ich die fremdheit der stadt nicht differenziert wahrgenommen habe, nur das kaninchenkäfighafte der fasssaden erinnere ich als außergewöhnlich selbst im rahmen der allgemeinen fülle an außergewöhnlichkeiten.

seitdem versuche ich meine faszination zu verstehen, mehr über kowloon als forschungsobjekt denn über den häuserblock selber, das labyrinthische wachstum, die häuser oft „build from experience“ kreuz und quer durcheinander, ohne licht und fliessendes wasser, ohne staat und steuern, aber als funktionierendes, sich selbst erhaltendes stadtsystem.

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