luft raus

heute ist samstag, berlin. über sieben stunden auf der autobahn, kinder zanken viel, baustellen, ich glaube kein blitz. für den parkplatz vor der haustür hab ich vier versuche gebraucht. oder fünf? jetzt reiss ich mich zusammen fürs nettsein, klavierspielen, backhomegetobe und für das gewitzel der jungs. muss noch kochen, auspacken lieber morgen, blumen haben überlebt. einerseits toll, dass die familie noch einen tag hat vor dem alltag, andrerseits plain shice, dass ich die jungs noch einen weiteren tag an der backe habe nach 2 wochen ferien (das heisst keine schule, unter anderem) und den vier wochen durchgängig vaterloser zeiten davor. neues geschäftsmodell „fit für den teenie“ anbieten, 2-5 tage buchbar, allerdings 24/7, notfallnummer ist die des vaters? falls jemand noch nicht sicher ist. ich finde bestimmt auch mütter mit kleineren kindern, für die vielfalt. meine jungs sind super bei anderen! sie essen leider dauernd, allerdings auch mal tk-pizzen, dass sie die lieben ist kein erziehungsfehler sondern liegt an der höllennähe der tk-pizzenindustrie.

harfe

und wie wir dann zu einem harfenkonzert eingeladen wurden, in einer kleinen sehr alten kirche sehr weit oben auf einem berg über caldé, es spielt die frau eines mitschülers aus mailandzeiten. well, dachte ich, so etwas wie nachbarschaftsmusik, da möchte jemand mal vor fresken aus dem cinquecento spielen, und es kommen lauter freunde, aber gern. und dann stand dort eine sehr schöne harfe mit dreifachbesaitung, wobei ich gute und billigharfen nicht unterscheiden könnte, gibt es sowas überhaupt? die spielerin setzte sich, sie war strahlend schön und sehr souverän. nach den ersten paar takten habe ich gehört, mit dieser seltenen prickelnden  überraschung, das ist was anderes, das ist musik – die kann das richtig. harfe hat viel ähnlichkeit mit einem cembalo, sie klingt filigraner durch den fehlenden klangkörper, wobei die kleine kirche genügend resonanz gegeben hat. sie hat alte musik gespielt, vorbachsche komponisten, ich kannte kaum einen davon. nachher beim wein habe ichs dann begriffen, nachdem ein paar freunde die kostbare harfe mit taschenlampen den bergweg wieder runtergetragen hatten, also verstanden, dass sie eine weltklassemusikerin ist, die gerade mit genau diesem konzert auf europatournee ist. lucky me.  sie ist professorin am hanns eisler für harfe,  klar aufregend, aber das schöne an dem abend war der weg in die aufregung nur durch die musik, ohne vorwissen oder erwartung.

die zeit, die ich auf den seiten vom zvab oder abebooks verbringe, ich weiß nicht, wie lang das immer ist, sie verfliegt natürlich, man selber fliegt von einem traum zum nächsten. es ist zu leicht geworden, bücher zu finden, ich sehe noch die katalogstapel, die mein vater immer auf dem sofatisch in seinem arbeitszimmer hatte, er hat die kleinen anzeigen ausgeschnitten und in die bücher gelegt, wo ich sie jetzt finde und nichts damit anfangen kann, weil sie keinen hinweis geben, nur der wert steht noch drin. die langen stillen auktionen, wo er angebote hinschickte, per post, es kam entweder ein buch oder es kam keines. die bücher zeigte er uns, es es waren seine schätze, er blieb seltsam stumm dabei und sagte zu wenig über geschichte und lebensweg der ausgaben, sie wurden zu beutestücken, losgekommen und freigekauft aus dem großen literarischen zirkus und stillgelegt in seinem bücherregal, ein privater ort, der mir staubig und unerreichbar und eigentlich lateinisch vorkam, obwohl es natürlich kein staubkorn gab, sondern alphabetische ordnung, das einzige, was ich verstand an den regalen. als mädchen habe ich mir nur die taschenbücher mit verfallserscheinungen rausgesucht, malaparte, puzo, grass, und die gelesen und zerlesen – alles andere war verschlossen und sollte es bleiben.

(grade kommt eine erinnerung hoch: beim einzug in die neue wohnung in mailand, frühe siebziger, haben meine schwester und ich uns mit den vaterbüchern eine höhle gebaut, aus den umzugskisten heraus, und es gab ein großes donnerwetter, glaube ich, aber ich erinnere nur die höhle, buchrücken nach innen, schnitt nach außen, rund um den esstisch)

ich habe mir die sammlung erst aneignen müssen, sie hatte so ein ungutes summen, weil der repräsentative aspekt mir zu laut war, die dinge mit meinem vater schwebten auch noch herum, sie rochen streng, und es gab überhaupt keine lyrik, kaum literatur nach 1950, nur hubert fichte blinkte ein bisschen auffällig. in den jahren seit seinem tod habe ich selber angefangen zu kaufen, ohne es zu merken eigentlich, und die kleine sammlung dabei aufgebohrt, sie inkonsistenter gemacht. der alte schrank platzt jetzt aus allen nähten. es sind meine bücher geworden, auch weil es ja ein spass ist, den wallenstein in der erstausgabe zu lesen.

das ziel dieser reise mit den büchern ist vielleicht, sie wieder freizusetzen, weiterzuverkaufen, jede stapelung der dinge durch marktwert oder erinnerung aufzulösen – wer weiß. noch nicht. es ist ein prozess. bis ich dahinkomme, habe ich mir ersteinmal ein neues bücherregal bauen lassen. es hat noch fast 3 leere meter.

(dinge)

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war ich nicht schon einmal in hakone, wo die holzkästchen herkommen? auf der suche nach diesem heftchen, in dem man die tempelstempel sammeln kann bei einer reise durch japan, in den schatzschrank abgetaucht, kleinster dachboden der welt, durch den die kinder ein- oder zweimal im jahr gehen, voll mit schachteln und dosen, mit münzkartons von meinem vater, alten briefen, alten briefmarken, ein paar römischen öllämpchen in knackfolie, schachfiguren in einem holzkasten, alten schlüsseln und knöpfen in einem anderen, einer goldenen 200€ münze, samt schatulle immer besonders gut versteckt, zusammen mit der rotgoldenen taschenuhr, die noch geht, mein vater hatte sie immer in seiner schreibtischschublade, in rotem samt, ich habe vergessen, von welchem toten sie stammt. dann diese schiefgeschmolzene sterling-teekanne, von einem zerstreuten mann mal auf einer herdplatte abgesetzt. ein schuhkarton mit mineralen vom bergwerks-großvater, alle in pappschachteln, voller steinstaub vom vielen ein- und auspacken über 35 jahre, die kleinen etiketten mit schreibmaschine beschrieben, einem anderen mit in sizilien gefundenen griechischen scherben, in einer düne, das meer im rücken, 70ziger, weiß ich noch, die düne war ausgespült, man sah die wurzeln der pflanzen, und in einem kleinen hohlraum lagen ein paar schalen in scherben, schwarz mit rotem rand. ein zerbrochener knochenfächer, reisewecker. es sind wie jedes jahr schätze dazugekommen, diesmal ein steinzeitkeil, den david in küchenpapier gewickelt mit hineingelegt hat, im park gefunden, auch mal muscheln oder holzstücke, die aufgehoben werden müssen. ich habe kein lieblingsstück, bei einem brand würde ich nur die wertvollen mitnehmen, aber die dinge bilden einen gleichmässigen dicken teppich, jedes für sich ganz präsent und dabei so hazy in der zeit schwebend, so wie man manchmal seine hände anschaut, mit den linien, ganz verblüfft über alter und zeitlosigkeit. die kinder suchen zuerst das gold und silber, und das mama, was ist das wert? – wenn ich dabei bin, aber sie erinnern sich an jedes detail und memorieren die zusammenhänge zwischen der familie und den sachen, die nicht mit einem betrag abgehakt sind, „das hat sie von ihrem vater“, „geerbt“, „der hat es geschenkt bekommen, von einer frau“, „die hat es voher selber ausgegraben, oder mama?“ ich lege bonbons in den schrank, sie verschwinden immer.

nach zehn immer noch heftigstes gegacker und getobe in allen zimmern außer dem meinen. „morgen ist weihnachten! mama!“ jetzt liegen alle drei in einem bett und wollen das kissen teilen, das klappt aber nicht. gerüchteweise hat ein anderes bett mehr kissen, es werden bettdecken über den flur gezogen, wieder gegacker, dann schleifen die bettdecken und ein kissen wieder zurück.

es gibt einen laden an der ecke prenzlauer allee, in dem es alles gibt. das liegt daran, dass die inhaber alles wissen, also den großen teilbereich von alles, der sich auf haushalt und instandhaltung des haushalts bezieht, inclusive elektrik und regale anbringen, baumassnahmen und dekoration. oder bratpfannen, oder blumensamen, oder winzige kleine muttern. sie wissen also genau, was man braucht, auch wenn man selber das überhaupt nicht weiß. im laden gibt es auch alles, was man eventuell brauchen könnte, inclusive süssigkeiten und goldfarbene lametta und jedesmal 4 leckerlis für den hund, eins pro pfote. bei problemen gehen wir dann meistens als familie da hin, zeigen das problem vor, so es tragbar ist, und lassen es lösen. das kostet meistens unter 10 euro. und wenn das rostlösespray im geschäft grade ausverkauft ist, dann kann man die verrostete fassung hinbringen und bekommt ein paar hübe hinein, „aber das dauert jetzt eine weile“. die ladenbetreiber haben eine hohe kunst darin entwickelt, mit ein paar gezielten fragen herauszubekommen, wieviel ahnung der kunde hat, und ihm ruhig und unarrogant genau da abzuholen, auch wenn die schlange an der kasse dann ein bisschen länger ist.

im letzten jahr hatten sie harte zeiten, weil direkt gegenüber ein alles-schweinebillig-laden mit demselben baumarkt-angebot eröffnet hat, in grellgelb und neon, im klassischen stil des parasitären kapitalismus. der ist wieder weg, obwohl gelegentlich ein paar leute drin waren. keiner aus dem viertel, glaube ich. damals ist offensichtlich viel mehr als sonst kaputt gegangen bei den leuten zuhause, und es schien vielen als der richtige moment, mal einen teuren mülleimer für 30 euro zu erstehen, aus metall, super qualität, oder einen wäscheständer für fast 40, obwohl die inhaber einem natürlich zuerst den für 9 euro neunundneunzig gezeigt haben.

zuletzt hatte der große sohn ein problem mit einer gefundenen hölzernen armbrust, die man nicht spannen konnte, weil die teile abgebrochen waren. jetzt haben wir einen kleiderbügel aus holz angebaut, mit einem dicken gummiseil, dass es dort als meterware gibt, idee und material: der laden, umsetzung: das kind, nach ausführlicher anleitung.